19.08.1964

TÜBINGENBlick zurück

Zwanzig Jahre lang verstaubte das ungerahmte Werk eines unbekannten Meisters in einem Kellergelaß der Universität Tübingen, ehe es die Studentenzeitung "Notizen" ans Licht der Öffentlichkeit und in ihrer Nummer 53 auf den Titel brachte: Seine Magnifizenz Professor Dr. Hermann Hoffmann Ordinarius für Psychiatrie und Tübinger Rektor der Jahre 1938 bis 1944, in der Uniform eines SA-Führers mit Hakenkreuz-Armbinde, NS-Orden und Rektor-Amtskette großformatig in Öl gemalt.
Hoffmann starb kurz nach Kriegsende. Doch sein Konterfei aus heroischer Zeit - von Studenten auf noch ungeklärte Weise aufgestöbert - diente den "Notizen" als Aufhänger für provokante Betrachtungen über "Tübingens unbewältigte Vergangenheit" und über "Die braune Universität".
"Notizen"-Chefredakteur Hermann L. Gremliza, 23: "Als zu Beginn des Jahres 1933 die nationalsozialistische Bewegung die Macht ergriff, zeigten die Universitäten nicht den geringsten Widerstand. Auch in Tübingen fiel der Lehrkörper der Universität sofort in Gleichschritt."
Und die braune Vergangenheit, so der Jung-Politologe Gremliza, sei mitnichten bloße Historie: "Die aktivste Gestalt in Tübingens früher NS-Zeit, Volkskundler Professor Bebermeyer, lese noch immer an der Universität Tübingen. Auch der Professor Eißer - bis zu seinem Tode in diesem Jahr Tübinger Ordinarius für römisches, bürgerliches und Handelsrecht - sei einer jener Professoren gewesen, "die es sich nicht nehmen ließen, ihre Lehr- und Forschungstätigkeit in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie zu stellen". Gremliza: "Leider sind die Bebermeyers und Eißers ja keine Einzelfälle."
Tübingens akademische Welt war schockiert. Das wegen seiner Mäkelei an Mißständen einzelner Fakultäten, Institute und Seminare beim Lehrkörper ohnehin unbeliebte Blatt geriet nun auch ins Schußfeld jener Professoren, die bis dahin von den "Notizen" nicht zur Notiz genommen worden waren:
- Professor Steindorff in einer Vorlesung: "Die ,Notizen' schütten Kübel voll Jauche über die Universität."
- Professor von Engelhardt, bis zum Frühjahr Rektor der Universität: "Ich habe den Eindruck, daß die Mitarbeiter der 'Notizen' emsig darum bemüht sind, ,Material' zu sammeln gegen einzelne Professoren oder Fakultäten, um in jeder Nummer mit besonders interessanten 'Enthüllungen' aufzuwarten."
- Professor Baumann: "Besinnung ja, Bilderstürmerei (gegen nie aufgehängte, ungerahmte) nein."
Baumann stellte dem nach Professorenbräune fahndenden Studentenblatt als erster die Gegenfrage, wie es denn seinerzeit mit der Färbung der Studentenschaft ausgesehen habe. "Bezeichnend" für die damaligen Verhältnisse sei doch zum Beispiel gewesen, daß "schon am 7.2.33 der AStA (Allgemeiner Studentenausschuß) in Tübingen mit allen gegen eine Stimme einen Professor aufforderte, seinen jüdischen durch einen 'deutschen' Assistenten zu ersetzen".
Die "Notizen" faßten diesen Einwand als Anregung auf. Ausgabe 54 erschien mit dem Titelmotto "Im Dritten Reich Student in Tübingen". Blickfang auf Seite eins: ein 19 mal 19 Zentimeter großes Hakenkreuz.
Der jungen Männer Blick zurück im Zorn fand Beifall: Denn kaum waren die ersten Hakenkreuz-"Notizen" erschienen, meldeten sich Studenten mit Flugblättern zu Wort und verlangten: "Wir wollen von der Universität ein klares Wort zu den Grundsätzen, nach denen bei der Wiedereingliederung bzw. -berufung von belasteten Professoren ... verfahren worden ist."
An Stelle 'der Universität, gaben sieben renommierte Tübinger Hochschullehrer den Fragenden zunächst zur Antwort, "die strengen Grundsätze" der "anfänglichen Entnazifizierung" hätten sich "auf die Dauer nicht aufrechterhalten (lassen)", und man sei eben in Tübingen wie anderwärts "Irrtümern und Fehlentscheidungen nicht entgangen". Die Tübinger Sieben - unter ihnen der jetzige Rektor, Professor Diem - empfahlen zugleich: "Wir halten es für eine wichtige Aufgabe der Universität, sich in den kommenden Semestern stärker als bisher mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen."
Und zum Ende des Sommersemesters verkündete dann die Universität amtlich, schon im nächsten Semester werde die "wichtige Aufgabe" der Vergangenheitsbewältigung im Vorlesungsverzeichnis Aufnahme finden:
Seine Magnifizenz Professor Diem, der emeritierte Historiker Rothfels, der Politologe Eschenburg, die jugendlichen Professoren Dahrendorf und Jens sowie weitere Ordinarien klangvollen Namens und ungebräunter Weste wollen sich an der ersten Ringvorlesung deutscher Professoren über Antisemitismus, NS-Geschichtsklitterung, NS-Volksideologie, NS-Kunst, über Universitätsleben vor und Rechtsleben nach 1933, über Euthanasie, Sterilisation, Entnazifizierung und andere einschlägige Themen beteiligen.
Der Tübinger AStA kommentierte, mit dieser Vorlesungsreihe werde hoffentlich "die notwendige sachliche Diskussion um die Rolle unserer Universitäten im Dritten Reich ... auf eine fruchtbare Weise fortgesetzt".
Studiker Gremliza aber - inzwischen Gasthörer an der Berliner Freien Universität - hält diese Entwicklung für sein persönliches Verdienst. Triumphierend verkündete er im Hinblick auf die Rolle seiner "Notizen: "Ich habe, was früher ein reines Amüsierblättchen war, zu einem Machtmittel der studentischen Selbstverwaltung gemacht."
"Notizen"-Titel 53
Ein verstaubtes Bild ...
"Notizen"-Titel 54
... beschwor die Vergangenheit

DER SPIEGEL 34/1964
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