19.08.1964

HOCH ÜBER GRAB UND GRAM UND TOD UND QUAL

Der Schriftleiter ... wird insonderheit verpflichtet, aus den Zeitungen alles fernzuhalten, was ... geeignet ist, die Kraft des Deutschen Reiches nach außen und innen, den Gemeinschaftswillen ... die deutsche Wehrhaftigkeit, Kultur oder Wirtschaft zu schwachen oder die religiösen Empfindungen zu verletzen ..
Aus dem Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933.
Eine neue Zeitung erscheint*
An einem Wochenende großer Siege,
die Hitlers Herrschaft auf dem Kontinent zu festigen schienen, genau: am 26. Mai 1940, präsentierte sich an den Kiosken in Deutschland eine neue Zeitung. Die Kopfleiste zierte die Quadriga des Brandenburger Tores und der Titel in großen Antiquabuchstaben: DAS REICH - Deutsche Wochenzeitung. Format und Umfang waren ungewöhnlich, der Umbruch modern, auf Klassizität gestellt. Auffällige Bilder zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Fast die Hälfte des Blattes füllte ein sorgfältig redigiertes Feuilleton unter der Überschrift "Literatur, Kunst, Wissenschaft".
Noch überraschender war die Liste der Mitarbeiter, in der Mehrzahl bürgerliche Journalisten, die man von den großen liberalen und konservativen Zeitungen her kannte: Paul Scheffer, Fritz von Globig, Sigurd Paulsen und Ernst Samhaber als Auslandskorrespondenten, im Feuilleton Karl Korn und Werner Oehlmann, im Wirtschaftsteil John Brech und Hans Otto Wesemann. In den folgenden Nummern wurde die Liste noch respektabler. Schließlich gab es fast keinen angesehenen Journalisten, der nicht in der neuen Zeitung schrieb. Die erkennbaren Nationalsozialisten blieben in der Minderzahl. Das Impressum verzeichnete als Hauptschriftleiter: Dr. Eugen Mündler.
"Das Reich sieht die Welt von hoher Warte", verkundeten die Plakate und Wochenschriften in den nächsten Wochen. Der Ton des neuen Wochenblattes war weltläufig, europäisch: Das Reich als Ordnungsmacht in Europa, der Staat Hitlers als Erbe und Erneuerer imperialer Größe. Die Schlagzeilen hießen: "Auf dem Weg zur Neuordnung", "Die Raumrevolution", "Die große Lösung". Bald konnten deutsche Soldaten die Zeitung in Paris, Oslo, Belgrad und Athen kaufen. Die Feldpost verschickte sie nach Kirkenes, in die Wüste von Tobruk und in die Kalmückensteppe. Maschinen der Lufthansa brachten sie an jedem Wochenende nach Madrid und Stockholm, wo sie, so sagte man, nicht nur von der deutschen Kolonie gelesen, sondern auch von der Britischen und der Amerikanischen Botschaft gehalten wurde.
Die Papierknappheit ließ den Umfang der "Deutschen Wochenzeitung" zwar wieder zusammenschrumpfen, aber die Auflage stieg rapide. Bereits im Oktober erreichte sie 500 000 Exemplare. Im März 1944 war sie bei 1,421 Millionen angelangt, dicht hinter der Gesamtauflage des "Völkischen Beobachters", der
von Pflichtbezug und Parteiamtlichkeit lebte. Als die Schlagzeilen "In nationaler Notwehr" und Widerstand um jeden Preis" lauteten, war die Wochenzeitung "Das Reich" zum Leib- und Magenblatt der bürgerlichen Intelligenz und zur meistgelesenen Zeitung im Offizierskorps geworden. Nicht nachprüfbare Zahlen behaupten, daß es allein in der Schweiz 50 000 Abonnenten hatte.
War das mit Intelligenz und Können gemachte, so erstaunlich erfolgreiche Blatt die geschickte Erfindung des Mannes, der zuerst- sporadisch, dann regelmäßig die Leitartikel schrieb? War es das Trojanische Pferd des "Reichsministers Dr. Goebbels", wie er seine Artikel zeichnete, um die bürgerliche Intelligenz und die Neutralen zu gewinnen? Die Vorliebe des Propagandaministers für journalistische Virtuosität - wie man weiß, schnitt er sich in der "Kampfzeit" besonders gelungene Artikel des "jüdischen" "Berliner Tageblattes" mit der Nagelschere aus und verwahrte sie säuberlich in einer Mappe - legte die Vermutung nahe. Sie traf aber nicht zu.
Rienhardt und das "Verwaltungsamt"
Überraschend wenig, und dann nur Ungenaues, ist über das Schicksal der bürgerlichen Presse im Dritten Reich bekannt. Es ist nicht verständlich ohne Kenntnis der Person des "Reichsleiters für die Presse der NSDAP" Max Amann, vor allem aber nicht ohne Kenntnis eines Mannes, von dessen Rolle bis heute wenig bekanntgeworden ist: des Stabsleiters in Amanns "Verwaltungsamt", Rolf Rienhardt.
Amann, Hitlers Feldwebel im königlich-bayrischen Infanterieregiment List, war dem ehemaligen Untergebenen und "Propaganda-Sonderführer" der Münchner Reichswehrdivision 1919 im Konventikel der "Deutschen Arbeiterpartei" wieder begegnet und hatte dieser Begegnung den Aufstieg zum mächtigsten Verlags- und Pressefunktionär im Dritten Reich zu verdanken - nicht minder allerdings deinen robusten Managerfähigkeiten.
Der hartköpfige, in ökonomischen Dingen schlaue Bayer, der zunächst Buch und Kasse der Partei führte, verstand es, wirtschaftliche Macht zu akkumulieren. Er sanierte den "Völkischen Beobachter", vormals "Münchener Beobachter und Sportblatt", der sich bis dahin mühsam von patriotischen Spenden genährt hatte, und brachte in dem angeschlossenen Verlag des verstorbenen Redakteurs Franz Xaver Josef Eher 1921 die Buchproduktion in Gang, die bald florierte. "Niemand erhielt eine Anstellung aufgrund seiner Parteizugehörigkeit allein", schrieb Hitler über die Praktiken seines neuen Geschäftsführers lobend in "Mein Kampf". "Es wurde gearbeitet wie in einem Privatbetrieb: Das angestellte Personal hatte sich durch Leistung auszuzeichnen und konnte sich keineswegs nur auf die berühmte ,Gesinnung' berufen."
Wie Amann "geistige Arbeit", auch wenn sie die geheiligten Güter der Ideologie betraf, einschätzte, zeigt eine Bemerkung über seinen Hauptschriftleiter, den Chefideologen Alfred Rosenberg. "Do hockt er wiader, der narrete, hochnäsige, überkandidelte Tropf. Schreibt Werke ... der Bohem! Sollt liaber a guate Zeitung mach'n", sagte er zu dem ehemaligen Hamburger Gauleiter Krebs verächtlich, als er den Verfasser des "Mythus" wieder schriftstellernd hinter den Scheiben des Münchner Cafés Odeon entdeckte.
Von der soliden Basis des Eher-Verlages aus - das Unternehmen produzierte in knapp zwanzig Jahren in 1247 Erst- und 2045 Neuauflagen insgesamt
132 Millionen Bücher und Broschüren darunter allein über sechs Millionen Exemplare von Hitlers "Mein Kampf" - kaufte Amann nach 1933 offen oder verschleiert Buch- und Zeitungsverlage auf: den Ullstein-Verlag, später Deutscher Verlag, Langen-Müller, die Deutsche Verlagsanstalt mit dem zwangsweise angegliederten Rowohlt-Verlag; von den Zeitungsverlagen soviel, daß er zuletzt 82,5 Prozent der Gesamtauflage der deutschen Tageszeitungen kontrollierte. Das Haus Mosse, der Verlag Knorr & Hirth mit den "Münchner Neuesten Nachrichten" und dem bald gezähmten "Simplicissimus", die Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH und Broschek & Co. in Hamburg gerieten, wie viele andere, unter seinen Einfluß.
Bei den Zeitungen arbeitete Amann die Panik des Umbruchs in die Hände - ein Vorgang, über den die Restitutionsprozesse nach dem Kriege kaum ein klares Bild hinterließen. Sie erfaßte nicht nur die liberalen Blätter, sondern auch die bürgerlich-nationalen Zeitungen. Wer gestern noch auf Hugenberg oder Seldte geschworen hatte, fürchtete- nun existenzgefährdenden Leserschwund. Es begann ein heftiger Wettlauf nach dem Hoheitszeichen im Zeitungskopf, "nicht allein als Schutz vor den Parteizeitungen, sondern auch, und das besonders, um den bürgerlichen Konkurrenten zu überrunden", wie ein naher Beteiligter bemerkte.
Amanns Helfer in diesen Tagen war ein findiger und diskreter Mann, der Bürgermeister a.D. Dr. h. c. Max Winkler, ehemaliger Postsekretär und Ehrenbürgermeister von Graudenz, der bereits als Demokratischer Abgeordneter im Preußischen Landtag Reptilienfonds für Grenzlandzeitungen verwaltet hatte.
Winkler, der später im Kriege die Treuhandstelle Ost leitete und ebenso tüchtig die polnischen Vermögen umschichtete, war ein Meister verschleierter Verlagskonstruktionen. Er entwikkelte ein System von Auffang- und Holdinggesellschaften, die unverfänglich Cura, Cautio, Phönix, Vera, später unter Rienhardt Herold und Standarte hießen. Ein von Hitler bewilligter Reichskredit von 30 Millionen Reichsmark stand ihm als Operationssumme zur Verfügung.
Tantiemen, Vergütungen, Gehälter. Dividenden aus diesen "Treuhänderschaften" und Anteilen brachten Amann ein ansehnliches Vermögen ein, von dem er trotz teilweiser Konfiszierung noch zehrte, bevor er in den fünfziger Jahren starb, als "ehemaliger Reichsleiter" und "versehen mit den Sterbesakramenten der katholischen Kirche", wie die Traueranzeige vermerkte.
