05.08.1964

STELLENANGEBOTEBrifate Kunden

Dickleibig wie ein Messekatalog präsentierte sich Frankfurts "Allgemeine Zeitung für Deutschland" (FAZ) am vorletzten Samstag ihren Lesern. 17 der insgesamt 66 "FAZ"-Seiten hatte die Redaktion mit Berichten und Kommentaren gefüllt, 43 Seiten der Verlag mit Stellenanzeigen.
Das Frankfurter Blatt räumte damit dem Stellenmarkt den Platz ein, der ihm nach neuesten demoskopischen Recherchen zukommt: Stellenannoncen in Tageszeitungen sind zum bevorzugten Lesestoff geworden. So ermittelte
- "Emnid" im Auftrag der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", daß 35 Prozent aller Leser den Stellenmarkt regelmäßig studieren;
- "Infratest" für den "Kölner Stadt -Anzeiger", daß 41 Prozent dem Stellenteil größte Aufmerksamkeit zollen.
Und die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), deren Wochenendausgabe laut Verlagsnotiz "vielfach wegen ihres großen Stellenteils gekauft wird", erfuhr aus einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie, daß sich mehr "SZ"-Leser für Anzeigen-Seiten interessieren (86 Prozent) als für den Leitartikel (55 Prozent).
Dankbar für den Fingerzeig der Demoskopen nutzt die Industrie inzwischen die Stellenmärkte für zusätzliche Reklame: Inserierende Firmen koppeln ihre Arbeitsofferten zunehmend mit Public-Relations-Anzeigen.
Unter der Schlagzeile "Wir suchen weitere Führungskräfte" annoncierte beispielsweise die Braun AG, Schrittmacher des "New Look bei Stellenanzeigen" (Inserentenwerbung der "Welt"), im Mai auf je einer ganzen Seite der "FAZ" und der "Zeit". Die Elektrogerätefirma schilderte in Wort und Bild ihre Geschäftsprinzipien und die Annehmlichkeit, mit Braun-Erzeugnissen stilvoll zu leben. Braun: "Ausgeschriebene Positionen sind häufig nur noch Aufhänger für das Credo unseres Hauses."
Die Strabag Bau-AG, Köln, pflasterte eine ganze Anzeigenseite mit der Abbildung einer Brückenmontage; die Suche nach Technikern und Kaufleuten wurde in wenigen Worten abgetan.
Derart gekoppelte Mitarbeiter- und zugleich Vertrauenswerbung sichert den Inserenten nicht nur die Lesergemeinde, sondern auch den billigeren Tarif, den viele Tageszeitungen für Stellenannoncen einräumen. So sind bei der "Westdeutschen Allgemeinen" Stellenofferten etwa halb so teuer wie gleich große Public-Relations-Anzeigen, bei der "Süddeutschen Zeitung" differieren die Tarife um rund 20 Prozent.
Der neue Stil im Stellenmarkt drängte sich Industrie und Handel in demselben Maße auf, wie Arbeitskräfte in der Bundesrepublik knapper wurden. Derzeit sind 662 000 Arbeitsplätze nicht besetzt. Jede dritte Werkbank und jeder dritte Schreibtisch verwaisen innerhalb eines Jahres, weil sieben Millionen Arbeitskräfte "ständig unterwegs von einem Unternehmen zum andern" sind (Dr. Hans-Günther Sohl, Generaldirektor der August-Thyssen-Hütte).
Um wenigstens einiger dieser Pendler habhaft zu werden, bedienen sich die Firmen seit langem verführerischer Offerten, die mit psychologischem Raffinement und Superlativen aufgeputzt sind. Wurden früher "Stenotypistinnen" gesucht, so war dieser Wunsch wörtlich in den Anzeigen zu lesen. In demselben Maße aber, wie Stenotypistinnen knapper wurden, werteten Inserenten die feilgebotenen Posten zur "Sekretärin", "Chefsekretärin" oder "Direktionssekretärin" auf.
Die Firma D'Orsay (Paris) inserierte beispielsweise nach einer "den Markt pflegenden Persönlichkeit mit Freude am Reisen", die SCL Rationalisierung (München) nach einem "Gebietsverkaufsleiter", die Colortip GmbH (München) nach einem Mitarbeiter, "der sich die Zukunft sorgenfrei gestalten" möchte - gesucht wurde in allen drei Fällen, was nach herkömmlichem Sprachgebrauch ein Vertreter ist. Ähnlich sollten "ein gebildeter Herr", nach dem in der "FAZ" gefahndet wurde, Polstermöbel verkaufen und "ein Verkaufsleiter der Mineralölbranche" Tankstellen besuchen.
Mit den klingenden Titeln ("Welt" -Werbung: "Die Geltung der Position kann wichtiger sein als die Tätigkeit,
die Arbeitszeit, das Entgelt") wuchs auch das Format der Offerten. Im vergangenen Jahr druckte die "Welt" Stellenanzeigen, die durchschnittlich fast doppelt so groß waren wie sieben Jahre zuvor. Ingenieure, die allenfalls Gehälter von 1200 bis 1400 Mark monatlich erwarten dürften, wurden mit ganzseitigen Anzeigen zum Stückpreis von 12 722 Mark ("Die Welt") gesucht.
Während die Unternehmen auf diese Weise aus der Not auf dem Arbeitsmarkt eine Tugend der Public-Relations -Werbung machten, blieb das personalpolitische Dilemma oft ungelöst: Auf schöngefärbte Annoncen meldeten sich Bewerber, die mit geringeren Posten vorliebnehmen sollten. Umgekehrt beseitigten verlockende Anzeigen die Selbstkritik der Bewerber.
Der Hamburger Personalberater Hans Geest beklagt, daß höchstens noch acht von hundert Bewerbungszuschriften ernst genommen werden könnten. Der Büromaschinenkonzern IBM (Sindelfingen) registrierte auf eine seriöse Anzeige 2995 ungeeignete Zuschriften und nur fünf - brauchbare, und der Kronberger Firmenberater Ludwig Kroeber -Keneth sammelte typische Zuschriften auf repräsentative Anzeigen einiger Großunternehmen:
Etwa: "Bewerbe mich für Ihre Stehle als Verkaufsleiter. Bin 23 Jahre und bin Mitarbeiter einer Wäschefabrikation. Im verkauf an brifate Kunden ... Gehaltswunsch: müste mit Gehalt, Spesen und Provision ein mindest einkommen von DM 1000. Hochachtungsfol ..."
Oder: "Würde mich freuen, meine Leistungen kurzfristig bei bescheidenster Dotierung unter Beweis stellen zu können. Mit Zufriedenheit arbeite ich aber erst ab DM 2000."
Die Zeit
Im deutschen Industriewald: Sag, wo mag das Männlein sein?
Ausschnitt aus einer Braun-Stellenanzeige in der "FAZ": Auf dem Arbeitsmarkt das Credo des Hauses

DER SPIEGEL 32/1964
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