08.04.1964

SCHWEDENSündige Brüder

Auf der Leinwand erschienen unzüchtige Bilder: Ein deutscher Handelsmatrose vergewaltigt ein über die Reling sich erbrechendes nacktes Schwedenmädchen; ein Stockholmer Fürsorge -Inspektor verleitet einen Halbstarken zum Austausch von Zärtlichkeiten; eine Bande junger Krimineller treibt eine Teenager-Gefährtin zur Sodomie mit
einem Schäferhund an - das Mädchen: "Der Hund ist mir immer noch lieber als solche Kinder wie ihr."
Im Parkett saßen Minister, Staatssekretäre, Reichstagsabgeordnete. Die Regierung des schwedischen Königs Gustaf VI. Adolf war ins Kino gegangen, um - in geschlossener Vorstellung
einen Film zu begutachten, den
Schwedens staatliche Zensurbehörde verboten hatte: "491", jüngstes Werk Regisseurs Vilgot Sjöman, 40.
Regisseur und Produktionsfirma hatten gegen das Verbot bei der höchsten Zensur-Instanz, der "Königlichen Majestät", Berufung eingelegt; Seiner Majestät sozialdemokratischer Ministerpräsident Tage Erlander und seine Regierung mußten über "491" endgültig entscheiden.
Die Entscheidung - Freigabe des Sjöman-Films nach Kürzung um 38 Meter (gleich 84 Sekunden) und Überlagerung besonders anstößiger Dialogstellen mit Gitarrenklängen - löste in der schwedischen Öffentlichkeit ebenso heftige Reaktionen aus wie das ursprüngliche Verbot von "491", das erste Totalverbot eines Schwedenfilms durch die schwedische Zensur seit dem Jahre 1914.
Der neue Meinungsstreit um einen weiteren schwedischen Sex-Schocker - nach Ingmar Bergmans "Schweigen" - reflektiert einen Trend im internationalen Filmgeschäft: Aus Skandinavien drängt eine neue Welle freisinniger Lichtspiele heran, neben der Frankreichs frivole "Neue Welle" schon wieder bieder erscheint.
Schweden galt schon früher - spätestens seit dem Welterfolg, den der Film "Sie tanzte nur einen Sommer" dank einer kurzen Nacktszene erringen konnte - als Keimzelle filmischer Aphrodisiaka. Besitzer und Besucher mitteleuropäischer Bahnhofskinos schätzten das Land der Mitternachtssonne als Nachschubbasis für anregende Lust-Spiele ("Die Nächte der Birgit Malmström"); Cineasten sahen in Schweden die Werkstatt sexueller Leid-Bilder ("Durst").
"Gepflegte, gut photographierte Filme mit predigenden Pastoren und nackten Frauen" - so kennzeichnete der Pariser Filmologe Georges Sadoul 1955 den schwedischen Nachkriegsfilm. Der Münchner Kritiker Gunter Groll fand, im Schwedenfilm sei das so Brauch: "Nacktbaden plus Sozialkritik".
In der Spur der Schweden schweifen nun auch andere skandinavische Filmmacher aus:
- Der von Ingmar Bergman hoch gelobte dänische Film "Weekend", den die Festival-Jurys von Cannes und Berlin zurückwiesen, zeigt drei Ehepaare bei Partnertausch und rüder Konversation;
- der von Dänemarks Regisseurin Annelise Hovmand inszenierte Film "Sekstet" schildert die Romanze zweier Homosexueller;
- in dem norwegischen Film "Liebhaber" gehört ein kräftiges Freudenmädchen der gesamten männlichen Bevölkerung eines Dorfes an;
- der finnische Film "Sissiluutnantti"
(Partisanenleutnant) schildert drastische Amouren mannstoller Wehrmachthelferinnen im finnisch-russischen Winterkrieg.
Im vorbildlichen Schweden, wo demnächst das Buch "Jungfrauglauben und Doppelmoral" einer Kristina Michanek zu einem Film-Plädoyer für die freie Liebe verarbeitet werden soll, sind neben Meister Bergman vor allem zwei Bergman-Schüler einschlägig tätig: der Exkritiker Jörn Donner in dessen Erstlingsfilm "Ein Sonntag im September" der deutsche Kritiker Enno Patalas "ein Anthologiestück filmischen Erotismus" sah, und Bergmans ehemaliger Regie-Assistent Vilgot Sjöman, dessen Debütfilm "Schlafwagenabteil" bei den Berliner Filmfestspielen 1963 reüssierte und der mit seinem zweiten Film, "491", jetzt in Schweden Skandal macht.
Der untersetzte, rotbärtige Arbeitersohn Sjöman hat die sexuellen Ausschweifungen seiner Hauptfiguren zu einem gezielt-polemischen Zweck inszeniert: "491" stellt die Methoden in Frage, mit denen, im schwedischen Wohlfahrtsstaat die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher betrieben wird.
