29.04.1964

WALTER LIPPMAN

WALTER LIPPMANN
gilt als der angesehenste Journalist Amerikas, wenn nicht der Welt. Die Auflagenhöhe seiner zweimal wöchentlich in der "Washington Post" erscheinenden Kommentare ist jedenfalls unerreicht Sie werden von 170 Zeitungen in den verschiedensten Ländern übernommen und rund zehnmillionenmal gedruckt.
Der jetzt fast 75jährige .Journalist wurde am 23. September 1889 in New York als Sohn wohlhabender Einwanderer aus dem Rheinland geboren, studierte in Harvard zusammen mit dem Dichter T. S. Eliot und war anschließend Assistent des Philosophen Santayana. Heute lebt und schreibt Lippmann in einem altertümlichen Haus in Washington, dem früheren Dekanat der Washington Cathedral. Präsident Kennedy und Präsident Johnson haben ihn dort besucht, als die letzten in einer langen Reihe von Präsidenten, mit denen Walter Lippmann sich als ihr Partner auseinandergesetzt hat.
Der erste war Theodore Roosevelt, der den Redakteur der fortschrittlichen Zeitschrift "New Republic" vor dem Ersten Weltkrieg einmal den "brillantesten jungen Mann in ganz Amerika" nannte.
Noch engere Beziehungen - knüpfte Lippmann über Oberst House, den Mann im Hintergrund, zu Präsident Wilson. Lippmann war an der Ausarbeitung der "Vierzehn Punkte" beteiligt, auf deren Grundlage Deutschland 1918 den Waffdnstillstdnd schloß. Er kämpfte als Abwehroffizier in Frankreich und nahm - genau wie John Foster Dulles - im Gefolge Wilsons an den Pariser Friedensverhandlungen teil.
Lippmann war über das Ergebnis von Versailles, über den Fehlschlag des Versuchs, eine neue Weltordnung zu schaffen, enttäuscht. 1929 wurde er Chefredakteur der "New York World", der führenden demokratischen Zeitung Amerikas. Während der Wirtschaftskrise mußte die "World" ihr Erscheinen einstellen, und Lippmann begann mit seiner Kolumne - zur Überraschung vieler in der republikanischen "New York Herald Tribune". Dieser Wechsel entsprach dem Wandel im Denken Lippmanns: Aus dem liberalen Idealisten war ein skeptischer Kritiker geworden, der die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu regieren, nur noch gering einschätzte. Lippmanns Einfluß auf die Politik und die politische Elite seines Landes aber wuchs von Jahr zu Jahr.
Das Schicksal Deutschlands hat Lippmann, den Sohn eines Deutschen, immer beschäftigt. Er war für. Amerikas Eintritt in den Krieg gegen Hitler, aber gegen Franklin D. Roosevelts Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Seit Ende des Krieges fordert er eine Politik des Westens, die über einen Ausgleich mit der Sowjet-Union die deutsche Wiedervereinigung möglich macht.

DER SPIEGEL 18/1964
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