07.10.1964

OELZEEs brodelt und blubbert

Ein Leben lang, ob in Dresden. Ascona, Berlin oder Paris, ob in Worpswede oder schließlich in einem Nest des Weserberglands, hauste er abseits und unbeachtet zwischen kahlen Wänden und tupfte mit äußerster Pedanterie seine Alpträume auf die Leinwand. Und obwohl nun schon seit über zehn Jahren-drei seiner Bilder im New Yorker Museum of Modern Art hängen, galt er dem deutschen Kunstbetrieb bislang so wenig wie der Kunstbetrieb ihm.
In diesen Wochen endlich wird dem Einsiedler mit dem Buchhalter-Look späte Huldigung zuteil: Die Kestner-Gesellschaft, Hannovers privater und hochrenommierter Kunstverein, bietet mit über hundert Gemälden und Zeichnungen, die anschließend nach Stuttgart, Heidelberg und Düsseldorf weiterwandern sollen, einen umfassenden Rückblick auf das seltsame Werk Richard Oelzes, 64.
Zur Schau gestellt sind halbverwehte Frauengestalten mit Irrlichter-Blick, sind wuchernde Vegetationen, denen Tiere und Fratzen entwachsen, sind gedunsene Kretin-Köpfe, die sich zu Trauben zusammenschließen und zu Korallen verschlingen.
In altmeisterlichen Farben und Perspektiven, mit romantischen Untertönen und mit surrealistischer Genauigkeit präsentieren sich Weltuntergangs-Landschaften und gespenstische Traum-Architekturen, erstarrte Wolken und versteinerte Spuk-Wälder, Schwämme, Felsen, Gemäuer 'und Kristalle, in denen einäugig und fahl Lemuren-Gesichter nisten, nächtliche Grotten und Tümpel, in denen es brodelt, blubbert und schwelt.
Der einstige Bauhaus-Schüler Oelze aus Magdeburg, der um die Zeit zu malen begann, als der französische Dichter Andre Breton den Surrealismus proklamierte, hat diese phantastische Grusel-Kunst nahezu vierzig Jahre lang beharrlich praktiziert. Der Ruhm, zu dem seine wahlverwandten Kollegen Salvador Dali (SPIEGEL 1/1961) und Max Ernst (SPIEGEL 1-2/1963) gelangten, blieb dem menschenscheuen Eigenbrötler Oelze versagt.
Zwar wurden seine Bilder 1936 auf den legendären Surrealisten-Ausstellungen in London und New York gezeigt, aber der Surrealismus-Boom erfaßte ihn nicht: Nachdem er sich von 1932 an vier Jahre lang in Paris und zwei weitere Jahre in der Schweiz und in Italien durchgehungert hatte, kehrte er in Hitlers Reichskulturkammer-Deutschland heim und diente während des Krieges als Kartenzeichner der deutschen Wehrmacht. Ein Teil seiner Vorkriegsbilder ist noch heute in Frankreich verschollen, andere Arbeiten hat er selber vernichtet.
Nach dem Krieg wurde Oelze zu den Kunstgewerbetreibenden von Worpswede verschlagen, wo er eine ausgebaute Tenne beim Totengräber des Dorfes, dem "Leichen-Brüning", bewohnte.
Im gebügelten schwarzen Anzug (Oelze: "Ich möchte nie wie ein Maler aussehen") und bei kontinuierlicher Radiomusik produzierte der asketische Sonderling, weiterhin kaum beachtet, aus winzigen Pinselpunkten und -strichen seine bizarren Vexierbilder, deren Titel - "Baumtraum", "Wachsende Stille", "Mit der zufälligen Familie", "Kein Ort für Menschen", "Kleines Fest der Trauer" - ihren unheimlichen Themen wohlangemessen sind. Er blieb, so Oelzes wohlwollender Kritiker Will Grohmann, "ein großer Könner, der . . . in seiner Heimat unbekannt ist".