Als Vorlage diente Sjöman der Roman "491", in dem der ehemalige Fürsorgezögling Lars Görling die Stockholmer Jugendbehörde als scheinheilig und unfähig dargestellt hatte. Den Titel formulierte der heute 32jährige Autor nach dem Christus-Wort, der Mensch solle seinem sündigen Bruder "siebzig mal sieben (=490)mal"* verzeihen - Görling schilderte einen vierhunderteinundneunzigsten, also scheinbar unverzeihbaren Sündenfall:
Sechs mehrfach vorbestrafte Jugendliche - die Darsteller las Regisseur Sjöman von der Straße auf - werden als Objekte eines sozialpädagogischen Tests vor der Gefängnishaft bewahrt und zusammen mit einem schüchternen jungen Fürsorgehelfer in einer "Pension
Sachlichkeit" genannten, baufälligen Villa einquartiert. Zur Kontrolle müssen sie täglich in der Zentrale der kommunalen Fürsorgebehörde vorsprechen. Im übrigen bleiben die Burschen unbehelligt. Einmal besucht sie ein Pfarrer, einmal besuchen sie eine Theatervorstellung - ihr Kommentar: "Es war überhaupt nicht natürlich."
Das liberale Experiment scheitert kläglich. Der Knabe Nisse wird von einem homosexuellen Jugend-Inspektor in dessen Büro erpreßt und verführt; die anderen prügeln, saufen, fluchen, stehlen, schmuggeln ohne Besserung. An Bord eines im Stockholmer Hafen ankernden deutschen Frachters, auf dem sie Schnaps kaufen, lernen die Jungen das verwahrloste Mädchen Steva kennen, das von einem Matrosen bedrängt wird. Steva zieht in die "Pension Sachlichkeit" und reizt die Jungen, bis diese den Schäferhund Ray auf sie ansetzen. Da endlich trifft Polizei ein. Während der anschließenden Rangelei stürzt der jüngste - halb schwachsinnige - Halbstarke aus dem Fenster der Villa zu Tode.
Nach dem Verbot des brutal-realistischen Films (die Zeitung "Aftonbladet": "Eine vitriolgetränkte Reportage") durch die Zensurbehörde und nach der von Sjöman erzwungenen Berufungs-Vorführung vor Regierungs- und Parlamentsmitgliedern, die wegen starken Zuspruchs wiederholt werden mußte, kam es im schwedischen Reichstag zu einer "491"-Debatte. "Einen größeren Saufilm", sagte der Abgeordnete Nilsson, habe man noch nicht gesehen.
Die Freigabe des Films durch die Regierung nach Verschnitt der anstößigsten Szenen wurde von schwedischen Kritikern als "politischer Kompromiß im Wahljahr" gewertet. "Meinungsstürme mit Wahlwirkung" würden nun kaum noch zu vermeiden sein, schrieb die Zeitung "Dagens Nyheter" Während "491" in 32 schwedischen Kinos gleichzeitig gestartet wurde, beklagte Regisseur Sjömanl, daß ausgerechnet eine sozialdemokratische Regierung" Schnitte verfügt habe.
Doch nicht nur die schwedische Innenpolitik wurde von "491" tangiert, auch an der Börse gab es Bewegung: Der Warenhaus-Millionär Josef Anér verkaufte seine Aktien an der "Svensk Filmindustri", die Bergmans "Jungfrauenquelle" und "Schweigen" und Sjömans "491" produziert hatte, mit der Begründung: "Ich will nicht mit Schmutz Geld verdienen." Anér verlor bei der Transaktion 2,5 Millionen Schwedenkronen (fast zwei Millionen Mark).
Anders als der Millionär denkt das halbstaatliche Schwedische Filminstitut: Sein Direktor Harry Schein ist gewillt, Sjömans Skandalfilm als repräsentativen Beitrag Schwedens zu den Berliner Filmfestspielen zu schicken - ungekürzt.
Für den kommerziellen Vertrieb in deutschen Kinos ist "491" inzwischen von dem Heidelberger Filmkaufmann Eduard Wawersig, der 1963 "Die Nächte der Birgit Malmström" nach Deutschland importierte, und vom Schorcht -Verleih erworben worden. Der Vertrag mit "Svensk Filmindustri" sieht seine Annullierung vor, falls die deutsche Filmselbstkontrolle den Film um "mehr als 15 Prozent" beschnitten haben will.
* Matthäus 18, 22.
Sjömon-Film "491": Geschlossene Vorstellung für die Regierung
Regisseur Sjöman
Fall 491 nach Matthäus 18

DER SPIEGEL 15/1964
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