02.09.1964

PARIS-RETTUNGKarl kam nicht an

Von der Seine-Insel dröhnte die 13 Tonnen schwere Glocke im Südturm der Kathedrale Notre-Dame. Vom Montmartre antwortete die 17 Tonnen schwere "Savoyarde" im Turm der Kirche Sacre-Coeur. Nach und nach fielen die Glocken aller 150 Pariser Kirchen ein. Es war der 24. August 1944.
Im Hotel "Meurice" nahe dem Louvre trat der deutsche Kommandant von Groß-Paris, General der Infanterie Dietrich von Choltitz, ans Fenster: "Sie läuten für uns." Dann erklärte er den Offizieren seines Stabes: "Meine Herren, ich kann Ihnen eröffnen, was wir bei dem feinen Leben in Paris offenbar nicht gemerkt haben: Deutschland hat diesen Krieg verloren, und wir haben ihn mit Deutschland verloren."
Eine Vorausabteilung der französischen 2. Panzerdivision des Generals Leclerc war in Paris eingedrungen. Die 22 000 Mann starke deutsche Garnison hatte sich in 16 Stützpunkten eingeigelt, die nunmehr zerniert wurden. Am 25. August um 14.45 Uhr kapitulierte ihr Chef Choltitz im Hotel "Meurice". Eine knappe Stunde später unterzeichnete er in der Pariser Polizeipräfektur nach 1531 Tagen deutscher Herrschaft die Kapitulation seiner Streitkräfte und die Übergabe von Groß-Paris.
Der Deutsche übergab den Franzosen eine nahezu unzerstörte Hauptstadt. Das Schicksal Stalingrads, Warschaus und Berlins blieb der Seinestadt erspart, obschon sie durch Führerbefehl zu Schutt und Asche verurteilt war.
Um Paris zu retten, verbanden sich in einer Sternstunde der Kriegsgeschichte Feinde, die sich bis auf den Tod bekämpfen sollten, bekriegten sich Freunde, die nur ein gemeinsames Ziel gekannt hatten: die Deutschen zu verjagen.
Der General von Choltitz sabotierte den Führerbefehl, Paris bis zum letzten Mann zu verteidigen und es dem Erdboden gleichzumachen, mit einem in seinem Berufsstand seltenen Aufwand von Raffinesse.
Die Gaullisten in der französischen Résistance hinderten ihre kommunistischen Brüder mit List und Tücke an ihrem Plan, ein allgemeines Massaker zwischen Deutschen und Franzosen heraufzubeschwören und dann die Macht zu ergreifen. In einem dramatischen Wettlauf gegen Deutschlands Hitler und Frankreichs Kommunisten siegten die Generäle Dietrich von Choltitz und Charles de Gaulle.
Der eine konnte vor 20 Jahren unter dem Jubel der Massen in seine gerettete Hauptstadt einrücken und sogleich am Monument de Gaulle weiterbauen. Bevor er im Triumphmarsch an der Spitze der Widerständler die Champs-Elysées hinabzog, ermahnte er das erste Glied der Marschierer: "Meine Herren, bitte immer einen Schritt hinter mir!"
Der andere mußte vor 20 Jahren für alle Taten der vierjährigen deutschen Herrschaft büßen und in den Straßen von Paris zur Niederlage noch die Schande ertragen, die Arme in die Luft gereckt. "Höher, höher, Herr General", flüsterte ihm seine Ordonnanz zu, als die Deutschen durch ein Spalier drohender Franzosen in die Gefangenschaft getrieben wurden. Wenn Sie die Arme nicht höher heben, bringen sie uns um."
Den 20. Jahrestag der Paris-Befreiung beging der Deutsche in Baden-Baden als pensionierter General, dessen Name in Frankreich einen guten Klang hat. Der Franzose feierte das Jubiläum mit Frontabschreiten, Feuerwerk und Straßentanz. Auf der Pariser Place de la Concorde, wo 1964 Sacha Distel zum Ruhme der Befreiung chansonierte und die Dämchen des Nachtkabaretts "Lido" 280 000 Zuschauern die Beine zeigten, kollidierten 1944 ein "Panther" und ein "Sherman"-Panzer in erbittertem Gefecht, so daß ihre Geschützrohre überkreuz standen.
