01.07.1964

Martin MorlockDER UNSICHTBARE

Unser Chef-Modelleur, Herr Hölscher, ist ein Künstler", sagte die Dame von der Pressestelle,
"wahrscheinlich hat er noch gar nichts davon gehört. Ich verbinde Sie lieber mit unserem Marketing -Mann, Herrn Dr. Deppe."
Der Marketing-Mann hatte davon gehört und schätzte auch die Weltfremdheit des Künstlers Hölscher geringer ein: "Am besten, Sie fahren nach Heubach und sprechen mit ihm", riet er.
"Ja, kommen Sie!" sagte Heinrich Hölscher, 57, Deutschlands erfolgreichster Büstenformer, am Telephon und gab mir einen Vorgeschmack von der Ergiebigkeit unserer Begegnung: Das Ganze sei wohl "mehr ein Witz", aber technisch, meinte er, könne auch im textilen Ermangelungsfall "der Natur sanft nachgeholfen werden", und er rückte
- fernmündlich - die eine oder andere Hilfsmaßnahme vor mein geistiges Auge.
Von Wissensdurst beflügelt, fuhr ich ins
Schwäbische. Das Städtchen Heubach, Stammsitz der Firma "Wirtschaftlicher Verein Spiesshofer & Braun, Familienverein reg.", unter dem Namen "Triumph International" weltmarktbekannt als Herstellerin von Miederwaren, Wäsche sowie Bade-, Strand- und Freizeitbekleidung, empfing mich mit der ganzen Freundlichkeit eines sonnigen Sommernachmittags.
Auch der Pförtner am "Triumph" -Tor lächelte, als er mir mitteilte:
"Herr Hölscher ist gerade auf einem Konsulat."
Und gar das "Triumph"-Fräulein, das mich durch lichtarme Korridore ins "Besuchszimmer" eine schmale, holzverkleidete Zelle, nötigte, war das liebenswürdige Entgegenkommen in stämmiger Person. Vorher, sagte sie, wolle der Chef, Herr Dr. Braun, mit mir sprechen - und stellte die Telephonverbindung her.
Die Stimme des Dr. Herbert Braun, 54, klang fern, denn sie kam - gleich mir - aus München.
"Ich kann Ihnen nur das eine sagen", tönte die Stimme, "wir sind hundertprozentig dagegen. Schon deswegen, weil es dem soliden Grundsatz unseres Hauses widersprechen würde. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß eine schamhafte deutsche Frau so etwas trägt. Außerdem widerspricht es unserem Motto: 'Triumph krönt die Figur'."
Ich nahm die Auskunft zur Kenntnis und äußerte mein Begehren, alles Nähere mit dem Chef-Modelleur Hölscher zu besprechen.
Braun: "Ich möchte Sie sehr, sehr herzlich bitten, davon Abstand zu nehmen."
"Warum?"
"Modelleure sind sehr mitteilfreudig. Das ist ihr gutes Recht als Künstler. Sie wollen beweisen, daß ihnen etwas einfällt. Aber ich muß an unsere Kollektionen denken. Wenn Sie Fragen haben, besuchen Sie mich morgen in München."
So muß einem Wennerström zumute sein! dachte ich fröstelnd, als ich mich an der Pförtnerloge vorbeidrückte.
Anderentags Braun am Telephon: "Die Situation hat sich leider geändert. Dauernd rufen Journalisten bei uns an. Wenn ich einen empfange, muß ich alle empfangen, und zuviel Publicity nimmt die Optik weg. Ich muß Sie daher sehr, sehr herzlich bitten ..."
Drei Stunden später:
"Bitte, kommen Sie!"
Unterwegs zur Münchner Ebersberger Straße, rekapitulierte ich die Fragen, die ich Meister Hölscher als bestem Kenner der Materie hatte stellen wollen und die mir nun sein Chef beantworten sollte: Was würde, so wünschte ich zu wissen, den deutschen Badegast im brustfreien Regelfalle erwarten?
Gibt es eine nationale Standardwölbung, und wenn ja, hat sie die haltbare Apfel-, die vergängliche Birnen- oder die augenkränkende Kürbisform? "Triumph" mußte es wissen; denn wie die Schuhindustrie mit einer pedalen Erscheinungs-Norm, dem Senkfuß, rechnen muß, hat auch die Miederindustrie konstante Eigentümlichkeiten in Betracht zu ziehen.
Doch als ich in Herbert Brauns messinggelb tapeziertem Arbeitszimmer saß - ich in einem messinggelben Sessel, er auf einem messinggelben Sofa, unter einem schwarzen Kruzifix -, da erstarb meine Neugier, und wir plauderten ein Weilchen über die Fährnisse der Modespionage.
Sie werden verstehen, daß ich unsere Modelleure nicht in Gewissenskonflikte stürzen will", sagte Herr Braun zum Abschied, "schließlich sind wir der einzige potente Gegner der Amerikaner."
Der Amerikaner? durchfuhr es mich. Was sollten die dem Familienverein reg. abgucken wollen, wo sie doch gerade das fehlende Oberteil erfunden haben . . .? Plötzlich verstand ich: "Triumph" möchte den Weltmarkt mit der Alternative überrumpeln.
Als ich meinen Wagen startete, setzte sich hinter mir langsam eine schwarze Mercedes-Limousine in Bewegung. Wußte ich schon zuviel?
Braun
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 27/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Martin Morlock:
DER UNSICHTBARE

  • IS-Rückkehrer: "Wir können sie nicht einfach wegsperren"
  • Raubtierkampf: Jaguar schnappt sich Krokodil
  • US-Marine: Boeing baut gigantische U-Boot-Drohnen
  • Unglück in Crans Montana: Amateurvideo zeigt Lawinenabgang