05.08.1964

„NUR GOTT UND DR. MENGELE WISSEN ES“

Als Ruth Iliav*, 41, in Berichten vom Auschwitz-Prozeß in Frankfurt den Namen Josef Mengele hörte, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Die aus Mährisch-Ostrau stammende, heute bei Tel Aviv lebende Jüdin war dem Mediziner aus Bayern auf ihrem Weg durch die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz, Ravensbrück und Buchenwald begegnet, einem Weg, auf dem sie ihre Eltern, Geschwister und ihr neugeborenes Kind verlor. Unter dem Schock der Erinnerung schrieb Ruth Iliav ihre Erlebnisse mit Dr. Mengele auf dreieinhalb Seiten Briefpapier.
KZ Theresienstadt, Dezember 1943 Der gefürchtete Transportzettel erreicht mich. Zu meinem Schrecken stelle ich fest, daß ich schwanger bin. Kein Arzt ist da, der mir helfen kann. Wir verlassen Theresienstadt, und nach zwei Tagen Fahrt, eingesperrt in Viehwaggons, erreichen wir Auschwitz. Wir werden wie Vieh ausgeladen, wie Vieh weitergejagt, von SS-Leuten mit Hunden bewacht. Wir werden gereinigt. Kleider herunter! Haare herunter! Wir werden wie Vieh mit einer Nummer gekennzeichnet.
Ich bin jung und halte durch, doch jeden Morgen werden größere Mengen Leichen weggeschafft. Wir sehen die Gaskammern vor uns und spüren täglich den Geruch verbrannten Fleisches aus den nahen Krematorien. Und das neue Leben in mir bewegt sich.
Mai 1944
Man flüstert sich zu: "Deutschland wird bombardiert, und man braucht Arbeitskräfte für Aufräumungsarbeiten."
Eines Tages - Selektion! Junge kräftige Leute sollen nach Deutschland gesandt werden. Ich bin im siebenten Monat. Man sagt mir: Schwangere Frauen kommen ins Gas. Ich bin doch erst 20 Jahre alt! Ich möchte leben!
Freunden gelingt es, meine Nummer auf die Transportliste für Deutschland zu setzen. Wir Arbeitskräfte, abgemagerte und verhungerte Schatten, werden in das Frauenlager gebracht.
Was wird das Schicksal der Zurückgebliebenen sein? Nur Gott und Dr. Mengele wissen es.
Im Frauenlager eine weitere Selektion. Herr Dr. Mengele wird diesmal persönlich selektieren.
Wir sind nackt und müssen im Gänsemarsch an Dr. Mengele vorbei. Einige junge Frauen haben beschlossen, mich in ihre Mitte zu nehmen, und wollen versuchen, die Aufmerksamkeit Mengeles auf sich zu lenken. Wir nähern uns. Ist es möglich? Dr. Mengele übersieht mich! Ich darf leben? Und das neue Leben in mir bewegt sich.
Nach drei Tagen haben wir unser Ziel erreicht. Hamburg. Schutträumen.
Todmüde fallen wir abends auf unsere Pritschen. Vor Tagesanbruch kommt ein SS-Arzt, um nach eventuellen Kranken zu sehen. Die Blockälteste meldet: "Keine Kranken, nur zwei schwangere Frauen im Block." Der Arzt führt uns sofort zum SS-Kommando ab. Wir bekommen Reiseproviant und verlassen Hamburg. Ziel unbekannt. Wir fahren. Nächste Station ist Ravensbrück.
Wir bleiben hier nur vier Tage, da unsere Nummern angeblich nicht nach Ravensbrück gehören. Wir werden, begleitet von einer SS-Aufseherin, weitertransportiert. Am Bahnhof löst sie Fahrkarten. Wir hören nur ein Wort: Auschwitz.
Damit die Aufseherin uns nicht verstehen kann, sprechen wir Tschechisch. Wir beschließen, uns auf der Toilette den gelben Winkel der jüdischen Häftlinge abzutrennen. Die Aufseherin bemerkt es nicht oder will es nicht bemerken.
In Auschwitz ist Mittagszeit. Nur ein SS-Mann ist in der "Empfangskanzlei". Wahrscheinlich hat er Hunger, sein Verhör ist ganz kurz. Nur vier Fragen:
"Ihr Name?" Ich nenne einen falschen.
