15.07.1964

VERBRECHEN / KUNSTRAUB

Entflammte Liebe

(siehe Titelbild*)

Tor Küchenbalkon einer römischen Luxuswohnung in der Via delle Montagne Rocciose flog ein Koffer in den Garten hinter dem Haus. Dann polterte ein Paket zu Boden, und kurz darauf segelten zwei Gemälde der italienischen Altmeister Palma Veechio und Antonio Mancini zwischen die Rabatten und Büsche, aus denen ein kraushaariger Bursche hervorschoß.

Eilig schleppte er die Sachen in die Garage. Bald darauf wurden sie von zwei Frauen abgeholt, aber die leichtfüßigen Trägerinnen kamen nur knapp 50 Meter weit; dann nahmen ihnen Polizisten die Bilder und die ebenfalls mit Gemälden gefüllten Gepäckstücke ab.

Polizeiinspektor Dr. Sucato atmete auf: Endlich hatten seine Leute die Kunstwerke sichergestellt, nach denen die italienische Kripo und die Internationale kriminalpolizeiliche Kommission (Interpol) acht Wochen lang in Italien, Frankreich und Deutschland gefahndet hatten. Der farbenfrohe Bilderhort - Gesamtwert etwa 640 000 Mark - war Mitte März aus der Villa eines reichen Römers, des Verlagskaufmanns Filippo Bertolami, gestohlen worden.

Vorsichtig hatte Inspektor Sucato zunächst das traditionelle Kunsthändlerviertel zwischen der Via del Babuino und der Via Margutta durchkämmen lassen. Dort fanden seine als Kunstsammler getarnten Beamten Hehlerspuren, die zum Luxusappartement des dubiosen Händlers Giancarlo Chiolerio wiesen. Als die Polizei bei ihm eine Razzia veranstaltete, hatte er die heiße Ware schnell vom Balkon in den Garten geworfen, wo seine Komplicen auf Order warteten.

Chiolerio und seine Helfer wurden verhaftet und im Untersuchungsgefängnis schon dutzendemal scharfen Verhören unterzogen. Interpol hofft, daß die Hehler ihre Hintermänner - Einbrecher und Diebe - preisgeben werden, um sich mit dem Geständnis eine Strafmilderung zu verdienen.

Bisher konnten die Kriminalisten nur wenige Banditen fassen, die systematisch Museen, Galerien und Kirchen bestehlen und vielfach auch Kunstsammler und -händler durch Erpressungen terrorisieren.

Noch nie zuvor wurden in Friedenszeiten so viele Kunstschätze entwendet wie in den letzten Jahren und Monaten. Die Kunstdiebe, die wie Stubenmäuse durch Ausstellungen und Kunstgalerien huschen, haben schon so viele Kollektionen angenagt, daß man mit der Beute ein Museum füllen könnte. Seit 1960 wurden allein in Westeuropa Kunstwerke im Werte von 130 bis 150 Millionen Mark gestohlen. Die Kriminologen sprechen von einem neuen Modedelikt und deuten diese Diebstahlsepidemie als Zivilisationskrise.

"Vielleicht ist es die irreale, phantastische Atmosphäre des Kunstgeschäfts, die jene Bilderspezialisten unter den Verbrechern anlockt", so kombinierte der Schriftsteller Egon Larsen in der "Süddeutschen Zeitung", "die verrückte Welt, in der ein Stück Leinwand plötzlich Millionenwert bekommt und in der die Kunst nicht ein Teil der menschlichen Kultur ist, sondern ein Treibhaus der Spekulation und des Snobismus."

Die westdeutsche Kriminalpolizei fahndet zur Zeit nach etwa 10 000 Gemälden, Graphiken, Statuen und Keramiken. Fast jede Woche schwellen die Suchkataloge um weitere Bilder-Steckbriefe an. So meldete zum Beispiel das Frankfurter Goethehaus kürzlich, daß ihm das Miniaturgemälde "Der Eremit" von Benjamin Nothnagel (1729 bis 1804) abhanden gekommen sei. Man vermutet, daß ein Besucher es heimlich von der Wand nahm und unter seinem Mantel hin austrug.

Am 30. Juni drangen kunstsachverständige Einbrecher in das Ansbacher Schloß ein. Von Polizisten aufgescheucht, flüchteten sie unerkannt mit zwei wertvollen Rokokofiguren, die der berühmte Hauptmeister der Meißner Porzellanmanufaktur, Johann Joachim Kändler, modelliert hatte.

Auf dem Transport von Hamburg nach München verschwand die Bronzeplastik "Panther" des Tierbildners Franz Marc, die ein Sammler der Münchner Städtischen Galerie und Lenbachgalerie für eine Franz-Marc-Ausstellung geliehen hatte.

In Freiburg büßte das Augustinermuseum unlängst einen wertvollen Farbholzschnitt des Altmeisters Hans Baldung Grien, "Der Sündenfall", aus dem Jahre 1511 ein. Die Graphik wurde an einem Nachmittag aus ihrem Wechselrahmen gerissen.

Die Niedersächsische Landesgalerie in Hannover wurde vor einiger Zeit eines alten flämischen Meisterwerkes beraubt, des rustikalen Genrebildes "Wurstessen am Hacktrog" von Adriaen Brouwer, eines Zeitgenossen Rembrandts. Schon vier Jahre lang fahndet die bundesdeutsche Kripo nach einem alten Holländer, dem "Reiter an der Düne"

von Philips Wouwermans, der in der Hamburger Kunsthalle gestohlen wurde. Die wertvollen Bilder blieben verschollen.

Ins Dunkle verlor sich auch die Spur des Diebes, der aus der Stuttgarter Galerie Valentien die einzige Radierung van Goghs, "Bildnis des Dr. Gachet", entwendete.

Noch aktiver betätigten sich die Kunstdiebe in Frankreich und Italien. Eine Einbrecherbande stahl vor kurzem aus der Villa des Generaldirektors der französischen Filmgesellschaft Gaumont, Jean le Duc, Kunstwerke im Werte von 200 000 Mark, darunter ein Gemälde von Maurice Utrillo, "Das Haus der Mimi Pinson im Schnee".

Wenige Wochen zuvor war im Pariser Galliéra-Museum eingebrochen worden, in dem gerade eine Kunstversteigerung stattfinden sollte. Die Einbrecher suchten sich aus dem Auktionsfundus ein Dutzend wertvoller Stücke heraus, zum Beispiel einen Utrillo, einen Vlaminck und zwei Bilder von Renoir. Gesamtwert der Beute: 200 000 Mark.

