20.05.1964

STALINGRAD - LOGISCHES UNGLÜCK

Mindestens seit Homer sind Schlachtbeschreibungen beliebt in der angeblich schönen Literatur. Dieser breite, blutige Hintergrund lohnt sich immer. Vor ihm wird Größe und Elend, Glück und Unglück jedes Helden gleich ansehnlicher. Aber auch fürs Kollektiv lassen sich "Sternstunden der Menschheit" empfindsam aus symptomatisch verlorenen oder gewonnenen Schlachten ablesen.
Eine solche Sternstunde belletristischer Lust könnte wohl auch Stalingrad abwerfen. Denn Stalingrad ist gemeint mit dem "bekannten Unglück von St.", über das Alexander Kluge hier so ausschweifend wie lakonisch schreibt, mit energischer Umständlichkeit sozusagen. Was ihn an dieser Schlacht zwischen Wolga und Don interessiert, genau wie Goethe an Valmy, Tolstoi an Borodino, das ist die Stunde der Peripetie, der jähe Umschlag eines Krieges und der Geschichte. Doch ihm gedeiht die Schlacht nicht mehr, wie den großen Kollegen früher, zum leuchtenden Tableau mit beigefügten geschichtsphilosophischen Thesen. Das bekannte und doch so unübersichtliche Unglück von St. scheint alle probaten Gattungen der Literatur zu sprengen.
Da werden Dokumente monoton aufeinandergehäuft, Gefechtsszenen skizziert, Stellungnahmen vorgeschlagen und wieder verworfen. Das alles hat zwar zwischen zwei Buchdeckeln Platz, doch in keiner der üblichen literarischen Schubladen. Anders als alle erzählende Literatur (im Englischen: "fiction"), möchte Kluge ganz ohne Erfindungen auskommen. Rabiater, konsequenter noch als in seinem ersten Buch, den "Lebensläufen", wirtschaftet er lediglich mit Vorlagen, das sei nun Zeugen-, Wehrmachtsbericht oder Schlieffenzitat. Nur in der Kombination und-Montage, der freien Verfügung über das gegebene Material will seine Phantasie noch regieren.
Was so entsteht, ist ein Stalingrad -Weißbuch, arrangiert als Puzzle, scharf rhythmisiert und dissonant geschnitten. Zerschlagen wird da die Kontemplation schulmäßiger Geschichtsschreibung, der ein Schreibtisch oft nachträglich als Feldherrnhügel dient, die gern eine behäbige Übersicht, ein wohlhabendes Verständnis über aller weltgeschichtlichen Verheerung behauptet.
Und doch, wer hier mitlesen will, muß genausoviel Geduld aufwenden wie der Autor selbst. Kluge beginnt mit einer-Serie von Wehrmachtsberichten, zitiert dann Sequenzen aus den Akten des Reichspresseamts und der Heeresdienstvorschrift, memoriert Ärzteaussagen und einschlägige Kriegspredigten, liefert schließlich Stichproben aus Zeugen-Tonbändern. Bis er selbst annähernd zu Wort kommt, nämlich als Arrangeur, ist fast die Hälfte des Buches verbraucht. Doch noch immer bleibt dieser Autor so gut wie unsichtbar. Er spielt den Fachsimpler, in weitläufigem Exkurs oder jähen Zwischenrufen, er wütet derart in Sachkenntnis, daß, jedem Laien der Nebel über der Schlacht nur dichter wird statt durchsichtiger. Hatte er das womöglich im Sinn?
Das "bekannte Unglück von St.", je neugieriger man sich mit Kluge darauf einläßt, desto unbekannter scheint es. Die Entwirrung von Einzelheiten steigert nur die Verwirrung des Ganzen. Ein Wust von Fachjargon und Beherrschung der Lage wird aufgeboten, wie um zu demonstrieren, daß all diese nützliche Beschlagenheit, die militärische während der Aktion, die historische im bequemen Nachblick, daß sie gegenüber solchem Unglück nur leer läuft.
