21.10.1964

WALSER-PREMIERESpiel im Spiel

Drei Insassen einer Nervenheilanstalt springen heulend auf ihren Betten herum, krümmen die Finger zu Krallen und spielen Megära, Tisiphone und Alekto - die Erinnyen der griechischen Sage, die den Schuldigen überallhin verfolgen. Ein vierter Kranker stellt einen ehemaligen Lagerarzt dar, ein fünfter Pflegling hat sich das ganze Spiel ausgedacht und führt es seinem Vater vor, von dem er weiß, daß er KZ-Arzt gewesen ist.
Diese Szene ist das Kernstück aus Martin Walsers neuestem - viertem - Theaterstück "Der Schwarze Schwan", das am vergangenen Freitag in Stuttgart uraufgeführt wurde.
Der - laut Enzensberger - "sanfte, unermüdliche Wüterich" Walser, 37, zählt sein neues Schauspiel zu den "Stücken aus einer deutschen Chronik", die er vor zwei Jahren mit "Eiche und Angora" begann und mit dem Schauspiel "Ein Pferd aus Berlin" fortsetzen will. Alle drei Stücke, sagt Walser, "hängen zusammen durch die Zeitgeschichte, die die Anlässe lieferte".
Zumindest eine dramaturgische Spezialität ließ sich Walser aber von Shakespeare liefern; dessen Dänenprinz Hamlet läßt - als Spiel im Spiel - von einer reisenden Schauspieltruppe vor seiner Mutter und seinem Stiefvater einen Königsmord aufführen, um die beiden der Vergiftung seines Vaters zu überführen. Walser nutzt diesen Hamlet-Effekt doppelt. Sein jugendlicher Held Rudi Goothein will mit der Inszenierung im Irrenhaus seinen schweigenden Vater, Walser will mit seinem Stück das ganze Publikum daran erinnern, was geschehen ist. Walser: "So etwa, denke ich, spielt Hamlet zur Zeit bei uns seine Rolle."
Der von Walser mündlich und schriftlich, englisch (im "Times Literary Supplement") und deutsch brillant begründeten Konzeption seines Schauspiels jagt die theatralische Praxis allerdings zuweilen wie eine arme Verwandte hinten nach. Vornehmlich einige familiäre Szenen sind auch bei aller Mühe des ehemaligen Brecht-Assistenten Peter Palitzsch, der schon Walsers vorjährige Premiere "Überlebensgroß Herr Krott" inszeniert hat, nicht für die Bühne gefügig zu machen.
Es ist ein Kennzeichen von Walsers Theaterstücken geworden, daß ihre Bühnensicherheit hinter dem zurückbleibt, was ihre Anlage verspricht und was sie im Detail an poetischer Intelligenz auszeichnet. Auch diesmal etwa formuliert Walser nicht nur dringlich die Anklage der Söhne gegen die Väter, sondern ebenso schlagend deren Antwort: "Ja, du bist fein heraus. Allein dein Geburtsdatum macht dich zu einem fabelhaften Kerl."
In seinem Schauspiel stellt Walser einen menschlichen Katalog möglicher Reaktionen auf die Vergangenheit vor. Professor Goothein sieht, da er für seine ärztlichen Mordpraktiken im Dritten Reich eine Freiheitsstrafe verbüßt hat, den Fall als erledigt an.
Sein Sohn, der einen Brief seines Vaters gefunden hat, in dem mit Büroformulierungen der Transport von Euthanasie-Opfern organisiert wird, behauptet plötzlich, er - der Sohn - sei der Mörder gewesen und müsse angezeigt werden. Der Sohn "tätowiert sich mit Gewissen", er leidet an "platonischer Krätze". Er will, daß die Schuld der Väter nicht vergessen werde, sondern in den Söhnen aufersteht.
Goothein bringt seinen Sohn daher zu einem ehemaligen Kollegen von der Neurologie. Dieser ehemalige KZ-Arzt Leibnitz hat seinen Namen in Liberé (der Befreite) geändert und ist zu stolz, um sich Richtern zu stellen.
Leibnitz-Liberé hat sich selbst verurteilt. Er betreibt in einer feuchten. mückenreichen Gegend eine Nervenheilanstalt; seine Schlafzimmertür ist der einer Zelle nachgebildet; er ißt nur aus Blechgeschirr und füllt seine freie Zeit mit den für Zuchthäusler obligatorischen Handarbeiten aus. Eine geistig zurückgebliebene, inzwischen 30jährige Patientin, die immerzu Sonnenwendfeiern organisiert und für das Winterhilfswerk sammelt, hat er als permanente Gewissenssäge adoptiert. Vor seiner Umgebung und seiner Tochter Irm behauptet er aber, während des Dritten Reiches in Indien gewesen zu sein.
So verschieden wie die Väter, reagieren die Kinder auf die Vergangenheit, die ihnen recht gut bekannt ist. Irm Leibnitz-Liberé zu Rudi Goothein: "Du kannst zwar die Hände ringen. Nachher mußt du doch zum Mittagessen."
Hamlet-Rudi zu Irm: "Du willst das Gras sein, das darüber wächst." Sie will. Rudi Goothein erschießt sich; Irm besteht darauf, ihre Kindheit in Indien verbracht zu haben, obwohl sie es besser weiß.
Leibnitz-Liberé, den die Hamlet-Darbietungen Rudis schon zu dem Entschluß gebracht hatten, sich den Richtern zu stellen, wird doch in seiner selbstverordneten Sumpfverbannung inkognito bleiben; für den schuldigen, abgeurteilten Professor Goothein hat sich dessen Sohn noch einmal nach eigenem Maß gerichtet.
Das Thema des Stücks eher als seine theatralische Wirksamkeit sicherte der Stuttgarter Premiere des "Schwarzen Schwans" - der Titel ist eine Umschreibung für SS, das Stück ist dem in diesem Jahr verstorbenen Schauspieler Klaus Kammer gewidmet - nachdrücklichen Publikumsapplaus.
Offenbar als Antwort auf die vorsichtig angedeuteten Vorschläge seiner Freunde, er möchte endlich zu der von ihm virtuos beherrschten Prosa zurückfinden, erläuterte Martin Walser sein Schauspiel als eines von denen, die "den Autor überreden, er möge sie doch bis auf die Bühne bringen". Die Figuren hätten sich bei ihm "von Anfang an im Dialog" gemeldet.
Dramatiker Walser Hamlet von heute
Walsers "Der Schwarze Schwan" in Stuttgart: Inszenierung im Irrenhaus

DER SPIEGEL 43/1964
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