19.08.1964

OSTBLOCK / NATIONALKOMMUNISMUSOn the sunny side

Perlmutt auf den Fingernägeln, Zyklam auf den Lippen, entsteigt der hochbeinige Twen im ozelot-gesprenkelten Bikini mit Farah-Diba -Frisur den Fluten des Strandbades, läßt sich neben einem Kofferradio in einen Liegestuhl fallen und zieht mit geübter Hand den Lidstrich in der Augenhöhle nach. An diesem Abend muß die Landespolizei den in die Stadt zurückfließenden Autostrom des Wochenendverkehrs erstmals von Hubschraubern aus dirigieren.
So geschehen in diesem Sommer - nicht zwischen Travemünde und Hamburg, sondern (am 21. Juni) zwischen Plattensee und Budapest in der kommunistischen Volksrepublik Ungarn.
Auf dem Weg zur Frühmesse in der Johannes-Kathedrale werden der durchreisende US-Justizminister Robert Kennedy, Bruder des toten Präsidenten, und seine Frau Ethel, Mutter von acht Kindern, von 3000 Kennedy-Fans umringt, die im Chor singen: "Er möge hundert Jahre leben ...", und die erst Ruhe geben, als das Ehepaar Kennedy zu einer Kurz-Ansprache auf das Dach seiner Limousine klettert.
So geschehen in diesem Sommer - nicht im irischen Stammland der Kennedys, sondern (am 28. Juni dieses Jahres) in Warschau in der kommunistischen Volksrepublik Polen.
Das trübe Deckenlicht erlischt; ein Spot-Scheinwerfer strahlt auf das Photo des halbnackten amerikanischen Beatnik-Dichters Allen Ginsberg. An den Wänden hängen monströse Drahtverhau-Plastiken; aus einem Lautsprecher dringen metallische Geräusche. Ein Beatnik in Sandalen und Ringelhemd erklimmt das Podium, drückt seine Zigarette aus und zitiert mit heiserer Stimme Ginsberg-Lyrik: "Wie Majakowski** Selbstmord beging, um Rußland zu meiden."
So geschehen in diesem Sommer - nicht im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village, sondern (am 17. Juni dieses Jahres) in der Prager Weinstube Viola in der kommunistischen Tschechoslowakei.
Die US-Regierung hat einer ausländischen Macht die Lieferung von zwei Atomkraftwerken (je 500 000 Kilowatt Leistung) zugesagt, und wenige Wochen danach, am 28. Juli, empfing Frankreichs General-Staatschef Charles de Gaulle den Regierungschef jener Nation im Elysée-Palast. Der Franzose beschwor die "ethnische Verbundenheit" zwischen beiden Völkern: "Wir als lateinische Brüder." Der Besucher lächelte.
So geschehen in diesem Sommer - nicht aus der westlichen Hemisphäre stammte der lateinische Bruder und Atomkraftwerk-Empfänger, sondern aus Bukarest: Ion Gheorghe Maurer, 61. Ministerpräsident der kommunistischen Volksrepublik Rumänien.
In diesem langen heißen Sommer, der Amerika an den Abgrund des Bürgerkriegs zwischen Schwarz und Weiß getrieben hat, spielt sich hinter dem Eisernen Vorhang im Satelliten-Reich der Sowjet-Union ein nicht so blutiges, aber nicht weniger ungeheuerliches Drama ab: Der Ostblock zerbröckelt und zerfällt, wird von innen zersetzt und ächzt unter Spannungen, gegen die der Kommunismus kein Rezept kennt.
Was Amerikas ermordeter Präsident John F. Kennedy zu seinen Lebzeiten als erster Staatsmann des Westens prophezeite: "Wir werden in diesem Jahrzehnt den Zerfall des Ostblocks erleben", ist Gegenwart geworden.
Im ehemaligen Königsschloß von Wilanow bei Warschau beugte sich Nikita Chruschtschow letzten Monat bei einem Besuch in Polen den Forderungen seiner Satelliten-Fürsten: Der Kreml will das noch 1957 und 1960 verkündete Dogma von der "führenden Rolle der Sowjet-Union" fallenlassen und die Gleichberechtigung aller kommunistischen Parteien anerkennen.
"Es gibt keinen kommunistischen Block mehr", verkündete Frankreichs General-Staatschef de Gaulle, "sondern nur noch kommunistische Länder." In allen Satelliten-Staaten hat der Nationalkommunismus sein Haupt erhoben. Und nur in dem chinesischen Vorposten Albanien und der Zone des Moskauhörigen Ulbricht ist die kommunistische Wirklichkeit noch frei von westlich europäischen Einflüssen.
Ein Territorium zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, so groß wie die Bundesrepublik und Frankreich zusammen (fast eine Million Quadratkilometer), bewohnt von 120 Millionen Menschen, das nach Ende von Weltkrieg II im Mündungsfeuer der Exekutionskommandos zu einem monolithischen Block zusammengeschweißt wurde, zerfällt wieder in seine Einzelteile.
- Politisch wird der Umbruch durch
eine neue Führungsschicht verkörpert: Die im Troß der Roten Armee in ihre Länder heimgekehrten Moskau-Emigranten - Bierut in Polen. Rákosi und Gerö in Ungarn, Anna Pauker in Rumänien, Dimitroff in Bulgarien, Siroky in der Tschechoslowakei - sind von den Hebeln der Macht durch Ex-Partisanen verdrängt, die während des Krieges im eigenen Land gekämpft haben: Gomulka in Polen, Kádár in Ungarn, Schiwkoff in Bulgarien, Gheorghiu -Dej in Rumänien und Lenart in der Tschechoslowakei.