Nach jahrelangen Recherchen zeichneten die Journalisten Lapierre von "Paris Match" und Collins von "Newsweek" die Phasen dieses Kampfes bei Freund und Feind in einem historischen Tatsachenbericht nach, gesehen aus dem
Guckschlitz des Panzerschützen Krause wie aus der Perspektive des Résistance-Obersten Rol. Sie rekonstruierten das Ereignis Stunde für Stunde, wobei sie die Erlebnisse von 300 deutschen Paris-Soldaten verwerteten. Als Titel diente das Führerwort: "Paris muß brennen**."
Adolf Hitler war zuversichtlich, daß Paris lichterloh brennen werde. Als Nachfolger des abgesetzten Pariser Stadtkommandanten von Boineburg-Lengsfeld wählte er einen Mann aus, der "noch nie über einen Befehl diskutiert hat, wie hart er auch war": Choltitz.
Härte hatte Choltitz bei der Belagerung der Krim-Feste Sewastopol gezeigt: Von den 4800 Mann seines Regiments blieben nur 347 am Leben. Ihr Chef wurde General.
Hitler ließ Choltitz, der eine Division an der Normandie-Front kommandierte, eigens über 2500 Kilometer in seine ostpreußische "Wolfsschanze" anreisen, um ihm in donnernder Rede seine Aufgabe im Westen einzuhämmern: Paris muß Frontstadt werden, jeder etwaige Aufstandsversuch ist rücksichtslos niederzuschlagen. Die hektische Geste, der flakkernde Blick, der beim Schreien aus dem Führermund laufende Speichel weckten in Choltitz Bedenken an der Weisheit des Mannes, dem er selbst noch nach Stalingrad blind vertraut hatte. Choltitz zu seinem Chauffeur, als er die "Wolfsschanze" verließ: "Beten Sie, was mich in Parts erwartet, ist furchtbar."
Der Ruf des Experten der verbrannten Erde war so eindeutig, daß die Stäbe im Hotel "Meurice" seine Berufung in die französische Hauptstadt als böses Omen auffaßten: Der Neue wurde Paris so verteidigen, wie er Sewastopol erobert hatte. Choltitz-Vorgänger Boineburg zu seinem Adjutanten: "Die schönen Tage von Paris, Graf von Arnim, sind endgültig vorüber."
Hitler gab den Befehl, die Zerstörung der Pariser Versorgungsbetriebe und der Verkehrswege vorzubereiten, vor allem die 45 Seine-Brücken zu vermindern. Choltitz ließ den Befehl, soweit möglich, ausführen, verbot aber jede Sprengung ohne seine vorherige Erlaubnis.
Für den Straßenkampf in Paris stellte der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Kluge, seinem Untergebenen Choltitz zwar drei Divisionen in Aussicht, konnte sie aber vorerst nicht freigeben: Sie gehörten zu jener 15. Armee, die immer noch die nordwestliche Kanalküste bewachen mußte, wo Hitler die eigentliche Invasion selbst noch kommen sah, als die Amerikaner schon bei Orleans standen.
Adolf Hitler hatte seinen Sewastopol-Mann in Paris allerdings keineswegs vergessen. Bei der Lagebesprechung am 14. August verlangte er plötzlich zu wissen: "wo sich in diesem Augenblick unser 60-Zentimeter-Mörser befindet, den wir für den Angriff auf Brest-Litowsk und Sewastopol gebaut haben. Ich habe mich entschlossen, diese Waffe dem General von Choltitz zu sclicken".
