27.05.1964

PROPERE LUST

Der Erzähler, Elégant, Liebhaber-Zeichner, Gelegenheits-Filmschauspieler und Reisende Gregor von Rezzori (SPIEGEL 1/1959) begann seine literarische Karriere um 1938 als Mitarbeiter der "Dame" in Berlin und krönte sie mit der liebevollen Erfindung Maghrebiniens, mit den "Maghrebinischen Geschichten" (1953) und den Romanen "Oedipus siegt bei Stalingrad" (1954) und "Ein Hermelin in Tschernopol" (1958).
Das Buch von Fanny Hill, geschrieben von John Cleland vermutlich um 1747, gibt vor, die Geschichte eines Freudenmädchens zu erzählen. Fanny selbst berichtet einer fingierten hochgestellten Gönnerin: wie sie als vollkommen unwissendes und also unschuldiges Ding vom Lande nach London kommt und gleich an ein paar Kupplerinnen gerät, die sie an ein reiches Scheusal verkaufen wollen; eine ältliche Dirne weist sie in die Lust ein; sie schlägt, ihren Verführerinnen ein Schnippchen und entwischt mit einem schönen jungen Mann, wird seine ausgehaltene Geliebte; aber das Schicksal reißt die beiden auseinander, Fanny findet sich allein und ohne Mittel, der nächste Liebhaber ist Notwendigkeit, nach ihm wird's zum Gewerbe: Fanny, die aufblühende Schöne, ist bald das Paradestück eines kleinen, ungemein gepflegten Freudenhauses, das Wasser läuft einem im Mund zusammen bei der Schilderung. Fannys Abenteuer sind vom Anfang bis zum Ende angenehm. Es duftet nach Lavendel im Puff.
Am Ende stellt sich der junge Mann vom Anfang wieder ein; und es erweist sich, daß wahre Liebe haltbar ist. Es erweist sich auch das Hurenhaus als eine Bildungsanstalt ersten Ranges, die man seinien Töchtern empfehlen möchte. In gesunder Schönheit prangend, sittlich gefestigt und feinsinnig geschliffen sowie mit einer gar nicht kleinen Mitgift, ausgestattet, verläßt Fanny das rühmenswerte Institut und lebt fortan als vorbildliche Gattin und Familienmutter.
John Cleland war ein Schotte, der zu London geboren wurde, dort aufwuchs und seine frühen Mannesjahre in Indien zubrachte:, Nach seiner Heimkehr von dort ging's ihm nicht gut, er brachte kein Vermögen mit, lebte recht kümmerlich als mittelloser Gelegenheits-Literat
- wir würden heute sagen: ein Journalist. Entweder spät im Jahre 1747 oder zu Anfang l748 verkaufte er das Manuskript der Fanny Hill an den Verleger Ralph Griffiths für 20 Guineas. Es heißt, Griffiths habe in der Folge 10 000 Pfund daran verdient.
Wie auch immer: Die Memoiren des Freudenmädchens Fanny Hill wurden, was man heutzutage einen Bestseller nennt. In der Folge erwiesen sie sich auch als Evergreen: In einer Aufzählung von "interessanten und ungewöhnlichen Büchern" werden bis 1830 allein neunzehn Nachdrucke erwähnt, neben Übersetzungen ins Französische, Deutsche, Italienische und Portugiesische. Uni 1845 gibt es die erste amerikanische Ausgabe. Von diesen Nachdrucken sind viele saftig illustriert, und es dürfte vor allem dieser Bebilderung zuzuschreiben sein, wenn die im Grunde (bei aller Offenheit der Schilderung von sexuellen Vorgängen) durchaus sittsame Geschichte in den Ruf der Unzüchtigkeit kam.
Schon 1757 gab es das erste gerichtliche Verfahren: Der Bischof von London protestierte gegen eine Ausgabe, die der Buchhändler Drybutter eigenmächtig um eine homosexuelle Episode angereichert hatte. John Cleland wurde als Autor eines obszönen Buches vor Gericht zitiert, kam aber ungeschoren davon; ja, Lord-Granville, der bei der Verhandlung zugegen war, verspürte Mitleid mit dem bedrängten Literaten und setzte ihm eine Pension von hundert Pfund im Jahr aus.