Militärisch ist der Warschauer Pakt, das kommunistische Gegenstück zum Nordatlantikpakt, heute für Moskau nicht mehr wert als die Nato mit dem unverdaubaren de Gaulle für Washington: eine Allianz mit beschränkter Haftung.
Wirtschaftlich ist der Versuch gescheitert, aus dem "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe", im Westen Comecon* genannt, eine osteuropäische EWG zu bauen: Alle osteuropäischen Staaten weigerten sich, das von Moskau befohlene Comecon-Soll zu erfüllen, sobald es ihrer eigenen Volkswirtschaft zu schaden droht.
- Kulturell hat die "Kunst des sozialistischen Realismus" ausgegähnt. Neutöner und Surrealisten, absurdes Theater und Anti-Zuckerbäcker -Architektur, Dürrenmatt und Tennessee Williams beherrschen die Szene. Die osteuropäischen Kommunisten haben ihren Frieden mit der Kirche machen müssen. Nur in der Tschechoslowakei ist das Läuten der Kirchenglocken noch verboten; in Ungarn wird das Glockengeläut um 12 Uhr mittags sogar durch den Rundfunk übertragen.
Die Klänge, die in diesem Sommer den geschichtlichen Wandel begleiten, sind keine Volksweisen, keine Revolutionslieder, keine schmetternden Märsche. Es ist Jazz. Die jugendliche Blüte der kommunistischen Nationen schüttelt sich im Rhythmus von Twist, Madison und Hully-Gully.
Jeden Abend zupfen Elektro-Gitarristen und Jazz-Combos im Warschauer Kulturpalast "Somewhere over the rainbow". Um Mitternacht plärrt die Sängerin im Budapester "Táncpalota": "On the sunny side of the street". Eine Stunde später ist im Bukarester "Lido"-Hotel (Schwimmbad mit künstlichem Wellenschlag) "Madison Time". Und um 2 Uhr nachts klopft der Vibraphonist in der Bar des Prager Hotels "Jalta": "Never on Sunday".
Jazz-Klubs in Budapest spielen jede Nacht bis zum Morgengrauen, während in den Freibädern von Bukarest die Stimmen von Caterina Valente und Vico Torriani aus unzähligen Transistoren-Radios schallen. Allein in Prag heulen bereits 50 Beatle-Bands zu je vier Pilzköpfen mit Gitarre; in der Lucerna-Bar, wo Prags Jugend die Sommernächte durchtwistet, riecht es von Mitternacht an wie in einer Turnhalle. Und die neueste Satelliten-Internationale "Let's twist again" ist nur im unterentwickelten Bulgarien verboten, wo Parteichef Schiwkoff seinen Genossen einstweilen lediglich Cha-Cha-Cha und Boogie-Woogie erlaubt.
Unter den Tanzrhythmen Amerikas wird die Zwangsherrschaft der Sowjet -Union zu Grabe getragen. Von der deutschen Fremdherrschaft befreit, um von den sowjetischen Befreiern versklavt zu werden, begann vor zwanzig Jahren für die Völker Osteuropas der Leidensweg als Leibeigene der Weltrevolution.
Ihre Länder wurden in militärisches Vorfeld der Sowjet-Union verwandelt. Ihre Arbeiter schufteten als tributpflichtige Untertanen der Machthaber im fernen Kreml. Ihre Boulevards trugen russische Namen und ihre Soldaten wurden von russischen Generälen kommandiert; ihre Kinder mußten Russisch lernen und ihre Künstler russisch denken. Ihre Regierungen spannten daheim die Schirme auf, wenn es in Moskau regnete.
Aber wie dick die russische Tünche auch aufgetragen wurde, wie zahlreich die sowjetischen Bajonette im Land sein mochten, wie brutal der Würgegriff der von Moskau eingesetzten Vögte immer war - nach dem Tode des Tyrannen Stalin, dessen eiserne Faust den Ostblock zusammengehalten hatte, erwachte in den Völkern und Führern Osteuropas wieder ihr Nationalgefühl und ihr europäisches Geschichtsbewußtsein. Sie besannen sich auf ihre Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis, dem die Sowjet-Union nie angehört hat und für den schon das zaristische Rußland trotz aller Verflechtungen stets eine fremdartige und bedrohliche Macht war.
Die Stationen des osteuropäischen Unabhängigkeitskampfes sind so Stationen des Nationalstolzes und der europäischen Tradition zugleich. Der jugoslawische Partisanenheld Tito warf 1948 als erster das sowjetische Joch ab und pflanzte die gefährliche Saat des "nationalen Kommunismus" in Osteuropa.
Fünf Jahre später starb der grausame Stalin; die Entstalinisierung in der Sowjet-Union begann. Und in den Satellitenstaaten stürzten mit den Monumenten des roten Zaren auch die ersten illuminierten roten Fünfzack-Sterne von den Dächern der Hauptstädte. Denn nun öffneten sich - wie auch in der Sowjet-Union - die Türen der Gefängnisse für die Opfer Stalins. Und wenn sie auch im Kerker Kommunisten geblieben waren, so ließ ihr von Moskau geduldeter Patriotismus doch keine Fremdherrschaft zu.
Polens Nationalkommunist Wladyslaw Gomulka, im April 1956 auf freien Fuß gesetzt, verkündete: "Die Russen dürfen unser Land nicht als 16. Sowjetrepublik behandeln."