Zur wirtschaftlichen Konzentration hatte Amann freilich auch Ämter gehäuft: das Amt des "Reichsleiters für die Presse der NSDAP", das ihm Vollmacht über die gesamte parteiamtliche und parteieigene Presse gab, das Amt des "Präsidenten der Reichspressekammer", das ihm Verfügung über 14 Reichsverbände und -fachschaften erlaubte, vom Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger über die Hauptfachschaft der kirchlich-konfessionellen-Presse bis zum Reichsverband der Bahnhofsbuchhändler. Damit besaß er eine Machtfülle, die ihm eine eigene Pressepolitik erlaubte.
Die Konzeption, sie zu benutzen, lieferte jedoch ein anderer: der junge Rechtsanwalt Rolf Rienhardt. Rienhardt, Sohn eines sächsischen Superintendenten, war als Student in München der NSDAP beigetreten und mit Gregor Strasser bekannt geworden. Er wurde Rechtsberater des Eher-Verlages, dessen prominente Autoren er vertrat. Im Frühjahr 1933 holte Amann den noch nicht Dreißigjährigen als "Stabsleiter", nach nationalsozialistischer Hierarchie im Range eines "Stellvertretenden Gauleiters", in sein Amt. Arbeitsbesessen und organisatorisch befähigt, baute Rienhardt in Berlin einen Stab aus, der das Amannsche Verlagsimperium - diese Mischung aus Wirtschaftsinteressen, Parteifunktionen und Standesvertretung - steuerte: das legendäre Verwaltungsamt", zuerst in der Potsdamer Straße, dann in der Spee-Straße.
Rienhardt war - wenn diese Bezeichnung nicht paradox ist - ein "aufgeklärter Nationalsozialist". Seine Vorstellungen, eher eine bürgerliche Variante der "Idee", ähnelte der "bourgeoisen Abweichung" Gregor Strassers in der letzten Phase: Öffnung zur rechten Mitte, eine Art autoritärer Ständestaat, Ablehnung der Münchner "faschistischen Richtung", dafür eine Art Senat, der den Führer der Partei bei dreimaligem Veto absetzen kann, Privateigentum und "positives Christentum", wie es im Parteiprogramm stand.
Noch im Kriege, dessen Aussichten er pessimistisch einschätzte, versuchte Rienhardt, verdiente alte Kämpfer in hohen Positionen zu einer parteiinternen Opposition zu bereden, die Hitler "im geeigneten Zeitpunkt" von seinen "Irrwegen" abbringen sollte. Es war jedoch kein Widerstand, der an die Grundlagen rührte wie bei den ehemaligen Nationalsozialisten Rauschning, Schulenburg und Helldorf; man wollte nur "Fehler", "falsche Ratgeber" beseitigen. Den nihilistischen Kern der nationalsozialistischen Herrschaft mag Rienhardt sich, wie so viele andere, bis zum Ende idealistisch verschleiert haben.
Nach dem Sturz des "Verräters"
Strasser im Dezember 1932 war Rienhardt bei Hitler persona ingrata. Am
30. Juni 1934 schützte ihn Amann, dem die verbindliche Intelligenz seines Mitarbeiters inzwischen unentbehrlich war. Das Verhältnis zwischen dem ellenbogenkräftigen Manager und dem intellektuellen Urheber seiner programmatischen Reden und Erlasse - Rienhardt verfaßte in dieser Zeit fast alle wichtigen Schriftstücke Amanns - blieb ambivalent; es endete im November 1943 abrupt, als Rienhardts Politik Amann unvorteilhaft exponierte.
Der vergebliche Versuch im Sommer 1943, die "Frankfurter Zeitung" zu retten, eine Beschwerde des Rüstungsministers Speer über die kräfteverschwendende "Vielfalt" der deutschen Presse im vierten Kriegsjahr waren auslösende Faktoren. Den letzten Anstoß gab eine Weigerung Rienhardts, den Namen eines pessimistischen Generals preiszugeben, der um die Vermittlung seiner Kritik an die allerhöchste Adresse gebeten hatte.
"Sie haben das Gerechtigkeits- und Sittlichkeitsgefühl eines evangelischen Popen", herrschte Amann ihn an und schickte ihn, Ultima ratio des ehemaligen königlich-bayrischen Offiziers -Stellvertreters, zum Militär: "Damit Sie endlich lernen, was Disziplin ist, werden Sie Soldat." Rienbardt, bis dahin ungedient, rückte als Panzergrenadier in die Leibstandarte "Adolf Hitler" ein, wo er nach einem Befehl des verhaßten Himmler so einzusetzen war, "daß er das Weiße im Auge des Feindes erblickt".
Pressepolitisch hatte Rienhardt die Idee einer geistigen Vertiefung des Nationalsozialismus" bald in Kontakt mit qualifizierten Berufsjournalisten geführt. Was ihm vorschwebte und was er mit Zähigkeit verfolgte, war eine Art Umfunktionierung der renommierten bürgerlichen Presse auf die Bedürfnisse des nationalsozialistischen Staates ohne Einbuße an Qualität und wirtschaftlicher Rentabilität.
Die Konkurrenz gesunder Privatzeitungen, so hoffte er, würde auch das Niveau der Parteipresse heben, deren publizistische Leistung und kaufmännische Führung zwar ständig vom "Verwaltungsamt" überwacht wurden, aber häufig noch beklagenswert im argen lagen: Die Gauleiter und alten Kämpfer als Herausgeber und Redakteure waren Belehrungen nicht besonders zugänglich.
Aus den Kontakten wurde ein regelmäßiger Austausch mit Karl Silex von der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" und Rudolf Kircher, später auch mit Wendelin Hecht und Erich Welter von der "Frankfurter Zeitung".
Es war ein Handel auf Gegenseitigkeit, allerdings mit verschiedenen Absichten: Die beiden renommierten Blätter lieferten guten Journalismus alter Schule und hofften, eine Tradition zu retten. Rienhardt lieferte Protektion und Spielraum und versprach sich davon, der neuen Sache die Qualität nutzbar zu machen. Die Protektion ging so weit, daß die halbjüdischen und jüdisch verheirateten Redakteure der "Frankfurter Zeitung" - Wilhelm Hausenstein, Erich Lasswitz, Benno Reifenberg, Dolf Sternberger - entgegen den Bestimmungen des Schriftleitergesetzes bis zum Mai 1943 weiterarbeiten durften, ebenfalls der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Otto Suhr, der nicht in die Schriftleiterliste eingetragen war.
Diskret wurden auch die Besitzverhältnisse geändert. Die "Deutsche Allgemeine Zeitung" kam nach dem Zerfall der "Buch- und Zellstoffgewerbe Hugo Stinnes GmbH" schon bald an den Amann-Konzern und wurde von Rienhardt schließlich in die unmittelbare Obhut des Deutschen Verlages genommen. Die "Frankfurter Zeitung", deren Mehrheitsanteile sich seit Anfang der dreißiger Jahre indirekt im Besitz der IG-Farben befanden, wurde aus Gründen der Tarnung nach beiden Seiten von der "Rheinischen Verlagsanstalt" gekauft, einem Deckunternehmen des "Verwaltungsamtes" zum Aufkauf von katholischen und Lokalzeitungen. Schließlich verbot das alte, liberale Blatt der, dem es inzwischen "gehörte": Rienhardt hatte - höchst paradoxer Einfall - die "Frankfurter Zeitung" am 20. April 1939 durch Amann bei der nächtlichen Gratulationscour Hitler zum Geburtstag "schenken" lassen, um dessen Groll gegen das "sogenannte Intelligenzblatt" der "geistigen Halbwelt" zu besänftigen. Hitler, der das "Geschenk" zwischen Rosen und Geburtstagsgästen nur mit süßsaurer Miene annehmen konnte, hatte der Zeitung in "Mein Kampf" immerhin fast drei Seiten gewidmet, in denen "ein Geseires von schönen Tönen" und "straflose Volksbelügung" noch die geringsten Schmähungen waren.
Teils aus internen Machtgründen, teils in der richtigen Einsicht, daß eine zu starke Reglementierung zu journalistischer Lustlosigkeit führen müsse, hatte Rienhardt auch gegen das Schriftleitergesetz von 1933 opponiert, das den Verleger von der Verantwortung für den Zeitungsinhalt ausschaltete, den nunmehr "unabhängigen" Schriftleiter aber um so enger an die "höheren Zwecke der Allgemeinheit und des Staates", konkret: an die Kontrolle durch das Propagandaministerium band.
Auch Goebbels, der stolze Erfinder des Gesetzes, wollte die Presse "monoform im Willen, aber polyform in der Ausgestaltung des Willens". Er schätzte die lähmende Wirkung so stupider Sprachregler wie Alfred-Ingemar Berndt und Sündermann, die später direkt oder indirekt das Instrument der "Reichspressekonferenz" in die Hand bekamen, aber falsch ein.
"Es fehlt an einem lebhaften Zustrom fähigster Köpfe ... zu einem Berufe, der keine Anziehungskraft mehr auszustrahlen scheint", beklagte sich Rienhardt im Dezember 1937 in einer grundsätzlichen Denkschrift über die Situation der deutschen Presse. Wer in der Eigenarbeit eine Existenzgefahr erblicken müsse", könne keine gute, lesenswerte Zeitung machen. Der staatspolitische Wert einer Zeitung bemesse sich aber "nicht nach dem Interesse des Staates an der Zeitung als vielmehr dem des Lesers an ihr".
Die Denkschrift, an Goebbels gerichtet, der sie Hitler weitergeben sollte, ist ein interessantes Dokument. (Eine zweite, offenbar noch schärfer gefaßte vom Frühjahr 1938 ist nicht erhalten.)
Da das Wesen der Presse der Wille zur Publizität sei, argumentiert der Verfasser, müsse auch die nationalsozialistische Staatsführung den Mut zur Publizität aufbringen. Rienhardt schlug eine regelmäßige "Pressekonferenz des Führers", eine Reorganisierung der "Reichspressekonferenz" zugunsten sachlicher Information durch die Fachministerien, Erlaubnis zur Kritik hochgestellter Persönlichkeiten und mehr Spielraum für die Diskussion politischer Entscheidungen vor - "mit Ausnahme der großen politischen Entscheidungen des Führers".
