08.07.1964

HÄNSEL UND GRETELMit falschem Bart

Im Spessart setzte der Aschaffenburger Studienrat Georg Ossegg, 45, den Spaten an. Er fand das weibliche Skelett etwa zwei Meter unter dem Erdboden. Schädel und untere Gliedmaßen waren zum Teil verkohlt.
Es handelte sich, wie der Amateur -Archäologe feststellte, um "eine Frau von höchstens 35 Jahren, die bereits tot war, als sie in den Backofen geworfen wurde".
Ossegg buddelte weiter. Und in der Nähe des Gebeins stieß sein Spaten auf eine kleine eiserne Truhe, die außer Backgerät und Kuchenresten ein handgeschriebenes, halb verwittertes Rezept enthielt. Das war - am 15. Juli 1962 - Osseggs "wichtigster Fund".
Denn damit war das Grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel als romantische Verfälschung eines Raubmordes entlarvt. Der Frankfurter Schriftsteller Hans Traxler war es, der Osseggs Forschungen unter dem Titel "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel" später beschrieb**.
Die Wahrheit, aus alten Archiven und modernen wissenschaftlichen Skelett -Gutachten herausdestilliert, spielte vor nunmehr drei Jahrhunderten, als die Lebkuchenbäckerin Katharina Schraderin aus Wernigerode in einen Kriminalfall verwickelt wurde. Die Schraderin war Geheimnisträgerin. Im Küchendienst beim Abt von Quedlinburg hatte sie ein Geheimrezept für Lebkuchen kennengelernt, das ihr die Nachstellungen des herzoglichen Hofbäckers Hans Metzler aus Nürnberg eintrug.
Mit Not überstand sie einen Hexenprozeß und floh - so Traxler - im Jahre 1647 "in das einsam gelegene Haus am Engelesberg im Spessart". Dort wurde sie im selben Jahr vom Bäcker Metzler, damals 37, in Begleitung seiner drei Jahre jüngeren Schwester Grete aufgespürt. Traxler: "Hans und Grete Metzler ... brachen die Tür auf, erwürgten die Bewohnerin und warfen sie in einen der vier Backöfen."
Vergeblich aber durchstöberten die Mörder das Anwesen der Schraderin. "Das Rezept, um dessentwillen die Hexe sterben mußte, fand Georg Ossegg erst über 300 Jahre später in dem Versteck an der Hausmauer."
Entdecker Ossegg vermutete denn auch, daß die Verfasser des Märchens von Hänsel und Gretel, das blutrünstige Geschehen in der Spessart-Hütte weislich verschwiegen hätten, um den attraktiven Märchenstoff nicht zu verlieren - was "ein scharfes Licht auf die Verhaltensweise der Gebrüder Grimm" werfe. Das konnte wie ein literarhistorisches Ereignis anmuten, und als Traxlers Enthüllungen 1963 - im Gebrüder-Grimm -Gedächtnisjahr - erschienen, hatten sie ein verblüffendes Echo:
- 18 ausländische Verlage bewarben sich um die Lizenzausgabe des Traxler-Buches, weil sie eine wissenschaftliche Sensation witterten. Selbst ein Gerichtsmediziner in Japan, Professor Takemura, bat um die Übersetzungsrechte.
- Eine Frankfurter Studienrätin - bat den Autor um präzise Ortsangaben, da sie mit ihrer Abiturienten-Klasse die wiederentdeckten Reste des Hexenhauses besuchen wolle.
- Die Ostberliner "BZ am Abend" fragte unter der Schlagzeile "Hänsel und Gretel - ein Mörderpaar?", ob man wohl einem "Kriminalfall des Frühkapitalismus" auf die Spur gekommen sei.
- Die "Ruhr-Nachrichten" widersprachen einem Leser, der Zweifel an der Echtheit der Entdeckung angemeldet hatte, mit dem Hinweis, das Werk Traxlers sei "durchaus ernst gemeint".
- Das Kulturamt der Stadt Recklinghausen lud den Ausgräber Ossegg zu einem Vortrag ein.
Ossegg konnte dem Ruf nicht folgen. Es gab ihn gar nicht. Er war ebenso ein Produkt der Traxler-Phantasie wie die ganze Ausgrabungs-Geschichte.
Der Karikaturist und "Schmunzelbuch"-Autor Traxler hatte eine Parodie auf die modische Populär-Literatur der Archäologie liefern wollen: Den auf zahlreichen Photos posierenden Forscher Ossegg mimte er selbst mit falschem Bart und Nickelbrille. Das abgebildete Backgerät requirierte er aus der Puppenküche seiner minderjährigen Tochter. Das ebenfalls reproduzierte Backrezept entstammte dem Schul-Kochbuch des Dr. Oetker.
Die Parodie erwies sich als "der größte literarische Jux der letzten Jahre" (so die "Berliner Morgenpost") und dabei derart plausibel, daß es später Mühe machte, dem japanischen Professor Takemura die geplante wissenschaftliche Übersetzung auszureden. Und ein Leser namens Wolfgang Köhler - verwirrt durch teils gläubige, teils zweifelnde Presse-Rezensionen - lamentierte: "Wer, zum Teufel, kann mir denn verbindlich sagen, was es mit dem Hänsel-und-Gretel-Buch auf sich hat?"
Der Herborner Rechtsanwalt Josef Sieber fühlte sich "nicht nur düpiert, sondern auch geschädigt". Er erstattete Anzeige wegen Betrugs. Bei der ersten polizeilichen Vernehmung hütete sich Traxler jedoch, den Vorwurf des Betruges zu entkräften. Traxler: "Einen so seltenen Fall darf man den Richtern und Sachverständigen nicht vorenthalten."
- Inzwischen ist die zweite Auflage der Traxler - Dokumentation ausgeliefert worden - freilich mit dem Aufdruck: "Eine glaubwürdige Parodie".
** Hans Traxler: "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel - Die Dokumentation des Märchens der Brüder Grimm"; Verlag Bärmeier und Nikel, Frankfurt; 120 Seiten; 9,80 Mark.
Verkleideter Traxler*
"Wer zum Teufel ..
Ausgegrabenes Geheimrezept
... kann verbindlich sagen ...
Autor Traxler
... was es mit Hänsel und Gretel auf sich hat"
* Als Amateur-Archäologe Ossegg in den
Pseudo-Fundamenten des Hexenhauses.

DER SPIEGEL 28/1964
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