Zwei Monate später zogen in Posen polnische Arbeiter auf die Straße: "Schluß mit der Sowjetbesatzung!" Gomulka übernahm die Macht. Nach Jugoslawien war die zweite nationalkommunistische Revolution gelungen. Und der Sturmwind der Geschichte trug das Feuer weiter, nach Ungarn.
Zwar wurde in Budapest im Herbst 1956 der Aufstand des Volkes von russischen Panzern noch einmal in Blut erstickt, weil weltpolitische Interessen der Sowjet-Union auf dem Spiel standen. Aber auch in Ungarn vollzog sich mit Einwilligung Moskaus die Machtergreifung der Nationalkommunisten. Um die Lage zu stabilisieren, setzte Chruschtschow als Regierungschef den Ex-Partisanen und Stalin-Häftling János Kádár ein, der kein Wort Russisch spricht.
Der einst monolithische Ostblock wies die ersten Risse auf. Da begann Moskaus Ringen mit Peking um die Führung der Weltrevolution, und im Kampf der Titanen zerbrach der Rest der Kreml -Herrschaft im Satelliten-Reich.
Während Albaniens Stalinist Enver Hodscha zum ersten Pekinesen Europas wurde, ersetzte die ehemalige Dienstboten-Nation Europas, die Tschechoslowakei, ihren Ministerpräsidenten, den Ex-Emigranten Viliam Siroky, durch den Ex-Partisanen Jozef Lenart. Und ungleich lautloser als Polen und Ungarn, aber womöglich noch rigoroser, schüttelte jetzt Rumänien die sowjetische Vormundschaft ab.
Schon während der Kuba-Krise vor zwei Jahren hatte die rumänische Regierung in Washington gefragt, ob die USA bereit, wären, Rumänien im Falle eines sowjetisch-amerikanischen Krieges als "neutral" anzusehen.
Gleichzeitig begann die rumänische Regierung entgegen ausdrücklicher Comecon-Order den Ausbau des Landes zum modernen Industriestaat mit westlicher Hilfe. Die Regierung rief 800 westeuropäische Ingenieure ins Land und kaufte allein im vergangenen Jahr für 1,6 Milliarden Mark im Westen ein. Alle Sowjet-Divisionen zogen ab.
In der rumänischen Armee macht die antisowjetische Säuberung auch vor den Ehebetten nicht halt. Jeder Offizier, der nach 1945 eine Russin geheiratet hat, soll sich scheiden lassen oder den Dienst quittieren. Rund 10 000 politische Häftlinge wurden in den letzten Monaten aus den Gefängnissen entlassen.
Statt russischer Geisteshelden feiern die rumänischen Kulturfunktionäre heute den Pariser Avantgardisten des absurden Theaters Eugène Ionesco ("Die Nashörner") als literarischen Heros ihrer Nation. Anstelle der Stachanow -Standbilder preisen sie den 1957 in Paris verstorbenen modernistischen Bildhauer Constantin Brancusi als großen Sohn des Volkes.
"Es gibt keine und kann auch keine Vater-Sohn-Parteien geben, keine Parteien erster und zweiter Ordnung", so drohte Rumäniens KP in diesem Frühjahr in einer 10 000-Wörter-Erklärung dem Kreml: "Es gibt nur eine große Familie der gleichberechtigten kommunistischen Arbeiterparteien."
Mit der Abmachung über die Lieferung von zwei amerikanischen Atomkraftwerken und der Visite des rumänischen Ministerpräsidenten Maurer in de Gaulles Elysée-Palast sind in diesem Sommer die Rumänen zu neuen Ufern vorgestoßen, die selbst Polen und Ungarn nicht erreichten.
In dem rumänisch-französischen Rendezvous wird dabei ein Wesenszug des nationalkommunistischen Unabhängigkeitsstrebens offenbar, der für alle osteuropäischen Staaten gilt und ihrem europäischen Geschichtsbewußtsein entspringt: die Anlehnung an den traditionellen Bündnispartner aus vorkommunistischer Zeit.
Rumänien, dem die Russen im letzten Weltkrieg die Nord-Bukowina und Bessarabien abgenommen hatten und das sie deswegen möglichst schwachzuhalten suchten, war einst in der Kleinen Entente* mit Frankreich verbunden und sucht auch heute wieder zuerst Hilfe und Freundschaft in Paris.
Für die drei Rumänen, die Ende Juli nach Frankreich reisten, war es selbstverständlich: Ministerpräsident Maurers Mutter ist Französin, sein Stellvertreter Gaston-Marin ist mit einer Französin verheiratet, und Außenminister Maneseu hat an der Sorbonne studiert.
Polen dagegen, kulturell ebenfalls durch traditionelle Bande mit Frankreich verbunden, verzehrt sich wie eh und je in einem ausgeprägten Freund -Feind-Verhältnis zu seinen direkten und übermächtigen Nachbarn Deutschland und Rußland, die Polen schon viermal untereinander aufgeteilt haben.
Das mächtigste und nationalistischste, kulturell höchststehende und katholischste Land Osteuropas ist als einziger kommunistischer Staat durch eine starke Emigrationswelle auch mit Amerika verbunden (deswegen der Kennedy-Besuch), aber die Wertlosigkeit der anglo-französischen Garantien vor Weltkrieg II haben die Polen gelehrt, nicht auf die Hilfe ferner Verbündeter zu vertrauen, solange der russische Nachbar Ostpolen - und Polen als Entschädigung die Ostgebiete des deutschen Nachbarn - in Besitz hält. Hin und her gerissen zwischen Schutzsuche und Haß, konzentriert sich die Außenpolitik des polnischen Nationalkommunismus auf Deutsche und Russen.