Die Freiheiten sollten den Zeitungen allerdings strikt "nach dem Leistungsgrundsatz" gewährt werden. Das Datum der Denkschrift läßt darauf schließen, daß es Rienhardt auf eine Liberalisierung noch vor Amtsantritt des Reichspressechefs Dietrich und seines Stabsleiters Sündermann ankam.
Die Denkschriften und Interpellationen führten zu nichts. Ein Arbeitskreis von Zeitungswissenschaftlern und Verlegern, der Rienhardts Thesen wissenschaftlich untermauern sollte, löste sich wieder auf. Die "Frankfurter Zeitung" und die "Deutsche Allgemeine Zeitung" blieben auf ihren traditionellen, ohnehin "reaktionären" Leserkreis beschränkt. So lag es nahe, gestützt auf die Amannsche Hausmacht, an die Gründung einer eigenen Zeitung zu denken. Rienhardt stellte sich eine große, allgemeine Zeitung für Deutschland vor, ein "überparteiliches" Intelligenzblatt im Einparteienstaat, das Maßstäbe setzte.
Idee und Gründung
Daß sie die Form einer anspruchsvollen Wochenzeitung annahm, war die Idee eines jungen Juristen in Rienhardts "Verwaltungsamt", des Assessors, persönlichen Referenten und späteren Geschäftsführers des "Reichsverbandes der Deutschen Zeitungsverleger", Carl Anders. Anders, Korpsstudent preußisch-konservativer Herkunft, hatte englische Wochenzeitungen studiert, darunter den "Observer", und kam im Oktober 1939 mit dem Vorschlag, so etwas solle man machen.
Das Photo in dem ungezeichneten Nachruf in der "Reich"-Nummer vom 21. Juni 1942 zeigt ein schmales, sehr junges, etwas unscheinbares, verschlossenes Gesicht; so erinnert sich auch Karl Korn an ihn, der Anders in einer der Gründungskonferenzen traf, ohne daß jemand etwas über die Funktion des schweigsamen Zuhörers wußte. Auch später blieb der bestimmende Einfluß von Anders auf die neue Gründung unbekannt, obwohl der Nachruf, den offenbar Rienhardt selber verfaßte, eindeutig darauf hinweist.
Im nächsten halben Jahr arbeiteten Anders, Rienhardt und Rudolf Sparing, Leiter der Abteilung "Schriftleitung" im "Verwaltungsamt", ein detailliertes Redaktionsprogramm aus. Der eine oder andere aus Sparings Abteilung, dem Kontrollorgan für publizistische Leistung, mag noch gehört worden sein. Das Grundprinzip war: Eine Wochenzeitung von hohem Niveau, in der "die besten Köpfe der Nation die wichtigsten Fragen der Nation" abhandeln sollten; qualifizierte Auslandskorrespondenten, um möglichst viel Information zu bieten; starkes Feuilleton, das der Sonntagsausgabe der "Frankfurter Zeitung" Konkurrenz machen konnte Wahl der Mitarbeiter ausschließlich nach ihrer Qualifikation ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit.
Der Leitartikel sollte das Prinzip widerspiegeln: Über das jeweils aktuelle Thema der Woche sollte der jeweils Kompetenteste schreiben, nicht nur Mitglieder der Redaktion, sondern auch Historiker, Schriftsteller, Diplomaten, Militärs. Als wichtigster Punkt schließlich: Befreiung der Zeitung, die "Tagesparole" des Reichspressechefs zu beachten; dafür ein möglichst kurz geschlossenerKontakt zu hohen und höchsten Staats- und Parteistellen, um informiert zu sein. Auf der Liste von etwa zwölf Titelvorschlägen stand wahrscheinlich auch der Titel "Deutsche Zukunft". Vorschlag Nummer eins war der Titel "Das Reich".
Der Plan fand in einem umfangreichen Schriftstück seinen Niederschlag und wurde von Amann als erfolgversprechendes Verlagsobjekt gebilligt. Er hatte nun die zwei schwierigsten Klippen zu passieren: die Genehmigung des Sonderstatuts durch Goebbels und seinen Staatssekretär Dr. Otto Dietrich, der über seine Kompetenzen als oberster Sprachregler eifersüchtig wachte.
Rienhardts Unterredung mit Dietrich war kurz. Der etwas eitle, nicht sehr bedeutende Mann, Schwiegersohn des Verlegers der "Rheinisch-Westfälischen Zeitung" und ehemaliger Syndikus des Stahlwaren-Syndikats, der jetzt meist in Hitlers Hauptquartier lebte und sich den großen Entscheidungen der Zeit nahe fühlte, fand die Beschäftigung mit einer neuen Zeitung angesichts so großer Ereignisse eigentlich eine Zumutung". Da er aber allem Neuen aufgeschlossen sei, wolle er auch dieser Neugründung seine Unterstützung nicht versagen.
Interessanter war die Reaktion von Goebbels. Darüber schreibt Rienhardt: "Dr. Goebbels unterrichtete ich von dem Programm. Er bat, das Manuskript einsehen zu dürfen. Am nächsten Morgen rief er mich an und sagte mir, daß er das Redaktionsprogramm ... in der Nacht ,gefressen' habe. Er sei davon begeistert. Einzelheiten wollte er mir in einer Unterhaltung sagen."
Sie fand bald danach statt. Den favorisierten Titel "Das Reich" fand Goebbels unglücklich, er sei zu offiziös. Rienhardt beharrte mit dem Hinweis darauf, daß die Angelsachsen "The Reich" schrieben, wenn sie Deutschland und die Deutschen meinten. Es ist möglich, daß die Vignette mit der Quadriga des Brandenburger Tores, die auf der Probenummer vom 15. März 1940 noch fehlt, im Laufe dieser Diskussion gezeichnet wurde.
Die anderen Einwände waren unwesentlich bis auf einen, der allerdings folgenreich war. Der Propagandaminister bat, die Leitartikel selber schreiben zu dürfen Rienhardts ablenkender Hinweis, möglichst der fachlich Kompetenteste solle schreiben, löste nur die heikle Gegenfrage aus, was er denn in der Politik für Kompetenz halte. Auch die Erwähnung des eben noch gerügten offiziösen Eindrucks fruchtete nichts. Aus welcher Notwendigkeit auch immer - Rienhardt gab schließlich nach; er mochte sich für dieses Zugeständnis besondere Protektion erhoffen und hatte darin auch nicht unrecht. Seine Bitte, dann wenigstens nur sporadisch und unter Pseudonym zu schreiben, wurde später ebensowenig beachtet; der "Deutsche Verlag" schloß mit Goebbels einen Vertrag, der ihm den wöchentlichen Artikel mit 2000 Reichsmark honorierte, und vom Dezember 1940 an brachte der Amtsbote vom Wilhelmplatz fast jeden Montagvormittag das sorgfältig redigierte Manuskript.
Die vielgerühmte Brillanz der Artikel ist heute nur noch schwer zu entdecken; es war wohl die suggestive, demagogische Vereinfachung, die gewirkt haben muß, die predigerhaft-eiternde, leicht sentimentale, leicht zynische, hemmungslose Bestätigung der eigenen Sache.
Der Vorgang zeigt zweierlei: Einmal, daß der Propagandaminister die Wirkung des Instruments, das ohne sein Zutun entstanden war, wohl einzuschätzen wußte. Das ominöse, unter den "Reich"-Mitarbeitern später vielkolportierte Wort: "Man kann auch mit der Wahrheit Propaganda machen!" hat hier vermutlich seinen Ursprung. Zum anderen, daß es Goebbels offensichtlich schmeichelte, in einer illustren Gesellschaft begabter Journalisten schreiben zu können. Endlich hatte er die Plattform, sich als Mann von Welt, als Staatsmann, als Schriftsteller vernehmbar äußern zu können - vernehmbar auch in der neutralen und sogar in der feindlichen Welt.
Daß diese Hoffnung nicht trog, zeigen die hohen Abonnentenzahlen in der Schweiz und die (wenigen) Polemiken mit deutschen Zeitungen, auf die sich Churchill im Kriege einließ. Sie galten Äußerungen im "Reich".
Das durch diesen Eingriff leicht aus der Bahn gelenkte Projekt konnte nun in das Stadium der Verwirklichung treten. Als Verlag sah Rienhardt den "Deutschen Verlag" vor, das traditionsreiche, im Juni 1934 von Dr. h. c. Winkler an den Amann-Konzern "überführte" Haus Ullstein, in dessen Aufsichtsrat nun sowohl Amann wie Rienhardt und Winkler saßen. Der in der Lancierung eines Intelligenzblattes seit der "Vossischen Zeitung" versierte Verlag besaß eine ungeschmälerte technische Kapazität, unübertreffliche Vertriebsmöglichkeiten und genügend finanzielles Polster für die hohe Anfangsinvestition.
Als Anfangskapital wurde eine Summe um zwei Millionen Mark genannt; bei 150 000 Auflage sollte sich das Blatt tragen. In diesem Punkte - auch das Papier wurde danach disponiert - verschätzten sich die Initiatoren am meisten. Die Auflage betrug am Ende das Zehnfache.
Die Typographen des Hauses und die Experten des "Verwaltungsamtes" entschieden sich für ein großes Weltblattformat, das stark vom Optischen hei, durch ungewöhnliche, großflächige Bilder wirken sollte. Als Schrift wurde, durchaus unüblich damals, auch für den Textteil Antiqua gewählt. Betrachtet man heute "Die Zeit" oder die Tiefdruckbeilage der "Frankfurter Allgemeine Zeitung", findet man interessante Parallelen. Es blieb die Wahl des Hauptschriftleiters und der ersten Mitarbeiter.
Die Hauptschriftleiter
In der Frage des Hauptschriftleiters machte Rienhardt eine zweite halbe Konzession. Anders und Sparing hatten offenbar keinen überzeugenden Vorschlag parat. Dr. Karl Silex, den sie für geeignet hielten, wollte die "Deutsche Allgemeine Zeitung" nicht abgeben. So fiel die Wahl auf seinen Rivalen, Dr. Eugen Mündler, den letzten Hauptschriftleiter des "Berliner Tageblattes", der seit dem Ende dieser Zeitung als "Politischer Direktor", sonst aber ziemlich untätig im "Deutschen Verlag" saß und den Silex auf seinen eigenen Posten ambitioniert wähnte: Mündler durfte sonntags den Leitartikel schreiben, Silex montags.