In derselben Woche büßte der reiche Mailänder Sammler Mario Buscaini 900 000 Mark ein. Soviel waren die drei Gemälde wert, die am hellen Nachmittag aus seiner Wohnung entwendet wurden. 48 Stunden später entführten Diebe aus dem Museo Sacro di Sant Ambrogio das wertvollste Stück der Sammlung: ein Christus-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert (Wert etwa 45 000 Mark). Es war mit Rasierklingen aus dem Rahmen geschnitten worden. Vermutlich schaffte eine französische Touristin das Bild unter ihrem Rock hinaus.

Diese Verlustliste ließe sich noch um viele Positionen verlängern. Die Fachleute des Kunsthandels haben wenig Hoffnung, daß die Objekte aufgespürt werden, "denn meist handelt es sich nicht um allseits bekannte große Kunst, wie etwa den 'Mann mit Goldhelm' von Rembrandt, sondern um durchschnittliche Marktware; sie kann unauffällig den Besitzer wechseln", so kommentiert Kunstmarktbeobachter Wilhelm F. Arntz die Diebstahlsepidemie.

Arntz, der in seiner Archivkartei die Wanderung vieler Gemälde und Graphiken registrierte, weiß aus langjähriger Erfahrung: "Wenn irgendwo ein Wouwermans oder Brueghel gestohlen wird, sind solche Bilder marktbar. Von diesen und anderen Kunstwerken gibt es Repliken (Wiederholungen) oder Variationen. Zahlreiche Bilder sind von diesen Künstlern auf dem Markt, und es wird oft nur mit großer Mühe festzustellen sein, daß es sich um ein gestohlenes Bild handelt."

Vielfach werden gestohlene Bilder im Format geändert oder durch kühne Retuschen so verwandelt, daß die polizeilichen Steckbriefe nicht mehr haarscharf auf sie zutreffen. Wenn die zukünftigen Käufer dennoch Bedenken haben, werden die Gemälde als Zweitfassung des Originals ausgegeben.

Neben dieser dubiosen Ware vagabundieren auf dem grauen Kunstmarkt auch noch viele Stücke, die während des Zusammenbruchs 1945 Marodeuren in die Hände fielen. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden führt darüber eine große Suchkartei. Der Kruppschen Familiensammlung Villa Hugel zum Beispiel gingen 148 Gemälde verloren, darunter niederländische Meisterwerke aus dem 17. Jahrhundert.

Ein anderer prominenter Sammler, Baron von Steengracht auf Schloß Moyland, büßte nach der großdeutschen Kapitulation 210 Gemälde ein. Seine Privatgalerie wurde von kanadischen Soldaten und plündernden Polen geschröpft. "Sie haben sich wohl eine Art Privatreparation verschafft", sagt der Baron.

Auch zahlreiche Kreationen der im Dritten Reich verfemten Expressionisten und Abstrakten fielen unter die Räuber. So vermißt zum Beispiel die Witwe des Braunschweiger Versicherungsmaklers und Kunstsammlers Otto Ralfs noch heute etwa 100 Gemälde, Aquarelle und Graphiken von Nolde, Jawlensky, Rohlfs, Kandinsky und Klee, darunter das auf Mull und Gips gemalte "Wandbild im Tempel der Sehnsucht" von Paul Klee (siehe Seite 57). Die Sammlung würde heute ein Millionenvermögen repräsentieren.

Zwei Werke der Ralfs-Kollektion tauchten 1961 auf einer Auktion des damals aktivsten deutschen Kunstversteigerers, Roman Norbert Ketterer, in Stuttgart auf. Der stets munter zupackende Auktionator nahm sie unter den Hammer, obwohl die Witwe sie als ihr Eigentum reklamiert hatte. Später zahlte ihr der Verkäufer eine kärgliche Abfindung.

Die schwersten Verluste hatten jedoch mehrere große Kunstmuseen zu beklagen, deren bombensichere Verstecke ausgeraubt worden waren, voran die Dresdner Gemäldegalerie. Ihr fehlen noch heute 502 alte und neue Meisterwerke, zum Beispiel Kaspar David Friedrichs "Rast bei der Heuernte" und die "Leda mit dem Schwane" von Veronese.

Die Stuttgarter Staatsgalerie mußte drei gestohlene Bilder abschreiben, darunter die "Susanne im Bade" des Italieners Francesco Trevisani. Nur durch Zufall wurden einzelne Plünderungsstücke wieder aufgetrieben.

So entdeckte ein kunstverständiger Kurgast bei einer Bäuerin im Allgäu einen echten Monet an der Wand. Ein Münchner hatte ihn 1946 gegen ein Pfund Butter eingetauscht. Die Bäuerin mußte das Bild wieder herausgeben, denn es war eines der 650 Kunstwerke, die Plunderer am 27. April 1945 aus Hitlers Münchner Luftschutzbunker herausgeholt hatten.

Von diesen Bildern sind über 100 gegen Speck, Butter, Eier oder Mehl eingetauscht worden. 50 wurden mittlerweile vom bayrischen Staat einkassiert.

Die Lübecker Kriminalpolizei entlarvte einen Bilderschmuggler, der während des Zusammenbruchs rund 3000 Kunstgegenstände aus Museumsdepots in Mecklenburg und Vorpommern gestohlen hatte. Der größte Teil wurde über den Schwarzmarkt ins Ausland geschafft.

Der Pariser Kunstauktionator Maurice Rheims gibt offen zu: "Es ist durchaus möglich, daß sich solche Gegenstände in Versteigerungen einschleichen. Sie landen auch in Galerien und Antiquitätenläden besten Rufs, nachdem sie durch eine Folge immer sauberer Hände gegangen sind. Bei jeder Etappe steigt die Respektabilität. Wenn das Stehlgut schließlich in einer renommierten Galerie angelangt ist, kommt keiner mehr auf den Gedanken, es könnte 'heiße Ware' sein."

Dafür ein typisches Beispiel: 1961 kaufte der Berliner Senat auf Anraten des Nationalgalerie-Direktors Professor Dr. Leopold Reidemeister für die Abteilung Moderne Kunst das duftige Ölbild des Schweizer Farbkomponisten Paul Klee: "Jungwaldtafel", das der Münchner Kunsthändler Günther Franke für 42 000 Mark angeboten hatte. "Es schien ein Gelegenheitskauf zu sein", freute sich Professor Reidemeister, "denn schon damals stand Klee viel höher im Kurs." (Vor kurzem sollte das gleiche Bild 130 000 Mark kosten.)

Doch nach einem Jahr schlug die Genugtuung in bittere- Enttäuschung um. Der Museumsdirektor las in der angesehenen Londoner Kunstzeitschrift Burlington Magazine: "Die Jungwaldtafel gehört zum Nachlaß des amerikanischen Sammlers Leslie Maitland und wurde 1959 von seinen Erben für eine Universitätsausstellung in Los Angeles ausgeliehen. Dort war sie am letzten Tag der Exposition plötzlich verschwunden."

