10.06.1964

NAGOLDEine gewisse Lächerlichkeit

Die Gnade fließet aus vom Throne. Das Recht ist ein gemeines Gut.
Ludwig Uhland
Die Bundeswehroffiziere Schallwig und
Rölle werden die zweite Uhland -Zeile kaum wie der Dichter verstanden haben, als sie letzten Dienstag spät am Abend den Saal 120 des unter König Wilhelm II. erbauten Justizgebäudes zu Tübingen verließen und unter dem Zitat hindurch die Treppe hinabstiegen.
Weil sie in "kaltschnäuziger Weise" das Amtsgericht Calw "angelogen" haben, hatte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Tübingen den ehemaligen Kompaniechef der aufgelösten Fallschirmjäger - Ausbildungskompanie 6/9 in Nagold, Oberleutnant Schallwig, zu sechs Monaten und seinen ehemaligen Kompanieoffizier, Leutnant Rölle, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sie Waren der falschen uneidlichen Aussage für schuldig befunden worden.
Das Gericht blieb zwar an der unteren Grenze des Strafrahmens, der von wenigstens drei Monaten Gefängnis bis zu - in schweren Fällen - Zuchthaus reicht. Es versagte jedoch den Offizieren die Bewährungsfrist. Denn: "Der Soldat hat eine besondere Wahrheitspflicht."
Im Januar dieses Jahres war im letzten von acht Nagold-Prozessen vor dem Amtsgericht Calw gegen den Unteroffizier Fischer und andere wegen Mißhandlung Untergebener während eines Nachtmarsches der Kompanie 6/9 am. 8. April 1963 verhandelt worden.
Wer den Marsch befohlen hatte, wurde in jenen Tagen plötzlich unklar. Leutnant Rölle gab, entsprechend früheren Aussagen an, für den Befehl verantwortlich zu sein. Aus eigener Machtvollkommenheit habe er ihn am Abend erteilt, nachdem sein Kompaniechef die Kaserne bereits verlassen hatte. Diese Aussage wurde jedoch überraschend verdächtig, als sich herausstellte, daß im Sanitätsrevier bereits mittags der Marsch,bekannt war. Die Diskrepanz der Aussagen rettete Schallwig und Rölle vor der Vereidigung.
Ermittlungen, die anschließend von der Staatsanwaltschaft Tübingen eingeleitet wurden, führten zu Geständnissen der beiden Offiziere. Rölle bekannte, die Verantwortung aus freien Stücken auf sich genommen zu haben, obgleich Schallwig den Nachtmarsch befohlen hatte. Schallwig erklärte, er habe den nicht erbetenen Kameradschaftsdienst stillschweigend angenommen.
In der Verhandlung stellte sich jetzt zusätzlich heraus, daß Schallwig den unzulässigen Nachtmarsch, auf dem trainierte junge Ausbilder erschöpfte junge Rekruten prügelten, angeordnet hatte, um britischen Offizieren, die an diesem Tag seine Einheit besuchten, einen Eindruck von der Ausbildung bei der Bundeswehr zu geben.
Schallwig vor der Großen Strafkammer: "Ich habe versagt." Dafür, warum Schallwig in diesem Punkt versagte, gaben ehemalige und gegenwärtige Vorgesetzte des Oberleutnants unterschiedliche Deutungen. Oberst Peske: Zu Schallwig gehöre es, einen einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. "Es fällt ihm schwer, umzustellen."
Der Intelligenz Schallwigs gab Peske die Note "sehr gut". Kameradschaftlichkeit: "Unter dem Durchschnitt unserer jungen Offiziere. Ein Einzelgänger." Er sei unfähig, eine Fehlleistung zuzugeben.
Als Fehlleistung empfanden Gericht und Zuhörer auch die Deutung des Zeugen Oberstleutnant Schmücker: "Schallwig ist in einer Zeit Soldat geworden, in der es keine Selbstverständlichkeit war, Offizier zu werden."
"Eine gewisse Lächerlichkeit" habe damals
einer derartigen Berufsentscheidung angehaftet. Landgerichtspräsident Kellermann: "Diese Dinge sind quasi gerichtsbekannt."
Der Oberstleutnant beharrte jedoch darauf, ein Fehlverhalten wie das Schallwigs sei nicht ungewöhnlich für jemand, "der in dieser Zeit Offizier geworden ist".
Den Gerichten erscheint eher das Versagen von Ausbildern in einer von so ungewöhnlichen Offizieren geführten Kompanie wie der 6/9 nicht ungewöhnlich. So wurde letzten Freitag in der ersten Berufung gegen die Nagold -Urteile von Calw das Strafmaß für den als Ausbilder verurteilten Gefreiten Raub von acht auf fünf Monate gemildert. Nach Entscheidung der letzten Berufung am 24. Juni werden also möglicherweise die ehemaligen Nagold -Ausbilder, die zum Teil höhere Strafen bekommen hatten als ihr später ertappter Chef, wieder hinter ihrem Oberleutnant rangieren.
Verurteilte Offiziere Rölle, Schallwig: Nachtmarsch für die Briten

DER SPIEGEL 24/1964
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