26.08.1964

KOHLEHALDEN

Visier 140

RUHR

Der Werbeslogan des westdeutschen Steinkohlenbergbaus "Der nächste Winter kommt bestimmt" hat für die Zechenherren in dieser Saison einen fatalen Doppelsinn erhalten. Wenn der kommende Winter nicht ungewöhnlich streng wird, erwartet sie eine Absatzkrise, die der schwarzen Baisse des Jahres 1959 nicht nachstehen wird.

Bereits Ende Juli lagen auf den Halden fast acht Millionen Tonnen unverkaufter Kohle. Bis zum Jahresende werden wahrscheinlich weitere zwei Millionen Tonnen hinzukommen. Und 1965 besteht Aussicht, daß die Bestände dem Haldenrekord von 17 Millionen Tonnen aus dem Jahre 1959 nahekommen.

An dieser mißlichen Lage konnten auch die Bemühungen des Rationalisierungsverbandes des Steinkohlenbergbaus nur wenig ändern, der am 1. September 1963 durch Bundesgesetz begründet worden ist.

Seine Hauptaufgabe besteht darin, die Stillegung von Schachtanlagen, die nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind, durch Prämien zu erleichtern.

Die Zechengesellschaften erhalten für jede Tonne Förderkapazität, die außer Betrieb genommen wird, einen Zuschuß von 25 Mark. Zu diesem Betrag schießt der Bund die Hälfte zu. Die andere Hälfte zahlt der Verband, der bei seinen Mitgliedern ein Umlagerecht hat, aus eigenen Mitteln.

Bislang hat der Rationalisierungsverband Prämien in Höhe von 300 Millionen Mark für geschlossene Pütts bezahlt. Seit dem 15. Mai 1962 hat die Ruhr ihre Förderkapazität um zwölf Millionen Tonnen vermindert.

Von 1957, dem Beginn moderner Krisenzeitrechnung, bis zur Jaresmitte 1964 schlossen die Zechenherren

- von 173 Schachtanlagen 57;

- von 63 Kokereien elf;

- von 25 Brikettfabriken sechs.

Die Zahl der Beschäftigten sank von 542 000 auf 360 000 Mann, von 2203 sogenannten Abbaubetriebspunkten im Jahre 1957 förderten ich Juni nur noch 1074. Diese beachtliche Schließungsaktion konnte das westdeutsche Kohlenangebot jedoch nicht verringern. Da die Untertageleistung der Kumpel erheblich stieg, produzieren die Zechen weiterhin 140 Millionen Tonnenjährlich.

So erhöhtes sich beispielsweise die durchschnittliche Schichtleistung seit 1957 von 1580 Kilogramm pro Mann auf 2600 Kilogramm 1964; in manchen Pütts brechen die Kumpels pro Mann und Schicht mehr als 3000 Kilogramm aus dem Berg. Vor allem der verstärkte Einsatz mechanischer, Fördergeräte, wie Kohlenhobel und Förderband, bewirkte die Mehrleistung. 1957 wurden nur 13 Prozent, 1963 hingegen 65 Prozent der Steinkohle vollmechanisch gewonnen.

Dieses ansehnlichen Rationalisierungserfolgs vermochten sich die Kohlenherren jedoch nicht recht zu freuen. Ihre Lage, die durch den langen Winter 1962/63 etwas besser geworden war, steuert unaufhaltsam in die Krise.

Klagt Helmuth Burckhardt, Vorsitzender des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau: "Die Lage ist heute dadurch gekennzeichnet, daß das Erdöl auf den Energiemarkt drängt."

In den letzten fünf Jahren stieg der Energieverbrauch in' der Bundesrepublik im Jahresdurchschnitt um elf Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE), hingegen wuchs die Raffineriekapazität allein im vergangenen Jahr um 15 Millionen Tonnen. Da der Wärmewert des Mineralöls 1,4 mal so groß ist wie der von Steinkohle, entspricht der Kapazitätszuwachs beim Öl etwa 21 Millionen Tonnen Steinkohle. Mithin hat das Mineralöl nicht nur den gesamten Energiezuwachs mit Beschlag belegt, sondern überdies den Kohlemarkt weiter eingeengt.

Bis 1966 wird die Raffineriekapazität um weitere 36 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten anwachsen. Das ist wiederum mehr als der erwartete Zuwachs des Energieverbrauchs.

Trotzdem beharrt der Bergbau, dessen gesicherter Absatz bei 125 Millionen Jahrestonnen liegt, auf einer Jahresförderung von 140 Millionen Tonnen.

Und in ihrem Kampf gegen alle möglichen Konkurrenten attackierten die Zechenherren unlängst sogar ihren (nach der Bundesbahn) zweitwichtigsten Abnehmer.

Die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) in Dortmund wollen (zusammen mit der AEG) bei Lingen im Emsland ein Atomkraftwerk bauen. An diesem Projekt wünschte der Bergbau sich zu beteiligen, um Einfluß auf Ausbau und Energiekapazität zu nehmen.

VEW-Vorstandsvorsitzer Dr. Ludwig Spennemann ließ die Bergleute abblitzen: "Aus grundsätzlichen und wohlüberlegten Erwägungen" habe sein Unternehmen beschlossen, das Werk ohne Beteiligung des Bergbaus zu errichten. Die VEW wolle später nicht einen Partner fragen müssen, der ein konkurrierendes Erzeugnis produziert.

Diese Abfuhr veranlaßte die Bergleute zu dem Versuch, das Lingener Atomprojekt ihres Großkunden zu hintertreiben. Burckhardts Lobby ventilierte in Bonn, man möge die im Haushalt 1964 vorgesehenen Mittel für die Erstausstattung von Kernkraftwerken mit Brennstoff wieder streichen. Der Anschlag mißlang.

Angesichts der sich immer höher türmenden Kohlenhalden rief Bergbau-Chef Burckhardt nun wieder einmal Bonn um Hilfe an. Er telegraphierte an das Wirtschaftsministerium: "Um die stürmische Entwicklung in ausgeglichene Bahnen zu lenken, bedarf es dringend unverzüglicher Maßnahmen der Bundesregierung."

Vorwärts

"Irgendwie wird's schon gutgehen!".


DER SPIEGEL 35/1964
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