05.08.1964

ALPENFESTUNGPhantom in Bayern

Noch am 24. April 1945, sechs Tage vor Hitlers Selbstmord, gab Drei-Sterne-General Omar Bradley, Befehlshaber der 12. US-Heeresgruppe, einen düsteren Lagebericht. Vor einer Parlaments-Abordnung aus Washington klagte er: "Der Krieg gegen Deutschland dauert womöglich noch ein Jahr."
Den verdutzten Abgeordneten, die in dem Bewußtsein nach Deutschland gekommen waren, die Nazis seien am Ende, begründete der Haudegen seinen Pessimismus mit Alarmberichten amerikanischer Nachrichtendienstler. Danach war die braune Elite gerade dabei, sich mit Geheimwaffen und modernstem Gerät im Alpengebiet zum letzten Gefecht zu sammeln.
Auch Bradleys Chef Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Expeditions-Streitkräfte, trug der neuen Lage Rechnung und änderte damit möglicherweise den Lauf der Weltgeschichte: Er gab die geplante Eroberung Berlins durch britische und amerikanische Truppen auf und warf seine Hauptstreitmacht gegen die alpine Zitadelle im Süden des Reiches.
Erst als GIs Berge und Täler der deutschen Alpen durchstöberten - Berlin war inzwischen von Rotarmisten genommen worden -, erkannten Eisenhower und Bradley, daß sie einem Phantom aufgesessen waren: Die Nazi -Forts, die von US-Nachrichtenmännern in allen Einzelheiten beschrieben worden waren, existierten nicht.
Bekannte Bradley: "Die Alpenfestung ... nahm eine so maßlos übertriebene Gestalt an, daß ich mich frage, wie wir so dumm sein konnten, so etwas zu glauben."
Genau dieser Frage ist jetzt der amerikanische Historiker Rodney G. Minott von der renommierten Stanford-Universität nachgegangen. Das Ergebnis seiner Recherchen veröffentlichte er in einem Buch mit dem Titel "The Fortress that never was" ("Die Festung, die es nie gegeben hat")*.
Neben den Bekenntnissen alliierter Militärs, den Darstellungen anglo-amerikanischer Kriegsgeschichtler und den Antworten von ihm befragter Geheimdienst-Offiziere standen dem Phantom -Forscher auch von deutschen Generälen verfaßte Berichte zur Verfügung, die immer noch unveröffentlicht in amerikanischen Archiven eingeschlossen sind.
Danach haben Wehrmacht-Strategen schon im September 1943 überlegt, wie die Berge und Täler der Alpen für die Verteidigung des Reiches genützt werden könnten. Hermann Göring schaltete sich ebenfalls ein und schlug dem Luftwaffen-Feldmarschall Kesselring vor, im Falle eines Zusammenbruchs der deutschen Fronten im Osten und Westen in den Alpen - zusätzlich zu den noch vorhandenen Weltkrieg -I- Stellungen der Italiener und Österreicher - Schützengräben ausheben zu lassen. Die Bergwelt schien dem Amateur-Bergsteiger und Gamsjäger Göring damals der rechte Platz, "den Tod eines Nationalsozialisten zu sterben".
Aber während sich die Militärs lediglich am Sandkasten mit der Alpenfestung befaßten, nutzte Nichtjäger Goebbels die Geisterburg als Geheimwaffe: Er spielte westlichen und neutralen Zeitungen Falschmeldungen über das nicht existente Bollwerk zu. Und die Mär wurde fleißig weitergetragen.
Eine amerikanische Kundschaftergruppe, die sich in der Schweiz um Informationen aus Deutschland bemühte, skizzierte dem Washingtoner Office of Strategic Services (OSS) alsbald die Umrisse einer gewaltigen Festung im Alpenmassiv. General Eisenhower bekam seinerseits detaillierte Berichte von der Nachrichten-Abteilung des alliierten Obersten Hauptquartiers (SHAEF): In den Alpen würden
- Waffen und Munition in bombensicheren Werken hergestellt,
- Lebensmittel und Ausrüstung in riesigen unterirdischen Höhlen gestapelt und
- Spezial-Einheiten für den Kleinkrieg ausgebildet.
Eisenhowers Nachrichten-Männer folgerten: "Verteidigt von der Natur und den wirksamsten der zuletzt erfundenen Geheimwaffen, werden die Mächte, die Deutschland bisher geleitet haben, überdauern und seine Auferstehung vorbereiten."
Zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen kamen auch Bradleys Nachrichten-Offiziere. Sie meldeten am 21. März 1945, alle Zeichen sprächen dafür, "daß die politische und militärische Führung des Feindes im Begriff ist, sich in die Alpenfestung nach Oberbayern abzusetzen".
Bradleys Spione hatten ausgemacht, was sie als befestigte Stellungen, SS - und Spezial-Einheiten sowie große Vorräte an Waffen und Munition identifizierten. Sie erboten sich sogar, die Existenz der Zitadelle photographisch zu belegen.
Schließlich bemächtigten sich auch neutrale und Westliche Zeitungen der Fabel. Die "New York Times" beispielsweise teilte ihren Lesern mit, ein Festungsgebiet am Hitler-Sitz Obersalzberg habe eine Ausdehnung von 34 mal 24 Kilometer, sei vermint und könne vom Reichsführer SS Himmler per. Knopfdruck in die Luft gesprengt werden. Der Himmlersche Bunker befinde sich im Felsmassiv, direkt unter dem Hitler-Haus auf dem Obersalzberg.
So bot sich dem General Eisenhower ein neues Kampfziel: Er ließ ab von Berlin und dirigierte das Gros der amerikanischen Soldaten gegen die vermeintliche Alpenfestung. Diesen Beschluß behandelte der Oberbefehlshaber wie eine militärische Routinesache: Er kabelte ihn am 28. März 1945 nach Washington, London und Moskau ("Stalin persönlich"), ohne ihn zuvor im britisch-amerikanischen Planungsstab zur Sprache gebracht zu haben.
Drei Tage später funkte Eisenhower an den britischen Feldmarschall Montgomery, der den Hauptstoß gegen die Reichshauptstadt hatte anführen sollen: "Sie werden bemerkt haben, daß ich Berlin überhaupt nicht erwähnt habe. Dieser Ort ist für mich nur noch ein geographischer Begriff."
Statt Montgomerys Streitmacht gen Berlin ziehen zu lassen, beorderte Eisenhower sie nach Norden und spannte ihr sogar die 9. US-Armee aus, die wieder der mittleren Heeresgruppe des US-Generals Bradley unterstellt wurde.
Nur acht amerikanische Divisionen ließ der alliierte Oberbefehlshaber nördlich des Harzes nach ursprünglichem Konzept in Richtung Berlin weitermarschieren. 31 US-Divisionen dagegen sammelte er südlich des Harzes. Die Hauptmacht dieser Streitkräfte sollte die Alpenfestung angreifen.
Als Englands Premier Winston Churchill von dieser Planänderung erfuhr, begehrte er auf. Churchill, der die Begegnung zwischen Rotarmisten und westalliierten Soldaten möglichst weit im Osten stattfinden lassen wollte, überschüttete Washington mit Telegrammen, in denen er immer wieder behauptete, "daß sich General Eisenhower täuscht, wenn er annimmt, Berlin habe seine militärische und politische Bedeutung weitgehend verloren".
Aber selbst als sich amerikanischen Verbänden Mitte April noch eine gute Chance bot, schnell nach Berlin vorzudringen, verschloß sich Soldat Eisenhower dem Flehen des Politikers Churchill. Der 9. US-Armee, die am 12. April auf dem Ostufer der Elbe Fuß gefaßt hatte, untersagte er, auf die Reichshauptstadt loszumarschieren.
Am 22. April trat Eisenhower zum Großangriff auf die braune Alpen -Zitadelle an. Er traf auf wenig Widerstand. München fiel am 30. April, und schon am 4. Mai suchten GIs im Führer -Teehaus auf dem Obersalzberg nach Souvenirs. Tiefer in den Bergen wurden zwar SS- und Wehrmacht-Einheiten aufgestöbert - aber es waren keine Männer des letzten Gefechts, sondern kampfmüde Soldaten. Eisenhower: "Die Verteidigung des ganzen Abschnitts löste sich auf."
Dieser verblüffenden Selbstauflösung verdankt die 13. US-Luftlande-Division, die besonders hartnäckige Nazi-Bunker knacken sollte, ihre kriegsgeschichtliche Bedeutung: Sie ist die einzige nach Europa verschiffte US-Division, die keine Gelegenheit zur Feuertaufe fand.
* Rodney G. Minott: "The Fortress that
never was". Holt, Rinehart and Winston, New York; 208 Seiten; 4,95 Dollar.
Krieger Eisenhower, Churchill, Bradley (1944): "Wie konnten wir so dumm sein ...
... so etwas zu glauben": US-Truppen beim Einzug in München (1945)

DER SPIEGEL 32/1964
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