Niemand kannte den Aufenthaltsort des Ungetüms, dessen 44 Zentner schwere Granaten ganze Häuserviertel pulverisieren konnten. Nach achtstündigem Suchen fand sich "Karl" in einem Depot bei Berlin und wurde in Richtung Paris in Marsch gesetzt. Innerhalb einer Woche sollte er ankommen.
Aber noch bevor "Karl" verladen war, hatten sich in Paris die Ereignisse überstürzt: Am 15. August erhielten die deutschen Stäbe und alle nicht kämpfenden Einheiten den Befehl zur Räumung. Ein SS-Oberst bewies französische Höflichkeit, indem er in seinem requirierten Appartement am feudalen Boulevard Victor Hugo eine Dankadresse an seinen unbekannten Gastgeber sowie einen 100-Franc-Schein für zwei zerbrochene Gläser zurückließ.
Die Stadt war noch ruhig. Während die Stäbe auf den Straßen ihre Akten verbrannten, versprach ein riesiges Transparent am Eiffelturm den Franzosen weiterhin: Deutschland siegt an allen Fronten."
An geheimer Front kämpfte seit Erlaß des Räumungsbefehls ein deutschschwedisches Duo für schiere Menschlichkeit: der Doyen des Konsularkorps. Schwedens Konsul Raoul Nordling und der zwielichtige deutsche Abwehr-Agent Emil ("Bobby") Bender, der als Repräsentant einer schweizerischen Papierfabrik getarnt war und die französische Industrie beschattete. Sie erfuhren, daß auch 3893 politische Häftlinge aus den Gefängnissen um Paris vor den anrückenden Alliierten in Sicherheit gebracht werden sollten.
Nordling und Bender, die beide Kontakte zu den Alliierten unterhielten, fuhren ins Hotel "Meurice" und gewannen Choltitz für den Plan, die Gefangenen der Obhut des Roten Kreuzes zu übergeben. Choltitz wollte lediglich durch eine Unterschrift des Militärbefehlshabers gedeckt sein.
Als das Paar in dessen Dienststelle im Hotel "Majestic" eilte, fand sich nur noch ein Major Huhm vor, der gerade seine letzten Papiere in den Kamin warf. Seine zögernd gegebene Unterschrift rettete die meisten Häftlinge.
Der Aufbruch der Besatzer gab den Parisern die Witterung der nahenden Freiheit. Noch ehe die ersten Feldgrauen unter den Schüssen der Résistance fielen, versuchte sich der harte Ostkämpfer Choltitz in den geschmeidigen Methoden der psychologischen Kriegführung: Er ließ seine Truppen durch Paris defilieren und eröffnete dem entsetzten Bürgermeister Taittinger auf dem Balkon des "Meurice": "Wenn Schüsse fallen, werde ich die Häuser des entsprechenden Wohnblocks anzünden lassen und ihre Insassen füsilieren."
Taittinger hatte den Eindruck, daß sein Gegenüber "bereit war, Paris zu zerstören wie eine beliebige Stadt in der Ukraine".
Die deutsche Führung - nicht nur Hitler - war entschlossen, im großen Seinebogen ein Trümmerfeld zu hinterlassen. Kluges Nachfolger, Feldmarschall Model, der die polnische Stadt Kowel dem Erdboden gleichgemacht hatte, kündigte eine würdige welsche Fortsetzung an: "Glauben Sie mir, General von Choltitz, wozu wir in Kowel 40 Minuten gebraucht haben, werden wir in Paris 40 Stunden brauchen. Aber dann ist die Stadt ausradiert."
Die extremen Elemente der französischen Résistance wollten mitradieren. Allein in Paris hielten sich 25 000 Kommunisten bereit, auf das Kommando ihres Obersten Rol gegen die Besatzer loszuschlagen - selbst um den Preis der Zerstörung von Paris.