Mündler kam aus der Industriepresse des Ruhrgebiets, in die er nach dem Zusammenbruch wieder zurückging; seit seiner Zeit als Chefredakteur der "Rheinisch-Westfälischen Zeitung" war er ein Intimus des Reichspressechefs Dr. Dietrich.
Mündler, 1889 in Ulm geboren, nach Studium der Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie in den Zeitungsberuf übergewechselt, galt als liberal, aber weich, als "anständiger Kollege, der gewähren ließ und abschirmte". Der "Industriekurier" widmete ihm im Januar 1964 zu seinem 75. Geburtstag
die wohlgesetzten Worte: "Seine Beiträge, stets von hoher Warte geschrieben, lassen eine universelle Bildung... und eine vornehme Gesinnung erkennen. Sein sensibler, durch und durch gradliniger Charakter hat es (ihm) oft schwer gemacht, mit den politischen und menschlichen Niederungen fertig zu werden, in die er sich auf Grund seines Berufes versetzt sah."
Silex nannte ihn nach dem Kriege einen "Trabanten", "der Partei angehörenden Journalisten", "Nazijournalisten", aber wohl nicht ressentimentslos. Die etwas blassen, Dr. E. M. gezeichneten Artikel im "Reich" verraten eher einen bürgerlichen Nationalen, der in der Vorstellung "Gott strafe England" großgeworden ist: Die meisten Artikel beschäftigen sich mit "Englands Kriegen in Europa", mit der Ranküne der britischen Politik, die Deutschland auf dem Kontinent niederhalten will. Im nationalsozialistischen Staat sah Mündler offenbar so etwas wie eine besonders gut funktionierende Monarchie, in der es autoritär und ordentlich zuging; die staatsmännische Weisheit und Festigkeit der Führung würden verhindern, daß sich 1918 wiederhole.
Mündlers letzter Artikel im "Reich" hieß "Der Krieg gibt das Gesetz" und erschien am 31. Januar 1943, dem Wochenende von Stalingrad, an dem die Zeitungsausgaben nach Anweisung des Reichspressechefs "in fester Siegeszuversicht zu gestalten" waren. Danach verschwand sein Name plötzlich aus dem Impressum, ohne daß je wieder eine Zeile von ihm im "Reich" erschien. Für den kurzen Übergang vermerkte das Impressum Dr. Werner Wirths als "Hauptschriftleiter i.V.".
Eine Kursänderung der Zeitung ist kaum feststellbar. Dennoch war die Sorge um die "Linie" der Anlaß des Wechsels. Rienhardt und Sparing - Anders war im Sommer 1942 im Wannsee ertrunken - glaubten zu bemerken, daß Mündler den Eingebungen des Propagandaministeriums gegenüber zu nachgiebig sei und die "unabhängige" Linie der Zeitung gefährde. Auch redaktionsintern regte sich Kritik, die aber auch politischen Hintergrund gehabt haben mag. Mündler war vorsichtig, umständlich, manchmal weitschweifig, "führte" die Redaktion nicht.
Goebbels benutzte die Vakanz, um nunmehr einen eigenen Kandidaten zu präsentieren: den Wortführer der Kritik Hans Schwarz van Berk. Schwarz van Berk kam aus der Ecke der "Konservativen Revolution", die mit "nationalrevolutionär" oder "preußisch" ungenau umschrieben ist, aus dem Hochschulring und dem Kreis um die Zeitschrift Naher Osten", wo er Jüngersche und Schmittsche Thesen von der totalen Politisierung und vom Krieg als Bürgerkrieg verfochten hatte.
Als das "Trümmerschiff Demokratie" dem Untergang zusteuerte - Schwarz van Berk gab ihm spätestens 1932 keine Chance mehr - stieg er zu den Praktikern der Macht, den Nationalsozialisten, über. In seiner Rechtfertigungsschrift "Preußentum und Nationalsozialismus - Briefe an einen preußischen Junker", vom Verlag Diktatur für 50 Reichspfennig vertrieben, versuchte er die alten Ideen mit den neuen zu kopulieren: "Der Nationalsozialismus setzt an die Stelle der utopistischen Parole ,Alles allen!' den preußisch-sozialistischen Wahlspruch Jedem das Seine". Man kann Schwarz van Berk einen Rechtsintellektuellen par excellence nennen: durchaus in der Lage, verstandesmäßig zu analysieren, mitunter zynisch, dabei aber romantisch und ideologisch; im Grunde "wertfrei" und primär am Phänomen der Macht interessiert.
Goebbels hatte den intelligenten, gut schreibenden Journalisten zum Chefredakteur des "Angriff" gemacht, sich mit ihm zerstritten und nach einer zur Besserung verordneten Weltreise wieder vertragen. Der Protektion des Ministers verdankte Schwarz van Berk im Kriege vermutlich seinen exklusiven Status: Er betrieb in Berlin, zusammen mit dem heutigen Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Eberhard Schulz, ein eigenes Büro, das zutreffende und weniger zutreffende Nachrichten in die Auslandspresse lancierte, konnte sich, wollte er Kriegsberichte schreiben, nach Belieben Fronttruppen anschließen und hatte mit dem "Reich" seit Herbst 1940 einen freien Schreibvertrag. Intelligenz und Radikalität schienen Goebbels offenbar die Mischung, die für das inzwischen florierende Blatt jetzt geeignet war.
Diesmal widerstand Rienhardt. Sparing selber, der Mitbegründer, übernahm mit der Nummer vom 14. Februar 1943 die Leitung der Redaktion und behielt sie bis zum Ende im April 1945. Sparing, ein schwerer, untersetzter Mann, war Sachse wie Rienhardt und Dresdner Kreuzschüler. Er war vom Reichstagsstenographen zum Scherl -Redakteur aufgestiegen und im Zeitungmachen passioniert; eine große bürgerliche Zeitung, die "Leipziger Neuesten Nachrichten", neu zu machen und zu leiten, soll sein Wunschtraum gewesen sein.
Um kritiklos gläubig zu sein, war Sparing offenbar zu intelligent, aber er war wohl ein "pessimistischer Nationalsozialist"; wie Rienhardt litt er unter "Fehlern", "verkehrter Politik", der bald erkannten Aussichtslosigkeit des Krieges, ohne sich Zweifel an der Sache selber zu erlauben. Als die Russen in Berlin eindrangen, soll er sein Parteiabzeichen angesteckt haben, das er sonst nie trug. Ein russischer Offizier und ein deutscher Zivilist, die seine Adresse im Notizbuch des stellvertretenden Hauptschriftleiters Wirths gefunden hatten, führten ihn ab; aus einem russischen Lager kam im Mai 1955 die Nachricht seines Todes.
Die Mitarbeiter
An der Anwerbung der Mitarbeiter, offenbar im Januar oder Februar 1940 begonnen, beteiligten sich nun Anders, Sparing, Mündler und der Generaldirektor des Deutschen Verlages, Max Wiessner. Die ökonomische Seite handelte Wiessner aus, bis 1933 im Verlag des "Hamburger Fremdenblattes" ein Streiter für die Demokratie,der jetzt mit Parteiabzeichen und Zigarre im alten Ullstein-Haus residierte, sich aber offenbar - wie einige spätere Vorfälle zeigen - noch einen Rest demokratischer Jovialität bewahrt hatte und seine Zweifel mit viel schwarzem Kaffee und großen Mengen Kirschwasser besänftigte.
Aufzeichnungen aus jener Zeit deuten darauf hin, daß man dem Projekt einer neuen Wochenzeitung in Zeitungskreisen keine große Chance gab, anderseits die Abwerbung qualifizierter Mitarbeiter fürchtete. Vermutlich aus diesem Grunde nannte Mündler in seinen Verhandlungen Goebbels als Initiator der Zeitung und benutzte seine Autorität: Der Minister wolle eine Zeitung fürs Ausland, einen deutschen "Observer", ein Blatt, das sich von der Parteipresse wohltuend abhebe. Mündler, der Paul Scheffer nicht mehr persönlich kannte, aber verehrte, hatte offenbar vor allem die alte "Scheffer-Garde" im Auge, mit der Scheffer zwischen 1934 und 1937 vergeblich versucht hatte, die liberale Tradition des "Berliner Tageblattes" zu retten: Margret Boveri, Karl Korn, Ilse Urbach, Karl Willy Beer, Erich Peter Neumann, Sigurd Paulsen, Petra Vermehren, Scheffer selber.
Margret Boveri, inzwischen Korrespondentin der "Frankfurter Zeitung" in Stockholm, wurde von Dr. Wendelin Hecht, dem Verlagsleiter der FZ, telegraphisch nach Berlin beordert und unterrichtet, daß der "Herr Reichsminister" sie "für die Leitung des außenpolitischen Ressorts der neuen Zeitung geeignet halte", Rienhardt sie außerdem, "wie die Besitzverhältnisse liegen", zur Annahme des Postens zwingen könne. Sie lehnte das Angebot ab, allerdings in großer Angst vor den Folgen, die durch Rienhardts Konzilianz ausblieben.
Der interne Redaktionsstab, der sich schließlich in den Räumen des Deutschen Verlages in der Kochstraße zusammenfand, war klein, der äußere groß und durch die Kriegsverhältnisse stark fluktuierend. Längst nicht alle Namen können hier aufgeführt werden, einige hundert wären zu nennen. Man "borgte" auch: So von der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" Auslandskorrespondenten, darunter Heinz Barth (Madrid), den Innenpolitiker Beer, die Feuilletonisten Werner Fiedler, Karl Frahm (d.i. Heinrich Strobel). Oder man "erbte": So nach Schließung der "Frankfurter Zeitung" im Herbst 1943 - nun doch - Margret Boveri, die in festem Schreibvertrag über amerikanische Politik schrieb, den Südost-Korrespondenten Nikolas Benckiser, der für das "Reich" auf seinem Posten blieb, den früheren Moskau-Korrespondenten Hermann Poerzgen, der aus Marokko berichtete, den Feuilletonisten Carl Linfert, der das "Reich"-Feuilleton bis zum Schluß leitete.