Ungarn und Tschechen wiederum, einst Teile der Doppelmonarchie und mit unübersehbaren habsburgischen Rudimenten durchsetzt, fühlen sich entsprechend ihrer Historie von der österreichischen Neutralität angezogen.
Bei Ungarn, das kaum Gebietsforderungen an Rußland
hat (wie Rumänien) noch deutschen Revanchismus fürchten muß (wie Polen), ist diese Neigung naturgemäß noch ausgeprägter als bei den Tschechen - zumindest solange Sudeten-Führer Seebohm noch Bundesminister ist. Die mißglückte Proklamation der ungarischen Neutralität nach österreichischem Vorbild im blutigen Herbst 1956 belegt den habsburgischen Charakter der nationalkommunistischen Außenpolitik Ungarns.
Und selbst die Außenpolitik Bulgariens, das heute von allen osteuropäischen Staaten am stärksten an die Sowjet-Union gefesselt ist, hat Wurzeln in vorkommunistischer Historie: Denn es waren die Russen, die Bulgarien vor 86 Jahren von der 500jährigen Fremdherrschaft des Osmanischen Reiches befreiten und ihm 1947 ein Stück von Rumänien, die Dobrudscha, zusprachen.
Die zweite mit Bulgarien traditionell befreundete Großmacht, die eventuell ein anti-sowjetisches Gegengewicht hätte erzeugen können, spielt in Sofia nicht mehr mit: Deutschland. Wie in allen Hauptstädten Osteuropas, ist Bonn auch in Sofia als Gefangener der eigenen Hallstein-Doktrin diplomatisch nicht vertreten.
Die politischen Umwälzungen im Satelliten-Gürtel, für Deutschland das vielleicht folgenschwerste politische Ereignis seit Kriegsende, vollziehen sich, ohne daß die Bundesrepublik sie diplomatisch beobachten, geschweige denn beeinflussen kann.
Außenminister Gerhard Schröder, der gegen den Widerstand der Regierungsmehrheit die Aktivierung der deutschen Ostpolitik bis zur Errichtung von Handelsmissionen in Warschau, Bukarest, Sofia und Budapest vorangetrieben hat, ahnt dabei, daß die Bundesrepublik auf die Ereignisse im Ostblock einwirken könnte und sollte.
Und die Tätigkeit eines Privatmannes, der heute statt deutscher Diplomaten Deutschlands Einfluß und Interesse in Osteuropa verkörpert, beweist, daß es möglich ist: Krupps Generalbevollmächtigter Berthold Beitz, der mit den kommunistischen Staatsmännern Osteuropas jagte, trank und handelte, wurde im vergangenen Jahr sogar von Bulgariens KP-Boß Todor Schiwkoff, 52, eingeladen und entlockte den Kommunisten ein paar erste Schritte in westliche Richtung.
Schiwkoff, dessen Fahnenstange am Sofioter Leninplatz der größte Sowjetstern Osteuropas ziert, wollte Walzwerke und Konservenfabriken auf Kredit kaufen, um die nach dem Krieg mit russischer Hilfe (sieben Milliarden Mark) begonnene Industrialisierung seines Landes fortzusetzen. In dem einst reinen Agrarland arbeitet heute die Hälfte der Werktätigen in der Industrie; 20 000 Arbeiter bauen bei Sofia das Stahl- und Eisenkombinat Kremikovci. Bisher wickelte Bulgarien nur 17 Prozent seines Handels mit dem Westen ab. Es möchte aber - wie Rumänien - das Doppelte dorthin exportieren.
Zwar warnt Krupp-Manager Beitz selbst kühl davor, den Satelliten-Zug "Hin zum Westen" sofort leichtsinnig mit "Los von Moskau" gleichzusetzen. Dennoch ist nicht zu überseehen, daß die Beendigung der stalinistischen Kolonialherrschaft im Ostblock zugleich der Beginn war, eine Art kommunistisches Commonwealth gleichberechtigter Staaten zu begründen.
Die Voraussetzungen dafür hat Nikita Chruschtschow selbst geschaffen. Nach dem Tode Stalins suchte Chruschtschow dem Kommunismus neue Impulse zu geben. Der Kommunismus war zwar als staatliche Organisationsform für unterentwickelte Nationen noch attraktiv. In aufgeklärten Industrienationen aber taugte die verstaubte philosophische Lehre des Dr. Karl Marx aus dem vergangenen Jahrhundert nicht länger als Ersatzreligion. Stalin hatte das Problem gelöst, indem er alle kommunistischen Untertanen einem Terror-Regime unterwarf, vor dem es kein Entrinnen gab.
Chruschtschow und seine Genossen waren gewillt, den Terror zu brechen; sie erschossen dessen Personifizierung, den Geheimpolizisten Berija. Aber Chruschtschow war sich zugleich klar, daß er nun den Kommunismus auf eine neue Basis stellen mußte: Er unternahm den Versuch der Wiederherstellung von Rechtssicherheit und Menschenwürde im russischen Reich.
Zur Menschenwürde gehörte: mehr Geistesfreiheit für die Intelligenz, höherer Lebensstandard für die Massen. In Rußland gelang das Experiment, die kommunistische Lehre dem Zeitgeist anzupassen, der weltweit auf bürgerlichen Wohlstand und individuellen Lebensgenuß gerichtet ist. Für die osteuropäischen Satelliten-Staaten war es jedoch ein gefährliches Rezept. Denn Geistesfreiheit hieß dort: Besinnung auf westliche Kultur. Und höherer Lebensstandard beinhaltete: Vergleich mit westlichem Luxus. Mit Genossen aber, die Kafka lesen und Opel fahren möchten, ist kein diktatorischer kommunistischer Staat mehr zu machen.