Chef-Gaullist de Gaulle hatte einen seiner ergebensten Mitarbeiter, den 36jährigen General Chaban-Delmas, heute Präsident der Nationalversammlung, nach Paris geschickt. Seine Instruktion für die Pariser Résistance: Ein Aufstand darf höchstens 24 Stunden vor Eintreffen der alliierten Armeen losbrechen. Andernfalls hätten die Deutschen Zeit, die schlechtbewaffneten Widerständler niederzukämpfen und Paris das Schicksal des aufständischen Warschau zu bereiten, das im Angesicht der Roten Armee total zerstört wurde. Nach einem allgemeinen Massaker zwischen Deutschen und Franzosen würden, so fürchtete de Gaulle, die Rol-Kommandos auf den Trümmern von Paris die Revolution ausrufen.
Am 18. August, als die Alliierten noch 250 Kilometer westlich von Paris standen, ließ Rol, dessen Anhänger die Pariser Résistance-Ausschüsse beherrschten, einen Aufruf zur Erhebung gegen die Besatzer an die Häuserwände kleben. Mit der Erfahrung eines im spanischen Bürgerkrieg erprobten Straßenkämpfers hatte er selbst alle Einzelheiten generalstabsmäßig ausgearbeitet.
Während seine Kämpfer aus dem Untergrund stiegen, um Deutsche niederzuschießen und die Rathäuser der 20 Pariser Arrondissements zu erobern, radelte Rol, die Uniform der internationalen Spanienbrigade in der Aktentasche, in sein Hauptquartier, um sich für den Tag der Rache umzukleiden.
Als er an der Polizeipräfektur vorüberfuhr, sah er, daß dieser festungsartige Gebäudekomplex bereits erobert war, ohne daß er den Befehl dazu gegeben hatte: Die Gaullisten waren den Kommunisten zuvorgekommen und hatten einen von de Gaulle ernannten Polizeipräfekten installiert.
Bevor sie sich verbarrikadierten, stieß ein schüchterner Mann zu ihnen, der zwei Koffer, acht Flaschen Säure und Chemikalien schleppte: Nobelpreisträger Frederic Joliot-Curie hatte im Atom-Labor seiner berühmten Schwiegermutter eine Formel zur Herstellung primitiver Sprengflaschen erdacht. Bald flogen die ersten Exemplare gegen deutsche Panzer.
Der Kommandant von Groß-Paris schwankte um diese Zeit noch, ob er die Stadt nach Muster Kowel behandeln solle oder nicht. Die Überfälle auf seine Soldaten hatten ihn verbittert. Er befahl zunächst den Angriff auf die Polizeipräfektur und erinnerte sich, daß sich auf den Flugplätzen Le Bourget und Villa-Coublay ein Restbestand von Bombern der Luftflotte 3 zum Einsatz gegen Paris zur Verfügung hielt. Er gab der Luftwaffe Befehl, das Bombardement für den nächsten Morgen vorzubereiten. Mit finsterer Miene blickte er vom Balkon des "Meurice" auf die Rue de Rivoli: "Ich liebe diese netten Pariserinnen, es wäre eine Tragödie, gezwungen zu sein, sie zu töten und ihre Stadt zu zerstören."
Sein Zuhörer, Schwedens Konsul Nordling, war gekommen, um die verzweifelt kämpfende Besatzung der Präfektur zu retten. Er ging sogleich zum Angriff auf die Festung Choltitz über: "Paris zu zerstören, wäre ein Verbrechen, das die Geschichte niemals verzeihen würde." Paris hallte von Schüssen wider. Choltitz: "Ich werde sie aus ihrer Präfektur jagen und bombardieren."
Als der Schwede einwandte, dann würden auch Notre-Dame und die gotische Sainte Chapelle vernichtet, fragte der Schlesier: "Welche andere Lösung sehen Sie?" Nordling: "Einen Waffenstillstand."
Dietrich von Choltitz hatte noch nie einen Waffenstillstand geschlossen, hatte allerdings auch noch nie eine aufständische Vier-Millionen-Stadt verteidigt, die intakt bleiben mußte, damit die zurückgehenden deutschen Einheiten durchmarschieren konnten. Ein Waffenstillstand würde zwar die Aufständischen im Besitz ihrer Präfektur lassen, aber die unsicher gewordenen Straßen wieder öffnen.