Die Außenpolitik übernahm ein junger Nationalsozialist, Otto Philipp Häfner, der später bei Smolensk fiel - ein impulsiver, streitlustiger Rheinpfälzer mit Schmissen im Gesicht, der in Zürich studiert und bei der "Frankfurter Zeitung" gelernt hatte. Er galt als begabt, Scheffer lobte seine klugen Fragestellungen an die Auslandskorrespondenten. In seinen Artikeln ist er ein heftiger Nationalist und von Reichsromantik und bündischen Ideen erfüllt; seine geistigen Wurzeln würde man in der Jugendbewegung suchen.
Die heikle Innenpolitik redigierte Curt Strohmeyer, der frühere Chefredakteur der Ullsteinschen "Grünen Post", ein vorsichtiger Routinier, der nach dem Kriege im Bertelsmann-Verlag tätig war. Engagierter auf diesem Felde äußerte sich Karl Willy Beer, den sich "Das Reich" und die "Deutsche Allgemeine Zeitung" teilten, ein ehemaliger Theologe und Volksschullehrer aus Schlesien, den ein emigrierter Kollege vom "Berliner Tageblatt" bissig, nach den "Reich"-Aufsätzen über Napolas*, Reichskanzlei und Sowjetmenschen nicht unzutreffend mit den Worten charakterisierte: "Er kannte sich aus mit den Worten, die so klangvoll auf -heit und -keit auslaufen und die im Brustton der Überzeugung gesagt ebenso tief wie hohl hallen."
Für den Wirtschaftsteil zeichneten Dr. John Brech und Dr. Hans Otto Wesemann; Wesemann erschien mit geistreich zugespitzten, politisch durchaus auf der Linie liegenden Glossen und Porträts auch in der Politik, mit lyrischen Betrachtungen über "Hausmusik" und "Beethovens Streichquartette" auch im Feuilleton.
Das Feuilleton, dem eine so zentrale Funktion zugedacht war, leitete in den ersten fünf Monaten bis zu seinem unter kuriosen Umständen erfolgten Hinauswurf Dr. Karl Korn, der sich bei der "Neuen Rundschau" nicht sehr wohl fühlte und zum Journalismus zurück wollte. Korn hatte in Scheffers ,Berliner Tageblatt" die Wochenbeilage "Geistiges Leben - Literatur der Zeit" redigiert und übernahm, von Direktiven ungestört, nicht nur einige Formen von dort, so die Benennung "Literatur der Zeit", sondern auch eine Reihe von Mitarbeitern. Einer der ersten, der sich in der Redaktion einfand und eine Weile regelmäßig seine sauber handgeschriebenen Manuskripte brachte, war Dr. Theodor Heuss. Er schrieb im "Reich" übrigens nicht, wie Hans W. Hagen 1955 in der Zeitung "Die Nation" in falscher Sensation mitteilte, unter Initialen oder seinem Pseudonym Thomas Brackheim, sondern mit einer Ausnahme unter vollem Namen.
Kritiker wie W. E. Süskind und Gelehrte wie Eduard Spranger und Benno von Wiese, der Mathematiker Max Bense, der rabiat antirassistische Biologe Herbert Fritsche, die Literaten Hellmut von Cube, Ernst Schnabel, Egon Vietta, Wolfgang Weyrauch wurden von Korn herangezogen, sogar Wolfgang Koeppen erschien mit einer Rezension im Literaturblatt.
Die Liberalität der ersten Monate, die dem "Reich" bald den Ruf: "Ein Blatt mit lesenswertem Feuilleton!" eintrug, ist zweifellos Korns Verdienst - eine Liberalität, die gewiß auch andere Elemente enthielt und sich zuweilen selber aufhob, vor dem Hintergrund der Zeit aber doch erstaunlich bleibt.
Eine Sonderstellung zwischen Auslandskorrespondent und Kriegsberichter nahm Erich Peter Neumann ein. Er folgte den deutschen Truppen unter festem Schreibvertrag auf dem Fuße und schrieb unter dem Nom de guerre Hubert Neun oder Hubert Neumann aus den eroberten europäischen Hauptstädten Stimmungsberichte, meist lyrisch überschrieben: "Frühling über dem Wenzelsplatz", "Maitage in Paris", "Wiedersehen, mit Warschau", "Fahrt nach Laibach", "Aufenthalt in Siauliai".
Neumann, der später die junge "Reich"-Redakteurin Elisabeth Noelle heiratete, heute Mitinhaber des Allensbacher Institutes für Demoskopie und CDU-Bundestagsabgeordneter, laut Auskunft des Handbuchs des Deutschen Bundestags "seit 1951 (in) beratender Tätigkeit für die Bundesregierung", kam ebenfalls vom "Berliner Tageblatt"; er war Korrespondent des Blattes in Breslau, dann in Dresden gewesen, wo er den sächsischen Gauleiter Mutschmann, genannt König Mu, propagandistisch beraten hatte.
Die Kriegsberichte im "Reich", unter denen es einige beachtliche und viele klischeehafte gab, schrieben teils frühere Mitarbeiter, die eingerückt waren, teils bekannte Kriegsberichter; für die dekorative, zeitweilig bevorzugte Marine unter anderen Jochen Brennecke und der spätere Kunstverleger Lothar Günther Buchheim, für die Luftwaffe auch Walter Henkels und Benno Wundshammer.
Sozial zählten die "Reich"-Mitarbeiter zur Spitzengruppe der Journalisten; ein Schriftleiter erhielt zwischen 700 und 900 Reichsmark; ein Ressortleiter zwischen 1100 und 1500 Reichsmark; das entsprach der Gehaltsklasse eines Obersten und darüber. Das Zeilenhonorar betrug zwischen 40 und 50 Reichspfennig, es wurden aber auch höhere Honorare gezahlt wie das sehr hohe Honorar an Goebbels. Als Schriftleiter war man für den Wehrdienst "unabkömmlich".
Aufmachung, Gliederung
Drei Nummern 1. datiert vom 15. März, 26. April und 12. Mai 1940, sind nicht erschienen. Die erste veröffentlichte Nummer vom 26. Mai 1940 hatte einen Umfang von 32 Seiten. Im Mai 1942 schrumpfte die Zeitung auf 16 Seiten zusammen, im September 1944 auf 12 Seiten und schließlich auf 8 Seiten; diesen Umfang behielt sie bis zum Ende bei. Sie kostete 30 Pfennig im Abonnement monatlich 1,30 Reichsmark.
Die Hauptteile waren "Weltgeschehen in Auslandsberichten", "Brennspiegel der Ereignisse/Kulturnachrichten", Kurzmeldungen aus Politik und Geistesleben, "Briefe aus dem Reich", politisch-feuilletonistische Situationsberichte, die Photodoppelseite "Bilder aus der deutschen Gegenwart", die Kunst, Idylle und "Bilder aus dem Soldatenleben" mischte, "Deutsche Wirtschaft/Weltwirtschaft", das Feuilleton "Literatur/Kunst/Wissenschaft" mit den Teilen "Deutsche Bücher - Literatur der Zeit", "Sport im Spiegel" und "Für die Frau".
Die Grundlage, Seite 1 und die Hauptseite des Feuilletons mit dem großen, blickfangenden Bild in der Mitte, blieb. Karl Korn, hatte sich für das Feuilleton gegen dieses Prinzip gewandt, weil es zu kulturpolitischen Leitartikeln zwang, konnte sich aber nicht durchsetzen. Bis September 1944 wurden auch die doppelseitigen, reich bebilderten Reportagen aus Geschichte, Politik und Kriegsgeschehen, eine besondere Attraktion des Blattes, beibehalten.
Offenbar unsicher blieb die Zeitung, ob sie Leserbriefe abdrucken sollte. Die Spalte erschien gelegentlich und verschwand wieder. Unter den wenigen abgedruckten kritischen Leserstimmen befindet sich am 13. Oktober 1940 eine Zuschrift von "Augstein, Hannover, Podbielskistraße 310" zu einer Rezension von Kurt Liebmann "Das neue Nietzsche-Bild". Der gleiche Verfasser
- wenn er es ist* - schrieb übrigens
auch im November 1941 unter der Rubrik "Briefe aus dem Reich" ein amüsantes, kleines Feuilleton "Die Einberufung".
Die letzte Seite wurde am Donnerstag umbrochen; die Zeitung war in der Regel am Freitag auf der Straße, vordatiert auf den folgenden Sonntag. Die letzte Nummer vom 22. April 1945 hat zwar das Druckhaus Tempelhof verlassen (nach der Zerstörung der Gebäude in der Kochstraße der letzte Sitz von Verlag und Redaktion), Berlin aber nicht mehr; die sowjetische Artillerie hatte am 21. April begonnen, sich auf das Stadtgebiet einzuschießen.
Der Apparat
Schriftleitergesetz, "Reichspressekonferenz" und Nachrichtenmanipulation waren die - mehr negativen - Mittel, mit denen Goebbels die Presse steuerte. Rienhardts Mittel, Verlagsbesitz und Personalpolitik, waren, nimmt man das Resultat erfolgreicher. Er erreichte, was er in den Worten seiner Denkschrift "die Unterordnung unter die allgemeine nationale Disziplin nicht als ein äußerer machtmäßiger Vorgang, sondern aus der eigenen inneren Überzeugung" genannt hatte.
Die Redaktion der Wochenzeitung "Das Reich" steuerte sich selber; heterogen, aber geschickt zusammengesetzt, gab sie sich Verhaltensmaßregeln und einen Begriff von Loyalität, der selten in Frage gestellt wurde, selbst bei so heiklen Themen wie der Judenfrage nicht.
Der Consensus, die "Linie der Zeitung", wurde auf der - meist in einem Weinlokal abgeschlossenen - Wochenkonferenz am Montag festgelegt. Sparing scheint als Hauptschriftleiter dabei mehr Initiative entwickelt zu haben als Mündler. Aber sowenig es eine äußere Vorzensur gab, sowenig gab es eine interne; die Ressortleiter waren ihrer eigenen Initiative überlassen, und Mündler scheint längst nicht alles gelesen zu haben, bevor es in Satz ging. Sparing mehr, aber eher aus stilistischen als aus politischen Gründen: Es wird ihm der Ausspruch nachgesagt, ein gut schreibender Nichtnazi sei ihm lieber als ein schlecht schreibender Nazi.
