30.09.1964

MARKENWEINEHilfe für Verstimmte

Die Allgäuer Alpenmilch AG, die mit Kondensmilch ("Bärenmarke"), Babyfutter ("Alete") und Fruchtsäften 1963 gut 300 Millionen Mark Umsatz machte, will künftig auch dem Geist des Weines dienen. Auf dem Alpenmilch -Weingut "St. Ursula" in Bingen, so verhieß der Konzern, "gibt's jetzt nur ein Thema: 'Goldener Oktober'" - ein Markenwein, "wie er reifer wie er harmonischer nicht sein kann".
Durch Umfragen hatten die Dosenmilch-Fabrikanten ermittelt, daß 60 Prozent der Bundesbürger verstimmt sind, weil in jedem Herbst neue, andesartige Weine heranreifen. "Goldener Oktober" mit vier Geschmacksrichtungen Rheinwein, Moselwein, Pfälzer und französischer Rotspon - soll nunmehr dem Ärgernis beikommen und laut Ankündigung der Firma "das Kernsortiment für 60 Prozent aller Weintrinker" werden.
Alpenmilch garantiert "unabhängig
von der wetterbedingten Ernte eine immer gleichbleibende Qualität und Geschmacksrichtung".
Die St. Ursula Weingut und Weinkellerei-GmbH in Bingen vormals Vila Sachsen", ist der jüngste Sproß des "Bärenmarke"-Konzerns Die Silbe "urs" weist auf die Schweizer Alpenmilch -Stammfirma Ursina AG und den Berner Wappenbären hin.
Als Mitgift bringt St. Ursula fünf Millionen Mark Stammkapital und die Adressen von 140 000 Einzelhändlern mit, bei denen die umsatzstarke Teddyfamilie wohlgelitten ist.
"Goldener Oktober" - mit Schraubverschluß und zu einem Preis von rund drei Mark - ist der jüngste Versuch, einen aus verschiedenen Sorten gemischten Wein mit stets gleichem Geschmack zu etablieren.
Die Zunft der Rebenpfleger erhofft sich von dieser Entwicklung eine Räumung der Keller. Kurz vor der neuen Lese sind rund 40 Prozent des Lagerraums durch die noch nicht verkauften Reste früherer Ernten blockiert.
Vergebens trieb der Mainzer Weinbauminister Oskar Stübinger die Konsumenten an: "Es muß mehr gesoffen werden!"'
- Seit 1949 wuchs die Rebenfläche von 51 000 auf 68 000 Hektar, die jährliche Erntemenge von 1,3 bis auf 7,4 Millionen Hektoliter;
- der Ertrag je Hektar stieg seit 1938 von 33,4 auf 115,8 Hektoliter Most, und
- ständig steigt der Import ausländischer Weine.
Um auf diesem überfüllten Markt auch saure Kreszenzen konkurrenzfähig zu machen, werden sie seit langer Zeit bis zur Unkenntlichkeit "verbessert". Rheinauf, moselab kam eine speziell gezüchtete "Sieger-Rebe" in Mode, deren bukettreicher Traubenmost den dünnen Weinen zugesetzt wird und dem Verbraucher ein völlig neues Weingefühl beschert: Das Bukett der Sieger-Rebe besiegt und verdrängt alle Geschmacksrichtungen der originalen Lagen.
Es entstanden Weinverschnitte verschiedenster Rebsorten, Herkünfte und Jahrgänge; den Rest besorgten Zusätze von 25 Prozent Zuckerwasser, wie es das Weingesetz zwar nicht gerade befiehlt, aber immerhin erlaubt*.
Die in allen Rebgärten zusammengelesenen Mixturen dürfen keine Lagebezeichnungen, wie etwa "Deidesheimer Herrgottsacker" oder "Bernkasteler Doktor", führen. So halfen sich die Winzer mit Phantasie-Namen, deren ältester und bekanntester "Liebfrauenmilch" ist. Zu den rund 5000 nebulosen Titeln, die bereits früher registriert waren, nahm das Patentamt allein seit Anfang 1963 mehr als 3000 neue Wein-Warenzeichen entgegen, darunter "Glückstau", "Sonnentochter", "Weinkellergeister", "Wingertschütz". "Traubenfreund" und "Liebesreigen".
Die Mixturen mit den Phantasie -Namen raubten den Konsumenten, deren Urteilsvermögen schon durch 25 000 herkömmliche Lagebezeichnungen überstrapaziert war, den letzten Weinverstand; der Absatz wurde nicht wesentlich besser.
An der Mosel kam in dieser verzweifelten Situation zum erstenmal die Idee eines geschmacklich standardisierten Markenweins auf. Die Weingroßkellerei Franz Wilhelm Langguth Erben kreierte schon vor Jahren ein "Himmlisches Mosel-Tröpfchen", ein "Himmlisches Rotwein-Tröpfchen" und eine "Weinlese 27". Zu der "garantiert gleichbleibenden Güte" steuern, 324 Einzelwinzer, zu einem "Verbund" organisiert, ihre
Säfte bei Die "Aktion Hi-Mo", wie sie in Küferkreisen heißt, setzte 1963 immerhin rund zehn Millionen Liter um. Ein ähnliches Produktionsziel strebt nunmehr auch die Alpenmilch mit ihrem "Goldenen Oktober" an.
* Lediglich bei Weinen mit Qualitätsbezeichnungen wie "Natur", "Wachstum", "Originalabfüllung", "Spätlese" und "Auslese" sind Zuckerzusätze nicht gestattet.
Alpenmilch-Weingut St. Ursula in Bingen: Harmonie aus vielen Tröpfchen

DER SPIEGEL 40/1964
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