Bei den weiteren Nachforschungen kam heraus, daß der Münchner Händler Günther Franke die Jungwaldtafel von einem 24jährigen Amerikaner namens Joel Alexander Greene für nur 12 600 Mark erhalten hatte. Greene, der Dieb von Los Angeles, war ziemlich abgebrannt in München angekommen und hatte auf einer Parkbank genächtigt, bevor er Frankes Laden betrat.

Dort gab er sich als Kunsthändler aus New York aus. Franke nahm ihm diese Erklärung und das Bild gutgläubig ab. Ebenso bedenkenlos steckte er 29 400 Mark Gewinn ein, als er die zartfarbene Kreation nach Berlin verkaufte.

Doch diese Handelsspanne von 233 Prozent zerrann sehr bald: Museumsdirektor Reidemeister schickte das gestohlene Bild nach Amerika zurück und verlangte von Franke Ersatz. Heute hängt in der Charlottenburger Nationalgalerie statt des Klee-Bildes ein Gemälde des Expressionisten Max Beckmann, "Die Holländerin". Der Münchner Händler wollte dafür noch ein Aufgeld von 15 000 Mark haben,

aber Reidemeister bewilligte ihm keinen Pfennig.

Die Diebstahlsepidemie konnte sich in den letzten Jahren immer stärker ausbreiten, weil eine Fülle von Ausstellungen und Auktionen zwielichtigen Besuchern Gelegenheit bot, ihre geschickten Finger zu gebrauchen.

Dem größten westdeutschen Kunstauktionshaus, Lempertz in Köln, zum Beispiel kamen schon mehrmals wertvolle Stücke kurz vor der Versteigerung abhanden; so vor acht Monaten eine "Kreuzigung Christi" aus dem Jahre 1500.

Bei Lempertz wurde aber nicht nur gestohlen, mitunter fanden Auktionskunden in Köln auch ihre vermißten Bilder wieder. So stieß zum Beispiel der Frankfurter Kunsthändler Olaf Hudtwalcker dort auf zwei Gouachen des Pariser Abstrakten Poliakoff, die ihm eine Angestellte entwendet hatte*.

Fast alle Ausstellungen sind mangelhaft gesichert. Die wenigsten Veranstalter können es sich leisten, eine Elite von Privatdetektiven und Geheimpolizisten zu engagieren.

Das schaffte nur Frankreichs Kultusminister Andre Malraux, als er im vergangenen Jahr den Amerikanern das populärste Gemälde der Welt, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci, für mehrere Wochen auslieh. In New York und Washington wurde eine Garde von Mona-Lisa-Schützern aufgeboten, um einem internationalen Diebstahlskandal vorzubeugen, wie er 1911 die Welt erregte. Damals war das Porträt der lächelnden Dame (Gemahlin des Florentiners Francesco del Giocondo) plötzlich aus dem Louvre verschwunden. Von dem Dieb fehlte jede Spur.

Zwei Jahre später erhielt ein Florentiner Kunsthändler einen Brief, in dem ihm ein gewisser Leonardi die verschwundene Mona Lisa anbot. Der Händler traf sich mit dem Briefschreiber, der in Wirklichkeit Perugia hieß und Anstreicher war, in einem kleinen Hotel. Dort holte der Hotelgast unter dem Bett einen Holzkoffer hervor, der mit Wäsche und Malerzeug vollgepfropft war.

Unter dem Wust dieser Tarnfüllung kam ein doppelter Boden zum Vorschein und darunter, in Samt gehüllt, die Mona Lisa. Katalognummer und Stempel des Louvre waren unversehrt. Der Anstreicher hatte sich 1911 in den Louvre geschlichen, das Bild aus dem Rahmen gelöst und unter seiner Arbeitskleidung hinausgeschmuggelt.

Er verlangte von dem Händler 500 000 Goldfranken. Der Bilderkaufmann zog die Verhandlung in die Länge, bis die heimlich alarmierte Polizei eintraf und den Dieb verhaftete. Sechs Monate später wurde er zu einem Jahr und 15 Tagen Gefängnis verurteilt.

Heute läßt sich kein Kunstdieb so leicht in die Falle locken. Die Routinierten unter ihnen konzentrieren sich auf eine Masche, die erfolgssicher und relativ gefahrlos ist. Sie orientieren sich aim Modell des Kidnapping und entführen Bilder wie kleine Kinder.

Wenn Sammler oder Galeriebesitzer ihre gerahmten Lieblinge wiedersehen wollen, müssen sie ein hohes Lösegeld zahlen.

"Seit diese Erpressertour geritten wird", so klagt Kunstmarktanalytiker Arntz, "sind auch die bedeutendsten Meisterwerke nicht mehr sicher. So lange galt es als unumstößliches Dogma, daß diese Sachen durch ihre Berühmtheit geschützt seien."

Der erregendste Erpressungsfall liegt schon 30 Jahre zurück, aber er blieb aktuell, denn noch immer wird nach dem damals geraubten Kunstjuwel gefahndet: einem Teil vom Altarflügel in der Genter St.-Bavo-Kathedrale mit dem Gemälde "Die gerechten Richter", einem Meisterwerk der Brüder Hubert und Jan van Eyck (siehe Seite 61). Der

Genter Altar ist ein Kunstheiligtum ersten Ranges; sein kommerzieller Wert wird auf etwa zehn Millionen Mark geschätzt.

Im April 1934 hatte ein Unbekannter die Tafel mit den Gerechten Richtern

über Nacht abmontiert und aus der

Kirche fortgetragen. Nach mehreren Wochen erhielt der Bischof von Gent einen Brief, in dem der Dieb eine Million belgische Franc - damals 585 000 Mark für die Rückgabe der Altartafel verlangte. Zum Beweis, daß er sie tatsächlich besaß, hatte er einen Gepäckaufbewahrungsschein vom Brüsseler Nordbahnhof beigefügt. Dort konnte der Bischof die mit einem weniger wertvollen Bild geschmückte Rückseite der Tafel abholen lassen.

Als das Beweisstück beim Bischof eingetroffen war, wollte der Oberhirte das Lösegeld für das Hauptwerk auf 225 000 Franc drücken. Da drohte der lieb, wenn er nicht eine Million bekomme, "besteht die größte Gefahr, daß ich die Tafel vernichten muß. Die Verantwortung dafür möge man dann in Gent tragen."

