21.10.1964

STRETCHNichts drückt mehr

Neue Gefühle verheißen Werbeschriften und Anzeigentexte in Damenzeitschriften und Illustrierten der deutschen Frau.
"Fühlen Sie selbst, wie wenig Sie fühlen", künden die Werbetexter. "Nichts drückt Sie mehr" und: "Sie sind schlanker, als Sie glauben."
Kokett zupfen "Triumph"-, "Felina" - und "Lovable"-Mädchen dazu an schmalen BH-Trägern oder vollführen ungeachtet der nur scheinbar beengenden Hüft- und Gesäßgürtungen grazile Spreizschritte - "Traumhaft bequem!"
Sie präsentieren - außer bewunderungsheischendem Natur-Wachstum - ein neues Wunder, das in den Retorten, Crack-Türmen und Autoklaven der Chemie-Konzerne wuchs: Textilfasern, die sich wie die naturgewachsene Haut des Menschen dehnen. Sammelbezeichnung für das Textil-Mirakel: Stretch.
Das einsilbige englische Mode-Wort - wörtlich: dehnen, strecken - markiert die bislang vielfältigste und zugleich faltenärmste Neuerung in der Textilbranche: Gewebe aus Stretch -Fasern werden, wie die Hersteller vermuten, noch in diesem Jahrzehnt, zumindest in der westlichen Hemisphäre, die menschlichen Bekleidungs-Gewohnheiten buchstäblich vom Scheitel-Käppi bis zur Socken-Sohle revolutionieren.
Noch webt die Zauberformel Stretch vorwiegend im zumeist Unsichtbaren: Die Revolution begann bei den Dessous der Damen. Heinz Oestergaard, Berliner Modeschöpfer: "Die Stangen und Stäbchen sind gefallen. Leichtestes Material bändigt die Formen." Und die diesjährigen Kollektionen etwa der größten europäischen Miederwaren -Firma "Triumph", die letzte Woche auf der Berliner Mode-"Durchreise" und auf dem "Internationalen Wäsche - und Miedersalon" in Köln vorgeführt wurden, stehen - so der Slogan - "ganz im Zeichen der elastischen Frau".
Doch nicht nur Miederwaren, Strümpfe und Badeanzüge werden schon größtenteils aus den schmiegsamen und dauerelastischen Synthetic-Fasern gefertigt, die jeder Knie-, Arm- öder Rumpfbeuge bereitwilligst Raum geben und dennoch stets vollkommen in ihre Ausgangsform zurückschnellen. Auch Ski- und Reithosen, Windeln und Freizeitkleidung, Polsterbezüge und Dekorationsstoffe werden neuerdings aus Stretch-Garn hergestellt.
Der italienische Couturier Emilio Pucci präsentierte jüngst eine komplette Kollektion gewagt geschnittener Stretch-Kleider. Der New Yorker Modeschöpfer Mike Geist entwarf für die US-Frauen hautenge "playsuits" (Spiel-Anzüge), bei denen der vieltausendfach das Gewebe durchziehende Gummibandeffekt BH und Mieder überflüssig macht. Und schon lassen die Textil-Fachleute keinen Zweifel mehr daran, daß binnen kurzem nahezu alle handelsüblichen Stoffarten - Taft oder Tweed, Kammgarn oder Brokat - und Herrenanzüge ebenso wie Abendkleider für die Damen auch in Stretch-Verarbeitung erhältlich sein werden.
Der Boom der neuen Stretch-Textilien begann im Frühjahr dieses Jahres, als in den Labors des amerikanischen Chemie-Konzerns Du Pont ein Faser -Spinnverfahren entwickelt wurde, das allen bis dahin bekannten Verarbeitungsverfahren für elastische Synthetic-Fasern mit Abstand überlegen war.
Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Chemiker der Schweizer Garnfabrik Heberlein & Co ein Verfahren gefunden, mit dessen Hilfe sie Nylonfäden Elastizität verleihen konnten: Die Schweizer Garn-Experten drehten den Nylonfaden spiralig auf wie eine moderne Telephonschnur und fixierten diesen Drall unter Einwirkung von Wärme: So behandelt, schnellt der Faden ähnlich einer stählernen Spiralfeder stets in seine ursprüngliche Form zurück. Schweizer "Helanca"-Garne spannten sich fortan in Strumpf- und Keilhosen ungewohnt elastisch über Knie und Oberschenkel von Skiläufern und Hosenträgerinnen. Ähnliche Ondulierverfahren für Synthetic-Fäden ließen sich seither auch andere Faser -Fabrikanten patentieren.
