02.09.1964

„Herr Hitler will den Frieden retten“

1. Fortsetzung
Bürgschaft für Polen
Englands Botschafter Kennard, der wegen der sich zuspitzenden Krise seinen Urlaub abbrach, kehrte am 30. Juli 1939 nach Warschau zurück. Er stimmte mit seinem Stellvertreter Norton überein, daß die polnische Regierung "entschieden nicht darauf ausging, einen Krieg zu provozieren".
Aber Kennards Kollege in Berlin, Henderson, war davon überzeugt, daß die Polen die Deutschen "demütigen" wollten. Er bat Außenminister Halifax, auf die Polen einen Druck auszuüben, damit die polnische Regierung nicht den Stolz Hitlers herausfordere. Hitler würde "klein beigeben", wenn man ihm einen Weg dazu offenlasse.
Henderson argwöhnte, die Polen würden "die Dinge auf die Spitze treiben". Mit Hilfe der britischen Bürgschaft wollten sie; so berichtete der Botschafter am 8. August nach London, über Deutschland einen ungerechten Vorteil erlangen. Henderson befürchtete, polnische Drohungen könnten Deutschland verärgern. Von anderer Seite aber erfuhr Halifax drei Tage später von deutschen Drohungen, die weit extremer waren, als es sich die Polen je hatten einfallen lassen. Hitler hatte mit dem Völkerbunds-Kommissar für Danzig, Burckhardt, gesprochen, der als anti polnisch bekannt war. Burckhardt äußerte, Hitlers "Prahlerei" beruhte auf "Furcht".
Es war eine Prahlerei besonderer Art: "Wenn sich der kleinste Zwischenfall ereignet", hatte Hitler gesagt, "werde ich die Polen ohne Warnung zerschmettern, so daß nicht eine Spur von Polen nachher zu finden ist. Ich werde wie ein Blitz mit der vollen Macht einer mechanisierten Armee zuschlagen, von der die Polen keine Ahnung haben." Danzig-Kommissar Burdkhardt war keineswegs alarmiert, sondern blieb bei seiner Ansicht, Hitler habe sich noch nicht entschlossen, Polen zu liquidieren".
Hitler könne noch immer zufriedengestellt und der Krieg vermieden werden, schrieb Burckhardt an Halifax. Beschwichtigungspolitiker sollten kühn sein. Hitler sei es, der Angst habe. Er war dem Völkerbunds-Kommissar "mitunter nervös, mitleiderweckend und fast gebrochen erschienen". Überdies habe er seine Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben, die strittigen Fragen mit einem Engländer zu besprechen.
Sprachschwierigkeiten seien das einzige Hindernis für eine offene Aussprache zwischen ihm und einem prominenten Engländer. In einem Absatz, der vom Foreign Office "den Franzosen nicht mitgeteilt werden sollte", hatte Hitler gesägt: "Ich hatte eine schwere Jugend und keine Möglichkeit, fremde Sprachen zu erlernen."
Hitler wollte also mit einem Engländer sprechen, der das Deutsche fließend beherrschte. "Ich hege große Sympathien ... für Lord Halifax", teilte er mit. Man hat mir von ihm seither viel Schlechtes erzählt, aber mein erster Gefühlseindruck hat die Oberhand. Ich glaube, daß er ein Mann ist, der die Dinge im Großen sieht und den Wunsch nach einer friedlichen Lösung hat. Ich hoffe, ihm eines Tages wiederzubegegnen."
Hitlers Gerede war nicht umsonst. Halifax, der sich vielleicht durch diese Worte Hitlers geschmeichelt fühlte, wollte "den Vorschlag erwägen", einen Engländer nach Berlin zu schicken.
Am 15. August wurde Botschafter Kennard instruiert, auf den polnischen Außenminister Beck einzuwirken, er solle Deutschland klarmachen, daß Polen "jederzeit bereit sei, die Möglichkeit von Verhandlungen über Danzig zu überprüfen". Henderson billigte die von Halifax gegebenen Anweisungen. Am 16. August bezeichnete er in einem Brief an Unterstaatssekretär Strang Hitler als "den, was Danzig und den Korridor betraf, gemäßigsten Mann".
Nicht jeder dachte so. Zwei Tage zuvor war der italienische Außenminister Ciano mit dem polnischen Botschafter in Rom ans Meer gefahren und hatte mit ihm "in unbestimmten Ausdrücken" über die Notwendigkeit einer Mäßigung gesprochen. Aber Ciano wußte, daß ein solcher Ratschlag, wenn Hitler vorhatte, Polen zu vernichten, unnütz war. Der italienische Botschafter in Warschau hatte ihm gesagt, Polen würde bis zum letzten Mann kämpfen.
Die Kirchen in Polen waren voll mit Leuten, die eine Gebetshymne mit den Worten "O Gott, hilf uns, unser Land zu retten" sangen. Ciano wußte, daß weder solche Verhandlungen, wie sie die Briten begünstigten, noch Gebete etwas nützten. "Diese Leute werden morgen vom deutschen Stahl niedergemacht. Sie sind unschuldig. Mein Herz schlägt für sie!"
In Moskau waren am 15. August die englisch-französischen Militärbesprechungen mit Rußland an einem "fundamentalen Problem" angelangt. Der Pakt, den Rußland vor Augen hatte, sollte ein Versprechen enthalten, wonach russische Truppen im Falle eines deutschen Angriffs polnisches Gebiet durchqueren könnten.
Strategisch war die Forderung gerechtfertigt. Die russischen Truppen konnten nur, wenn sie in Polen einmarschierten, den Kampf mit der deutschen Armee aufnehmen. Aber die Polen waren nicht bereit, auch nur einem einzigen Rotarmisten das Betreten ihres Landes zu erlauben, selbst wenn sich die Deutschen im Westen bereits in Bewegung gesetzt haben sollten. Die Gefahr im Osten erschien ihnen größer. Rußland war der jahrhundertealte Feind.
Die Polen glaubten, jeder russische Vormarsch würde zu einem Gebietsverlust führen. Ein großer Teil des polnischen Ostens war Rußland 1921 gewaltsam weggenommen worden. War es da nicht selbstverständlich, daß Rußland versuchen würde, die harten Bedingungen des Vertrages von Riga aufzuheben, mit denen der russisch-polnische Krieg geendet hatte?
Frankreich würde einen französisch sowjetischen - einem französisch-polnischen Pakt vorgezogen haben, und der französische Außenminister Bonnet forderte von Polens Außenminister Beck "sofortige" Zustimmung zu den russischen Bedingungen. Es sei, sagte er, "undenkbar", daß die Polen sich weigerten.