An kurzgeschlossenen Kontakten zu hohen Staats- und Parteistellen sind drei bekannt geworden: das exklusive Recht der Zeitung, an der täglichen Ministerkonferenz im Propagandaministerium teilzunehmen, zunächst von Otto Philipp Häfner, dann "auf Wunsch des Ministers" - von Schwarz van Berk wahrgenommen; die ständige Vertretung durch einen Redakteur in der Partei-Kanzlei; ein unmittelbarer Kontakt zum Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, Speer.
In der Ministerkonferenz, auch "11 -Uhr-Konferenz" genannt, versammelte Goebbels die Abteilungsleiter seines Ministeriums zur vertraulichen Lagebesprechung; anwesend waren außerdem die Vertreter des Auswärtigen Amtes, des OKW, des Abhördienstes "Seehaus", der die ausländischen Sender überwachte, und des "Forschungsamtes" von Göring, das die Telephone und internationalen Kabelverbindungen abhörte.
Welche Impulse von dieser Konferenz kamen, läßt sich im Detail nicht mehr rekonstruieren; der Minister, so wird gesagt, habe seine Wünsche an die Redaktion nur plaudernd und in Form von Anregungen eingeworfen, die Zeitung im übrigen "an der langen Leine laufen lassen".
Den guten Kontakt zur Partei-Kanzlei findet der Leser in einigen wohlinformierten Artikeln über Organisations- und Verwaltungsmaßnahmen wieder. Den Kontakt zu Speer, Hitlers siebenunddreißigjährigem (1942) Rüstungsminister, der die Produktion mit den Methoden des modernen Managements auf Touren brachte und im "Reich" eine außerordentlich gute Presse hatte, hielt ebenfalls Schwarz van
Berk; einige Berichte stammen auch von dem OT(OrganisationTodt)-Berichterstatter Werner Höfer. Im Gegensatz zu Höfer wurde Schwarz van Berk zu den geheimen Rüstungskonferenzen und Waffenvorführungen eingeladen. Die Andeutungen über neue, kriegsentscheidende Waffen, die gegen Ende des Krieges in der Zeitung häufig sind und sich auch in der Intelligenz so hartnäckig hielten, mögen von hier stammen.
Die Befreiung von den Weisungen der Reichspressekonferenz führte zu Reibungen und nachträglichen Einsprüchen, die Mündler wie Sparing Verdruß bereiteten. H.-G. von Studnitz erwähnt in seinem Buch "Als Berlin brannte" drei: gegen die vorzeitige Veröffentlichung eines Artikels über die Zeitungsschließungen und -zusammenlegungen 1942; gegen ein Photo, das einen verhungerten Russen mit einem Pferdeknochen zeigte; gegen die Abbildung eines Gemäldes von Thomas Hart Benton "Soldaten des Tenno vergewaltigen eine amerikanische Frau" in einem Aufsatz von Gustav Faber "Kultur-Amerikanismus".
Einer der letzten Einsprüche von Goebbels richtete sich gegen Schwarz van Berks Artikel "Iwan im Netzhemd" Anfang März 1945, der die Sprachregelung des Propagandaministers ignorierte, das russische Oberkommando habe einen förmlichen Befehl zur Vergewaltigung der deutschen Frauen erteilt.
Die Liste der Einsprüche ist vermutlich noch erheblich länger, und man kann annehmen, daß sie "regulierend" wirkten. Zu ernsten Konsequenzen führten sie jedoch nur im Falle von Karl Korns Aufsatz "Publikum im Haus der deutschen Kunst", und dieser Vorgang wiederum ist so zufällig, so willkürlich, daß er fast das Lächerliche streift und nur das Satrapenhafte des Führerstaates" beleuchtet. In dem sonst vorsichtig lobenden Aufsatz hatte Korn mit einem Satz das Bild des Malers Truppe "Sein und Vergehen" kritisiert, ein nacktes Mädchen vor einer alten Frau, das sich der Münchner Gauleiter Wagner bei seiner Wiederverheiratung als Hochzeitsgeschenk von Hitler ausgesucht hatte.
Einige Wochen später mußte Korn auf einen Anruf des Reichspressechefs Dietrich aus dem Führerhauptquartier hin "sofort nach Hause gehen", bis zur Zerstreuung des allerhöchsten Unmuts möglichst auch "verreisen", ohne daß jemals eine formelle Kündigung oder Entlassung ausgesprochen worden wäre. Das Gehalt wurde weitergezahlt, bis sich Korn, nach einigen Monaten des "Verreisens" überdrüssig, eine neue Stellung in der Bildungsarbeit des OKH suchte. Die Streichung von der Schriftleiterliste verhinderte Rienhardt.
Eine offizielle Kontrollfunktion der Nationalsozialisten in der Redaktion ist nicht zu erkennen; in den Konferenzen wurde ohne Folgen verhältnismäßig offen kritisiert. Der Gedanke, es könnte so sein, mag allerdings "mäßigend" gewirkt haben. Ob und durch welche Augen das Reichssicherheitshauptamt die Redaktion sah - immerhin bestand eine starke Antipathie zwischen Rienhardt und Himmler - Heydrich, die sich auch in der Auseinandersetzung über die "Münchner Neuesten Nachrichten" ausdrückte -, läßt sich nicht feststellen; ein Mitarbeiter dieses Amtes, SS-Obersturmbannführer Wilhelm Spengler, schrieb im "Reich" zwei Artikel - die einzigen übrigens, in denen, beiläufig und harmlos klingend, das Wort "Einsatzgruppen" erscheint.
Das Resultat
Wie war das Resultat beschaffen, welche politische und gesellschaftliche Funktion übte "Das Reich" tatsächlich aus? Die subjektiven Motive, an dieser repräsentativsten Zeitung des Dritten Reiches mitzuarbeiten, waren - soweit erkennbar - sehr verschieden sie reichten vom Einverständnis aus Überzeugung über die Absicht, die "schmale Marge an Freiheit" (Boveri) zur Tradierung alter Werte zu nutzen, bis zum Existenzanspruch einer Generation, die, Anfang dreißig, auf ihre Karriere nicht verzichten und den journalistischen Beruf nicht aufgeben mochte.
Man muß unterstellen, daß die Motive achtbar, mindestens verständlich waren. Selbst der Wunsch bei mangelnder Überzeugung nicht in die "Heldenabteilung" versetzt zu werden, wie sich jemand ausdrückte, kann erklärlich sein. Die gerechte Einschätzung, ob der Widerstand, mindestens die Mäßigung, zwischen den Zeilen überhaupt erkannt wurde und sinnvoll war, stößt auf die Schwierigkeit, daß sich der Zeithintergrund, die Bewußtseinslage, die Bedingungen der Rezeption, vor allem die psychologische Ausnahmesituation des Krieges nicht mehr rekonstruieren lassen.
Wie spiegelte "Das Reich" den gesellschaftlich-politischen Prozeß wider? Wie wirkte diese Spiegelung auf die Gesellschaft zurück? Lassen beide, Spiegelung und Wirkung, Rückschlüsse auf den bürgerlichen Journalismus und seine Rezeption zu?
Die Frage nach der Wirkung ist am leichtesten zu beantworten. Man kann die Wochenzeitung "Das Reich" als den stärksten publizistischen Erfolg im Dritten Reich bezeichnen. Was als Tradierung gemeint war, wurde zur Transformierung, die den Nationalsozialismus positiv auflud. In den Worten eines "Reich"-Lesers: Die Zeitung ließe Zweifel aufkommen, ob am Nationalsozialismus nicht doch etwas Diskutables sei.
Zu der Frage, wie "Das Reich" den gesellschaftlich-politischen Prozeß spiegelte, kann man sich nur an das Vokabular halten, mit der Einschränkung, daß immer noch ein Unterschied zwischen den romantischen Herrschaftsvorstellungen der "Reich"-Feuilletonisten und Himmlers Herrschaftsbegriff bleibt. Karl Dietrich Bracher hat in dem materialreichen, gründlichen Buch "Die nationalsozialistische Machtergreifung" darauf hingewiesen, daß in der Fähigkeit des Nationalsozialismus, Ideen und Vorstellungen anderer historischer und geistesgeschichtlicher Herkunft aufzusaugen und für seine Zwecke zu manipulieren - etwa "das Preußische", "das Soldatische", Reichsromantik und geopolitische Spekulationen und Ordo-Vorstellungen -, eine der gefährlichsten Möglichkeiten der Bewegung lag.
Das wirft allerdings die Frage auf, ob das Manipulierte nicht selber schuld an seiner Manipulierung war: Ob der Charakter dieser Vorstellungen nicht so beschaffen war, daß sie unter der Wirkung von Macht frei verfügbar, Widerstandslos zu ihrer ideologischen Verbrämung werden mußten. "Das Reich", würde für eine solche Analyse aufschlußreiches Material bieten. Für die Frage der Spiegelung können hier nur einige Komplexe analysiert werden.
Der Krieg
Der Krieg ist ein Gott. Seine metaphysische Herkunft wird von den meisten Artikelschreibern nicht bezweifelt. Auf diese Herkunft zieht sich auch zurück, wer der vulgären Mythologisierung - der Krieg als Endkampf gegen die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung, als endzeitliches Geschehen, als Ratschluß der Vorsehung - nicht folgen will. Schließlich war es damals der "reine", der "totale Krieg": "Der Weg zu sich selbst". Gefreiter Alfred Hoppe variiert die Opfermystik in Ein Soldat erlebt den Parzival": "Auch Parzival kannte das Geheimnis des Grales nicht und war doch zu seinem Hüter bestellt... Das war auch die Haltung des deutschen Soldaten. Der Krieg hatte ihn gelehrt, daß er für etwas da zu sein hatte, das nicht er selbst war, das größer war als alles Zufällige. Einen Namen hatte der Soldat für dieses Etwas noch nicht. Das Geheimnis blieb. Er ahnte aber, daß es das Geheimnis seines eigentlichen Lebens und das des Kameraden und das seines Volkes war..."