Bereits mit diesen auf Stretch-Effekt gezwirbelten herkömmlichen Chemie -Fasern bahnte sich auf dem bundesdeutschen Bekleidungsmarkt das "Stretch-Wunder" an:
- Die Willy Bogner KG, Sportmoden, in München stellte ihr Skihosen -Programm innerhalb weniger Jahre um - im Jahre 1953 hatte sie noch 95 Prozent aller Keilhosen aus traditionellem Wollgabardine fabriziert; seit 1963 fertigt sie sämtliche Skihosen aus "Elastiss".
- Im Jahre 1960 würden nur rund drei Prozent, 1963 dagegen bereits 87 Prozent der in der Bundesrepublik hergestellten Badeanzüge aus Stretch-Material gefertigt.
- Während der letzten vier Jahre nahm die Produktion elastischer Synthetic-Fäden in, der Bundesrepublik jedes Jahr um durchschnittlich 50 Prozent zu.
Der Elastik-Effekt wurde nahezu perfekt, als es den Du-Pont-Chemikern 1958 gelang, synthetische Gummifäden zu spinnen ("Lycra"), die sich in das Gewebe etwa von Miedern oder Badeanzügen einarbeiten ließen und diesen Kleidungsstücken die Dehn- und Rückschnellfähigkeit einer Gummihaut verliehen.
Das völlig neue Stretch-Gefühl auch auf andere Arten von Bekleidung auszudehnen, wurde jedoch erst möglich, als die Textil-Experten bei Du Pont Anfang dieses Jahres zu einem "Riesensprung nach vorn" ("Time") ansetzten. Sie fanden ein Verfahren, das erlaubt, fast jede Art von Fasern um dehnbare Lycra-Kernfäden herumzuspinnen.
Gewebe, das aus solchen Kombi -Fasern hergestellt wird, weist in der Tat höchst überraschende Eigenschaften auf. Wie die menschliche Haut, etwa beim Drehen des Kopfes oder beim Bücken, nach allen Richtungen hin dehnbar ist, so vermag auch das Stretch -Gewebe allen Bewegungen des Körpers nachzugeben - der Stoff scheint unbegrenzt auf Zuwachs zugeschnitten, und keine Naht kann platzen. Und anders als bei Menschenhaut soll es bei Stretch-Stoffen auch nach längerem Gebrauch weder Falten noch Ausbeulungen geben.
Der Gummi-Effekt der elastischen Chemie-Garne ermöglicht der Bekleidungsindustrie zudem eine gewinnträchtige Schrumpfung ihres Größensortiments: Die Anpassungsfähigkeit des Stretch-Gewebes an verschiedene Körpermaße erlaubt es, die etwa 40 bislang produzierten Kleidergrößen auf nunmehr drei bis vier Nummern zu beschränken.
Überschwenglich klingen denn auch die Prognosen der Chemie-Konzerne für den künftigen Bedarf. So prophezeien beispielsweise die Marktbeobachter der US-Faserfabrik Chemstrand Corporation, daß 1968 bereits 20 Prozent der gesamten Männer-, Frauen - und Kindergarderobe aus Stretch-Material gefertigt sein werden. Und die Du-Pont-Experten glauben, daß in fünf Jahren schon die Hälfte aller Kleidung stretchbar sein wird.
Einige Mode-Experten rechnen allerdings damit, daß die Chemie-Spinner dem Kleiderkonsumenten beim Übergang ins Stretch-Zeitalter eine gewisse Zeit der Anpassung werden einräumen müssen. Daß die bis dahin nie gekannte wohlige Bequemlichkeit zumindest anfangs eher als Mangel empfunden werden kann, erfuhr jüngst ein amerikanischer Textilfabrikant.
Um den Elastik-Komfort vorzuführen, kleidete er ein Mannequin von Kopf- bis Fuß in Stretch-Garderobe. Dann fragte er: "Wie fühlen Sie sich jetzt?"
Die Antwort: "Ich Weiß nicht recht - irgend etwas fehlt. Ich fühle mich wie ausgezogen."
Badeanzüge, Strumpfhose, Mieder aus Stretch-Fasern: "Fühlen Sie selbst ...
... wie wenig Sie fühlen": Pullover, Freizeit-Anzug, Ski-Anzug aus Stretch-Fasern

DER SPIEGEL 43/1964
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