Cleland war ein schrulliger Bursche, der sich neben seiner Arbeit für Zeitungen und an Theaterstücken und Romanen (nichts davon hatte Erfolg) in Essays unter anderem für die Wiederbelebung des Altkeltischen als einer "Ursprache Europas" einsetzte; zugleich enthüllte er das Geheimnis der Freimaurer.
Es kann vermutet werden, daß die fingierten Memoiren der Fanny Hill ihre Entstehung einem literarischen Verzweiflungsakt verdanken. Dennoch wäre es nicht richtig, ihren erotischen Charakter allein der Spekulation auf Publikumswirkung zuzuschreiben. Eher dürfte die Absicht ironisch, wenn nicht gar parodistisch gewesen sein. Vorangegangen war die Veröffentlichung von Richardsons "Pamela - oder: Belohnte Tugend", ein Buch über die weibliche Unschuld, das seinen Lesern Tränen der Rührung entlockte, aber auch die Spötter auf den Plan rief: Fielding (der dann 1749 seinen "Tom Jones" erscheinen lassen sollte) schrieb gleich zwei Parodien, von denen eine einen Jüngling zum Tugendbold erhebt. Kelly verlängerte die erbauliche Geschichte Pamelas um "Pamela's Conduct in High Life".
Sehr wahrscheinlich wollte Cleland sich die gute Laune zunutze machen, indem er mit Fanny Hill vor Augen stellte, daß ein tugendhafter Sinn unter allen Umständen, sogar im Bordell, aufrecht und ungebrochen zu bleiben vermag und am Ende seinen Lohn empfängt; wobei unter einem tugendhaften Sinn verstanden wird eben ein solcher, den die grundsätzliche Überzeugung befeuert, daß die Tugend letzten Endes triumphieren muß. So rankt sich die Erzählung der Abenteuer Fanny Hills in züchtiger Anmut um eine Kette deftig erotischer Medaillons. Das Hurenhaus wird zum Puppenhaus, so sittsam wird dort kopuliert; was an den Puppen menschlich (meist übermenschlich) ist, wird porzellanhaft in präziser Dinglichkeit.
Was herauskommt bei dieser gar nicht tugendhaften augenzwinkernden Moral, die jedermann ein wenig bei der Nase führt, ist (überraschender- oder bezeichnenderweise) ein Stück exquisiter Literatur. Selbst in der deutschen Übersetzung - von Dr. Erich Feldhammer nach der 1749 erschienenen Originalfassung, neu bearbeitet und revidiert -, die sich in ihrer härteren Glätte zum Original verhält wie etwa Meißener Porzellan zu Chelsea, erweckt jede einzelne Passage Entzücken.
Die Subskribenten dieser neuen, bei Kurt Desch in München erscheinenden Ausgabe werden, soweit sie beim Subskribieren literarische Genüsse ins Auge gefaßt hatten, auf ihre Kosten kommen - vorausgesetzt freilich, ihr bibliophiler Sinn nimmt nicht Anstoß an den durchaus schlechten, nichtigen Illustrationen von Lilo Rasch-Nägele, die der Konditorei-Erotik der Eva Schwimmer peinlich nachempfunden sind. Auch die Buchausstattung mag nicht jedermanns Geschmack sein: ein viel zu großer, viel zu schwerer Prunkband in kardinalroter Seide, kassettiert, versteht sich, und so gediegen wie Bakelit: Man wittert wirtschaftswunderlichen Qualitätssinn mit entsprechender Preisgestaltung; die Subskribenten spiegeln sich im Auge des Verkaufsorganisateurs: Zigarrenlutschermännlichkeit, zum Nachtischweinbrand ins knirschende Leder der Kaminfauteuils gerammt.