Als Choltitz dem Konsul gestattete, entsprechend zu verhandeln, allerdings ohne seinen, des Kommandanten, Namen zu verwenden, tat er den ersten Schritt gegen die Macht des Befehls, der er bis dahin gehorcht hatte. Er gab der Luftwaffe Nachricht, der für den nächsten Morgen vorbereitete Bombenangriff auf Paris sei "zeitweise aufgeschoben".
In der Präfektur sprang Edgard Pisani, heute Landwirtschaftsminister, als Nordling die Nachricht durchtelephonierte, vor Freude vom Stuhl und schrie: "Wir haben Paris gerettet."
Die Gaullisten hatten alles getan, um Paris vor dem revolutionären Ungetüm der roten Kollegen zu retten. Gaullist Chaban-Delmas drahtete nach London an de Gaulle: "Intervention bei den Alliierten nötig, um schnelle Besetzung *von Paris zu verlangen. Bevölkerung klar und genau durch BBC offiziell warnen lassen, um ein neues Warschau zu verhindern."
De Gaulle selbst machte sich von Nordafrika auf den Weg in die Heimat. Die Amerikaner boten ihm einen Bomber B 17 zum Flug von Algier über Casablanca nach Cherbourg an. Das Flugzeug kam bei der Landung in Algier von der Piste ab und mußte tagelang repariert werden. Frankreichs Widerständler Nummer eins glaubt bis heute, der Bruch sei Teil eines amerikanischen Plans gewesen, seine Rückkehr zu verzögern. Er wartete nicht, sondern nahm eine französische Maschine.
Dieser Aeroplan war für einen Langstreckenflug nicht gebaut. Er mußte derart mit Zusatztanks betrachtet werden, daß er nach dem Start fast die Meeresoberfläche gestreift hätte. Der Höhenmesser sank gegen Null. De Gaulle qualmte ein Zigarillo. Es war der gefährlichste Start seines Lebens, aber er mußte nach Haus.
Seine Mannschaft in der Polizeipräfektur bemühte sich, immer das Schicksal Warschaus vor Augen, den begrenzten Waffenstillstand auf ganz Paris auszudehnen. Während De Gaulle-Genosse General Koenig auf das Verlangen von Chaban-Delmas tatsächlich von London aus per Radio die Bevölkerung leidenschaftlich vor einem allgemeinen Aufstand warnte, verkündeten Lautsprecherwagen den Waffenstillstand. Es war am 20. August 1944 um 15.30 Uhr. In allen Kommandostellen der Pariser Résistance klingelte das Telephon. Eine Stimme befahl im Namen von Oberst Rol, das Feuer einzustellen.
Rol, Chef der Resistance im Gebiet von Paris, wußte von nichts. Er sprach von Verrat und gab Gegenbefehl: "Der Aufstand geht weiter." Als ihm ein Gaullist vorhielt, der Kampf werde Tausende das Leben kosten und Paris auslöschen, schlug der Chef mit der Faust auf den Tisch: "Paris ist gut 20 000 Tote wert."
In seinen Berichten an die Heeresgruppe C hatte Choltitz das Ausmaß des Aufstandes fortwährend bagatellisiert, obschon er am ersten Tag 50 Mann und seit dem Waffenstillstand weitere 75 verloren hatte. Da er den harten Model besonders intensiv über ruhige Nächte informierte, schenkte dieser den Ereignissen in der Stadt wenig Beachtung.
Und das Führerhauptquartier erfuhr von Straßenkämpfen in Paris erstmals, als General Jodl bei Choltitz telephonisch anfragte, warum er noch nicht den Vollzug der befohlenen Zerstörungen gemeldet habe.