Beck weigerte sich trotzdem. Er fürchtete, wie er Kennard erklärte, daß "ein Einverständnis Polens unverzüglich eine Kriegserklärung Deutschlands zur Folge haben würde". Deutschland würde jegliches russisch-polnische Abkommen als eine direkte und unmittelbare Drohung betrachten. Und Beck hatte mehr Angst vor Rußland als vor Deutschland. Wie Botschafter Kennard nach London berichtete, war Beck "unfähig, sich von seinem eingefleischten Mißtrauen vor einer russischen Intrige zu befreien".
Bonnet hatte jedoch noch immer die Hoffnung, Beck umstimmen zu können. Er meinte, es müßte möglich sein, die Unterzeichnung eines englisch-polnischen Vertrags so lange hinauszuschieben, bis Polen einem Durchmarsch russischer Truppen zustimmte.
Die Briten, die sich nicht auf ein russisches Bündnis festlegen wollten, waren jedoch nicht bereit, auf Polen einen ungebührlich starken Druck auszuüben. Sie baten Beck, sich einverstanden zu erklären, aber es war eine schwache Bitte. Sie wußten, daß der Außenminister entschlossen war, ein "Hereinlassen sowjetischer Truppen nach Polen" zu verhindern. Sie wußten auch, warum Polen Rußland fürchtete. Am 20. August bat Kennard in einem Bericht an Außenminister Halifax zu bedenken:
"Es ist noch nicht zwanzig Jahre her, daß russische Heere vor den Toren Warschaus standen ... obgleich Rußland seit Jahrhunderten ein natürlicher Feind war, muß zugegeben werden, daß sich die polnische Regierung nicht allein von einem Vorurteil leiten läßt, sondern vielmehr für ihre Haltung starke interne politische Gründe hat ... Polen aller Klassen sind von der Furcht vor dem Kommunismus besessen, (und) kein Pole würde je erwarten, ein Gebiet, das einmal von sowjetischen Truppen besetzt wurde, wieder zurückzubekommen."
Die polnische Starrköpfigkeit hatte ihre Folgen: Die Weigerung, sowjetischen Truppen das Betreten Polens zu gestatten, machte jede Aussicht auf ein englisch-französisches Abkommen mit Rußland zunichte. Eines demokratischen Verbündeten beraubt, akzeptierte Stalin einen totalitären. Halifax erfuhr am 22. August vom Abschluß eines russisch-deutschen Nichtangriffspaktes. England hatte einen Bundesgenossen für einen Zweifrontenkrieg und Polen einen Verbündeten an seiner Ostfront verloren.
Der "Nazi-Sowjet-Pakt" erschreckte die britische Öffentlichkeit. Die Gegner der Beschwichtigungspolitik glaubten, sie hätten gewonnen. Nachdem jetzt Polen vom Osten aufgegeben worden war, oblag es doch gewiß dem Westen, seine Verpflichtungen ohne Zögern zu erfüllen. Die neue Stimmung der Unnachgiebigkeit schien ihren Reflex auch im Foreign Office zu finden. Halifax verkündete, daß der russisch-deutsche Pakt "die Haltung oder Politik Englands Polen gegenüber nicht ändere". Premierminister Chamberlain sprach im Unterhaus von Englands Entschlossenheit, sein Abkommen einzuhalten. Selbst Henderson begriff, daß "wir Polen nicht im Stich lassen können".
Aber die Beschwichtigungspolitiker blieben nie lange unnachgiebig. Hinter der Fassade kühner Worte verbargen sich Gedanken der Kompromißbereitschaft. Henderson forderte am 22. August in einem Bericht an Außenminister Halifax erneut, Polen müßte sofort über Danzig verhandeln. Der Botschafter befürchtete zwei Dinge: England könnte in seiner Kritik an Deutschland zu deutlich werden, oder Polen könnte dem britischen Druck, Verhandlungen zu führen. Widerstand leisten.
Vor allem durfte England Deutschland nicht bedrohen. "Nur keine Einschüchterung", betonte Henderson. Es genügte nicht, mit Deutschland zu sympathisieren. Der Botschafter hatte dem Unterstaatssekretär Strang am 16. August erklärt, auch die Polen seien bei weitem nicht unschuldig:
"Die schlechte Behandlung der deutschen Minderheit in Polen muß aufhören", schrieb Henderson. "Warschau mit seiner zivilisierten und intelligenten, um nicht zu sagen gerissenen Clique, mit der man dort verkehrt, ist eine Sache: Draußen auf dem flachen Land sind die Polen eine total unzivilisierte Bagage ... Wir wollten letztes Jahr Benesch nicht angst machen, bis wir dann am Rande eines Krieges standen. Und dieses Jahr können wir Beck auch nicht einschüchtern."
Der britische Außenminister wußte ficht, wie man jemand "angst macht". Die vorjährige Veranstaltung war zum großen Teil ohne ihn zustande gekommen. Er war nicht nach München gegangen. Am 23. August versprach Halifax dem italienischen Außenminister Ciano, England werde versuchen, "Bedingungen" zu schaffen, unter denen polnisch-deutsche Verhandlungen möglich wären. Er widersprach Ciano nicht der meinte, der deutsch-russische Pakt habe "die Lage Polens hoffnungslos" gemacht.
Aber die Polen wollten nicht verhandeln. Ihr Botschafter in London, Raczynski, gab Halifax zu verstehen, daß er "sehr skeptisch" sei bezüglich des Wertes, den Gespräche haben könnten, solange Deutschland "noch die Technik des Nervenkriegs handhabt". Beck sei vielmehr "überaus daran interessiert", den englisch-polnischen Vertrag zu unterzeichnen. Vorher kämen Verhandlungen nicht in Frage.
An demselben Tag, dem 23. August, setzten sich ungefähr dreißig deutsche Divisionen in Richtung Polen in Bewegung. Daraufhin ließ auch Feldmarschall Rydz-Smigly etwa zwei Drittel der polnischen Armee mobilmachen. Es würde jedoch, so wurde von politischer Seite betont, zu keiner Provokation kommen. Kennard teilte Halifax mit, daß "strenger Befehl gegeben wurde, jegliche herausfordernde Maßnahme zu unterlassen".
Als die Spannung wuchs, mahnte Halifax immer wieder zu Verhandlungen. Er hieß den polnischen Botschafter in Berlin, Lipski, "spätestens morgen" mit Hitler zu sprechen. Lipski suchte am 25. August immerhin Göring auf, aber Göring sagte ihm, er habe "in der Sache bereits keinen Einfluß mehr".
Hitler war in Berchtesgaden, weit weg von der Krise, die der Aufmarsch seiner Divisionen geschaffen hatte. Er muß gewußt haben, daß die Beschwichtigungspolitiker trotz der Festigkeit ihrer öffentlichen Äußerungen die Polen zur Kapitulation drängen wollten.