Womit wir angelangt wären bei denjenigen Subskribenten, welche beim Subskribieren nicht nur literarische Genüsse ins Auge gefaßt hatten: Sie erfahren vielleicht an der Neuauflage der Memoiren Fanny Hills, daß allem Erotischen und also auch der erotischen Literatur enttäuschend innewohnt ein arges Mißverhältnis von Verheißung und Erfüllung. Nur selten hält erotische Lektüre, was man sich von ihr verspricht. Zu solchen Ausnahmen gehören die Bekenntnisse der Josephine Mutzenbacher, die man der Feder des Bambi -Autors Felix Salten zuspricht; und es wäre einigen Spürsinn und Scharfsinn wert, anhand von ihnen zu untersuchen, Wieweit die stimulierende Wirkung erotischer Lektüre gefördert wird oder beeinträchtigt durch eine absichtlich rüde Sprache und das Aufzeigen der schrecklichen Komik, die dem Sexuellen innewohnt: Die Mutzenbacher verwendet beides in einer unvergleichlich kunstvoll durchgehaltenen deftigen Naivität.
Fanny Hill dagegen ist alles andere eher als naiv. Gerade darum erlaubt sie sich nicht die kleinste Frivolität. Zugleich ist sie weit entfernt von schlüpfriger Scheinheiligkeit. Was sie erzählt und wie sie's erzählt, ist von entzückender Apfelfrische. Anmutig wie sie den enormen Liebeswerkzeugen ihrer Klienten entgegensieht und deren furchteinfloßenden Attacken nicht nur die Stirn bietet, so nimmt sie auch die Schilderung in Angriff, ihr gerader Sinn liebt das Geradlinige: Wir werden zu Zeugen von gar modellhaft adretten Liebesakten, die Lust wird dabei so honorig wie knorrig, so proper wie gefühlvoll ausgeübt, es nimmt wunder, daß die exorbitanten Ausmaße der Instrumente dem keinen Abbruch tun.
Am Ende ist es dann nichts als diese gefühlsauslöserische Strotzkraft, durch die das Geschehen zum Ereignis wird; abgebrühtere Gemüter, denen die Darstellung und Vorstellung von Hypertrophien eher ein medizinisches Interesse abnötigen als zu sinnlicher Ergötzung verhelfen, könnten die stets um eine Säule, gruppierten Medaillons auf die Dauer eintönig finden - wäre nicht die unvergleichliche literarische Qualität.
Die mag kein Trost sein für den speziell erwartungsvollen Leser. Wer sich auf eine Sauerei gefreut hat und statt deren ein Kunstwerk in die Hand bekommt, läßt sich vermutlich nicht beschwichtigen mit dem Hinweis, daß häufiger das Gegenteil geschieht. Uns aber verläßt nicht das Entzücken. Eben weil hier keinem Nebensatz erlaubt ist, ins Frivole (und damit letztlich doch in die Nähe des Trivialen) abzurutschen; eben weil hier von der Lust gesprochen wird, ohne daß stockender Atem und lautmalerisches Hecheln die. Rede zerreißt; eben weil hier das Monströse des Sexuellen zum Vorschein kommt, wo es zum Vorschein kommen soll, nämlich in seinen Utensilien, nicht im Vorgang, wo es gleich die fürchterliche Komik mit zum Vorschein bringt -: eben darum ist Fanny Hill nur recht mittelmäßige Pornographie, dafür aber ein großes Buch.
Ob es darum gleich, wie alles Große, der Jugend zu empfehlen sei, möchte ich bezweifeln. Ohnehin wird sie im Hinblick auf die Liebe mit gefährlich falscher Vorstellung erzogen, und der jugendliche Leser könnte, nach der Lektüre einer beschreibenden Passage beklommen an sich niederblickend, zu dem Trugschluß gelangen, daß das schmerzliche Mißverhältnis von Verheißung und Erfüllung im Erotischen in ihm allein begründet liege: was schädlich wäre für seine seelische Entwicklung.
Verlag
Kurt Desch
München
212 Seiten
58 Mark
Rezzori
Von Gregor von Rezzori

DER SPIEGEL 22/1964
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