Genauso leer läuft wie das landesübliche Stalingrad-Pathos, das Kluge im gleichen Arbeitsgang untergräbt. Emotion nämlich kann in die dichten Reihen seiner Belegstücke nirgends eindringen. Das Weißbuch gestattet sich kein Wimpernzucken. Es will Information, nicht vaterländische Rührung: Solche klaglose Hinnahme- alles, Geschehenen, des kollektiven Unglücks und aller mitlaufenden individuellen Miseren, könnte fast verwechselt werden mit Fatalismus. Für alle, die starke Töne lieben, wird Kluges Zorn zu leise sein und zu pedantisch.
Denn dieser Autor sieht die Schlacht
von sehr fern und doch vergrößert, wie unterm Mikroskop also, auf Objektträgern zurechtpräpariert. Selbst Kommandeure, Stabschefs werden ihm zu Infusionstierchen, schwimmen im Unglück. Nicht umsonst nennt er sie nicht einmal mit vollem Namen, läßt sie nur als Zei., P., Ma. oder Hi. vorübergehend auftauchen. Das offenbar unaufhaltsame Unglück reißt alle gleichermaßen, in die Anonymität.
Und auch der Autor selbst, wie gesagt, operiert sozusagen nur noch als Klu., halb bis dreiviertel anonym. Er hat darauf verzichtet, etwa durch eigenen Stil sich eindrucksvoll und persönlich über der Sache zu behaupten. Selten löst sich seine Sprache von dem, was ihr das Stabs-, Landser- oder Kasino-Rotwelsch als Material anbietet. Auch diese Prosa also mimt den Mitläufer des Unglücks. Doch immer wieder, sehr plötzlich, übertreibt sie verräterisch ihren scheinbaren Konformismus. Sie spricht etwa von "aufreiben" und "vernichten", genau im Jargon der Militärs, und plötzlich sagt sie: "totgemacht". Es klingt wie Fehlleistung und nennt doch endlich die Sache beim Namen.
So wird im Kleinen verfahren, so auch im Großen. Rein konformistisch, fast belustigt, sicher gelangweilt, stellt Kluge auch die Schuldfrage: Sie gehört dazu, scheint ihn aber wenig zu interessieren. Er fragt penetrant nur immer nach dem "organisatorischen Aufbau" des Unglücks. Der böse Sinn dieser Frage offenbart sich erst spät. Das Unglück, so stellt sich heraus, war alles in allem doch befriedigend organisiert und in sich logisch: ;"Rein militärisch gesehen war es so, wie es geschah, in Ordnung."
So monoton wie das Buch einsetzte mit Akten-Wust und Wehrmachtsbericht, so,stimmungsvoll endet es mit Einblick in gute alte Parade-, Kasino- und Generalstabsbräuche. Eine riesige Klammer, rund dreihundert Jahre preußisch deutscher. Armeetradition, umschließt das riesige Ereignis. Am Ende, so scheint es, gebiert ein Berg an Empirie nur eine Maus, eine feldgraue: "Schuld" nämlich an Stalingrad und an allen exemplarischen Kriegsunglücken haben - die Urheber und Abwickler von Kriegen.
Ich wette, man hält das für eine Binsenweisheit, keiner. Aufregung, keines Beweisgangs wert. Wie Binsenweisheit klingt ja auch das Schlußmotto von Diderot: "Kein Mensch hat von Natur aus das Recht, über andere zu befehlen." Doch wer möchte aus solchen Binsenweisheiten Konsequenzen ziehen? Anregen, könnte dazu folgende Überlegungskette, logisch-absurd, also von Kluge:
Wen schützen die Soldaten? Die innere Ordnung Um welche Ordnung handelt es sich? Um die bestehende. Worin besteht sie? In der Einteilung der Wirtschaft. Was tut diese? Die Arbeiter dienen, die Arbeitgeber dienen. Wem dienen beide? Kirche und Soldaten. Wem dienen diese? Der Ordnung. Wem dient diese? Kirche, Militär und der Einteilung der Wirtschaft: wer schützt sie? Die Soldaten.
Walter
Verlag
Olten
376 Seifen
19 Mark
Kluge
Von Reinhard Baumgart

DER SPIEGEL 21/1964
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