05.08.1964

OLYMPIA-AUSSCHEIDUNGKater in Warnemünde

Lärm drang in der vorletzten Mittwochnacht aus dem Zimmer 42 im Rostocker "Hotel am Bahnhof". Ein Stockwerk darüber konnte der Berliner Journalist Hans-Jürgen Usko kein Auge zutun. Seine gestörte Nachtruhe führte in der Bundesrepublik zur bisher herbsten Kritik am westdeutschen Segelsport. Denn der Lärm stammte von Seglern und Begleitern, die zur Olympia -Ausscheidung gegen die Zone nach Warnemünder gekommen waren.
"Geblieben ist ein handfester Kater", meldete Usko doppelsinnig der "Welt"
als Bilanz der ersten von zwei Segel -Ausscheidungen zur Ermittlung der gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft (die zweite wird vom 1. bis 8. August vor Travemünde gesegelt). Für die olympischen Segelregatten 1960 vor Neapel hatten sich noch in allen fünf olympischen Klassen Boote des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) der Bundesrepublik qualifiziert. Vor Warnemünde gewannen in der vorletzten Woche Zonensegler in drei Klassen.
Zur Erklärung des Mißerfolges der DSV-Schipper - sie siegten nur in zwei Klassen - wurden die alkoholischen Seitensprünge einiger Segler zitiert.
"Am Abend werfen sich die jungen Burschen in ihre eleganten Klubjacken und gewinnen dem Regattaleben die andere Seite ab", schrieb der "Sport-Informations-Dienst" (SID). "Bild" behauptete in Balkenlettern: "Betrunken am Start. Vom Wodka besiegt."
Freilich waren das nach zwei Tagen im Bahnhofshotel ausverkaufte Budweiser Bier, Krimsekt, Wodka und Erlauer Burgunder aus Ungarn nicht die einzige Ursache für das Debakel. Keineswegs alle Segler hatten das Maß überschritten. Doch die Trinkfreudigkeit einiger Drachen-Segler erwies sich als Symptom einer Haltung, von der sich die Einstellung der Zonensegler extrem abhebt.
"Schon das äußere Bild verriet den Unterschied zwischen Ost und West", beobachtete SID-Redakteur Karl-Heinz Cammann. "Hier herrschten Trainingsanzug, Einfachheit und sportliche Solidität vor. Dort bestimmten schnelle Autos, elegante Kleidung und ein fröhliches Treiben die Szenerie."
Als Kollektiv bekämpften die Zonensegler im Warnemünder Revier die DSV-Besatzungen, die nur ihre individuellen Chancen im Auge hatten. So ließ etwa ein Zonenboot ein anderes gewinnen, das in der Gesamtwertung besser placiert war. In verschiedenen Bootsklassen wurden die aussichtsreichsten DSV-Boote von Zollen-Konkurrenten bewacht und - wie es im Seglerjargon heißt - "eingemauert".
Der westdeutsche Segler-Präsident Dietrich Fischer protestierte gegen die "einstudierten Gemeinheiten" und erkannte die Wettfahrten der Finn-Finnghis wegen Team-Segelei nicht an. Doch das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei der Zone, "Neues Deutschland", frohlockte: "In den internationalen Regelbüchern ist von 'Team-Segelei' nirgends die Rede."
Die Team-Segelei, stellte der Schweizer Schiedsrichter Dr. Auer fest, müsse gründlich eingeübt worden sein. Seit dem Frühjahr bereiteten sich die Zonenmannschaften in Trainingslagern sorgfältig vor. Die DSV-Segler trainierten jeder für sich. "Bevor ich in ein Trainingslager gehe, höre ich lieber auf", äußerte der Düsseldorfer Segler Hans Kämmerer.
Die Zonenvertreter - sie waren wochenlang von allen beruflichen Pflichten entbunden - entwickelten dagegen das Segeln zum Mannschafts- und zum Kampfsport. "Das Hochleistungssegeln heute", vergleicht der Hamburger Starboot-Segler Paul ("Bimmy") Fischer, "unterscheidet sich von früher wie das Atomtennis der Australier vom Tennis zu Zeiten von Cramms."
Die unterschiedliche Einstellung wirkte sich nicht nur auf der Regattabahn aus. "Wer segelt", schrieb die "Hamburger Morgenpost", "will Freude haben - nicht nur auf dem Wasser. Wer Segeln als Kampfsport erwählt, wird dem fröhlichen Treiben entsagen müssen."
Die Konkurrenten aus der Zone verzichteten auf fröhliches Treiben. Sie suchten frühzeitig ihre Kojen auf und leerten kaum mehr als eine Flasche Bier. Währenddessen feierten einige Westberliner, angefeuert von dem mitgereisten Berliner Karnevalsprinzen Stegenwallner, bei Wodka im Hotel. In der Rostocker "Atlantik-Bar" ließen sie Krimsekt auffahren und gaben Twisteinlagen auf dem Tanzparkett. Drachen -Segler Kuke aus der Berliner Segler -Familie schwadronierte: "Die Bucht habe ich schon gekauft. Jetzt kaufe ich die Bar."
Dem Berliner Journalisten Usko, der über die Vorfälle - allerdings verallgemeinernd - in der "Welt" berichtet hatte, kündigten die Segler Reich und Kadelbach Strafantrag wegen übler Nachrede und Verleumdung an.
Gegen das aufziehende Unwetter nahm auch DSV-Präsident Fischer seine Segler in Schutz. "Es kann keine Rede davon sein, daß Segler volltrunken an Bord gingen."
Die Niederlagen trinkfester Individualisten gegen das Zonen-Kollektiv beurteilte Fischer mit Resignation: "Bisher hat es gereicht - jetzt eben nicht mehr."
Drachen-Segler Kuke (l.): Wie beim Karneval

DER SPIEGEL 32/1964
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