Erst seit einigen Jahren haben Kritiker, Händler und Museumsdirektoren für den norddeutschen Halluzinations-Maler etwas mehr Aufmerksamkeit übrig. 1959 wurden drei Oelze-Bilder, wenn auch nur mit knapper Mehrheit des Ausstellungsrats, in die. Kasseler "documenta II" aufgenommnen; 1961 fand im westfälischen Hagen eine kleinere Oelze-Ausstellung statt; 1963 folgte mit etwa 50 Zeichnungen und Gemälden eine Ausstellung in Bremen, und auch auf der diesjährigen "documenta III" ist Oelze wieder mit drei Exponaten vertreten.
Aber auch so bleibt Oelze noch immer ein Außenseiter im modernen deutschen Kunstbetrieb - ein Vertreter jener phantastischen, surrealistischen, literarischen Malerei, die von den gegenwärtigen Kunstmanagern - etwa dem Kunsthistoriker und "documenta"-Ratsherrn Werner Haftmann - nicht sonderlich geschätzt wird.
En vogue, und das schon seit langem, ist vielmehr jene pure, rein optische moderne Malerei ohne Symbol oder Legende, die mit Paul Cézanne (1839 bis 1906) begann und mit den instinktiven Klecks-Dekorationen des Amerikaners Jackson Pollock (1912 bis 1956) noch immer nicht zu Ende war.
Dem 35jährigen Lyriker und Kunstkritiker Wieland Schmied hingegen, der als Direktor der hannoveranischen Kestner-Gesellschaft vorsteht, erscheint diese Kunst-Auffassung, die, nach Schmieds Meinung, beispielsweise auch
die Kasseler "documenta" prägt, allzu einseitig.
"Warum soll Malerei denn keine - deutbaren oder undeutbaren - Inhalte haben?" protestierte Schmied, und er belehrte: "Malerei ist keine Einbahnstraße."
Mit dieser fast schon wieder revolutionären Kunstmeinung steht Schmied längst nicht mehr allein. Die westliche Kunstwelt scheint der Abstrakten müde zu sein, die Surrealisten-Kurse ziehen wieder an.
Und auch in Deutschland geben die Denk-Maler wieder zu denken, wenn auch nicht die jüngsten. In diesem Sommer feierten gleich drei Großväter phantastisch-literarischer Malerei museale Auferstehung:
- Anfang Juni wurde im Frankfurter Kunstverein Arnold Böcklin, gewiß ein Vorläufer Richard Oelzes, auch noch als pfadfinderider Ahn der amerikanischen Pop-Artisten gepriesen.
- Ende Juni eröffnete die Bayrische Akademie der Schönen Künste mit fast 900 Blättern eine Gedächtnisausstellung für den 1959 gestorbenen österreichischen Gespenster-Maler Alfred Kubin.
- Im August zeigte die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden etwa 100 Gemälde und Zeichnungen des erotischen Mystikers Gustave Moreau (1826 bis 1898), der 1961 in einer Louvre-Ausstellung wiederentdeckt worden ist.
Für den lebenden Literatur-Maler Richard Oelze, der jetzt auf einem Gut bei Hameln lebt und in diesen Wochen auch noch mit den ersten zwei Kunstpreisen seines Lebens honoriert wurde, scheint die Erntezeit nahe.
Zwar ist er mit seiner Ausstellung in Hannover, die auch die drei New Yorker Arbeiten aus dem Museum of Modern Art enthält, noch nicht arriviert, doch er ist im Kommen: Seine Bilder, vor einigen Jahren noch für 5000 Mark zu haben, werden heute bereits fürs Vierfache gehandelt.
Oelze-Selbstporträt
Die Kurse der Surrealisten . . . "Monsieur Rosa"
"Drei wartende Mädchen"
"Mittwoch"
Oelze-Gemälde
Träume beim Totengräber
Oelze-Photo
... ziehen wieder an

DER SPIEGEL 41/1964
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