Auch Dahlerus, Görings schwedischer Freund, drängte die Engländer, sich in Warschau weiter für Verhandlungen mit Berlin einzusetzen. Dahlerus fragte bei seinem Bekannten im Foreign Office, Spencer, telephonisch an, ob es "irgendeine Möglichkeit gäbe, in London Gummi zu verkaufen". Spencer verstand den Hinweis und erwiderte, er könne zwar nicht für die "Käufer" sprechen, glaube aber, sie seien "bereit, sich auf jedes vernünftige Übereinkommen einzulassen".
Um 0.45 Uhr des 25. August forderte Henderson den polnischen Botschafter Lipski erneut auf, Hitler aufzusuchen; er ließ außer acht, welches Eingeständnis der Schwäche ein solcher Besuch bedeuten würde.
Kennard hielt eine solche Begegnung für Wahnsinn. Um zwei Uhr morgens telegraphierte er nach London: "Ich bezweifle ungemein, ob das (Lipskis Besuch bei Hitler) überhaupt noch einen vernünftigen Zweck hat. Ein solches Vorgehen würde mit Sicherheit als Schwäche ausgelegt werden und könnte sogar das Ultimatum, das wir zu verhüten suchen, noch provozieren."
Henderson berichtete um 21.30 Uhr erneut aus Berlin, die Polen seien "zu mißtrauisch und zu ängstlich ... den Anschein der Schwäche zu erwecken". Er empfahl Halifax, England solle auf die polnische Regierung einen Druck ausüben, damit sie nachgebe. Der Außenminister nahm die Argumente seines Berlin-Botschafters ernst. Selbst wenn Deutschland Polen angreifen sollte, meinte er, bestünde für England noch keine Notwendigkeit, sich automatisch in den Krieg zu stürzen. An jenem Abend arbeitete er eine Formel aus, die es England ermöglichen würde, seine Verpflichtungen gegenüber Polen zu erfüllen, ohne in Feindseligkeiten mit Deutschland verwickelt zu werden.
Halifax schlug vor, England solle im Falle eines deutschen Angriffs verlangen, daß die deutschen Truppen "innerhalb einer festgesetzten Zeit" in ihrem Vormarsch innehielten. Sie würden dann ihre "Bereitschaft zum Eintritt in Verhandlungen" zum Ausdruck bringen.
Wieder einmal hatte Henderson gewonnen: Ein deutsch-polnischer Krieg würde in englisch-deutsche Gespräche münden.
Polens Außenminister wies eine so schwache britische Verpflichtung jedoch zurück. Er wollte, daß England Polen militärisch unterstützte und nicht über Polens verstümmelten Körper Verhandlungen führte. Beck wies Raczynski an, möglichst günstige Bedingungen herauszuholen - sie sollten nicht schlechter sein als jene der britischen Erklärung vom 31. März -, was dem Botschafter auch gelang.
Am 25. August wurde der englisch polnische Vertrag unterzeichnet. Raczynski setzte seine Unterschrift unter eine Verpflichtung, wie sie nicht stärker hätte formuliert werden können
- viel stärker, als auf Grund der britischen Politik seit April zu erwarten war. Aber die publizierte Festigkeit stand in direktem Gegensatz zu einer tiefen, andauernden Schwäche.
Der englisch-polnische Beistandspakt sollte Polen im Falle eines deutschen Angriffs einen aktiven Bundesgenossen verschaffen. Vielleicht könnte der Pakt gerade dank seiner Kühnheit als Abschreckung dienen. Deutschland müßte einsehen, daß England es ernst meinte.
Die veröffentlichten Klauseln waren Muster diplomatischer Klarheit. Artikel 1 erklärte: "Sollte eine der vertragschließenden Parteien in Feindseligkeiten mit einer europäischen Macht infolge einer Aggression letzterer verwickelt werden ... so wird die andere vertragschließende Partei der in die Feindseligkeiten verwickelten Vertragspartei sofort jede in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung gewähren."
Aber nicht nur eine Aggression allein würde den Vertrag in Kraft treten lassen. Artikel 2 stellte klar, daß der Vertrag für "jede Aktion einer europäischen Macht gilt, die offenkundig, direkt oder indirekt, die Unabhängigkeit einer der vertragschließenden Parteien bedroht.
Dieses Versprechen des Beistandes sowohl im Falle einer direkten Bedrohung als auch eines direkten Angriffs war zwar sehr umfassend. Aber der Vertrag spezifizierte nicht, daß Danzig unter seine Bestimmungen fiel. Das war eine offenkundige Schwäche.
Deutschland hatte seit einigen Monaten die Rückgabe Danzigs verlangt. Eine solche Forderung stellte gewiß eine indirekte Drohung dar; und eine direkte, würden manche gesagt haben. Doch der veröffentlichte Vertragstext enthielt kein Wort über Danzig. Die Deutschen konnten nur annehmen. Hendersons Gebete seien erhört worden; Halifax und Chamberlain hätten beschlossen, die Berechtigung der deutschen Forderung zuzugeben.
Duff Cooper, der bis zum Oktober 1938 der britischen Regierung angehört hatte, schrieb im Juli: "Mangel an Entschiedenheit ist der schlimmste Fehler, an dem eine Politik leiden kann. Sowie man eine Entscheidung getroffen hat, sollte man sie unverzüglich bekanntgeben und der Öffentlichkeit erläutern. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß wir selbst wissen, was wir wollen; es ist fast ebenso wichtig, daß sich die Welt nicht über unsere Absichten täuscht."
Die britische Entscheidung war der Welt noch nicht "erläutert" worden. Unter polnischem Druck hatte sich Halifax einverstanden erklärt, Danzig, eine ebenso feste Garantie zu geben wie Polen. Aber er wollte sich nicht offen festlegen. Die britische Bürgschaft, den Status quo Danzigs zu verteidigen, war in einem Geheimprotokoll des Vertrags enthalten. Dort, im geheimen, wurde die wichtigste Verpflichtung übernommen.
Hitler konnte das nicht wissen und nahm an, England, würde sich nicht gegen die Rückgabe Danzigs an Deutschland stemmen. Beck wiederum konnte es ablehnen, mit Deutschland über Danzig zu sprechen, da er sich sicher fühlte, daß ein deutscher Schrittzur Eroberung der Freien Stadt die Briten zum Eingreifen auf polnischer Seite verpflichten würde;
Der polnische Außenminister wußte auch, daß das Geheimprotokoll exakt und bestimmt war: "Der in Artikel 2 vorgesehene Fall ist der der Freien Stadt Danzig." Selbst eine indirekte Bedrohung Danzigs würde den Vertrag in Kraft treten lassen.