Zu schwülstigem Opferrausch erhebt sich die Ideologisierung in Felix Lützkendorfs "dichterischem" Kriegsbericht "Der Geist unserer Waffen": "Ich sah sie lächeln und ihres Sieges gewiß hinstürmen über die Ebenen im Osten. Ich sah sie berauschten Herzens über die Ebenen im Westen hin, die einst so unersättlich das Blut ihrer Väter getrunken haben, dem schreckenvoll fliehenden Feinde nachjagen und hörte das Jauchzen der unsterblichen Geopferten über dem Siegeszug der Söhne. Und Sterbende sah ich, die niederstürzten in die geöffneten Arme der Väter und Brüder, die vor ihnen einsam geruht hatten an der Schwelle des Reiches, so dunkle unendliche Jahre ..."
Vor Bordeaux - "ein neues Land, noch nicht gezeichnet vom deutschen Ruhm, noch nicht geweiht von unserem Blute" - erscheint dem Verfasser dann nachts Hölderlin, der Verse spricht und "weiter den Weg in die dunkle, grollende Nacht der Götter hinein ..." geht.
Die Kriegsberichte bewegen sich meist zwischen Idylle (" 'Ich glaube, es geht mit den Serben zu Ende', sagte der Ic des hohen Stabes, den Blick in die Ferne gerichtet") und heroischem Klischee.
Ideologie des Reiches
Die Ideologisierung der Expansionspolitik ist ein zentrales Thema der Zeitung; der alles deckende Begriff dafür ist "das Reich". Er wird allerdings mit verschiedenen Vorstellungen gefüllt. Politisch-konkret mit Ideen, die am alten Habsburger Reich orientiert sind: "In Prag sind einst die ersten Steine aus
dem alten Reichsbau herausgebrochen
worden. In Prag hat der Führer in das weite Gewölbe des neuen Reichsbaues den Schlußstein eingefügt" (Mündler).
Oder an Reichsvorstellungen älterer Observanz: Die Reichsschwäche gegenüber Frankreich sei nun überwunden, schreibt Karl Korn in einem Aufsatz "Lothringer Land", die jahrhundertelange Überfremdung habe ein Ende. Die Koppelung von Reichs- und Europagedanken, nach Westen "verständigungsbereit" bei klarer Hegemonie, nach Osten kolonisierend, ist am häufigsten.
Der junge nationalsozialistische Historiker Karl Richard Ganzer, ein bevorzugter Mitarbeiter des Blattes, präzisiert das "neue Europa" als "vielfältig gegliederten aber einheitlich geführten Körper, frei von der ausbeutenden Bevormundung durch den Westen wie von der Anarchisierung durch den Osten".
Der Vorgang der "Befreiung" würde manchen Staat in eine "europäische Totenliste" einreihen, aber "auch dieser Tod wird das notwendige Opfer für den Eintritt in eine höhere Herrlichkeit' sein"
Der Umschlag in messianistische Vorstellungen, in das "Reich" als Innenraum, als Religionsersatz ist nicht selten. So wird aus C. Stedings Buch "Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur" zitiert: "Ein Reich ist besser als alle Psychotherapie und Psychoanalyse, weil es die Individuen über sich selbst hinauswirft, dadurch, daß sie sich ihm freiwillig unterwerfen, womit
die Ursache alles Psychopathentums, das Sich-wichtig-Nehmen, behoben wird."
Die Neuordnung im Osten
Die Reichsideologie muß die Usurpation im Osten decken. Hier ist das große Feld der Nutzanwendung, "eines der großartigsten Experimentierfelder imperialen Gestaltungsvermögens". In der Ideologisierung der militärischen, politischen und gesellschaftlichen Vorgänge in Osteuropa ist die Zeitung hemmungslos, an ihr nehmen fast alle Mitarbeiter teil. "Immer aber in der Weltgeschichte hat das Chaos die Ordnungsmacht herbeigerufen", umschreibt Karl Richard Ganzer den Einfall in Rußland, "und dieses gehorcht auch heute dem Gesetz, wenn sie den gegenwärtigen deutschen Raum, der einst von zwanzig Millionen überwaltet worden war, nach der Schöpfungskraft der heutigen achtzig Millionen dehnt."
Ein sonst so unpolitischer Mitarbeiter wie der Musikkritiker Werner Oehlmann schildert eine "Reise im Generalgouvernement" mit den Worten: "Deutsche Ordnung hat nun von diesem Raum der ungeordneten Kräfte Besitz ergriffen. Sie stützt sich auf das Recht, das sich der Deutsche in weit vorgeschichtlichen Zeiten hier erworben hat; immer war er die formende Kraft in der Mischung der Völker. Der Sieg des Deutschtums ist ein Sieg des Geistes - eines wehrhaften, herrischen Geistes, der über Feuer und Eisen gebietet. Dieser Geist formt den Raum nach seinem Willen; er gräbt seine Furchen in das Gesicht des Landes, zwingt Leben und Volk in feste, vorgeschaute Gestalt. Nichts kann fesselnder sein als das Schauspiel dieser Verwandlung eines Landes, einer kühnen und radikalen Neuschöpfung nach bewußtem Plan. Das deutsche Element wird nun unbedingt und überall das
führende... Die polnische und ukrainische Bevölkerung wird unter deutscher Führung zur Mitarbeit herangezogen. Die Juden, überall in eigenen Wohnvierteln konzentriert, sind praktisch als politisch völkisches Element schon ausgeschaltet."
In der Fixierung des russischen Gegners als "Gegenmenschen" erreicht die Ideologisierung ihren Höhepunkt, sie schlägt in Dämonisierung um. "Der sowjetische Mensch", schreibt Karl Willy Beer, "ist wahrhaft die Aufhebung dessen, was Menschenrecht und Menschenwürde ausmacht... Seines Herzens und seiner Seele ist er längst verlustig gegangen... Der weltrevolutionären terroristischen Zielsetzung entspricht eine ebenso nivellierende geistige Inzucht. Sie beugt das Hohe und Wertvolle... Hinter solch düsteren Farben stehen die Millionen fahler Gesichter verschiedenster Rassen; sie sind die erbarmungswürdigste, aber auch gefährlichste Masse, die je zusammengeballt wurde, um dis Kultur der Menschheit zu Fall zu bringen... Als Deutsche, die wir das Gegenprinzip dieser grauen Massenwelt verkörpern, haben wir vor dem Jahrhundert die Aufgabe, sie zu deuten und zu überwinden - im Geist und mit den Waffen."
Judenverfolgung
Die Verfolgung der Juden, die im "Reich" nie so genannt wird, erscheint als ein Vorgang der Ordnung. "Die Abgrenzung der Juden hat dem städtischen Leben viel Unruhe genommen. Die Verwaltungsmaschinerie läuft glatter und störungsloser seit sie sich nicht mehr mit der Unübersichtlichkeit der jüdischen Familien- und Stammeszellen beschäftigen muß", schreibt Hubert Neun in seinem Aufsatz "Wiedersehen mit Warschau".
Die Ordnungsmanie geht bis zu grotesken hygienischen Vorstellungen: "Auf sozialem und hygienischem Gebiet hat die deutsche Verwaltung Großes geleistet... Die Absonderung der Juden, die als Träger von Krankheitskeimen ganz besonders gefährlich sind, hat hier einen wichtigen Nebenerfolg bewirkt." (Max Bergemann: "Warschau im vierten Kriegsjahr").
Juristisch ist die "Absonderung" ein Teil des "Aufbaus und Ausbaus der deutschen Reichsverfassung" (Ernst Rudolf Huber*): "Abwehrend trat (der völkisch-rassische Gedanke) vor allem in der Ausscheidung des Judentums aus dem Volkskörper hervor, angefangen mit den Bestimmungen des Jahres 1933, die die Ausschaltung der jüdischen Beamten bewirkten, über die Nürnberger Gesetze von 1935 ... bis hin zu den späteren Maßnahmen, die die Ausmerzung der Juden aus dem Wirtschaftsleben vollzogen."
Auch wissenschaftlich-methodologisch muß die Ordnung wiederhergestellt werden: Das Judentum, "dies klebrige Element der Verneinung", habe "in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur" das objektive Gefüge dieser Ordnungen verschoben", erklärt Karl Richard Ganzer. Der historische Betrachter dürfe darum nicht "vom Gesetz des jüdischen Vorstoßes" aus, sondern "nur vom Gesetz dieser Ordnungen her" werten.
Erstaunlich willfährig folgen die bürgerlichen Journalisten des Blattes der Identifizierung von "Jude" und "Feind", vor allem in der Herstellung der giftigen Mischung "jüdisch-bolschewistisch". "Israel est rot" überschreibt Nikolas Benckiser einen Abschnitt in seinem Aufsatz über die ungarische Räterepublik, "Debüt des Bolschewismus": "Der Anteil der Juden unter den Männern, die die Schlüsselpositionen besetzt hielten, war so überwältigend, daß man die Herrschaft des Bolschewismus in Ungarn mit einer jüdischen Herrschaft ohne weiteres gleichsetzen kann."
Apostrophierungen wie: "An seine Stelle trat sein jüdischer Gehilfe Litwinow, ein Mann, der ... außerdem, wie man weiß, mit einer englischen Jüdin verheiratet ist" (HermannPoerzgen), sind häufig. Ebenso häufig ist die Identifizierung "jüdisch-amerikanisch", die noch vor Amerikas Kriegseintritt einsetzt: "Wie heißen die Mitarbeiter Roosevelts, bekanntere und weniger bekannte? Sie heißen Morgenthau, Baruch, Frankfurter, Marx, Feis, Paslowsky, Salmon, Jacobs, Jurkowitz. Wyzanski, Lubin, Perlmann, Stern, Kaplan, Polakow, Hirsch, Nathan, Domeratzky, Mordecai, Bachrach, Cohen, Margold, Meyers, Segel, Abel, Zeuch usw., usw."
"Das ist ,amerikanische' Regierung?" schreibt A. E. Johann, und an anderer Stelle tröstet sich der Verfasser mit diesem Befund: "Dieser Rassenbrei soll nun die Soldaten, soll vor allem die militärischen Führer stellen, die besten Armeen der Welt zu schlagen."
