05.08.1964

Bonn„ICH MUSS IHNEN EIN GEHEIMNIS VERRATEN“

SPIEGEL: Herr Adschubej, Sie sind zwölf Tage lang durch die Bundesrepublik gereist. Sie waren am Rhein, an der Ruhr und in Bayern. Können Sie uns etwas über Ihre Eindrücke sagen?
ADSCHUBEJ: Ich sage Ihnen ganz offen: Die freundschaftliche Haltung der Deutschen gegenüber unserem Land, unserem Ministerpräsidenten und unserer Politik hat mich angenehm berührt. Das habe ich früher nicht so empfunden. Jetzt aber empfinde ich so.
SPIEGEL: Können Sie Ihre Gefühle genauer beschreiben?
ADSCHUBEJ: Sehen Sie, Westdeutschland ist ein industriell hochentwickeltes Land, das mächtigste kapitalistische Land in Westeuropa. Nach wie vor schätzen wir Ihre Autos, Ihre technische Dynamik, Ihre Traditionsverbundenheit, Ihre Art, sich zu kleiden und auf der Straße zu benehmen. Ich möchte sagen, diese Art ist der unseren verwandt. Auch wir lehnen die Überspanntheiten des 20. Jahrhunderts ab, für die sich manche Zeitschriften und Filme so sehr ereifern. Ich denke, daß Ihr Land sogar einen bestimmten Konservativismus demonstriert, der darin besteht, daß man nicht hinter der Mode herrennt. Und das imponiert uns.
SPIEGEL: Der Gesamteindruck Ihrer Begegnungen in der Bundesrepublik ist also positiv. Dürfen wir daraus schließen, daß auch Ihr Gespräch mit Bundeskanzler Erhard am vergangenen Dienstag nützlich gewesen ist?
ADSCHUBEJ: Lassen Sie mich sagen, daß ich - trotz der absolut gegensätzlichen Standpunkte - doch den Eindruck gewonnen habe, daß der Bundeskanzler ein Mann ist, mit dem man reden kann. Das ist schon sehr viel. Es war ein Gespräch, bei dem sich beide Seiten, wie mir schien, darum bemühten, sich einander zu erklären und alles zu tun, damit das Gespräch auf einer angemesseneren Ebene fortgesetzt werden kann.
SPIEGEL: Staatssekretär von Hase sprach von neuen Momenten, die ein Gespräch zwischen dem Kanzler und Ministerpräsident Chruschtschow erleichterten. Welches sind Ihrer Meinung nach diese neuen Momente?
ADSCHUBEJ: Herr von Hase ist ein Staatsbeamter, und wenn er das gesagt hat, dann hat er erstens einen besseren Überblick, und zweitens ist das gut so.
SPIEGEL: Sie hatten viele Gespräche mit westdeutschen Industriellen. Haben sich dabei neue Momente ergeben, zum Beispiel in der Frage langfristiger Kredite?
ADSCHUBEJ: Ich habe mich nicht direkt mit diesem Thema hier befaßt. Doch meine Begegnungen mit Geschäftsleuten zeigen, daß gute Geschäfte gemacht werden könnten, vor allem mit Öl, aber auch auf vielen anderen Gebieten, auf denen die große Sowjet-Union mit der technisch so hervorragend entwickelten Bundesrepublik zusammenarbeiten kann.
SPIEGEL: Auch Rotchina bemüht sich, mit der Bundesrepublik ins Geschäft zu kommen. Nun befindet sich die Sowjet -Union mit Peking in einer ideologischen Auseinandersetzung. Hat dieser Konflikt irgendeine Bedeutung für die Deutschland-Politik der Sowjet-Union?
ADSCHUBEJ: Erstens haben wir keinen Konflikt mit der Volksrepublik China, sondern mit der Führung der Kommunistischen Partei Chinas.
SPIEGEL: Das ist doch dasselbe.
ADSCHUBEJ: Für Sie vielleicht, aber nicht für uns. Wir bleiben bei unserem Standpunkt.
SPIEGEL: Bekanntlich haben die Chinesen gegenüber der Sowjet-Union Gebietsforderungen angemeldet. Was hat das mit Ideologie zu tun?