Beck wußte jedoch nicht, daß die Garantie nicht spontan gegeben worden war, Kennard und Norton hatten immer eine starke britische Verpflichtung befürwortet; vielleicht hatte man ihnen endlich Gehör geschenkt. Doch unter den von Halifax erwogenen Plänen befand sich einer, der als eine der möglichen Lösungen des polnisch-deutschen Konfliktes vorsah: "Polen akzeptiert im Prinzip, daß die Freie Stadt das Recht hat, ihre politische Zugehörigkeit selbst zu bestimmen."
Der englisch-polnische Vertrag wurde unterzeichnet; verborgene Schwächen schienen unwichtig. Aber Halifax hatte nicht die Absicht, die Polen in dem Glauben zu lassen, die demonstrierte Entschlossenheit lasse auf eine Politik der Stärke Hitler gegenüber schließen.
Einige Minuten nachdem Halifax und Raczynski den Vertrag unterzeichnet hatten, sagte Halifax zum polnischen Botschafter, er begreife zwar, "wie wesentlich für Polen die Lage in Danzig sei", teile aber nicht die Meinung, daß "die polnische Regierung richtig oder klug handeln würde, eine Gelegenheit zu Unterredungen über Danzig zurückzuweisen, wenn immer sie sich ergeben sollte". Er meinte ferner, die polnische Regierung mache "einen großen Fehler wenn sie eine Haltung einzunehmen suchte, die Diskussionen über friedliche Status-Änderungen Danzigs ausschließen würde".
Der polnische Botschafter war bestürzt. Er antwortete Halifax, daß "es viel für sich hätte", in Diskussionen mit Deutschland "eine unbeugsame Haltung einzunehmen". Die Polen hätten "auf deutscher Seite kein Anzeichen irgendeiner Kompromißbereitschaft" gefunden. Doch Halifax widersprach. "Verglichen mit dem Vorjahr", meinte er, habe England an Stärke sehr zugenommen. Die Schwierigkeit, "Unterredungen aus Schwäche führen zu müssen, sei ... zum Glück... in großem Maße gewichen".
Die Nötigung der Polen
Artikel 5 des britisch-polnischen Beistandspaktes verpflichtete die Partner, "einander ausführlich und rasch von jeder Entwicklung zu verständigen, die ihre Unabhängigkeit gefährden könnte, und insbesondere jeder Entwicklung, die geeignet wäre, die besagte Verpflichtung in Kraft treten zu lassen".
Aber schon wenige Stunden nach dem Versprechen, "einander ausführlich und rasch zu verständigen", begann die britische Regierung, in der Danziger Frage eine neue Politik einzuleiten, von der die Polen nichts erfuhren.
Halifax beschloß, Hitler mitteilen zu lassen, England sei zu Verhandlungen über den zukünftigen Status Danzigs bereit. Es ging nicht mehr darum, die Polen zu bitten, die Initiative zu ergreifen. Hitler sollte gebeten werden, seine Forderungen klar und deutlich zu formulieren. Wenn er sich damit einverstanden erklärte, würden die Engländer auf Polen einen Druck ausüben, die deutschen Bedingungen anzunehmen.
Man war also bei einer Neuauflage der tschechischen "Krise" angelangt. Indem die Briten Hitler vorschlugen, die Danziger Frage auf dem Verhandlungswege zu lösen, gaben sie Hitler zu verstehen, sie begünstigten die Rückgabe Danzigs an Deutschland. Die Verhandlungen würden sicherlich jeden Anspruch und Einspruch in Rechnung stellen, aber es konnte wenig Zweifel daran geben, daß Hitlers Forderungen schließlich erfüllt würden.
Botschafter Henderson traf am 25. August mit Hitler zusammen. Die Unterredung bestärkte den Botschafter in seinem Glauben, Deutschland werde nach der Rückgabe Danzigs gegenüber Polen keine weiteren Ansprüche erheben.
In diesem Gespräch schwang sich Hitler zum Beschützer Englands auf. Er akzeptiere das britische Weltreich, sagte er zu Henderson, und sei bereit, "sich persönlich für seine weitere Existenz zu verbürgen". Für eine solche Bürgschaft stelle er Bedingungen, die England durchaus erfüllen könnte.
Die Briten würden Hitlers koloniale Forderungen zu befriedigen haben, "die beschränkt seien und über die sich mit friedlichen Methoden verhandeln ließe". Hitler selbst werde die Initiative ergreifen und "an die britische Regierung mit einem Angebot herantreten", aber erst nach "der Lösung der deutsch-polnischen Frage". Und um zu zeigen, wie wichtig es auch für England sei, hier rasch zum Ziel zu kommen, versprach Hitler, seine imperialen Bürgschaften und Pläne "sofort nach" der Lösung dieses Problems anzupacken. Die deutsch-polnische Frage erschien jetzt als Hindernis auf dem Wege zu einer engeren englisch-deutschen Zusammenarbeit.
Henderson berichtete seinem Außenminister über diese Begegnung, Hitler habe "ruhig und vernünftig" gesprochen. Der Botschafter war "von seiner offensichtlichen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beeindruckt". Hitler habe betont, er sei "von Natur aus Künstler
und nicht Politiker", und er wolle "wenn erst einmal die polnische Frage beseitigt wäre, sein Leben als Künstler und nicht als Kriegshetzer beschließen". Jetzt jedoch wolle er die britische Haltung gegenüber dem deutsch-polnischen Problem kennenlernen.
Botschafter Henderson flog nach London, um sich die britische Antwort zu holen. Würde England es zulassen, daß Hitler Danzig in Besitz nähme und dann zu seinen Gemälden zurückkehrte?
Hitler wußte nicht, daß Halifax eine geheime Bürgschaft unterzeichnet hatte, die auch Danzig schützte. Halifax selbst versuchte, sich dieser Bürgschaft zu entledigen und ohne Wissen der Polen zu handeln.
Am 25. August beschloß der britische Außenminister, Mussolini möge Hitler mitteilen, England sei bereit, zugunsten von Verhandlungen über Danzig einen Druck auf Polen auszuüben. Hitler würde verstehen, daß dieser "Vorschlag" Mussolinis nicht Mussolinis eigener Phantasie entsprang. Die Information besagte - ohne zu erwähnen, daß sie direkt aus London stammte -, daß, "wenn die Lösung (zwischen Polen und Deutschland) auf Danzig und den Korridor beschränkt bliebe, es (England) nicht unmöglich erschiene, innerhalb eines angemessenen Zeitraumes, eine Lösung ohne Krieg zu finden".
Mussolini, dem es darauf ankam, einen Krieg zu vermeiden, war einverstanden, die Halifax-Botschaft weiterzuleiten. Gleichzeitig sorgte Halifax dafür, daß die Polen nichts von den Absichten Englands erfuhren, trotz der Tatsache, daß das Abkommen vom 25. August England zur Bekanntgabe jener Absichten verpflichtete.