Während die Vokabel, "ausschalten" fast alle Artikelschreiber benutzen - meist im Sinne von "Einfluß ausschalten". "aus der Wirtschaft ausschalten" werden die Worte "vernichten" und "ausrotten" nur von Goebbels gebraucht, allerdings eindeutig. Seine Artikel setzen den Akzent, der dem stark opportunistischen Antisemitismus den Charakter eines fatalen Einverständnisses gibt. Das Ergebnis dieses Krieges, zitiert Goebbels in seinem Leitartikel "Die Juden sind schuld" vom 16. November 1941 aus einer Rede Hitlers, werde "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa sein".
Auch dabei hat allerdings Ordnung zu herrschen: Einzelinitiativen hätten zu unterbleiben, "mit ihnen (den Juden) endgültig fertig zu werden, ist Sache der Regierung".
Wirtschaft
Der "nationale Sozialismus", der sich im Wirtschaftsteil spiegelt, ist ein nach außen gestülpter Sozialismus: Die Güter der anderen werden verteilt. Diese Umschichtung nicht als "Modell der neuen Ordnung" zu sehen, sondern als "organisiertes Räubertum" zu bezeichnen, sei "der Dummheit und der Bösartigkeit vorbehalten", schreibt der Wirtschaftsredakteur Hans Otto Wesemann.
Die Konfiszierung der lothringischen Stahlwerke, von der die Konzerne Röchling, Stumm, Flick und die Vereinigten Stahlwerke profitieren, wird mit dem Satz umschrieben: "Für die Fortführung der großen Eisenwerke... ist ein Weg gewählt worden, der das privatwirtschaftliche Erfolgsstreben in den notwendigen technischen Reorganisationsprozeß einspannt."
Im Osten bereitet der "dünne Menschenschleier der Wirtschaftsoffiziere die Besitzergreifung "geistig vor, bis einmal die Kolonisation großen Stils beginnen kann" (Volkmar Muthesius). Die Pioniere im "Neuen Osten" können sich durch vollständige Steuerfreiheit "eine kaum jemals dagewesene Chance der Vermögensbildung herausrechnen".
Krisen
Auf Krisen reagiert die Zeitung teils ausweichend, teils durch Rückgriff auf die Mythen, die sie geschaffen hat; jetzt muß der Mythos den Erfolg ersetzen; der Mythos von der besten Armee der Welt, der genialen Führung, der überlegenen Moral, der Ordnung, die dem Gesetz der Geschichte entspricht, der unbesiegbaren Idee des Nationalsozialismus. Goebbels fügt den Mythos von der "Kampfzeit der Bewegung", die scheinbare Logik des Erfolges hinzu.
Bei Gebietsverlusten im Osten sagt er etwa: "Auch vom 31. Juli bis zum 6. November 1932 verloren wir im ganzen 34 Mandate. Aber es blieben immer noch 196 übrig, mehr als jede andere Partei im Deutschen Reichstag jemals besessen hatte, und jedenfalls genug, um damit einen vollen Sieg zu erringen." Das Vokabular wird um so innerlicher und mystischer, je aussichtsloser die Lage wird: "Die Auslese der Besten", "Die Kraft der starken Herzen", "Härter sein als die Zeit", "Die Fahne des Glaubens", "Der Zeitpunkt, der die Wende bringt".
Der dauerhafteste Mythos auf den sich schließlich die Hoffnung wider alle Hoffnung konzentriert, ist "der Führer": "Wenn der Himmel sich verdüstert und kaum noch einen Streifen Licht zeigt, dann richte sich das Auge des Volkes auch ohne Anruf auf den Führer. Er ist der Fels im brandenden Meer der Zeit." Die religiöse Inbrunst reicht bis zur Verklärung Hitlers als Corpus mysticum des Reiches, so in Gerhard Schumanns Gedicht "Der Führer":
Der Schmerz, den schweigsam dieses Volk
erträgt,
ist auch sein Schmerz.
Die Kugel, die ein tapfres Herz zerschlägt,
trifft auch sein Herz.
Vom Leid, das hohe Stirnen herb versteint,
er weiß davon.
Der Sohn, den seine Mutter still beweint,
ist auch sein Sohn.
Ihr Totenmol - ihr feurig Lebensmal
türmt er zugleich
hoch über Grob und Gram und Tod und Qual:
Das Reich.
Eine Woche vor Hitlers Selbstmord schreibt Herbert Hahn in der letzten Nummer der Zeitung: "Als stärke das nationale Unglück nur noch seine körperliche, geistige und seelische Widerstandskraft, strahlt er frische Gesundheit aus, trifft er auch nach den unglücklichsten Nachrichten seine Entscheidung, ruhig und mit verblüffender Sicherheit, verrät er neben den aktuellen Notwendigkeiten die gewohnte Schau ins Weite... ist seine Zuversicht und der Glaube an seine Mission und die deutsche Zukunft so stark wie je. Selbst seine täglichen Begleiter und Mitarbeiter empfinden in der schicksalsschweren Gegenwart aufs neue erstaunt und bestärkt die einsam-einmalige Größe des Mannes, der sich stärker erweist als das größte Unglück."
Faktisch reagiert die Zeitung auf Krisen unsicher und mit starken Verzögerungen. So beim Abfall Italiens: Mussolinis Sturz am 25. Juli 1943 wird in der Nummer vom 1. August mit einem Satz in den Kurzmeldungen erwähnt, sonst ignoriert. In den nächsten drei Wochen schweigt sich die Zeitung über die italienischen Ereignisse weiter aus, es erscheinen auch keine Leitartikel von Goebbels.
Der endgültige Bruch mit Badoglio am Mittwoch, dem 8. September, wird in der Nummer vom 12. September nicht gemeldet, obwohl es technisch noch möglich gewesen wäre. Erst elf Tage später, in der Nummer vom 19. September, wird der Leser mit dem Ereignis bekannt gemacht; Goebbels widmet ihm einen Leitartikel.
Ähnlich ist die Reaktion auf die Invasion am 6. Juni 1944, einem Dienstag. Obwohl das Ereignis vorher wortreich diskutiert worden war und die Zeitung noch nicht umbrochen ist, findet man in der folgenden Nummer vom 11. Juni nur einen andeutenden Satz. In der nächsten Nummer vom 18. Juni hüllen sich die politischen und militärischen Kommentatoren der Zeitung weiter in Schweigen, lediglich Goebbels schreibt einen allgemein gehaltenen, ablenkenden Artikel über "Die Hintergründe der Invasion". Die russische Offensive vom 22. Juni und der folgende Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, eine schlimmere Katastrophe als Stalingrad, wird gar nicht gemeldet, erst sechs Wochen später, im August, erfährt der Leser andeutungsweise, daß etwas geschehen sein muß.
Die Wirklichkeit
Ordnung, Herrschaft, Idylle: Auf diese Formel lassen sich fast alle Beiträge in der Wochenzeitung "Das Reich" bringen. Bloßer Opportunismus, bloße Korrumpierung werden als Erklärung nicht ausreichen, den Consensus zu begreifen. Er hat tiefere Wurzeln - eine Haltung, die man als "antiaufklärerisch" bezeichnen könnte. Die Attitüde, von "hoher Warte" schreiben zu wollen, sich eingeweiht zu fühlen in die Dinge der Macht, täuscht den bürgerlichen Journalisten nur zu oft darüber hinweg, daß der Journalismus, der nicht auf die Aufdeckung von Machtstrukturen aus ist, sondern an ihnen partizipieren will, immer in Anpassung enden muß - unter welchem Vorzeichen auch immer. Sie täuscht ihn bis zu einem Ausmaß, daß der registrierende und beschreibende Verstand die Beziehung zur gesellschaftlichen Realität verliert: Die im "Reich" beschriebene Wirklichkeit hatte mit der Wirklichkeit des Dritten Reiches nichts mehr zu tun.
Mit der letzten Nummer vom 22. April 1945, die das eingeschlossene Berlin nicht mehr verließ, endete dieses Kapitel deutscher Zeitungsgeschichte. Endete auch der Geist achtbarer Selbsttäuschung, der die beachtlichste Zeitung des Dritten Reiches, die erste große deutsche Wochenzeitung, möglich machte?
"Wer in dieser Krise bestehen will, muß wissen, daß die nationalsozialistische Revolution aus Jahrhunderten kommt und den Auftrag und die Kraft von Jahrhunderten trägt", schließt der Historiker Ernst Anrich seinen Aufsatz "Deutsche, nicht französische Revolution" in der letzten Nummer, der das Programm der Zeitung "wider die Aufklärung" gleichsam noch einmal resümierte. Im gleichen Gewande wird es gewiß nicht wiederkehren. Varianten sind jedoch denkbar.
* Aus dem im Scherz Verlag erscheinenden
"Facsimile-Querschnitt durch DAS REICH", eingeleitet von Harry Pross, herausgegeben von Hans Dieter Müller. Alle Rechte beim Scherz Verlag, München - Bern - Wien.
* Nationalpolitische Erziehungsanstalten.
* Er ist es.
* Jetzt ordentlicher Professor für öffentliches Recht in Gottingen.
"Reich"-leitartikler Goebbels
Für die Diktatur ..
"Reich"-Förderer Amann
... ein Intelligenzblatt?
"Reich"-Titelseite (4. April 19431: "Die Welt von hoher Warte"
"Reich"-Planer Rienhardt
Vertiefung des Nazismus...
"Reich"-Vorbild Observer
... im Weltblattformat
Hitler-Gratulationscour am 20. April 1939 in der Reichskanzlei: Zum Geburtstag die "Frankfurter Zeitung"
Anders-Nachruf*
Für das "Reich" ein Programm
"Reich"-Hauptschriftleiter Mündler
Ordnung, Herrschaft, Idylle
"Reich"-Mitarbeiter Korn, Höfer, Poerzgen, Heuss, Henkels, Neumann: Consensus im Weinlokal
NS-Pressechef Dietrich, deutsche Journalisten: "Eigentlich eine Zumutung"
"Reich"-Karikatur (1940): Der Bittgottesdienst der englischen Regierung - "Lieber Gott, so hilf uns doch endlich, die deutschen Kinder verhungern zu lassen! Die unmenschlichen deutschen Soldaten hindern uns daran!"
Letzte "Reich"-Ausgabe 122. April 1945)
In die grollende Nacht der Götter
* In "Das Reich" vom 21. Juni 1942.
Von Hans Dieter Müller

DER SPIEGEL 34/1964
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