26.08.1964

NEUTRA-HÄUSERSchlecht geträumt

Der Name des Architekten versprach viel: Professor Richard J. Neutra, in Österreich geborener Amerikaner und Schöpfer renommierter Avantgarde-Bauten, hatte die Eigenheime entworfen.
Aber von 67 Neutra-Häusern in Quickborn bei Hamburg sind bis jetzt erst vier, von 42 in Walldorf bei Frankfurt erst zehn verkauft, obwohl die Siedlungen seit anderthalb Jahren im Bau und fast fertiggestellt sind. Der Bauherr, die Hamburger "Betreuungs- und Wohnungsbaugesellschaft mbH" (Bewobau), muß sich um seine Investitionen von 22 Millionen, Mark Sorgen machen.
Bewobau-Direktor Wilhelm Krüger sinniert: "Der Kreis der Menschen, die solche Häuser kaufen, ist doch sehr klein." Tatsächlich sind die Neutra-Wohnstätten nur für finanzkräftige und zugleich "Intellektuell anspruchsvolle" Kunden (Krüger) interessant.
Der fortschrittsfreudige Amerikaner Neutra, der die Arbeit des Architekten als einen "Auftrag für morgen" sieht, verlangt von westdeutschen Eigenheimern ein ganz neues Wohn-Bewußtsein: Statt weithin sichtbarer Repräsentativ-Villen inmitten ausgedehnter Grundstücke entwarf er eng zueinander geordnete Häuser, die sich auf kleine Wohngärten öffnen.
In Quickborn stehen neun verschiedene Typen zur Auswahl mit
- Wohnflächen von 97 bis 160 Quadratmetern,
- Grundstücken von 530 bis 1380 Quadratmetern,
- Preisen von 162 100 bis 248 500 Mark.
Bei den meist einstöckigen Bungalows wurde mit aufwendigem Material, wie etwa Glas und Mahagoni, nicht gespart. Auch die handwerkliche Qualität der Bauten ist ungewöhnlich. Jeder Garten kostete etwa 10 000 Mark.
Dennoch ließen sich für die Neutra-Siedlungen nur schwer Interessenten finden.
In Quickborn hatte die Bewobau anfangs mit dem Theater-Prominenten Gustaf Gründgens (Bewobau-Architekt Rebstock: "Den hatte Neutra uns angebracht") einen werbewirksamen Kaufwilligen. Aber Gründgens starb, und von den zahlreichen Bungalow-Besuchern entschieden sich seither nur wenige zum Vertragsabschluß.
Es zeigte sich, daß der Bewobau zwei Fehleinschätzungen unterlaufen waren. Sie hatte
- die Bedeutung des Standorts als Prestige-Faktor unterschätzt,
- den Neutra-Nimbus überschätzt.
Walldorf, dicht am Rhein-Main-Flughafen gelegen, gehört nicht zu den Wohngebieten, die gut dotierte Frankfurter bevorzugen. Quickborn, dessen Bürgermeister für Werbezwecke der Bewobau die "reizvolle Wald- und Heidegegend" des "Garten- und Erholungsstädtchens" lobte, gilt in Hamburg kaum als Adresse, die 200 000 Mark oder mehr wert wäre.
Der von den Bauherren eingeplante Snob-Appeal, den die Neutra-Kreationen ausstrahlen sollten, erwies sich als gering. Heute grübelt Architekt Rebstock: "Vielleicht war es falsch, so viele Häuser auf einmal zu bauen. Damit wurde die Einmaligkeit angeknackt."
Aber nicht nur die Zahl der Häuser, sondern auch ihr Charakter war dazu angetan, zahlungskräftigen Bundesdeutschen den Kaufentschluß zu erschweren.
Neutra und die Bewobau hatten, einem "Trend zur Urbanität" (Rebstock) huldigend, ihre teuren Wohn-Juwelen auf kleinen Grundstücken eng aneinander gerückt - allzu klein und allzu eng, gemessen am herkömmlichen Villen-Ideal.
Ganze zwölf der 67 Quickborner Grundstücke sind größer als 1000 Quadratmeter; dagegen haben 39 nur Flächen von 530 bis 800 Quadratmeter. 44 Häuser stehen als Zwillingsbauten Wand an Wand. Das kleinste von ihnen - 530 Quadratmeter Grundstück 97 Quadratmeter Wohnfläche - kostet aber bereits 164 800 Mark.
Auch die Gärten, Clou der Neutra-Baupläne und vom Gartenarchitekten Lüttge als "festliche Wohnstuben" angelegt, mögen Interessenten abschrekken. Zwei Meter hohe, berankte Lattenzäune oder Eternit-Wände verwehren zwar jeden Einblick in das grüne Idyll; sie versperren aber zugleich auch den Ausblick der Bewohner.
Die Bewobau hält, ungeachtet des geringen Käuferinteresses, ihre Neutra-Siedlungen nach wie vor für gelungen und zukunftsträchtig. Rebstock: "Mit dem Landhaus, dem Traum des deutschen Spießers, ist es vorbei."
Aber in der Firmenzentrale an Hamburgs Barmbeker Markt hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß auch Träume den Geschäftsgang erheblich stören können. Den Plan, in Quickborn und Walldorf weitere 422 Neutra-Häuser zu bauen, hat das Unternehmen aufgegeben.
Vorstand Krüger: "Auch die Bewobau-Direktoren möchten mal wieder ruhig schlafen."
Neutra-Haus in Quickborn: Nimbus überschätzt

DER SPIEGEL 35/1964
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