Noch am selben Tag, um 23 Uhr, teilte Halifax dem britischen Botschafter in Warschau, Kennard, mit:
"Sie werden natürlich verstehen, daß den Polen keinerlei Hinweise darauf gegeben werden dürfen, daß wir uns mit Mussolini beraten, und ihnen auch nicht gesagt werden darf, welche Art von Verhandlungsprozedur wir uns gedacht haben."
In einer Hinsicht war Mussolini der ideale Zwischenträger, denn er hatte wenig Lust, wegen eines deutschen Einmarsches in Polen in Krieg mit England verwickelt zu werden. Ebenfalls am 25. August erinnerte Mussolini Hitler daran, daß bei "unseren Begegnungen ... der Krieg für nach 1942 vorgesehen" war.
Die Deutschen versuchten Mussolini davon zu überzeugen, daß England und Frankreich bei einem Angriff auf Polen nicht kämpfen würden; aber Mussolini beharrte auf seiner Ansicht, daß die
Briten doch kämpfen würden. Er wollte sich auf kein Risiko einlassen. Am 26. August übersandte er Hitler eine Liste erforderlicher Rohmaterialien, die er sofort haben wollte; eine Forderung, die über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands hinausging. Aber zugleich erfolgte der ominöse Kommentar:
"Sollte ich nicht auf diese Lieferungen bauen können ... könnten die Opfer, die ich dem italienischen Volk aufbürden würde ... vergeblich sein und sowohl Ihrer als auch meiner eigenen Sache Schaden zufügen."
Als ein Mann, der einen Krieg zu verhüten suchte, war Mussolini für Halifax ein idealer Mitarbeiter. Aber als Diplomat gebrach es ihm an Fingerspitzengefühl und Überredungskunst. Halifax war ein Meister wirkungsvoller diplomatischer Noten, Mussolini war es nicht.
In der gleichen Depesche, in der er Hitler die von Halifax stammende "Lösung ohne Krieg" übermittelte, machte Mussolini noch einen anderen Vorschlag. Es war ihm der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß ein großer europäischer Krieg selbst dann noch vermieden werden könnte, wenn Hitler Polen überfiele. Deutschland müßte nach dem Überfall auf Polen sich lediglich "auf reine Abwehr" im Westen einstellen. Es würde sich dann "nach der Niederwerfung Polens der Moment, zum Schluß zu kommen, leichter finden".
Der Halifax-Plan "einer Lösung ohne Krieg" war mit diesem zweiten Plan eines begrenzten Krieges unvereinbar. Wenn Mussolini glaubte, Hitler könnte Polen erobern und dennoch einen Krieg mit England und Frankreich vermeiden, warum sollte er dann Verhandlungen vorschlagen, bei denen Hitler einzig und allein Danzig gewinnen würde? Auf diese Weise stempelte Mussolini die "Lösung ohne Krieg" zu einer zweitrangigen Angelegenheit. Halifax wußte nicht, daß der Kern seiner Botschaft verwässert worden war.
Der schwache Punkt in Mussolinis Brief war der schwache Punkt der Briten. Die einzige Lösung ohne Krieg war die Lösung, der zufolge Danzig deutsch werden würde. Aber Hitler konnte die Rückgabe Danzigs kaum als einen, wie ihm Mussolini einreden wollte, "weiteren über jeden Zweifel erhabenen Erfolg" buchen. Der Gedanke eines siegreichen Krieges gegen Polen, dem Verhandlungen folgten, in denen sich Deutschland unter Zustimmung der Westmächte die neue Eroberung einverleiben würde, hatte für ihn eine weit größere Anziehungskraft.
Die Briten waren an Mussolini herangetreten, ohne sich vorher mit den Franzosen darüber zu beraten oder sie auch nur von der vollzogenen Tatsache in Kenntnis zu setzen. Sowohl England als auch Frankreich waren vertraglich verpflichtet, Polens territoriale Unverletzlichkeit zu verteidigen und den Status Danzigs aufrechtzuerhalten.
Die Engländer waren aber nicht die einzigen, die hofften, daß ihnen Rom einen Ausweg weisen würde. Auch die Franzosen hatten sich Mussolinis bedient, damit er Hitler überrede, Verhandlungen über Danzig zuzustimmen; und auch die Franzosen gingen davon aus, daß Danzig letzten Endes deutsch werden würde.
Am 25. August betonte Ministerpräsident Daladier in einer Rede vor dem französischen Volk, Frankreich sei bereit, "an der Lösung jedes Gegensatzes auf dem Verhandlungswege mitzuarbeiten". Einen Tag später schrieb er an Hitler, daß "heute nichts mehr die friedliche Lösung der internationalen Krise auf eine für alle Völker ehrenhafte und würdige Weise zu hindern braucht". Die Konzeption der Ehrenhaftigkeit war einfach: Deutschland sollte durch Danzig zufriedengestellt werden, Polen sollte seinen Verlust hinnehmen.
Großbritannien und Frankreich hatten Verpflichtungen, und beide suchten sie zu umgehen. Aber während der ganzen Krise, die zum Krieg führte, bekundeten sie eine merkliche Abneigung zusammenzuarbeiten. Ob ihre Politik nun im Weglaufen oder im Kämpfen bestand, beide waren entschlossen, auf eigene Faust zu handeln. Der Bericht, den der britische Botschafter in Paris Phipps, am 26. August Halifax gab, stellt einen tragischen Kommentar zur englisch-französischen Entzweiung dar:
"Monsieur Bonnet (Frankreichs Außenminister) sagte mir im strengsten Vertrauen, daß die französische Regierung in Verbindung mit Mussolini stehe. Ich leistete ihm nicht den Gegendienst, zu bekennen, daß wir ebenfalls mit dem Duce Kontakt aufgenommen haben."
Am 28. August vertraute der französische Botschafter in Rom, Francois -Poncet, seinem britischen Kollegen, Percy Loraine, an: Frankreich denke daran, Italien Konzessionen zu machen, damit es nicht an der Seite Deutschlands kämpfe, sollten die Deutschen in Polen einfallen. Unter den möglichen Zugeständnissen befand sich auch ein Arrangement über Tunis, die Abtretung Dschibutis (des französischen Hafens im Golf von Aden), und gewisser "Suezdirektorate".
Francois-Poncet hatte Geheiminformationen weitergegeben; gewiß hatte Loraine die gleiche Verpflichtung. Hatte England etwas Ähnliches erwogen?, fragte der Franzose. Loraine schwieg diskret. "Ich mußte", berichtete er Halifax, "meine besten Schlittschuhe anziehen." Er gab Francois-Poncet keine Einzelheiten bekannt. Aber er konnte kaum glatt von der Hand weisen, daß auch die Engländer die Absicht hatten, Konzessionen zu machen.