Choltitz: Seine Truppen seien mit den Terroristen beschäftigt. Jodl: "Was immer vor sich geht, der Führer erwartet, daß Sie die Zerstörungen so gründlich wie möglich ausführen." Der Mörser "Karl" allerdings hatte, wie Jodl dem ungeduldig fragenden Hitler zugeben mußte, erst die deutsch-französische Grenze überschritten. Hitler befahl "absolute Priorität" für seinen Transport.
Choltitz schritt den einmal begangenen Weg konsequent weiter. Als de Gaulles politischer Platzhalter Alexandre Parodi mit zwei weiteren hohen Gaullisten deutschen Gendarmen in die Hände fiel, ließ Choltitz die Verhafteten -ins "Meurice" bringen. Das Duo Konsul Nordling/Bobby Bernder erschien ebenfalls auf der Bildfläche und bat, ihm die Häftlinge zu übergeben. Choltitz, der hoffte, Parodi werde für die Aufrechterhaltung des Waffenstillstandes sorgen, ließ die Gefangenen laufen und bot dem Reserveoffizier Parodi die Hand: "Unter Offizieren ist eine solche Geste erlaubt." Der Franzose schlug nicht ein.
In Paris wurde gleichwohl weitergeschossen, so daß der Luftwaffenchef, Generaloberst Dessloch, Choltitz vorschlug, nicht die ganze Stadt, wohl aber zur Einschüchterung die von 800 000 Menschen bewohnten nordöstlichen Viertel mit 150 Bombern zu zerstören. Dessloch: "Wenn der Morgen anbricht, werden dort keine Katze und kein Hund mehr leben. Es wird ein kleines Hamburg werden." Choltitz antwortete, er werde den Plan prüfen lassen.
Am Morgen des 21. August stieg die Spannung in der Stadt bis zum Siedepunkt. Durch die Straßen hallte der historische Ruf: "Auf die Barrikaden!" Während die Pariser Widerständler das Pflaster aufrissen, ging der Kleinkrieg um die Erhaltung der Stadt weiter.
Am Abend tagte der Résistance-Rat. Chaban-Delmas zu den Roten: "Was ihr wollt, ist, 150 000 Menschen unnütz umbringen." Kommunist Villon: " Ich habe noch nie einen so feigen französischen General gesehen." Die Versammlung beschloß mit einer Stimme Mehrheit die Beendigung des Waffenstillstandes. Die ganze Nacht über forderten drei gaullistische Geheimsender die Alliierten auf, nunmehr sofort auf Paris zu marschieren.
Die Kommunisten hielten sich lediglich noch zurück, weil ihnen Waffen und Munition fehlten. Sie verlangten dringend 10 000 Plastik-Sprengkörper, die von London nach Paris geflogen und über den Grünflächen der Stadt mit Fallschirmen abgeworfen werden sollten. Doch Gaullist Chaban-Delmas, der die Nachrichtenverbindungen der Rösistance kontrollierte, hütete sich, den Hilferuf nach London weiterzugeben.
Mörser "Karl" war bis nach Soissons gekommen. Hitler hämmerte seinem Jodl nochmals ein: "Paris darf nicht in die Hände des Feindes fallen, oder der Feind darf nur einen Trümmerhaufen vorfinden." General Choltitz trank mit Konsul Nordling Whisky. Choltitz: "Ihr Waffenstillstand ist gescheitert." Nordling entgegnete, leider habe in der Résistance nur de Gaulle Autorität.
Der Deutsche schwieg eine Weile, dann fragte er mit leiser Stimme: "Könnte man nicht jemanden schicken, ihn zu holen?"
Bislang hatte Nordling den General gedrängt, jetzt ergriff Choltitz die Initiative. Nordling erklärte sich bereit, durch das Kampfgebiet zu gehen, wenn Choltitz ihm einen Passierschein gäbe. Choltitz: "Warum nicht?" Im schwarzen Citroen passierte der Schwede unter Bobby Benders Schutz die deutschen Linien und übermittelte den Alliierten die Botschaft: Er könne höchstens noch 48 Stunden untätig zusehen.