Kurz darauf brach in einer Versammlung politisierender Katholiken ein Redner, der Kleinstadtbankier und Geldwechsler Arseen Goedertier, wie vom Blitz getroffen zusammen. Seine Freunde trugen ihn in eine Wohnung, wo er auf dem Sterbebett gestand, der Kirchendieb von Gent zu sein. Als er gerade das Versteck angeben wollte, schloß sich sein Mund für immer. Der letzte Wortfetzen lautete: "Man kann das Bild an einem für jedermann erreichbaren Ort finden ..." Jahrelang wurden alle Räume und Gebäude gründlich durchsucht, zu denen der in Schulden geratene Bankier Zugang gehabt hatte. Im Zweiten Weltkrieg forschte sogar eine deutsche Denkmaiskommission nach dem Kunstwerk. Es blieb verschollen.

Nicht weniger mysteriös verlief der zweite klassische Erpressungsdiebstahl. Am Morgen des 22. August 1961 entdeckte der Direktor der Londoner National Gallery, Sir Philip Hendy, daß gegenüber dem Haupteingang das berühmteste Porträt des Herzogs von Wellington fehlte.

Wenige Wochen zuvor war das Bild, das der Spanier

Francisco de Goya 1812 nach der Schlacht von Salamanca gemalt hatte, auf einer Versteigerung des Londoner Auktionshauses Sotheby einem amerikanischen Erdölmagnaten für 1,5 Millionen Mark zugeschlagen worden. Er verzichtete aber auf das Porträt, nachdem sich die englischen Patrioten, darüber empört hatten, daß dieses historische Kunstwerk ins Ausland geschafft werden sollte. Eine private Stiftung und die Regierung zahlten den Rückkaufpreis. Dann wurde das Porträt des Nationalhelden in der Londoner Galerie ausgestellt.

Zehn Tage nach dem Einbruch setzten die Diebe die Erpressungsschraube an und forderten 1,5 Millionen Mark Lösegeld, die an einen Wohltätigkeitsfonds überwiesen werden sollten. Später wurden 600 000 Mark für die Atombombengegner verlangt.

Während Scotland Yard die Erpresser einzukreisen versuchte, gab ein untersetzter jüngerer Mann am Gepäckschalter des Londoner Victoria-Bahnhofs einen kleinen Karton ab. Dann alarmierte er telephonisch die Bahnpolizei: Die Papphülle sei mit der Asche des vermißten Goya gefüllt. Als die Polizisten das Päckchen öffneten, fanden sie tatsächlich verkohlte Rückstände. Die chemische Untersuchung bewies aber, daß die weißgraue Masse nicht von Goyas Leinwand stammte, sondern von verbranntem Altpapier.

Kürzlich baute der Präsident der Königlichen Kunstakademie in London den Wellington-Entführern eine Brücke. Er forderte sie durch Zeitungen und Rundfunk auf, das Bild unauffällig verpackt der Akademie abzuliefern, die gerade eine Ausstellung vorbereitete. Die Herren der Akademie warteten vergebens. Scotland Yard klammert sich heute an die Version, die Übeltäter seien politisierende Dilettanten. Auf jeden Fall haben sie dilettiert, indem sie auf ein unzweckmäßiges Objekt setzten. Im allgemeinen schröpfen die Erpresser keine staatlichen Museen (der Staat kann schwerlich Lösegelder für Erpresser billigen), sondern reiche Privatiers, die aus wohlerwogenen Gründen nicht gleich Alarm schlagen.

"Wer seine Bilder glimpflich zurückbekommen kann, zahlt und schweigt", sagt der Pariser Kunsthändler Drouant. Aus seiner Villa "Mascoury" an der Côte d'Azur wurden unlängst für 375 000 Mark Bilder geraubt. Nach geschickten Verhandlungen fand er sie an einem sicheren Ort wieder. Was ihn diese Rückführung gekostet hat, hütet

Drouant als Geheimnis.

In Schweigen hüllten sich auch alle erpreßten Sammler, die ihr farbiges Vermögen an den Zimmerwänden dem Finanzamt verheimlichten. Nach dem Diebstahl wagten sie keine Anzeige, um nicht die Steuerfahnder ins Haus zu locken.

Die Côte d'Azur mit ihren Kunsttempeln und Künstlerkolonien war eine Zeitlang das Hauptrevier der neuen Verbrecherzunft. Durch das Amüsierzentrum Saint-Tropez heulte in der Nacht vom 16. Juli 1961 der Mistral und übertönte den Tanzlärm der Playboys und -girls. Die ausgelassenen Saisongäste feierten gerade ihr Sommerfest, und niemand achtete auf das kleine Musée de l'Annonciade am Ende des Kais, das die beste ständige Ausstellung moderner französischer Gemälde an der Riviera beherbergt.

Nach Mitternacht fuhr dort ein kleiner Lastwagen vor. Drei Mann stiegen

an einem Seiteneingang über das Gitter

und öffneten die Museumstür mit einem gestohlenen Schlüssel. Sachkundig wählten sie unter den ausgestellten 91 Stücken 57 hervorragende Meisterwerke aus, die einen Wert von etwa acht Millionen Mark repräsentierten, und fuhren durch die Sturmnacht davon.

Für die Rückgabe forderten sie 400 000 Mark. Maler, Kunsthändler und -freunde brachten jedoch nur ein Zehntel dieser Summe auf. Nach 16 Monate langem Feilschen begnügten sich die Erpresser mit 40 000 Mark. In einem anonymen Brief teilten sie Frankreichs Kultusminister Andre Malraux mit, daß sie den Schatz von Saint-Tropez in einer alten Scheune unter Heu versteckt hatten

Vielfach stahlen die Kunstganoven mit Vorbedacht Bilder, von denen sie annahmen, daß sie hoch versichert seien. Dann boten sie die Beute den Versicherungsgesellschaften zu einem Bruchteil der Versicherungssumme an. Dieser Trick hatte durchschlagenden Erfolg.

So zahlte zum Beispiel ein französisches Assekuranzunternehmen für acht Cézanne-Bilder, die 1961 aus dem Pavillon de Vendôme in Aix-en-Provence gestohlen worden waren, 120 000 Mark; der Versicherungswert betrug acht Millionen Mark.

Mitunter zogen die Versicherungsgesellschaften aus dem Arrangement mit den Erpressern sogar Nutzen. Viele Sammler haben ihre Kunstsachen weit unter dem effektiven Wert versichert, um die Prämie niedrig zu halten. Im Diebstahlsfall müssen sie sich mit einer bescheidenen Entschädigung begnügen. Wird der Kunstgegenstand später aufgespürt, gehört er der Versicherungsgesellschaft. Dafür ein Beispiel:

Das 1959 in Los Angeles gestohlene Klee-Bild "Jungwaldtafel" war mit nur 1000 Dollar versichert. Als das Bild 1962 in Berlin entdeckt wurde, fiel es an eine amerikanische Insurance Company, die es damals für schätzungsweise 20 000 Dollar feilbot.