Unterdessen blieb Botschafter Henderson bei seiner Empfehlung, die Polen unter Druck zu setzen, um sie dazu zu bewegen, einen Bevollmächtigten zu Verhandlungen nach Berlin zu schicken. Die Polen kannten ihre jüngste Geschichte zu gut. Osteuropäische Staatsmänner, die in Berlin mit der Absicht zu verhandeln eintrafen, reisten gewöhnlich mit einem Ultimatum ab. Sie wurden dann nicht nur zur Übergabe von Grenzgebieten gezwungen, sondern hatten sich aller Insignien der nationalen Souveränität zu begeben. Henderson glaubte, Hitler wäre zufrieden, wenn Polen Danzig aufgäbe. Die Polen waren dagegen überzeugt, daß Hitler es auf Polen selbst abgesehen habe und Konzessionen ihn zu einer Erhöhung seiner Forderungen ermuntern würden.
Als Henderson den Polen riet, in Berlin zu verhandeln, äußerte Loraine, daß dieser Schritt "allzusehr nach einer Kapitulation riechen würde". Kennard meinte, ein solcher Besuch gleiche "zu sehr einem Gang nach Canossa". Während Henderson urteilte, Hitler würde um Danzigs willen Krieg führen, wenn man ihm Danzig streitig machte, sah Kennard klarer: "Wenn sich Hitler für einen Krieg entschied", so urteilte er, "so allein aus dem Grund, um die polnische Unabhängigkeit zu vernichten."
Am 26. und 27. August entwarf die britische Regierung ihre Antwort auf das "Angebot" Hitlers vom 25. August, in dem Hitler "das britische Weltreich akzeptiert" hatte, vorausgesetzt, die polnische Frage würde gelöst. Ein Hinweis auf die Art der Lösung, die Hitler im Auge hatte, fehlte jedoch.
Die Fertigstellung der britischen Antwort nahm lange Zeit in Anspruch. Das Kabinett trat am 26. August um 18.30 Uhr zu Beratungen darüber zusammen. Kriegsminister Hore-Belisha schrieb:
"Nevile Henderson war anwesend. Ich meinte, daß der Entwurf widerlich kriecherisch und liebedienerisch sei. Ich riet, daß unsere einzig wirksame Antwort Stärke und Entschlossenheit zeigen müßte und wir unter keinen Umständen den Eindruck erwecken dürften, nicht fest genug bei unserer Verpflichtung gegenüber Polen zu stehen."
Die Antwort an Hitler wurde an diesem Abend nicht fertiggestellt. Am nächsten Tag wurde sie noch immer diskutiert. Das Kabinett trat um 10.30 Uhr wieder zu einer anderthalbstündigen Besprechung zusammen. Beim Mittagessen überprüften Henderson, Finanzminister Simon und Kriegsminister Hore-Belisha den neuen Entwurf.
Hore-Belisha bemerkte: "Mein Ziel war es, die Antwort in einem energischeren Ton abzufassen." Er wollte "in dem Entwurf jeden Hinweis darauf tilgen, daß wir den Polen unsere Garantie unter Vorbehalten gaben oder daß wir auf sie einen Druck ausübten. Auf diese Haltung sollte mit aller Strenge geachtet werden".
An jenem Nachmittag flog der schwedische Industrielle Dahlerus von Berlin nach London und erzählte Chamberlain, Halifax und Cadogan, Hitler werde die Rückgabe Danzigs und des Korridors fordern. Das war der erste Hinweis, den die Briten über die Natur der deutschen Forderungen erhielten.
Der Premier meinte, "das Maximum, das die Polen zugestehen würden, wäre Danzig". Das war unwahr beziehungsweise eine eigenmächtige Feststellung Chamberlains, für die ihm die Polen keinen Anhaltspunkt gegeben hatten. Diese Behauptung widersprach unmittelbar dem englisch-polnischen Vertrag. Obgleich der Regierungschef selbst eher daran glaubte, daß "die Polen lieber kämpfen als den Korridor abtreten würden", schien man von ihnen zu erwarten, daß sie auf ihre Rechte in Danzig verzichteten.
Halifax legte Dahlerus die Notwendigkeit nahe, zwischen Deutschland und Polen "direkte Besprechungen" einzuleiten. Da die britische Regierung jetzt "wußte", daß Danzig das Ziel Hitlers war, konnte sie Polen unter Druck setzen, die Freie Stadt aufzugeben.
Chamberlain und Halifax hätten nicht den Wunsch, Hitler Danzig vorzuenthalten; das sollte Dahlerus in Berlin verlauten lassen - nicht als die endgültige Stellungnahme auf Hitlers Angebot, "sondern lediglich, um den Weg für die eigentliche Antwort frei zu machen". Bevor Dahlerus nach Deutschland zurückgekehrt war und Hitler über die britische Haltung informiert hatte, würde keine britische Antwort gegeben; Die Briten hofften, Dahlerus werde sie wissen lassen, was man in Berlin gern hören wollte.
Vermittler Dahlerus kehrte am selben Abend nach Deutschland zurück. Er sprach mit Göring, konnte aber nicht bis zu Hitler vordringen, da "Hitler zu müde" war.
Göring und Hitler besprachen die Sache telephonisch, und Göring erteilte Dahlerus Hitlers Antwort. Am 28. August, 2 Uhr, gab Dahlerus Görings Auskunft an die Britische Botschaft in Berlin weiter. Der Schwede telephonierte ferner vormittags mit der Britischen Botschaft, um über weitere interessante Einzelheiten seines Gesprächs mit Göring zu berichten,
Dahlerus zufolge hatte Hitler gesagt: "Großbritannien muß Polen dazu überreden, sofort mit Deutschland zu verhandeln, und es ist höchst wünschenswert, daß die von Henderson erwartete Antwortnote bereits ein solches Versprechen zur Umstimmung der Polen enthält."
Halifax wurde telephonisch von Berlin aus darüber informiert, daß Dahlerus sich über "den Stimmungsmenschen" Hitler klargeworden sei: Hitler würde "guten Willen" zeigen; er sei lediglich daran interessiert, "sein Prestige zu wahren". England sollte nicht "kalt oder bevormundend" sein. Und schließlich erfuhr Halifax (es war 9.30 Uhr), daß "Hitler und Göring Henderson gut leiden mochten".