ADSCHUBEJ: Ich möchte unseren Ministerpräsidenten zitieren, der gesagt hat, daß die Grenzen unseres Landes in West und Ost, in Nord und Süd heilig sind. Wir sind bereit, alle Grenzfragen ruhig zu behandeln. Aber man soll auch wissen, daß an den sowjetischen Grenzen nicht nur unsere gesamte militärische Macht, sondern auch die Herzen unseres ganzen Volkes Wache halten - im Westen wie im Osten. Unsere Grenzen sind unantastbar.
SPIEGEL: Worüber, glauben Sie, werden Ministerpräsident Chruschtschow und Bundeskanzler Erhard sprechen, falls eine solche Begegnung zustande kommt. Auch über Deutschland?
ADSCHUBEJ: Wenn Sie die deutsche Frage meinen, dann kann es sehr gut sein, daß auch darüber gesprochen wird. Und ich möchte unterstreichen: Wenn eine solche Begegnung stattfindet, dann sollten keine Bedingungen daran geknüpft werden. Schließlich handelt es sich um den Kanzler der Bundesrepublik und den Ministerpräsidenten der Sowjet-Union.
SPIEGEL: Sie haben auf Ihrer Reise wiederholt erklärt, daß Sie Verständnis für die Gefühle der Deutschen haben, die in einem geteilten Land leben müssen. Können Sie sich eine Wiedervereinigung Deutschlands auch unter nichtkommunistischen Vorzeichen vorstellen?
ADSCHUBEJ: Diese Frage hat einen ideologischen Aspekt. Ich bin Kommunist und meine Genossen auch. Wir wollen, daß die ganze Welt kommunistisch wird, und das wird sie auch. Doch wir wollen unser System niemandem aufzwingen. Was Deutschland betrifft, so müssen die Deutschen das selbst entscheiden.
SPIEGEL: Was heißt das - die Deutschen?
ADSCHUBEJ: Ich meine, die Deutschen in Ost und West, in der DDR und in der Bundesrepublik.
SPIEGEL: Die deutsche Frage ist besonders schwierig. Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, zunächst einmal kleinere oder größere Schritte zu unternehmen, um die Atmosphäre zwischen Bonn und Moskau zu entspannen?
ADSCHUBEJ: Ich bin über diese Frage sehr froh. Das ist nämlich das Hauptthema. Ich bin der Meinung, meine Herren: Bitte, verbessern wir unsere Beziehungen. Machen wir einen ganz großen Schritt. Ich wiederhole: Fangen wir doch damit an, die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu verbessern. Das wäre schon sehr viel. Dann könnten wir auch andere Fragen in aller Ruhe lösen.
SPIEGEL: Ein Beispiel: Die sowjetischamerikanische Entspannungspolitik ist durch einen vertraulichen Briefwechsel zwischen dem amerikanischen Präsidenten und Ihrem Ministerpräsidenten eingeleitet worden. Könnten Sie sich einen ähnlichen Kontakt zwischen dem westdeutschen und dem sowjetischen Regierungschef vorstellen?
ADSCHUBEJ: Journalisten sind phantasiebegabte Leute. Darum können wir uns alle so etwas gut vorstellen. Daraus könnte nur Gutes entstehen.
SPIEGEL: Hatten Sie schon Gelegenheit, mit Herrn Chruschtschow darüber zu sprechen, wie Sie in der Bundesrepublik aufgenommen worden sind?
ADSCHUBEJ: Selbstverständlich. In der Sowjet-Union sind die Telephongebühren ja nicht erhöht worden.
SPIEGEL: Wann werden Sie Herrn Chruschtschow sehen? Haben Sie schon einen festen Termin?
ADSCHUBEJ: Ja, jetzt muß ich Ihnen ein Geheimnis verraten. Der Ministerpräsident will, daß wir so schnell wie möglich kommen.
Deutschland-Reisender Adschubej*: Schnell zu Chruschtschow
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Botho Kirsch (l.) und Georg Wolff (r.)

DER SPIEGEL 32/1964
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