Viermal schröpften die Côte-d'Azur -Banditen den Krösus des Pariser Kunsthandels Aimé Maeght, der in seiner Riviera-Residenz Saint Paul de Vence eine Schatzkammer der bildenden Künste einrichtete. In seinem privaten Museum hortet er für 8,5 Millionen Mark Bilder. Vor wenigen Tagen wurde Maeght von einem Unbekannten angerufen, der ihm ein Geschäft vorschlug.

"Er gab vor", sagt der Kunsthändler, "Bankier zu sein und sechs Bilder gekauft zu haben, die mir 1962 - zusammen mit fünf weiteren Werken - in Paris gestohlen worden waren. Für 250 000 Franc (200 000 Mark) wollte er sie mir überlassen. Das war eine sehr günstige Offerte, denn unter den angebotenen Stücken befanden sich Georges Braques 'Griechenkopf' und Fernand Légers 'Akrobaten mit dem Rad' (siehe Seite 57), die schon fast das Doppelte der geforderten Summe wert waren. Trotzdem mußte ich nein sagen, weil mich die Versicherung bereits vor zwei Jahren voll abgefunden hatte. Ich riet dem Anrufer, sich an meine Assekuranzgesellschaft zu wenden."

Aber auch sie lehnte den Rückkauf ab, weil sie die an Maeght gezahlte Summe bereits in ihrer Steuerbilanz als Verlustposten ausgewiesen hatte. Nahm sie die Bilder nachträglich an, so mußten sie als Gewinn versteuert werden. Der Bilanzdirektor hatte auskalkuliert, daß für die Gesellschaft kein Profit herausschaute, wenn sie das Lösegeld zahlte.

"Nach ein paar Tagen rief der Unbekannte wieder bei mir an", berichtete Maeght weiter, "und tat resigniert: 'Da kann ich also mit den Bildern ein Freudenfeuer anzünden.'"

Der Pariser Kunsthändler ist jedoch davon überzeugt, daß sie eines Tages wieder auftauchen werden - "wahrscheinlich im Osten oder Südosten. Dort erlischt für angeblich im guten Glauben gekaufte Kunstwerke schon nach drei Jahren die Strafverfolgung und Ersatzpflicht, in den westlichen Ländern hingegen erst nach zehn Jahren.

"Man kann sich denken", kombiniert Maeght, "warum die Oststaaten nach dem Krieg diese Frist um sieben Jahre verkürzt haben. Einen billigeren Weg, schnell und rechtens zu wertvollen Sammlungen zu kommen, gibt es nicht"

Jahrelang fahndeten die Kriminalisten an der Riviera nach einem mysteriösen Bandenchef, den zwei ertappte Bilderdiebe als ihren Boß bezeichnet hatten Respektvoll nannten sie ihn "Edward den Pinsel" oder mit vollem Namen Edward Henry Ashowin und beschrieben ihn als hervorragenden Gemäldekenner mit langjährigen Erfahrungen als Kunstkritiker in den USA.

Heute glaubt kein Kriminalist mehr an dieses Phantom; es diente nur der Irreführung. Die Interpol entlarvte jedoch einen deutschen Meisterdieb namens Karlheinz Bergk, 46, der sich auch Lasalle oder Rudolf von Steuben nannte und sich gelegentlich als Kunstmaler versucht hatte. Er bestahl unter anderem das Züricher Kunsthaus, das Staatsmuseum in Luxemburg und das Wiener Museum für angewandte Kunst

Die westdeutsche Kripo kam ihm auf die Spur, als er in Köln Goldplastiken. Medaillen und Goldketten urerkaufen wollte, die er kurz vorher aus dein Amsterdamer Rijksmuseum gestohlen hatte. Ein Teil des Schmucks wurde später bei der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt sichergestellt.

Bergk konnte flüchten, geriet aber bald darauf in das Netz seiner Verfolger, nachdem er von seiner Züricher Beute ein Gemälde In Paris abzusetzen versucht hatte. Seine Hehlerverbindungen erstreckten sich bis Ankara und Beirut. Jetzt verbüßt er eine Gefängnisstrafe in Clairvaux, anschließend soll er der Schweizer Justiz übergeben werden.

Zwei Jahrzehnte lang beunruhigte ein anderer internationaler Dieb und Hochstapler die Museumsdirektoren in aller Welt. Dieser Kriminelle mit dem adligen Namen Alexander Freiherr von Lüdinghausen-Wolff wurde vor 61 Jahren als Sohn eines Zarengenerals in Petersburg geboren.

In der Emigration betätigte er sich immer wieder als Gentleman-Verbrecher mit besonderer Neigung zum Kunstdiebstahl. Dabei halfen ihm seine hochbetagte Mutter und ein Seidenäffchen, die ihn in die Kunstgalerien und -ausstellungen begleiteten. Während die Greisin und das Äffchen die Wächter ablenkten, entwendete der Baron seltene Exemplare der bildenden Kunst, zum Beispiel ein Goya-Selbstporträt, und verschwand damit durch Nebenausgänge. Vor sechs Monaten verurteilte ihn das Westberliner Landgericht zu acht Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherungsverwahrung. Der vielfach Vorbestrafte legte gegen das Urteil Revision ein.

Dieser sehr gewandte Kriminelle, der fünf Sprachen beherrscht und Zugang zu den obersten Gesellschaftsschichten hatte, stand eine Weile im Verdacht, passionierten Sammlern auf Bestellung die Stücke zu besorgen, nach denen es sie unwiderstehlich gelüstete.

Die reichsten Kunstnabobs der Welt, der mexikasche Gold-, Diamanten- und Zinnminenbesitzer Carlos de Beistegui und der amerikanische Lebensmittelindustrielle Norton E. Simon, der vor kurzem die komplette Gemäldegalerie der Brüder Duveen für 60 Millionen Mark erwarb gehörten aber sicher nicht zum Kundenkreis des Barons.

Ihnen dient der Gemäldebesitz als Gepränge, in dessen Glanz sie sich uneingeschränkt sonnen wollen. Beistegui ließ unlängst sein Château die Groussay bei Paris mit klassischer Kunst vollstopfen und um einige exzentrische Prunkstücke erweitern, einen Liebestempel, ein Privattheater, eine Pagode und eine Pyramide unter der sein Lieblingshund begraben liegt.

Selbst der reichste Sammler könnte nur heimlich mit berühmten Meisterwerken leben, die für ihn gestohlen wurden. Er müßte sie stets in einem Geheimkabinett oder Tresor aufbewahren und könnte sie nicht einmal Freunden zeigen. Solche Bilderfetischisten sind sehr selten.