Das britische Kabinett trat mittags zusammen. Unterstaatssekretär Strang und Abteilungsleiter Malkin vom Foreign Office hatten eine neue Antwort entworfen. Hore-Belisha war "recht zufrieden" mit ihrer "viel energischeren Formulierung" und ging zusammen mit Churchill zum Mittagessen. Nach der Kabinettssitzung erhielt Staatssekretär Cadogan ein Telegramm von der Britischen Botschaft in Berlin, dem zufolge Dahlerus gesagt hatte:
"Herr Hitler argwöhnt, daß die Polen versuchen werden, Verhandlungen zu umgehen. Die Antwort sollte daher eine klare Feststellung dahin gehend enthalten, daß die Polen ernstlich zwecks Verhandlungen auf eine unmittelbare Fühlungnahme mit Deutschland hingewiesen wurden."
Um 14 Uhr nahm Halifax, ohne das Kabinett zur Besprechung des neuen Hitler-Vorschlages einzuberufen, diesen Vorschlag in seine Antwort auf. Er telegraphierte an Kennard:
"Die Regierung Seiner Majestät hofft ernstlich, daß ... polnische Regierung sie ermächtigt, deutsche Regierung von der sofortigen Aufnahme direkter Gespräche Polens mit Deutschland zu informieren. Bitte, bemühen Sie sich um Rücksprache mit Herrn Beck und telephonieren Sie umgehend Antwort."
Der Minister hatte bewußt und geflissentlich die deutschen Forderungen in britische Vorschläge verwandelt. Um 16 Uhr, nur zwei Stunden nachdem Halifax die Polen aufgefordert hatte, Verhandlungen zuzustimmen, telegraphierte Kennard aus Warschau: "Polen ist bereit, sofort Verhandlungen mit Deutschland aufzunehmen."
Henderson kehrte mit der britischen Note nach Berlin zurück. Am Abend des 28. August sprach er, bewaffnet mit "einer halben Flasche Champagner", in der Reichskanzlei vor. Hitler las die britische Note. Sie lautete: "Der nächste Schritt sollte in der Einleitung direkter Unterredungen zwischen der deutschen und der polnischen Regierung bestehen." Die Briten "haben bereits eine endgültige Zusage von der polnischen Regierung erhalten, daß sie zur Aufnahme von Unterredungen bereit ist".
Die Note enthielt eine Anzahl Bedingungen: Die Besprechungen müßten "auf einer Grundlage stattfinden, die Polens wesentliche Interessen" gewährleiste, auch müßte "das Abkommen von einer internationalen Garantie begleitet werden". Das waren die Bedingungen, auf deren Hinzufügung vermutlich Kriegsminister Hore-Belisha bestanden hatte. Aber die ganze Entschiedenheit, die man diesen Vorschlägen verliehen hatte, wurde durch die Hendersonsche Darstellungsweise wieder zunichte gemacht.
Nachdem Hitler die britische Note gelesen hatte, sagte der Botschafter zu ihm aufgrund "von Notizen, die ich in Gesprächen mit (Chamberlain und Halifax) gemacht hatte", daß "wir in England es als unsinnig betrachten, daß Großbritannien ... den Gedanken der Vernichtung Deutschlands als beschlossene Politik ansehen sollte ... Was immer auch manche Leute sagen mögen, das britische Volk wünscht ernstlich zu einem Einverständnis mit Deutschland zu kommen, und niemand mehr als der Premierminister".
Ribbentrop erkundigte sich, "ob ich garantieren könnte, daß der Premierminister das Land bei seiner Freundschaftspolitik mit Deutschland auf seiner Seite habe". Henderson erwiderte; daß "daran kein Zweifel bestehe".
Hitler wollte wissen, ob England "bereit wäre, ein Bündnis mit Deutschland zu akzeptieren". Hier hatte Henderson die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, daß sich die Umstände gewandelt hätten, daß es sich jetzt nicht um breit angelegte Pläne einer künftigen, Politik, sondern um eine notwendige und sofortige Entscheidung in einer spezifischen Angelegenheit handele.
Aber die Beschwichtigungspolitiker wußten nie, wann sie sich unnachgiebig zeigen sollten. Nach der Möglichkeit eines Bündnisses befragt, erwiderte Henderson, er "persönlich halte eine solche Möglichkeit nicht für ausgeschlossen".
Vansittart, der Chefberater des Außenministers, protestierte in einem für Halifax bestimmten Protokoll gegen die Antwort Hendersons. Sie sei schrieb er, "wirklich sehr gefährlich" gewesen:
"Ich meine, daß Sir Nevile Henderson Anweisungen erhalten sollte, dieses Thema gänzlich zu vermeiden ... Ein Bündnis heißt, wenn es überhaupt etwas heißt, ein militärisches Bündnis. Und gegen wen sollten wir uns mit einer solchen Bande wie dem gegenwärtigen Regime in Deutschland verbünden?"
Halifax war auch der Meinung, daß Henderson zu weit gegangen war, und beschloß, es müsse ihm gezeigt werden, "wie sumpfig der Boden" sei. Eine persönliche Note an Henderson konnte aber nicht den Eindruck der Schwäche und Unschlüssigkeit ausmerzen, den Henderson Hitler vermittelt hatte. Und Hitler selbst wußte nichts davon, daß Hendersons Haltung in der Bündnisfrage in London kritisiert worden war.
Während seiner Unterredung mit dem Botschafter hatte Hitler "von der Vernichtung Polens" gesprochen. Hier lag ein Hinweis vor, daß Danzig und der Korridor nicht alles konnten, wonach ihn gelüstete. Dieser Hinweis wurde bewußt ignoriert. Henderson behauptete weiter, das Haupthindernis für eine Lösung sei die polnische "Eigenliebe" und nicht die Unzumutbarkeit der deutschen Forderungen.
Halifax war über die Drohung Hitlers informiert. Auf seine Anweisungen war sie aber in dem Beck übersandten Bericht über Hendersons Besprechung nicht erwähnt worden. Die Polen sollten nicht wissen, daß sich Hitler mit solchen Gedanken gegen sie trug, oder vielmehr, daß England dieser Umstand bekannt war. Im April hatte Beck eine Bedrohung Danzigs bestritten, um billig ein englisch-polnisches Bündnis einzuheimsen; im August hatten die Briten den Wunsch, solche Drohungen zu vergessen,
weil sie mit Hilfe der friedlichen Rückgabe der Freien Stadt einen englisch deutschen Krieg zu verhüten hofften.
Halifax las Hitlers Drohung von der Vernichtung Polens. Und doch konnte er noch immer schreiben, daß er "sich nicht erklären" könne, warum die Polen Mobilmachungsmaßnahmen ergriffen.
Hitler mußte noch auf die britischen Vorschläge für unmittelbare polnisch deutsche Verhandlungen antworten. Henderson glaubte, Hitler würde sie annehmen. Er dachte sich einen Plan zu ihrer Verwirklichung aus. Beck, so empfahl er, sollte Hitler aufsuchen. Auf diese Weise würden die Polen "ihren Beitrag zum Weltfrieden leisten".