In den lebenshungrigen Metropolen an Moldau, Weichsel und Donau waren bei Ausbruch des Krieges die Lichter ausgegangen. Und als sie im Westen wieder aufflammten, blieb es in den Hauptstädten Osteuropas dunkel.
Bald ähnelte Budapest mehr Charkow als Paris; die einst "goldene Stadt" Prag glich den traditionslosen Industriestädten in der Sowjetukraine; das stumpfe Grau, das Warschau einhüllte, wurde nur von Partei-Transparenten. Gipsmonumenten und roten Sowjetsternen durchbrochen.
Heute schwingen auf den Tennisplätzen von Bukarest junge Männer in Perry-Hemden wieder Dunlop-Schläger. Im Palatinus-Bad auf der Budapester Margareteninsel tummeln sich Hunderte junger Mädchen in Bikinis und mit gelackten Fußnägeln, während bereits am Vormittag Twist aus dem Radio schallt.
In Sofia lassen Ladenbesitzer ihre Anzüge wieder beim Maßschneider anfertigen; im Prager Hotel "Jalta" tragen die Kellner wieder Frack und Smoking. Über dem Bukarester Boulevard "Balcescu" lockt der Busen Sofia Lorens die Rumänen in den Film "Madame Sans -Gênes". Und im Prager Nachtlokal "Alhambra" am Wenzelsplatz trällern sechs Chorgirls, während sie in Pariser Revuekostümen durch das Parkett ziehen, den "My Fair Lady"-Song: "I could have danced all night."
Der Ostblock hat den Sex entdeckt. Die Titelbilder der meisten kommunistischen Illustrierten zeigen, genau wie in Westdeutschland, weibliche Reize. Die Strip-tease-Vorführungen in Budapest könnten unverändert ins Programm vom "Crazy Horse" in Paris übernommen werden. In den Ausländerhotels aller osteuropäischen Metropolen stehen sozialistische Playgirls zur Verfügung. Und als die Photographen des US-Magazins "Playboy" aufbrachen, um in diesem Frühjahr Pin-up-Photos von jenseits des Eisernen Vorhangs zu erlangen, hatten sie in Warschau und Budapest - im Gegensatz zu Rußland - Mühe, den jungen Modell -Damen klarzumachen, daß man auch in USA nicht alles veröffentlichen kann.
Amerikanische, italienische und französische Filme haben die Moskauer Zelluloid-Produktion fast völlig verdrängt. In Warschau und Budapest hängen westliche Zeitungen in öffentlichen Lesehallen. Die Theater im Ostblock spielen fast alle modernen westlichen Stücke, von Osbornes "Entertainer" bis Ionescos "Nashörner". In Prag wird Franz Kafka - noch im vergangenen Jahr ein "unerwünschter Autor" - aufgeführt, und prompt lief Edward Albees Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" in der Tschechen-Hauptstadt unter dem Titel "Wer hat Angst vor Kafka?". Auf ungarischen Hochschulen wird kein proletarischer Ahnennachweis mehr verlangt.
Die Mode ist bei Goldsandalen und beim nahtlosen Nylonstrumpf angelangt. Vor der alten Prager Gaststätte "Zum Kelch", wo sich einst der Autor des "braven Soldaten Schwejk". Jaroslav Hasek, seine Räusche antrank, bleiben heute die Pfennigabsätze vorbeihastender Damen in den Wackersteinfugen des Pflasters stecken; im nächsten Zeitungskiosk gibt es Starpostkarten von Liselotte Pulver und den Beatles.
Die von Rußland importierte Zuckerbäcker-Architektur nach dem Vorbild der Moskauer Universität auf den Leninbergen ist passe. Besonders in Rumänien, wo im vergangenen Jahr 100 000 Häuser und 42 000 Wohnungen gebaut wurden, haben in Westeuropa und Südamerika geschulte Baumeister moderne Hochhäuser errichtet, die den rumänischen Hochmut, gegenüber sowjetischer Architektur verständlich erscheinen lassen.
In keiner Stadt Osteuropas wird soviel Eis geschleckt wie in Prag, lungern so viele Werktätige in so vielen Straßencafés und Espresso-Bars herum wie in Bukarest, wird soviel schwarzgehandelt wie in Sofia. In keiner osteuropäischen Stadt gibt es so viele Buchhandlungen wie in Warschau und so viele Automobile wie in Budapest.
In Ungarn sind etwa 80 000 Privatwagen zugelassen. Die Regierung fährt Mercedes, unter den Privatwagen dominiert Opel, einschließlich des neuesten cremefarbenen Rekord.
Die meisten ausländischen Wagen werden mit einem Trick und mit Hilfe im Westen ansässiger Exil-Ungarn eingeschleust. Sie lassen die Wagen als "Geschenk" über die Grenze rollen. Dafür verpflichtet sich der Empfänger, den Angehörigen der Emigranten eine Rente in Höhe des Kaufpreises zu zahlen. Der Staat, der um das Geschäft weiß, drückt beide Augen zu. Er ist mit von der Partie. Er kassiert für das "Geschenk" 60 Prozent Wertzoll.