Choltitz machte sich keine Illusion, daß sein Verhandeln mit den Aufständischen inzwischen im Führerhauptquartier bekanntgeworden sein mußte. Als bald nach Nordlings Abfahrt vier SSOffiziere ins "Meurice" marschierten, sah er sich schon verhaftet. Aber die Schwarzen kündigten lediglich an, sie hätten höchsten Auftrag, den wertvollen, siebzig Meter langen, neunhundert Jahre alten Teppich, die sogenannte Tapisserie von Bayeux, aus dem Louvre in Sicherheit zu bringen. Da der Louvre von der Résistance besetzt war, verzichteten die Kunstkenner.
Am 22. August um 19.25 Uhr gab USGeneral Bradley dem Drängen de Gaulles nach und erteilte der 2. Panzerdivision des Generals Leclerc den Befehl, beschleunigt Paris einzunehmen.
Leclercs Vormarsch entwickelte sich nochmals zu einem Wettlauf. Denn Hitler beauftragte nunmehr den Bomberchef Dessloch direkt, Paris zu bombardieren. Choltitz: Dann würden auch die deutschen Truppen in Paris Verluste erleiden, so daß er Paris räumen müsse. Die Verantwortung treffe dann die Luftwaffe Dessloch bombardierte nicht.
Auf der anderen Seite war es dem Résistance-Chef Rol doch noch gelungen, seinen Waffenhilferuf nach London zu übermitteln. Auf der britischen Flugbasis Harrington standen 130 amerikanische Bomber B 24 bereit, 200 Tonnen Waffen über Paris abzuwerfen.
General Koenig, der den Startbefehl zu geben hatte, fürchtete, daß die meisten dieser Waffen in kommunistische Hände fallen und alsbald gegen die Gaullisten schießen würden, konnte aber andererseits seine bedrängten Landsleute, waren sie auch Kommunisten, im Fall äußerster Not nicht im Stich lassen. Er schob den Einsatz der Bomber zunächst auf, wie Choltitz den Einsatz seiner Bomber verschoben hatte.
Als Koenig den Befehl geben wollte, verhinderte dichter Nebel den Start der Flugzeuge. Als der Nebel sich hob, war der Einsatz unnötig geworden. General Leclerc stand schon bei Rambouillet und kündigte seinen Einmarsch nach Paris für den nächsten Morgen an.
Bevor Leclerc von Rambouillet aufbrach, hörte der Hauptmann de Boissieu seinen künftigen Schwiegervater de Gaulle den Panzerführer noch einmal zur Eile antreiben: "Machen Sie schnell, damit es keine neue Kommune gibt!"
In Paris läuteten die Glocken den Einmarsch der Alliierten ein. Hitler bellte Jodl an: "Brennt Paris? Ja oder nein, brennt Paris?" Jodl schwieg. Er wußte es nicht. Choltitz telephonierte mit der Heeresgruppe B. "Guten Abend, Speidel, ich habe eine Überraschung für Sie. Hören Sie mal, bitte!" Der Kommandant von Groß-Paris hielt dabei den Hörer ans offene Fenster. Speidel: "Das sind doch Glokken nicht wahr?"
Choltitz: "Tatsächlich, das sind die Glocken von Paris, die der Bevölkerung die Alliierten ankündigen." Choltitz empfahl seine Familie in Baden-Baden Speidels Schutz und sagte ihm adieu. Dem Chef einer eigens zum Sprengen nach Paris geschickten Pionier-Einheit erklärte er auf Anfrage: Ich habe keine Befehle mehr für Sie." Die Pioniere zogen ab. Die Brücken von Paris flogen nicht in die Luft. Hitler trieb Speidel an und befahl ihm, die V-2-Geschosse auf Paris zu richten. Speidel gehorchte nicht.
Bald darauf drangen die Franzosen mit dem Oberleutnant Karcher an der Spitze ins "Meurice" ein. Choltitz hörte seine Ordonnanz sagen: "Sie kommen, Herr General."
