08.07.1964

JAPAN / SEKTENZermalmen und unterwerfen

Sie verheißt ihren Jüngern Schutz
vor Polio, Krebs und Tuberkulose. Sie verspricht ihnen höhere Löhne und bessere Jobs, Erfolg in Geschäften und in der Liebe: Japans buddhistische Sekte Soka Gakkai, zu deutsch "Verein für die Schaffung von Werten".
Der 1930 gegründeten, diesseitsfreudigen Sekte (Motto: "Leben heißt Streben nach Glück") folgt eine größere Zahl von Anhängern als Jeder anderen in diesem Jahrhundert entstandenen Religionsgruppe: Ihre Gemeinde zählt zehn Millionen Mitglieder, darunter mehrere hundert in Japan lebende Amerikaner und Europäer. 100 000 neue Mitglieder, so behaupten ihre Führer, kommen jeden Monat hinzu.
Soka Gakkai hat Jahreseinnahmen - aus Mitgliederspenden und Investitionen - von 34 Millionen Mark, eine Zeitung mit einer Auflage von dreimal wöchentlich 2,6 Millionen, einen modernen Bürosilo in Tokio und einen fünfstöckigen Wallfahrtstempel aus Eisenbeton am Fuß des Götterberges Fudschijama. Heiligste Tempelreliquie ist ein Zahn des Soka-Gakkai-Propheten Nichiren, eines buddhistischen Samurai -Aristokraten des 13. Jahrhunderts.
Hunderte von Sekten versprachen nach der Katastrophe von Hiroshima dem 95-Millionen-Volk Nippons neues Heil mit einer Mischung von Buddhismus, Shintoismus und Christentum. Eine dieser Sekten betete die Elektrizität an und verehrte Amerikas Glühbirnen-Erfinder Thomas Alva Edison als Halbgott. Eine andere propagierte Sex als Heilkraft für Körper und Geist.
Erfolgsrezept der Sekte Soka Gakkai sind paramilitärische Organisation und strenge Disziplin: 15 Soka-Gakkai-Familien bilden eine Zelle, sechs Zellen eine Kompanie, zehn Kompanien eine Ortsgruppe und 30 Ortsgruppen ein Regionalkapitel. Die Regionalkapitel werden von der Soka-Gakkai-Zentrale in Tokio dirigiert, deren Entscheidungen allein vom Führer der Sekte getroffen werden: von dem 35jährigen Verleger Daisaku Ikeda mit dem Titel "Sensei" (Lehrer). Die Organisation bewährte sich so gut, daß die Kommunistische Partei Japans das System kopierte.
Der ähnlich straff organisierten Soka -Gakkai-Jugendbewegung gehören eine Million Jungen und 750 000 Mädchen an, die bei Großveranstaltungen der Sekte am Fudschijama-Tempel in farbenfrohen Uniformen zu zackiger Militärmusik paradieren.
Getreu dem Sektenleitsatz "Shakubuku" ("zermalmen und unterwerfen") zwingen Soka-Gakkai-Missionare oft mit roher Gewalt neue Mitglieder zum Eintritt in ihre Organisation. Sie dringen in Häuser ein und zerstören Familienaltäre von Shintoisten und Buddhisten anderer Sekten
Die Soka Gakkai bezeichnet ihre Lehre als den "wahren Buddhismus" und lehnt alle anderen Religionen als Irrlehren ab: "Das Christentum ist eine Sache für Snobs, die englischen Tweed, französische Filme und amerikanischen Whisky lieben."
1959 machte die Sekte den Sprung in die Politik. Der Erfolg ließ Japans große Parteien - die Liberal-Demokraten in der Regierung und die Sozialisten in der Opposition - aufhorchen. Von 363 aufgestellten Soka-Gakkai-Kandidaten wurden 337 in die Stadtversammlung von Tokio und in andere Gemeindeparlamente gewählt. Drei Jahre darauf, im Juli 1962, zogen 15 Soka-Gakkai-Abgeordnete in das Tokioer "Haus der Räte" ein, das Oberhaus des japanischen Parlaments. Bei Kommunalwahlen im Frühjahr 1963 wurden von 1008 Kandidaten der Sekte 1004 gewählt.
Jetzt haben die Zahn-Anbeter vom Fudschijama beschlossen, das Machtmonopol der beiden großen Parteien auch im 467 Sitze umfassenden Abgeordnetenhaus - dem Machtzentrum der japanischen Politik - anzugreifen: 30 Soka-Gakkai-Kandidaten, so verkündete kürzlich Anführer Ikeda, sollen für die nächsten Parlamentswahlen aufgestellt werden. An ihrem Sieg wird nicht gezweifelt.
Soka-Gakkai-Parade vor Fudschijama-Tempel: Schutz vor Polio, Erfolg in der Liebe

DER SPIEGEL 28/1964
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