Etwa jeder siebte Privatwagen in Ungarn wird von Industriearbeitern gefahren, jeder zweite von Angestellten, Technikern, Ärzten und Kleingewerbetreibenden, von denen es viele auch schon zu einem Bungalow am Plattensee gebracht haben.
Die offizielle Lohnskala im Land reicht heute von 1000 bis 10 000 Forint, nach offiziellem Wechselkurs etwa 340 bis 3400 Mark. Partei- und Regierungschef Kádár bezieht mit 5100 Mark das höchste Gehalt Ungarns.
Mit solchen Einkommen sind keine großen Sprünge zu machen. Denn die Preise im Ostblock sind hoch; in Ungarn kostet ein Kofferradio etwa 600 Mark, in Rumänien ein kleiner Fiat 600 den
Gegenwert von drei Jahreslöhnen eines Arbeiters. Aber der Lebensstandard erhöht sich von Jahr zu Jahr, und wo es dem Volke zu langsam geht, da muckt es auf.
Den eßlustigen Tschechen war die jährliche Fleischration von 60 Kilo pro Kopf zu wenig. Prompt erscholl bei den letzten Maidemonstrationen auf dem Prager Wenzelsplatz aus vielen hundert Studenten- und Halbstarken-Kehlen statt der offiziellen Parteiparole "At' zije práce!" (Es lebe die Arbeit) der Ruf: "At' zije prase!" (Es lebe das Schwein). Heute liegen in Prags Lebensmittelgeschäften Gänsebrüste und Ananas.
Die Dogmen kommunistischer Planwirtschaft werden, wie in der Sowjet -Union, so auch in allen osteuropäischen Staaten - wenngleich noch zögernd - durchbrochen.
Im gebärfreudigen Polen suchen in den nächsten fünf Jahren drei Millionen junge Menschen Arbeitsstellen. Die volkseigene Wirtschaft kann aber nur die Hälfte unterbringen. Etwa 1,5 Millionen sollen deshalb im privaten Kleingewerbe, Handwerk und Handel unterschlüpfen. In der polnischen Landwirtschaft sind, nur 13 Prozent des anbaufähigen Bodens kollektiviert.
Während das Leben in Budapest und Bukarest ungleich unbeschwerter und fröhlicher dahinfließt und die Frauen sorgfältiger geschminkt und eleganter gekleidet sind als in Warschau und Prag, ist in Polen und der Tschechoslowakei die Kunst in stürmischere Bewegung geraten.
In Prag gibt es mehr Jazz-Abende als in Westberlin, mehr abstrakte Kunstausstellungen als in Hamburg. Die Polen drehen anspruchsvollere Filme als die ost- und westdeutsche Kino-Industrie.
In Warschau ist die Universität Kernzelle des kulturellen Aufstandes. Die jungen polnischen Studenten sind erfüllt von der gleichen ernsthaften Diskutierfreudigkeit, wie sie einst in Westdeutschland vor der Währungsreform herrschte.
Die alljährlichen Musikfestivals der Tschechoslowaken und Polen - "Prager Frühling" und "Warschauer Herbst" - haben internationales Format.
Der polnische Komponist Krzysztof Penderecki, 31, widmete den Opfern von Hiroshima eine sogenannte Threnodie, die vom Krakauer Philharmonischen Orchester aufgeführt wurde und mit dem elementarsten Grundsatz jeder Musik brach: dem konkreten Ton.
Der Komponist schrieb den Streichern nur vor, "so hoch wie möglich" oder "in mittlerer Lage" oder "auf der anderen Seite des Stegs" zu spielen. Er legte nur fest, wie die Töne zu spielen sind - nicht, welche gespielt werden sollen.
Absurd, selbst für westliche Begriffe, aber bezeichnend für den Zuschnitt der östlichen Avantgardisten, die glauben, zu lange Versäumtes im Exzeß nachholen zu müssen.
Die gleiche Unrast hat die Jugend aller osteuropäischen Staaten erfaßt. Unbewußt hat sie bei der Auflösung des Ostblocks von innen eine Star-Rolle übernommen.
So wie die Schlachten zwischen Mods und Rockers in England im Grunde nur ein Aufbegehren gegen die Langeweile der bestehenden Gesellschaften sind, so suchen Teenager und Twens der Volksdemokratien im Rhythmus von Twist und Hully-Gully die Fesseln der Ordnung zu sprengen, in der sie aufgewachsen sind. Ihre überkommene Ordnung aber ist der Kommunismus. Und wie einst im Dritten Reich die unpolitische Swing -Jugend nur aus jugendlichem Obstruktionsgeist langes Haar und Regenschirme trug und dennoch schließlich als Volksschädlinge politisch verfolgt wurde, so hat auch der jugendliche Jazz-Fanatismus im Osten plötzlich politische Bedeutung erhalten.
Schwarze Kunstlederjacken in Warschau, Beatle-Frisuren in Prag und die Twist-Orgien in den Budapester Halbstarken-Lokalen "Pipacz" und "Anna" sind zu Demonstrationen gegen die Eintönigkeit des kommunistischen Jugendbetriebs geworden.
Geschickter als einst die Hitler-Jugend versucht etwa in Ungarn die kommunistische Jugendorganisation "Kisz" die musikalische Oppositionswelle abzufangen.
Im Ifjusági-Park unter der Budaer Burg veranstaltet sie gegen geringen Eintritt Tanzabende mit US-Musik. Hunderte kommen. Zwei Kisz-Ordner mit schmalen roten Armbinden wachen am Eingang: Schläger-Typen oder Jung -Genossen ohne Krawatte haben keinen Zutritt.