"Vater Jude?" - "Nein."
"Mutter Jüdin?" - "Nein."
"Sind Sie Jüdin?" - "Nein."
Hätte er nur meine angsterfüllten jüdischen Augen gesehen!
Wir sind die ersten Menschen, die von einem Arbeitstransport nach Auschwitz zurückkehren. Bis jetzt glaubte man einfach nicht, daß diese Züge ein Ziel haben. Das Ziel hieß bis jetzt nur: Gaskammer.
Die Neuigkeit kommt auch Dr. Mengele zu Ohren. Und bald erhalten wir seinen Besuch. Er kann nicht begreifen, daß er zwei schwangere Frauen bei der Selektion übersehen hat. Er befiehlt uns, auf das Krankenrevier zu gehen und dort die Niederkunft abzuwarten.
Ich warte zehn Tage. Zehn Tage kommt Dr. Mengele, um mich zu besuchen.
Die Wehen setzen ein. Eine Häftlings -Hebamme legt mich auf die Erde und hilft mir bei der Entbindung. Mein erstes Kind. Ein Mädchen. Bin bald 21 Jahre alt. Trotz des Elends regt sich das erste glückliche Muttergefühl in mir. Mein Kind weint, es ist sein erster Laut, und mir weint das Herz. Mein Kind, was wird uns die Zukunft bringen?
Dr. Mengele kommt mich wieder besuchen. Er befiehlt, mir die Brüste abzubinden. Ich darf mein Kind nicht stillen.
Mein Kind weint vor Hunger, es will essen. Ich zerkaue ein Stückchen Brot und stecke es meinem Kind in den Mund. Meine Brüste sind prall vor Milch, ich bin davon bis zum Hals geschwollen. Hohes Fieber schüttelt mich.
Täglich kommt Dr. Mengele, um sich an diesem Anblick zu erfreuen. Nach acht Tagen befiehlt er: "Morgen sind Sie mit Ihrem Kind bereit. Ich komme Sie abholen!" Ja mein Kind, endlich werden wir unsere Qualen los. Die Gaskammer wird uns helfen. Ich weine, ich schreie. Ich weiß, morgen sterben wir.
Eine Fremde setzt sich an mein Bett und redet auf mich ein. Redet, redet, redet. Sie beruhigt mich: "Verzweifle nicht, ich werde dir helfen."
Nachdem die Lichter um neun Uhr abends ausgelöscht wurden, kommt sie wieder, in der Hand eine Injektionsspritze. "Gib das deinem Kind, es ist eine starke Dosis Morphium, und das Kind wird sterben."
"Ich kann doch nicht die Mörderin meines eigenen Kindes sein!"
"Du mußt es tun. Ich bin Ärztin und muß Menschenleben retten. Dein Kind ist nicht lebensfähig, halb verhungert, hat Hungerödeme. Ich muß dich retten, du bist jung."
Nach zweistündigem Widerstand war ich so zermürbt, daß ich die Tat beging. Ja, ich bin Kindesmörderin geworden, Herr Dr. Mengele! Kindesmörderin!
Ich war hysterisch. Die Ärztin redete mir zu. Mein Kind starb langsam, ganz langsam neben mir. Noch immer höre ich sein letztes Stöhnen, seinen letzten Atemzug.
5 Uhr früh. Man sammelt Leichen. Mein Kind wird mit den anderen Leichen fortgeschafft und ins Krematorium gefahren. Ich muß bleiben, denn zum Krematorium ist der Zutritt strengstens verboten. Nur Leichen und Selektierte haben freien Zutritt.
Pünktlich erscheint Dr. Mengele. Ich bin marschbereit.
"Wo ist Ihr Kind?" Müde antworte ich: "Heute nacht gestorben."
"Gestorben? Ich will die Leiche sehen!"
Doch unter Tausenden Leichen einen kleinen, ausgehungerten und mit einer Morphiumspritze getöteten Kinderkörper zu finden, ist sogar für Dr. Mengele, den Allmächtigen, unmöglich.
Er sagt nur: "Da haben Sie mal wieder Schwein gehabt. Mit dem nächsten Transport fahren Sie zur Arbeit."
* Der richtige Name ist von der Redaktion durch ein Pseudonym ersetzt worden.
Mengele-Opfer in Auschwitzt**
** Von Mengele für medizinische Experimente selektierte Kinder.

DER SPIEGEL 32/1964
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