Karcher trat ein, nahm Haltung an und fragte, ob Choltitz sich ergeben wolle. Choltitz: "Ja." Karcher: "Dann sind Sie mein Gefangener." Choltitz: "Ja. "
Der Franzose lautete seinen Vater, einen pensionierten General im Pariser Stadtteil Auteuil an: "Trotz deiner ungünstigen Voraussagen bezüglich meiner militärischen Karriere habe ich die Ehre, dir anzukündigen, daß ich soeben den Kommandanten von Paris gefangengenommen habe."
Als Chultitz abgeführt wurde, erbeutete eine siegestrunkene Pariserin die Ersatz-Diensthose mit den roten Generalsstreifen und schwenkte sie johlend in der Luft.
Von allen Seiten ins Gesicht gespien, mußte der General der Infanterie von Choltitz Spießruten laufen. Am Place des Pyramides vor der Statue der Heiligen Johanna, tupfte ihm eine mitleidige Rotkreuz-Helferin die fremde Spucke vom Monokel. Choltitz: "Madame, Sie sind wie die Jungfrau von Orleans."
In der Hysterie des Sieges lynchten die Pariser nicht nur deutsche Soldaten, sie rächten sich auch grausam an echten und vermeintlichen Kollaborateuren in ihren Reihen. Sie hielten das lange Fernrohr, mit dem Zahnarzt Goa die Straße beobachtete, für ein Gewehr, warfen ihn vor die Ketten eines Sherman-Panzers und erschossen seine Frau.
Entsprechend den Weisungen de Gaulles, unterzeichnete General Leclerc die Kapitulations-Urkunde nicht im Namen des alliierten Oberkommandos, dem seine Division unterstand, sondern im Namen der "Provisorischen Regierung der "Französischen Republik". Es war die einzige Kapitulation bedeutender deutscher Streitkräfte, die von nur einer der alliierten Mächte entgegengenommen wurde. De Gaulle rügte lediglich, daß Leclerc Résistance-Chef Rol zur Unterschrift zugelassen hatte: "Dieser Name hat da nichts zu suchen."
Am nächsten Tag rückte Charles de Gaulle im Triumphzug in Paris ein. Vor der Kathedrale von Notre-Dame jubelte ihm die Menge begeistert zu, als plötzlich Schüsse fielen. Sofort feuerten Résistance-Leute und Soldaten ziellos in alle Richtungen. Die Pariser stoben auseinander oder warfen sich zu Boden, Verwundete schrien. Einsam und aufrecht marschierte de Gaulle in die Kathedrale, um das Te Deum zu singen.
Die Ursache dieser Schießerei wurde nie geklärt. Da deutsche Soldaten nicht zugegen waren, entschied sich de Gaulle in seinen Memoiren für die These, die eigenen Kommunisten hätten gefeuert, um Verwirrung zu stiften.
Erst zum 20. Jahrestag der Befreiung von Paris entschloß sich Charles de Gaulle, zu vergessen und alle Widerständler zu umarmen. Er dekorierte Rol, der seit Mai 1964 Mitglied des Zentralkomitees der franzosischen KP ist, mit dem Offizierkreuz der Ehrenlegion und küßte ihn öffentlich auf beide Wangen.
**Dorninique Lapierre und Larry Collins
"Paris muß brennen" ("La Liberation de Paris"). Scherz Verlag, München; 500 Seiten; 24,80 Mark.
Paris-Besatzer vor dem Hotel "Meurice": Nach 1531 Tagen deutscher Herrschaft ...
"bitte einen Schritt hinter mir": Paris Befreier de Gaulle*
Paris-Kommondant von Choltitz
"Was mich erwartet..
Paris-Mörser "Karl"
... ist furchtbar"
Pariser Barrikaden-Kämpfer: Vom Atomforscher ein Molotow-Cocktail
Deutsche Gefangene in der Rue Castiglione: "Höher die Hände, Herr General"
* Beim Einmarsch auf den Champs-Elysées
am 25. August 1944.

DER SPIEGEL 36/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.