"Wie schmeckt Coca-Cola? Haben Sie Brigitte Bardot schon mal gesehen? Elvis Presley? Trini Lopez? Die Beatles?" Die Fragen rumänischer Jungen prasselten kürzlich auf den "Newsweek"-Korrespondenten Yorick Blumenfeld nieder, als er Bukarest besuchte. Jedes westliche Touristen-Auto - vor allem Sportwagen und Luxuslimousinen, etwa ein Mercedes 230 SL oder ein Cadillac - wird von Jugendlichen umringt und inspiziert, sobald es hält.
West-Touristen sind Bevölkerung und Regierungen der osteuropäischen Staaten gleichermaßen willkommen. Sie bringen Devisen und beflügeln die Träume von einem besseren Leben. In Prag haben ausländische Besucher auf dem beschränkten Platz am "Goldenen Kreuz" in diesem Jahr das bis dahin in der. Tschechoslowakei unbekannte Senkrecht-Parken eingeführt.
An der Schwarzmeer-Küste von Rumänien und Bulgarien entstehen immer mehr Hotels für ausländische Touristen. Vor sechs Jahren waren die modernen Ferien-Oasen in Bulgarien noch unwegsamer Dschungel. Um die dort hausenden Schlangen auszurotten, setzten die Hotelplaner zunächst Tausende von Stachelschweinen aus, die Todfeinde der Vipern. Dann erst kamen die Bulldozer.
An Schaufenstern in den großen Geschäftsstraßen der osteuropäischen Hauptstädte künden Hinweisschilder "On parle francais", "English spoken" und "Man spricht Deutsch". Doch während in Prag das daneben klebende schwarzrotgoldene Abziehbild noch mit Hammer und Zirkel geschmückt ist, fehlt schon in Budapest das DDR -Emblem auf den deutschen Farben.
Alle osteuropäischen Staaten haben in den letzten Monaten ihre Wechselkurse zugunsten der Touristen geändert, um noch mehr Reisende anzulocken. Und die Devisen, die sie dabei einnehmen, stellen sie nicht mehr, wie einst verordnet, der zentralen wirtschaftlichen Planungsbehörde des Ostblocks, dem Comecon, zur Verfügung.
Denn wie beim einzelnen Bürger, so hat sich auch in den Regierungen der nationalkommunistischen Staaten der Wunsch zur Tat verdichtet, nicht länger zuerst an das Heil der Weltrevolution zu denken, sondern vor allem an das eigene Wohl.
Die Comecon-Zentrale, die sich in Moskau im ehemaligen Bankpalast des Barons von Meck etabliert hat, war 15 Jahre lang das Instrument, mit dem der Kreml die Volkswirtschaften aller Satelliten-Staaten für sich einspannte.
1949 wurde Comecon als Pendant zum Marshall-Plan gegründet. Aber während die Amerikaner bis 1951 mit rund 52 Milliarden Mark Europas Wiederaufbau finanzierten, preßte Moskau ein Vielfaches dieser Summe in Form von Reparationslieferungen an die Sowjet -Union aus den Ostblockstaaten.
Seit 1956 entwickelte der "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" dann Pläne für eine "sozialistis Arbeitsteilung" im Ostblock. Ziel war es, den Satelliten ein Verbundsystem aufzuzwingen, das sie in gegenseitige Abhängigkeit und damit in Abhängigkeit von Moskau brachte.
So hängt an der 4110 Kilometer langen Erdöl-Pipeline "Freundschaft", die im russischen Kuibyschew gespeist wird, die gesamte Mineralölversorgung Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns und der Sowjetzone.
Dafür mußten die Satelliten teuer bezahlen. 1959 lieferte Rußland an Italien Erdöl für 51 Rubel pro Tonne, nahm aber seinen Genossen für die gleiche Menge 95 Rubel ab.
Die Satelliten hingegen mußten ihrerseits zu wahren "Freundschaftspreisen" an die Sowjet-Union liefern. 1953, als die Tonne Steinkohle auf dem Weltmarkt zwölf bis 25 Dollar kostete, bekam Polen vom Kreml 1,25 Dollar pro Tonne, und den Rumänen zahlte Moskau für eine Tonne Uranerz (Weltmarktpreis: 1200 Mark) eine Mark.
Durch Comecon legte die Sowjet -Union 1956 fest, was jedes osteuropäische Land mit Vorrang produzieren sollte:
- Polen: Stein- und Braunkohle.
- Tschechoslowakei: Maschinen und
Konsumgüter.
- DDR: Chemikalien.
- Ungarn: Elektroartikel und Nutzfahrzeuge (wie Omnibusse, Milch - und Feuerwehrautos).
- Bulgarien: landwirtschaftliche Erzeugnisse.
- Rumänien: Erdöl, Erdgas und Erz. Außerdem sollte sich das Land, das im vergangenen Notjahr 400 000 Tonnen Weizen an die Sowjet-Union lieferte, zum "Gemüsegarten und Weizenacker der sozialistischen Welt" entwickeln.
Zonenvogt Ulbricht spurte als einziger sofort. Er stoppte die Produktion des "Sachsenring" - Personenwagens und liquidierte die mit Milliarden Ostmark aufgebaute Flugzeugwerft in Dresden.
Die Polen waren weniger brav. Sie ignorierten den Befehl, die Produktion des "Warszawa", eines Lizenzmodells des sowjetischen "Pobjeda", einzustellen, und ließen die Fließbänder weiterlaufen.
