24.06.1964

KRAUSDie vorletzten Tage

Seit über fünf Jahren hat der Münchner Literat und Fernsehconferencier ("Sport, Spiel, Spannung") Heinrich Fischer, Herausgeber der Werke seines 1936 gestorbenen Freundes Karl Kraus, gekürzt und gekürzt und gekürzt.
"Die letzten Tage der Menschheit", das von 1915 bis 1919 geschriebene satirische Riesenstück vom Ersten Weltkrieg, das der Wiener Zeit- und Sprachkritiker Kraus für fast unaufführbar hielt ("Die Aufführung des Dramas, dessen Umfang nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht"), sollte doch noch auf eine Bühne kommen.
Einzelteile des apokalyptischen Kolossalkabaretts über jene "Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten" (Kraus), sind aufgeführt worden, so der Epilog "Die letzte Nacht" um 1930 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm. Teile sind rezitiert worden, nicht zuletzt vom Autor selbst und erst unlängst von Österreichs bestem Kabarettisten, Helmut Qualtinger. Eine für zwei Abende und 20 Schauspieler arrangierte Lesung von 72 Szenen des über 700 Seiten starken Stücks fand unter der Regie Leopold Lindtbergs 1945 in Zürich statt.
Einen Interessenten für eine Bühnenaufführung der "Letzten Tage" hatte der Kraus-Herausgeber Fischer schon gefunden: Dr. Egon Hilbert, Chef der Wiener Festwochen. Als Fischer ihm mitteilte, er habe das 25-Stunden-Stück auf sechs Stunden Spieldauer heruntergekürzt, weitere Kürzungen seien nicht möglich, drängte Hilbert: "Es muß gehen!"
Und es ging. Fischers nächste Fassung war fünf, die übernächste - gemeinsam mit Leopold Lindtberg erkürzt - nur noch dreieinhalb Stunden und 43 Szenen lang und damit endlich spielbar: In Wiens "Theater an der Wien" wurde sie, von Lindtberg zu den Wiener Festwochen inszeniert, am Sonntag letzter Woche uraufgeführt.
Der Lohn des langen Kürzens, dem aus gutem Grund unter anderem Juden -Karikaturen des jüdischen Satirikers Kraus zum Opfer fielen, war nur ein Achtungserfolg. Vor 40 Jahren hatte Kraus von seinem aus Typen, Figuren, Dokumenten und Zitaten der Zeitgeschichte montierten Pandämonium gesagt, "Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten" - dem Premierenpublikum von 1964 fiel das Standhalten nicht schwer. Nicht ganz aber hielt das Stück den Erfahrungen stand, die dieses Publikum dem Autor Kraus voraushat: Nach Hitler lacht es zu leicht über Krausens Karikatur eines Wilhelm II., der sich von Ludwig Ganghofer völkisch vorjodeln läßt. Nach Eichmann und Boger nehmen sich die habsburgischen und wilhelminischen Militaristen fast schon harmlos aus. Nach Auschwitz und Hiroshima können die von Kraus zitierten Beispiele österreichischer und deutscher, feudaler und plebejischer, merkantiler und journalistischer, tätlicher und sprachlicher Greuel - obwohl die Keime des größeren Unheils in ihnen zu erkennen sind - kaum noch genügend schrecken. So erschienen "Die letzten Tage der Menschheit" streckenweise nur als die vorletzten.
Überdies zeigte sich, daß der Kraussche Wortwitz, seine Methode des ironisch entlarvenden Zitats und sein Aphorismen schleifender Dialog ("Die deutsche Bildung ist kein Inhalt, sondern ein Schmückedeinheim, mit dem sich das Volk der Richter und Henker seine Leere ornamentiert") die Bühnen -Anwendung nicht immer gut überstehen. Völlig mißlang der pathetische Epilog vom Ende der Menschheit durch Bomben vom Mars.
Als völligen Fehlschlag wertete die "Süddeutsche Zeitung" die Wiener Uraufführung: "Der Mythos vom 'Marstheater' ist hin. Ob die Gestalt des Satirikers selbst eine solche Theaterkatastrophe ohne Verwundung überstehen kann, bleibt abzuwarten."
Eine andere Probe hat das dramatische Hauptwerk, hat der Nachruhm von Karl Kraus demnächst zu bestehen: Der NDR will eine Fernsehaufzeichnung der Wiener Bühnenpremiere senden - nachdem das Mainzer Fernsehen von seiner geplanten Adaptation der Lindtberg-Inszenierung wieder Abstand genommen hat: Intendant Holzamer hält das Kraus-Stück für "zu schwierig, zu esoterisch", als daß er es seinem Publikum zumuten könne.
Für die NDR-Übertragung muß Heinrich Fischers Dreieinhalb -Stunden-Version der Kraus-Tragödie noch einmal gekürzt werden. NDR-Dramaturg Peter Schulze-Rohr: "Wir nehmen heraus, was auf dem Bildschirm nicht kommt und was nur mit besonderen Kenntnissen in österreichischer Geschichte zu verstehen ist. Wir wollen mit unserer Sendung vor allem über das Stück informieren, auch auf die Gefahr hin, daß eine Legende zerstört wird."
Im NDR werden "Die letzten Tage der Menschheit" nur noch eineinhalb Stunden dauern.
* Robert Freitag als Ganghofer, Hubert von Meyerinck als Wilhelm II.
Satiriker Kraus
Für das Volk der Richter und Henker..
... ein 25-Stunden-Stück: Kraus-Drama "Die letzten Tage"

DER SPIEGEL 26/1964
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