Stärker verbreitet hingegen ist eine spezielle Sucht, die der Kunstliterat Adolph Donath so analysierte: "Die tausendfältigen Fangarme der Kunst tasten sich an die zartesten Nervenendchen heran, machen sie zittern, schwingen Tausend Empfindungen und Gefühle werden plötzlich lebendig, wecken das Interesse an dem Kunstgebilde, das greifbar und doch noch wie verschleiert vor uns liegt... Der Wille, es zu besitzen, erwacht. Ungehemmt dringen die Gefühle vor, bis der Wille zur Tat wird."

Als im Dezember 1959 die nackte Venus von Lucas Cranach dem Älteren, eine 450 Jahre alte Bildtafel, aus dem Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt gestohlen wurde (stehe Titelbild), hielten die Kriminalisten diese Entführung zunächst für ein solches Triebverbrechen. Ein Meisterwerk dieses Ranges, das alle kunsthistorischen Enzyklopädisten repräsentativ abbildeten, ist unverkäuflich, und da sich auch kein Erpresser meldete, begannen die Kunstprofis zu spekulieren.

Als Tatmotiv komme nur "augenblicklich entflammte Liebe" in Frage, glaubte der Kunstkritiker Ivan Nagel. Er schwärmte in der "Deutschen Zeitung" von der "Faszination, die von diesem Frauenakt ausging, sobald das starke Licht ihn unverhüllt sehen ließ... Der Maler schuf sie (die Venus) in seinem 60. Lebensjahr. In diesem kleinen, 37 Zentimeter hohen, 25 Zentimeter breiten Gemälde lebt die ganze Erotik des Alters; das macht seinen besonderen, zwiespältigen Zauber aus. Nie wurde das Weibliche so genießend und entlarvend geschildert".

Nach neun Monaten erhielt die Frühwache im Münchner Polizeipräsidium einen mysteriösen Anruf: "Du Polizei, nehmen Bleistift und Papier und schreiben auf die Nummer 9-7- 8. Das ist Nummer von einem Schließfach im Keller am Hauptbahnhof. Dort findest du sehr wertvolles Bild von Ausstellung in Frankfurt am Main."

Als Polizisten das Schließfach öffneten, fiel ihnen die Cranach-Venus entgegen. Auf dem Boden der Blechkammer fanden sie einen Zettel mit dem Hinweis: "Back from Guatemala. We paint the same. Many thanks for German people." ("Zurück aus Guatemala. Wir malen dasselbe. Dem deutschen Volk vielen Dank.")

Parallel dazu lief ein ähnlicher Fall: Fünf Tage nach der Venus-Entführung hatte ein unbekannter Besucher in der Westberliner Gemäldegalerie einen Christuskopf von Rembrandt (Schätzwert etwa 250 000 Mark) unbemerkt hinausgeschmuggelt. Das Gemälde wurde nach geraumer Zeit auch über ein Gepäckschließfach - diesmal auf dem Braunschweiger Bahnhof - zurückgeschleust. Vergebens bemühten sich Kriminalexperten herauszufinden:

- Besteht ein Zusammenhang zwischen

beiden Diebstählen?

- Wurden die Bilder kopiert?

- Sollen die vermuteten Kopien vielleicht in Übersee als Originale verkauft werden?

Auf solche Blendwerke der Fälschung sind schon oft millionenschwere Geschäftsleute hereingefallen, die sich aus Prestigegründen eine Galerie zulegten.

Solange die repräsentative Sammlung fehlt, bekunden viele Neureiche ihre Sympathie für die hohen Werte abendländischer Kultur auf andere Weise: Sie stellen christliche Kunst - Heiligenfiguren, Plastiken, Kreuze und Leuchter, deren Herkunft nicht alt genug sein kann in ihren Wohnungen auf.

"Es gibt sogar Leute, die in ihrer Hausbar einen alten Beichtstuhl als Trinknische ausgestalten ließen" behauptete der "Rheinische Merkur". Diese zeitgenössische Regung ließ eine neue Sumpfblüte der Kriminalität knospen: den Kirchendiebstahl.

"Dieser kurze Ausdruck ist wie etwa die Bezeichnung Kaufhausdiebstahl, Kameradendiebstahl oder Beischlafdiebstahl besonders in den letzten Jahren in den Sprachgebrauch der Polizei eingegangen", heißt es in einer Denkschrift der Bayerischen Landpolizei.

Als sich dieses Modedelikt immer mehr häufte, setzte die Landpolizei eine Sonderkommission ein, die von 1958 bis 1963 allein in Bayern (außer München) 607 Diebstähle aus Kirchen, Grotten und Feldkreuzen registrierte davon wurden bisher nur 194 aufgeklärt.

Ein Münchner Kunstraub-Experte der Kripo, Kriminalamtmann Herrmann, stellte fest, daß sich mittlerweile Altmetalldiebe, Kabelzwicker und Zigeuner auf Madonnen, Heiligenfiguren und Kanontafeln spezialisiert haben: Werden solche Typen aufgegriffen, dann weisen sie in der Regel Wandergewerbescheine vor, die auf den Handel mit alten Möbeln und Textilien ausgestellt sind und nachträglich auf Antiquitäten ausgedehnt wurden. Bei den Kontrollen hat sich schon mehrmals herausgestellt, daß die Landfahrer diese Bescheinigungen besitzen, obwohl sie Analphabeten sind und nicht einmal ihren Namen schreiben können."

Sie sorgen für den Nachschub an Engeln, Madonnen und Putten, die ihnen vor allem viele neue Antiquitätenhändler bedenkenlos abnehmen. Ihre Läden schossen wie Schwammerl ans dem Boden. Viele Trödler erweiterten ihren muffigen Geschäftsbetrieb und spezialisierten sich auf den Vertrieb der Landfahrerware.

"Auch ist es möglich, daß ein angesehener Händler einmal gutgläubig von einem Dieb ein Stück erwirbt", gibt der Präses der bayrischen Kunsthändler, Johannes Keller, offen zu "Erfahrungsgemäß wandern Kunstobjekte, bevor sie in den Endbesitz gehen, durch eine mehr oder weniger lange Händlerkette. Auf diese Weise kann gestohlenes Gut auch in eine seriöse Kunsthandlung eingeschleust werden."

Die Gewinnspannen kletterten mit der steigenden Nachfrage. So setzte zum Beispiel ein Diebestrio unlängst in München bei einem Antiquitätenhändler drei Holzplastiken in barocker Schnitzart - eine St.-Rochus-Statue und zwei Bischofsfiguren - für insgesamt 1000 Mark ab. Als die beute sichergestellt wurde, hing an jedem Bischof ein Preisschild über 700 Mark. Die Rochus-Plastik sollte etwa 1500 Mark kosten. Nach den Kripo-Unterlagen erzielten manche Händler mitunter sogar Aufschläge bis zu 3000 Prozent.

Um die Ermittlungen zu erschweren, wurden Holzplastiken umgeschnitzt oder umgepinselt. Dabei halfen auch die Hehler, die sich im vergangenen Jahr auf den Camping-Plätzen unter ausländischen Wohnwagengästen zahlungskräftige Kunden suchten.

