10.06.1964

SEARLEEs klingt

Deutschlands Ruf, ein Dorado für Neutöner aller Sparten und Klassen zu sein, kann kaum noch besser werden. Schon seit mehreren Jahren, mindestens seit der Uraufführung seiner "Nashörner" 1959 in Düsseldorf, so bekannte unlängst Eugène Ionesco, sei sein Erfolg in Deutschland größer als anderswo.
Der englische Komponist Humphrey Searle, der jetzt Ionescos Schauspiel "Mörder ohne Bezahlung" (Uraufführung 1958 in Darmstadt) zu einer Oper verarbeitet hat, kann auf ähnliche Erfahrungen verweisen.
Nicht in England, wo es laut Searle
"zu viele Tschaikowski-Konzerte gibt",
sondern in Düsseldorf erklang 1951 erstmals Searles symphonisches Melodram für Orchester und Sprecher "The Riverrun" nach Texten aus dem Roman "Finnegans Wake" von James Joyce. Searles Opern-Einakter "Tagebuch eines Irren" nach einer Erzählung von Nikolai Gogol reüssierte erstmals 1958 in Berlin. Und Searles jüngstes Opus, "Das Photo des Colonel", die erste Veroperung eines Ionesco-Stücks, ging am Mittwoch letzter Woche in Frankfurt zum erstenmal über die Bühne**.
Der 48jährige Oxforder Searle, einer der wenigen britischen Komponisten, die nach der sogenannten Zwölfton -Methode des Wieners Arnold Schönberg (1874 bis 1951) arbeiten, kann auch sein Frankfurter Debüt als einen Erfolg notieren, der von einigen Pfiffen und Buhs am Ende - längst konventionell gewordenen, nichtssagenden Beigaben zu fast allen Darbietungen moderner Opernkunst - kaum gemindert wird.
Searles anderthalbstündiges Musikdrama folgt Ionescos Stück, das nur in Details absurd erscheint, dessen Pointe aber seine leicht verständliche Symbolik enthüllt, ohne wesentliche Abweichung. In einem mustergültig angelegten und verwalteten Stadtteil, der - wie Le Corbusiers berühmter Entwurf der "Cité radieuse" in Marseille - "die strahlende Stadt" heißt und eine sozial total befriedete Zukunftswelt symbolisiert, geht ein Mörder um Bürger, Polizei und Obrigkeit nehmen die Morde gleichgültig hin, nur Bérenger, der kleine Mann mit dem "Rittersinn des Don Quijote und dem Mut von Sancho Pansa" (Ionesco), lehnt sich auf, sucht und stellt den Mörder - es ist der Tod, dem niemand entgeht.
Es war der erste - tödlich verlaufende - Auftritt von Bérenger (deutsch:
Behringer) im Werk Ionescos. In den "Nashörnern" und im "Fußgänger der Luft" regenerierte er seinen Favoriten, den er zum Teil nach Dostojewskis "Idiot" modelliert hat; in "Der König stirbt" ließ er ihn ein zweites Mal sterben.
In einem teils an moderne Zeichentrickfilme, teils an Bernard Buffet erinnernden Stil exzellent aufbereitet, war die Frankfurter Searle-Inszenierung auf jeden Fall gut anzuschauen. Das Auftauchen des Mörders als Silhouette und das Aufblitzen seines Schnappmessers füllten die Szene mit einem Hauch von Hitchcock: Oper als Edelthriller.
Aber auch anzuhören ist Searles Ionesco-Oper ohne Ohrenkrampf. Englands führender Musik-Modernist erklärt die musikalische Form seines neuen Werkes als "hauptsächlich klassisch traditionell", als durchaus herkömmliche Abfolge von Arien, Duetten, Terzetten und Ensemble-Nummern. Seine Zwölfton-Musik scheut den dramatischen und verständlichen Ausdruck nicht: im Grölgesang eines Betrunkenen, im verfremdeten Musette-Walzer einer Bistro-Szene oder in Bérengers Klage um die gestorbenen Kinder.
Elektronische Klänge illustrieren unmittelbar: Steinwürfe zischen, Wasser blubbert, ein Hund jault. Die Personen werden musikalisch charakterisiert -
Searle: "Staccato-Akkorde in gedämpftem Blech begleiten die Polizei."
Der Schönberg-Übersetzer und Franz -Liszt-Verehrer Searle, vor dem Krieg Schüler des Schönberg-Kollegen Anton Webern in Wien, bei Kriegsende Assistent des Hitler - Historikers Trevor -Roper, später Musikchef der BBC und Berater des Sadler's Wells Ballet, ist von Kritikern als ein "Zwölfton-Romantiker" apostrophiert worden.
Den Zwölfton-Dogmatikern, den Rechenschieber-Komponisten der modernen Musik, hält Humphrey Searle eine scheinbar simple Wahrheit entgegen:
"Mathematische Formeln kann schließlich jeder zu Papier bringen, aber die Methode, nach der man komponiert, hat keine Bedeutung an sich. Wichtig ist nur, wie es dann klingt."
** Der Titel ist von Ionescos 1955 erschienener
Erzählung Das Photo des Colonel" übernommen, die dem später geschriebenen Theaterstück "Mörder ohne Bezahlung" zugrunde liegt.
Komponist Searle
In der strahlenden Stadt...
Searle-Premiere "Photo des Colonel"*
... ein Hauch von Mord
* Curt Wehofschitz (M.) als Bérenger.

DER SPIEGEL 24/1964
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