Aber welche Garantie konnte Henderson dafür geben, daß Beck mit größerem Entgegenkommen behandelt werden würde als seine Vorgänger auf ihrem steinigen Pfad? Und gäbe es denn gar keine deutschen Beiträge, die auch von Wert sein könnten? München hatte die Briten gelehrt, daß es leichter war, den Schwachen zur Unterwerfung zu zwingen, als auf den Starken einen Druck auszuüben. Henderson ging am 29. August wieder zu Hitler, um dessen Antwort entgegenzunehmen. Das Gespräch verlief allerdings nicht so, wie der Botschafter gehofft hatte. Einen polnischen Unterhändler wollte Hitler akzeptieren. Aber er verlangte, daß der Pole bis "Mittwoch, den 30. August", binnen 24 Stunden, eintreffe. Eine solche Forderung, sagte Henderson, rieche nach einem Ultimatum, was von Hitler und Ribbentrop "heftig und hitzig" bestritten wurde.
In seiner Antwort hatte Hitler einer Verhandlung mit Polen lediglich zugestimmt, um seinen Wunsch nach Freundschaft mit England unter Beweis zu stellen. Die Andeutung Hendersons, seine Bedingungen glichen einem Ultimatum, erboste ihn: Wollte Henderson nicht einsehen, daß die Angelegenheit dringlich war? Zwei mobilgemachte Heere standen einander gegenüber, und "in Polen schlachtete man Deutsche hin".
Hitler begann zu brüllen. Henderson, behauptete er, "sei es egal, wie viele Deutsche in Polen umgebracht würden". Der Botschafter fühlte sich durch "diese grundlose Beschuldigung der Unmenschlichkeit der Regierung Seiner Majestät und seiner selbst provoziert". Er verlor die Beherrschung und "begann Hitler zu überschreien. Ich sagte ihm, daß ich weder von ihm noch von sonst jemand eine solche Sprache zu hören wünschte ... Ich sagte noch eine ganze Menge dazu, und zwar so laut ich konnte ... Ich starrte die ganze Zeit auf Hitler ... Wenn er Krieg wollte (sagte ich), dann könne er ihn haben".
Von diesem unerwarteten Ausbruch war Hitler verständlicherweise überrascht. Er wütete weiter. Aber er wechselte das Thema: Er habe stets versucht, Englands Freundschaft zu gewinnen und respektiere das britische Weltreich. "Im allgemeinen" liebe er die Engländer.
Henderson hielt diese Bemerkung für "völlig aufrichtig". Er glaubte, daß Hitler von seinem Wunsch nach guten Beziehungen mit England ohne alle "bewußte Heuchelei" sprach. Aber der Botschafter verließ die Sitzung doch "voll der düstersten Vorahnungen" und "wegen der eigenen Unzulänglichkeit deprimiert".
Der Botschafter stand mit seiner Depression über Hitlers neue Wut und Überstürztheit nicht allein. Göring war ebenfalls über den Ausbruch Hitlers erschrocken und schickte Dahlerus erneut nach London, um "diesen unglücklichen Zwischenfall zu erklären". Dahlerus verließ Berlin am 30. August um 5 Uhr. Er war wohl instruiert: Sowohl der britische Geschäftsträger in Berlin, Ogilvie Forbes, als auch Göring hatten ihn über das Treffen zwischen Hitler und Henderson unterrichtet.
Dahlerus sprach an jenem Morgen mit Premierminister Chamberlain und Außenminister Halifax und sagte ihnen, es sei trotz Hitlers Unnachgiebigkeit "nicht wesentlich", daß sich noch am selben Tage (Mittwoch) ein polnischer Unterhändler in Berlin einfinde. Chamberlain "war sehr skeptisch", ob Berlin als Treffpunkt der geeignete Ort sei, und es sei nur billig, meinte er, der Sache "ein wenig mehr Zeit zu lassen".
Um 12.30 Uhr telephonierte Dahlerus mit Göring und erfuhr, Hitler sei nach wie vor daran interessiert, "die Freundschaft Großbritanniens zu erlangen"; er wolle der Welt zeigen, "daß die Deutschen nicht so schwarz sind, wie man sie malt".
Hitler war gerade mit dem Entwurf von Vorschlägen beschäftigt, die nach Görings Meinung vom Grundsatz eines Volksentscheids für den Korridor ausgingen. Göring: "Der Führer hat die Sache an sich genommen."
Bei einem späteren Telephongespräch mit Göring erfuhr Dahlerus, daß Hitler "seine Vorschläge so formuliere, daß sie eine Diskussionsgrundlage bildeten" - eine Tatsache, die Göring für "ein Wunder" hielt. Dennoch sollte noch immer ein polnischer Delegierter aus Warschau kommen. Hitlers Bedingung konnte nicht annulliert werden. Göring wiederholte das um 15 Uhr.
IM NÄCHSTEN HEFT
Hitler: "Ich brauchte ein Alibi" - Engländer und Polen dürfen die deutschen Vorschläge nicht lesen - Das Foreign Office rügt Berlin-Botschafter Henderson - Angriff auf Polen - Die Beschwichtigungspolitik geht weiter.
* Links: Dolmetscher Dr. Paul Schmidt.
Halifax (2. v. l.), Hitler auf dem Obersalzberg (1937)*: "Nur keine Einschüchterung"
Pakt-Unterzeichner Ribbentrop, Stalin 1939*
"Schon seit Jahrhunderten ...
Polnischer Volkssturm 1920**
... ist Rußland der natürliche Feind"
Briten-Botschafter Henderson, Meissner*
"Von eigener Unzulänglichkeit deprimiert"
Pariser Politiker Daladier, Bonnet: "Kontakte mit dem Duce"
Appeasement-Gegner Hore-Belisha: "Gegen wen sollten wir uns ...
... mit dieser Bande verbünden?": Appeasement-Gegner Vansittart*
Vermittler Dahlerus
"Kann man in London ...
Vermittler Göring, Chef
... Gummi verkaufen?"
Deutsche Bomber in Bereitstellung 1939: "Bei dem kleinsten Zwischenfall ...
... Schläge mit der vollen Macht": Polnische Artillerie 1939
* Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts in Moskau.
** Mit Sensen bewaffnet, im russisch-polnischen Krieg.
* Staatsminister und Chef der Präsidialkanzlei, am 25. August 1939 beim Betreten der Reichskanzlei.
* Chefberater des britischen Außenministers, bei einem Kricketspiel 1939 mit Angehörigen der "Honourable Artillery Company", einer Einheit der britischen Territorial -Armee, in Trachten des 18. Jahrhunderts.
Von Martin Gilbert und Richard Gott

DER SPIEGEL 36/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Herr Hitler will den Frieden retten“