Eine Bande von sieben Hausierern wollte sogar eine fast lebensgroße Pietà (Maria mit dem Leichnam Christi) in Geld ummünzen. Die Hausierer hatten das Schnitzwerk in einem Wald bei Dillingen vergraben, doch bevor sie einen Käufer gefunden hatten, verriet einer der Komplicen das Versteck der Polizei.

Ein typischer Fall aus der Madonnenräuber-Unterwelt wurde vor einiger Zeit vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm verhandelt. In Oberschwaben hatten sich ein verkrachter Handelsvertreter, ein Schustergeselle, zwei Arbeiter und eine junge Serviererin zusammengetan, um auf leichte Art schnell Geld zu verdienen. In einem Vierteljahr stahl die kleine Bande 73 sakrale Bildwerke und kassierte dafür rund 15 000 Mark. "Was wir bei Tag gesehen haben", so umschrieb die Serviererin Rita Ruoff die harmonische Gemeinschaftsarbeit, "das haben wir bei Nacht geholt."

Als die Räuberbraut vor Gericht gefragt wurde, ob sie wegen der Plünderung religiöser Stätten nicht das Gewissen plage, äußerte sie freimütig, daß sie jede Hochachtung vor Heiligenbildern verloren habe, seit sie als 18jähriges Mädchen von einem Jesuitenpater verführt wurde. Er sei der Vater ihres unehelichen Kindes.

Das Gericht lud den Ordensgeistlichen als Zeugen vor. Er mußte zugeben, daß er seinem ehemaligen Zögling 8400 Mark "Abfindung" gezahlt hatten.

Mit dem Geld des Paters hatte die Gaststättencirce einen Personenkraftwagen angeschafft, der zum Abtransport der Heiligen diente. Nach jedem Raubzug rollte er über die Schweizer Grenze- zum Kunsthändler Alois Räber in Küßnacht.

Seine reichen Kunden im Urkanton Schwyz warteten schon auf das Stehlgut aus Deutschland und kauften, was sie bekommen konnten, zum Beispiel Pietàdarstellungen und Barockengel, Christus- und Madonnenfiguren - zum großen Teil aus schwäbischen Feldkapellen. Sodann eine Wendelinus-Statuette aus der Stallnische eines reichen Großbauern und schließlich "Die schmerzhafte Muttergottes" aus dem Bildstock des Klosters Sießen im Landkreis Saulgau, der Raubgesindel abschrecken sollte.

Das Schnitzwerk gemahnt an das Schicksal eines Soldaten, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts hart bestraft worden war, weil er damals, im Spanischen Erbfolgekrieg, aus dem Kloster ein Kirchengerät geraubt hatte.

Im Durchschnitt zahlte Kunsthändler Räber für jede Figur kaum mehr als 200 Franken; seine Verdienstspanne betrug indes ein Vielfaches. Um sich nicht immer von ihm die Preise diktieren zu lassen, brachten die Diebe ihre besseren Stücke dem renommierten Züricher Kunsthändler Dr. von Moos, dem der Nachschub aus Oberschwaben sehr gelegen kam, denn auch er hatte viele Madonnenliebhaber zu versorgen.

Da sich künstlerische Devotionalien leichter stehlen lassen als Juwelen oder Bilder aus Galerien, konnten sich in der lukrativen Madonnen - Beschaffungsbranche auch ungeübte Einzelgänger betätigen. So fledderte zum Beispiel die Münchner Krankenschwester Anna Edmeier 74 Kirchen. Sie kleidete sich wie eine schlichte Bäuerin und betrat die Gotteshäuser mit einem großen Eierkorb in der Hand, mit dem sie unbemerkt über 100 sakrale Handelsobjekte aus den Kirchen hinaustrug. Unter verschiedenen Decknamen setzte sie die Beute bei Münchner Antiquitätenhandlern ab. Sie kassierte dafür rund 4200 Mark und - als sie endlich gefaßt wurde - zwei Jahre Zuchthaus.

Im vergangenen Jahr ertappte die Kripo einen Gentleman - Dieb: den

Architekten Rainer Albrecht Diesel, Urenkel des Motorenerfinders Rudolf Diesel. Er gestand, elfmal Kirchenplastiken sowie Votivtafeln abmontiert und an reiche Geschäftsleute verkauft zu haben. Sein Jagdgebiet war nicht nur Bayern, sondern auch das benachbarte Tirol.

In Österreich wurden in den letzten vier Jahren über 500 Heiligenfiguren gestohlen. Davon landete ein großer Teil beim bayrischen Antiquitätenhandel. Umgekehrt wurde viel bayrische Sakralkunst im Nachbarland abgesetzt. "Was bei uns gestohlen wird", vermutet ein hoher Beamter des Bayrischen Landeskriminalamts, "wird wohl durchweg nach Österreich verbracht. Viele zahlungskräftige Touristen erwerben jeden Sommer in Salzburg oder in der Umgebung einen gestohlenen Heiligen."

Ein Kirchendieb beging wegen dreier Plastiken, die er aus dem Altar der Wiener Votivkirche gestemmt und in einem Kohlensack davongetragen hatte, sogar einen Mord. Er füsilierte seinen Auftraggeber, einen Wiener Kaffeehauspächter der die Figuren nach Westdeutschland geschafft und an einen Frankfurter Antiquitätenhändler verkauft hatte. Bei der Gewinnverteilung hatte der Hehler den Dieb betrogen.

Um die Hochflut der Kirchen- und Kunstdiebstähle einzudämmen, wird zur Zeit in Bonn ein Gesetz vorbereitet, das die Gewerbeordnung ändern soll. Der Änderungstext beginnt mit den Worten: "Antiquarischer An- und Verkauf von Werken der bildenden Künste".

Der Vorstand des Bundesverbandes des deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels, der jedes Reglement auf das schärfste ablehnt, rieb sich schon an dieser unglücklichen Formulierung: "Die Wortzusammenstellung "Antiquarischer An- und Verkauf" ist im Hinblick darauf, daß sich unter den Antragstellern mindestens sechs Personen befinden, die mit dem 'Doktor' geschmückt sind, recht seltsam. Im richtigen Deutsch müßte es also heißen: ,An- und Verkauf von antiquarischen Werken der bildenden Künste'."

Die Gilde sträubt sich dagegen, daß ihre Mitglieder in Zukunft - wie die Schrotthändler - bei jedem Materialankauf die Adresse des Vorbesitzers notieren sollen. Außerdem will der Gesetzgeber sie zwingen, sorgfältig die Namen und Anschriften der Käufer zu notieren, so daß der Verbleib des Kunstgutes stets zu verfolgen ist. Zur Kontrolle sollen sich die Händler die Personalausweise der Kunden zeigen lassen.