Völlig quer legten sich die Rumänen. Der Kreml hatte unter Androhung wirtschaftlicher Zwangsmaßnahmen gefordert, den Bau des Eisenhüttenkombinats in Galatz (Gesamtkosten: vier bis sechs Milliarden Mark) einzustellen. Das Werk soll jährlich vier Millionen Tonnen Stahl erzeugen und damit sogar das modernste Stahl- und Walzwerk an der Ruhr, die August-Thyssen-Hütte, übertreffen.
Rumäniens dickköpfiger Diktator Gheorghiu-Dej, ein ehemaliger Eisenbahnarbeiter, dachte nicht daran, sein Paradepferd abzusatteln. Der Zorn über die Comecon-Forderungen war es, der ihn schließlich endgültig auf den nationalkommunistischen Weg Polens und Jugoslawiens führte.
Der Konflikt Moskau-Peking kam Gheorghiu-Dej dabei gelegen. Erst drohte der Rumäne den Russen mit den Chinesen, dann rief er den Westen zu Hilfe. Das Galatzer Eisenhüttenkombinat wächst jetzt mit französischer, britischer, österreichischer und westdeutscher Hilfe weiter.
Überall im Lande haben kapitalistische Ingenieure Fuß gefaßt. Krupp konstruiert zur Zeit Spezialanlagen für ein petrochemisches Kombinat, die westdeutschen Firmen Lurgi und Uhde liefern die wichtigsten Aggregate für weitere Chemie- und für Düngemittel -Werke.
Ein deutscher Erfinder lehrte die Rumänen, aus dem Schilf des Donaudeltas Zellwolle zu gewinnen.
Siemens baut das Kernstück des neuen Aluminiumwerks in Slatina, das von 1965 an jährlich 50 000 Tonnen Aluminium produzieren soll. Schon heute liefern die Rumänen kein Bauxit mehr an die Sowjet-Union, die ihnen jahrelang nur einen Spottpreis zahlte.
Zwei schweizerische Großfirmen - Sulzer und Brown-Boveri - lassen bereits von rumänischen Staatsbetrieben in Lizenz Diesellokomotiven bauen, die Rumänien dann nach Polen exportiert.
Ohne westliches Kapital, aber in kapitalistischem Geist wurde hinter einer überladenen Fin-de-siècle-Fassade aus König Carols I. Zeiten in Constanza am Schwarzen Meer auch das jüngste Unternehmen der nationalkommunistischen Volkswirtschaft Rumäniens in Betrieb genommen: Das alte Spielkasino ist wiedereröffnet.
Ein zweites, modernes Kasino aus Stahl und Glas entstand in diesem Sommer im Badeort Mamaia. Leise scheppern die Jetons, die Kugel rollt - gleich ob schwarz oder rot, der Gewinn hilft die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes zu stützen.
Nach der militärischen Besetzung durch die Rote Armee und der politischen Kontrolle durch Moskau-hörige Regierungen war die wirtschaftliche Lenkung durch Comecon das dritte und letzte Mittel des Kreml, die Staaten Osteuropas zu beherrschen. Es hat in Rumänien endgültig versagt. Der Kommunismus ist geblieben.
Auf absehbare Zeit wird keine der Volksdemokratien ihr Gesellschaftssystem andern können. Aber es ist ein neuer Kommunismus, der nicht mehr vom Kreml abhängig ist. Der Rückzug Rußlands aus Osteuropa hat begonnen.
** Wladimir Majakowski (1894 bis 1930) sowjetischer Revolutions-Dichter.
* Abkürzung der englischen Übersetzung
"Council for Mutual Economic Assistance".
* 1920/21 geschaffenes Pakt-System mit Frankreich als Garantiemacht, gegen Deutschland, Österreich und Ungarn gerichtet.
Wochenende in Ungarn (Plattensee): "Wie schmeckt Coca-Cola?"
Polen-Besucher Kennedy in Warschau: "Es gibt keinen kommunistischen Block mehr ...
Beatnik-Lesung in Prag (Weinstube "Viola"): "Wer hat Angst vor Kafka?"
... sondern nur kommunistische Länder": Rumänien-Premier Maurer bei de Gaulle
KP-Chefs Gomulka, Gheorghiu-Dej, Kádár: "Los von Moskau"
Bulgare Schiwkoff, Ehepaar Beitz: "Hin zum Westen"
Jugendliche in Bukarest, Prag: Mit Pilzköpfen und Goldsandalen
Beatle-Band, Twist-Tänzer in Prag: Bei Hully-Gully und Madison ...
... ein Aufstand der Twens: Jugendliche in Warschau, Budapest
... ein Traum vom besseren Leben: Touristen-Mercedes in Prag, polnische Motorrad-Produktion
Wohnblocks in Bukarest: Erst Zuckerbäckerstil, dann Wolkenkratzer
Modenschau in Warschau
Dürrenmatt-Premiere in Warschau
Schuhsalon, Parfümerie in Budapest
Westliche Einflüsse im Ostblock Erst: "Es lebe die Arbeit!" ...
Strip-tease in Budapest
Klub abstrakter Künstler in Krakau
Illustrierten-Titelblätter in Ungarn
Westliche Einflüsse im Ostblock ... dann: "Es lebe das Schwein!"
Bulgarische Hotels am Schwarzen Meer: Erst Stachelschweine, dann Bulldozer
* Junge Rumänen auf volkseigenen Motorrädern vor dem Pressehaus auf dem Bukarester Scîntela-Platz; links: Lenin-Denkmal.

DER SPIEGEL 34/1964
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OSTBLOCK / NATIONALKOMMUNISMUS:
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