28.10.1964

GDPMandat und Dynamit

Etwa 150 in Bayern seßhaft gewordene Sudetendeutsche und Schlesier werden sich am Sonnabend dieser Woche in Uttenreuth bei Erlangen versammeln: Klein- und Kleinstfunktionäre eines Interessenten-Verbandes, der in Bayern nacheinander als "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten", "Gesamtdeutscher Block/BHE" sowie als "Nationaldemokratische Union" wirkte und derzeit als "Gesamtdeutsche Partei" (GDP) auftritt.
Laut Tagesordnung werden sie dem "Bundesminister a. D. Dr. h. c. F. J. Strauß" lauschen. Anschließend wollen sie über den allerneuesten, nämlich christlicheren Kurs ihres Landesverbandes Bayern nachsinnen.
Strauß soll ihnen dabei behilflich sein. Der CSU-Chef ist bereit: "Öffnet die Tore weit", rief er schon Mitte Dezember letzten Jahres auf einer Kundgebung der - christlich-sozialen - "Union der Vertriebenen". Denn so mancher Gesamtdeutsche habe ausgezeichnet mit der CSU zusammengearbeitet.
Das galt zumindest, seit die bayrische GDP in München nach den 1957er Bundestagswahlen die Anti-CSU-Koalition des Sozialdemokraten Hoegner durch Austritt sprengte und dafür am neuen CSU-Kabinett beteiligt wurde. In der Folge allerdings befiel ein rapider Mitglieder- und Wählerschwund die Partei; 1962 blieb ihr der Landtag versperrt.
Dafür fühlte sie sich nun zum Bundestag hingezogen. Die Rechnung war simpel: Findet sich eine der großen Parteien bereit, der GDP die vom Bundeswahlgesetz vorgeschriebene Mindestzahl von drei Direktmandaten im Bundestag zuzuschanzen, könnte eine, wenn auch dezimierte Parteisubstanz von den Bundestagswahlen 1965 bis ins Jahr 1969, hinübergerettet werden. Und als Retter, der die Mandate besorgt, kam angesichts des Desinteresses von FDP und SPD nur die CSU in Betracht.
So begannen langwierige Verhandlungen der GDP-Oberen mit den Christsozialen, bei denen allerdings noch nicht direkt von Mandaten die Rede war. Intern ergab sich für die GDP dennoch die Frage, auf wen - gegebenenfalls die drei erhofften Mandate fallen sollten.
Gesamtdeutsche Eifersucht führte dazu, daß Landesausschußvorsitzender Walter Stain, 47, und Landesvorsitzer Willi Guthsmuths, 62, vorsorglich Verzichterklärungen abgaben. Keineswegs aber verzichtete ein GDP-Mann, hinter dem die CSU mit Recht eine sudetendeutsche Elite vermutet: Dr. Walter Becher, 52, Geschäftsführer des Sudetendeutschen Rates.
Bechers politische Karriere hatte mit Aufsätzen im offiziellen sudetenländischen NS-Organ "Die Zeit" begonnen, die sich beispielsweise so lasen: "Wenn Theater, Presse, Schulen und vor allem jene Berufszweige, die wie etwa der Kunsthandel von vornherein halb wirtschaftlichen und halb künstlerischen Charakter haben, zum Großteil in der Hand fremdrassiger Menschen lagen, so wird man verstehen, daß die allgemeine Entjudung auch die erste Voraussetzung für den Neuaufbau des sudetendeutschen Kulturlebens ist."
Schriftleiter Becher focht im Sudetenland gegen die "jüdischen Kulturwanzen", an der Ostfront als Kriegsberichterstatter gegen die Bolschewiken, nach dem Krieg in August Haussleiters "Deutscher Gemeinschaft" gegen undeutsches Wesen und von 1954 an gegen das, was sich ihm als Nestbeschmutzer und heimatlose Linke darbot.
KZ-Prozesse kommentierte er dahin gehend, daß "ein Großteil der auftretenden Zeugen (ehedem) zur kommunistischen Lagerprominenz gehört" habe. Als die Münchner Behörden den KZ -Doktor Eisele nach Ägypten entweichen ließen und deshalb attackiert wurden, fiel Becher ein, diese "künstliche Aufbauschung" diene lediglich dazu, "von den akuten Gefahren der kommunistischen Infiltration abzulenken".
Im kulturpolitischen Ausschuß des Bayrischen Landtags mußte sich Becher gelegentlich sagen lassen, er wünsche offensichtlich ein Verbot von - kritischen - Rundfunksendungen über das Dritte Reich, und nach seinem Willen dürften Kommentatoren, "die keine Nationalsozialisten waren oder nicht sind, nicht auftreten".
Walter Becher, der in der Sprache seiner Landsleute ein Berufsflüchtling ist, erarbeitete schließlich die Hypothese, nach Franz-Josef Strauß haßten die Kommunisten ganz besonders ihn. Es entwickelte sich denn auch eine Zuneigung zwischen den beiden KP-Verfolgten, und Becher erfand ein "Komitee zum Schutz der Bürger vor Diffamierungen durch die Linkspresse".
Zwar entdeckte Becher 1962 plötzlich in sich bis dahin verborgene liberale Neigungen. Während er die GDP-Kameraden dazu aufrief, hart zu bleiben und die gesamtdeutsche Fahne hochzuhalten, verhandelte er hinterrücks mit der FDP in Sachen Parteiwechsel. Aber diesen Mann wollten die Freien Demokraten, sonst an jedem Neuzugang interessiert, denn doch nicht in ihren Reihen wissen.
Da Bechers liberale Fahnenfluchtbemühungen nicht weiter bekannt wurden, fiel es ihm nicht schwer, gleich darauf rege Ambitionen auf einen von der CSU bereitzustellenden Bundestagssitz zu entfalten. Und es würden auch zahlreiche Sudendeutsche lebhaft begrüßen, wenn ihr Becher in Bonn als außenpolitischer Redner auftreten dürfte. Sein Landsmann Walter Stain: "Er hätte die Härte, die in der CDU/CSU fehlt."
Aber über die drei angestrebten Mandate wagte die GDP-Verhandlungskommission mit ihren CSU-Partnern bis heute noch nicht offen zu reden - hier liegt mehr internes Dynamit als in allem Recht auf Heimat. Die CSU ihrerseits machte keine Offerten.
Walter Stain von der GDP: "Wenn dieses vertrackte Problem nicht bis allerspätestens Dezember konkret gelöst wird, verlieren wir unsere ganze Glaubwürdigkeit vor dem Parteivolk."
GDP-Funktionäre Becher, Stain: Per Anhalter noch Bonn?

DER SPIEGEL 44/1964
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