"Das ist ein unmögliches Verlangen und glatte Geschäftsstörung", so beschwerte sich der Branchenvorsteher in Bayern, Kunsthändler Johannes Keller. "Der seriöse Kunst- und Antiquitätenhändler verwahrt sich energisch dagegen, mit einem Häusierer von Schuhbändern und anderem, der sich um drei Mark bei einem Landratsamt seinen Hausierschein mit dem Zusatz ,auch für Antiquitäten gültig' erweitern läßt, in einem Atemzug gewissermaßen als Kollege genannt zu werden."

Keller plädierte für ein absolutes Verbot der Ausgabe von Wandergewerbe-Lizenzen für das Gebiet Kunst und Antiquitäten". Sein Verband intervenierte mehrmals in Bonn und versuchte, den Inspirator des Gesetzes, den CDU-Parlamentarier Dr. Manfred Luda, matt zu setzen. Doch Rechtsanwalt Ludas Entwurf passierte den Bundestag in erster Lesung und wurde dann den zuständigen Ausschüssen überwiesen, die über die endgültige Formulierung noch beraten.

Kurz vor den Parlamentsferien plauderte der westfälische Anwalt aus, warum gerade er sich dazu berufen gefühlt hatte, einen Paragraphenriegel gegen Kirchen- und Kunstdiebstähle zu schmieden. Auf der letzten Urlaubsreise wollte seine Ehefrau das oberbayrische Kloster Benediktbeuren besichtigen. Vergebens bat sie um Einlaß. Der Pater am Tor blieb stur: "Besichtigungen sind nicht mehr möglich, weil soviel gestohlen wird."

An anderen religiösen Stätten mit reichem Kunstbesitz hätte die Abgeordneten-Ehefrau allerdings ungehindert ihrem Besichtigungsdrang folgen können. Die meisten Kirchen- und Klosterherren lassen die Besucher ohne Einschränkung passieren, setzen aber neuerdings gegen die Diebstahlseuche technische Abwehrwaffen ein. Aus mehreren bayrischen Kirchen dringt zum Beispiel seit einiger Zeit lautes Sirenengeheul, wenn nach dem Gottesdienst wertvolle Geräte oder Heiligenstatuen berührt werden.

Mit dem Einbau solcher Alarmanlagen folgten die Pfarrämter endlich dem Beispiel vieler Museen und Kunstgalerien, die seit einiger Zeit modernste Hilfsmittel gegen die Raubepidemie aufbieten. Die Londoner Nationalgalerie zum Beispiel ist heute genauso diebstahlsicher wie die Bank von England. Die Bilder rufen selbst um Hilfe, wenn sie gefährdet sind.

Alarmtechniker befestigten hinter jedem Gemälde zwei Metallfolien, die durch winzige Schaumgummipfropfen voneinander getrennt sind. Werden die Bilder berührt, geraten die Folien schon bei leisestem Druck gegeneinander ,der Stromkreis schließt sich und löst Alarm aus.

Die Direktion der Westberliner Gemäldegalerie ließ eine Anlage installieren, die nach dem Selenzellenprinzip arbeitet. Wenn jemand nach der Besuchszeit durch eine Fensteröffnung klettert oder durch eine Tür schreitet, fängt das ganze Museum schrill an zu klingeln.

Die perfekteste Verbrecherfalle wurde vor kurzem in Frankreich von Elektronik-Ingenieuren ersonnen und in dem Privatmuseum des Pariser Kunsthändlers Aimé Maeght in Saint Paul de Vence installiert: Hinter jedem Bild hängt ein winziger Sender, der bei Betasten des Rahmens Signale gibt und ein Relais auslöst, das mit einer Fernsehkamera gekoppelt ist. Der Wächter in der Alarmzentrale sieht dann sofort, welches Bild in Gefahr ist. Gleichzeitig wird der Dieb photographiert, und im gleichen Augenblick schließen sich automatisch alle Türen.

Der oft bestohlene große Kunstfreund Maeght erwarb das Patent und will es allen Museen und auch interessierten Kirchenleitungen im Kampf gegen die Bildergangster zur Verfügung stellen. Maeght: "Wir müssen endlich diese Pest ausrotten."

* Gouache ist eine besondere Aquarellart. Dabei werden deckende Wasserfarben, mit Weiß vermischt und mit einem harzigen Bindemittel versetzt, dick auf den Untergrund aufgetragen.

Grien: "Der Sündenfall" (1511) Kaspar David Friedrich: "Rast bei der Heuernte" (1834) Trevisan: "Susanna im Bade" (1700)

Aus Museen gestohlene Gemälde: In Westeuropa verschwanden ...

Utrillo: "Das Haus der Mimi Pinson im Schnee" (1917) von Gogh: "Bildnis des Dr. Gachet" (1890) Marc: "Der Panther" (1908)

Aus Privatbesitz gestohlene Gemälde: Wer seine Bilder zurückbekommen kann...

Veronese "Leda mit dem Schwane" (um 1560) Goya: "Herzog von Wellington" (1812) Brouwer: "Wurstessen am Hacktrog" (1624/25)

... Kunstwerke für 150 Millionen Mark

Léger "Akrobaten mit Rad" (1953) Braque: "Griechenkopf" (1954) Klee: "Wandbild im Tempel der Sehnsucht" (1921)

... zahlt Lösegeld und schweigt

Kunstraub-Kartei der Bundeskripo

Steckbriefe für 10 000 Objekte

Die Welt

"Interessante Verfremdung, nicht wahr ... ?"

Wiedergefundene Mono Lisa (Paris 1913): Aus dem Louvre entführte ...

Mona-Lisa-Dieb Perugia ... ein italienischer Anstreicher ...

... das berühmteste Bild der Welt. Mona Lisa in New York (1963)

Genter Altar (links: gestohlene Tafel)

Nach dem Fund im Nordbahhhof...

Gestohlene Tafel des Genter Altars

... ein Geständnis auf dem Totenbett

Bilder-Diebe: von Lüdinghausen, Bergk; Madonnen-Verkäuferin Rita Ruoff: Ein Seidenäffchen lenkte die Wächter ab

Pieta-Fundstelle bei Dillingen: "Was wir bei Tage sahen ...

... holten wir bei Nacht": Sichergestellte Beute im Landgericht Ulm

Wächter in der Londoner Nationalgalerie: Sicher wie die Bank von England

* "Die nackte Venus" von Lucas Cranach dem Älteren (gemalt 1532); das 25 X 37 cm große Gemälde wurde 1959 aus dem Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main gestohlen.


DER SPIEGEL 29/1964
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VERBRECHEN / KUNSTRAUB:
Entflammte Liebe