04.11.1964

„DIE MAUER IST SEHR SCHLECHT, ICH GEBE ES ZU“

Seit dem Sturz Nikita Chruschtschows wird in der Bundesrepublik die Frage erörtert, ob Bonn während der sechsjährigen Herrschaft des Sowjet-Liberalisierers eine Sternstunde deutsch-sowjetischer Verständigung verpaßt habe. Diese These vertritt Dr. Hans Kroll, viereinhalb Jahre lang Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, der wegen seiner eigenwilligen Verhandlungen mit Chruschtschow, zu dem er enge Beziehungen unterhielt, 1962 abberufen wurde. Über diese Verhandlungen berichtet jetzt zum erstenmal ein Augenzeuge: der ehemalige Chef-Dolmetscher der bundesrepublikanischen Botschaft in Moskau und Kritiker der Privatdiplomatie seines Chefs, Nikolaus Ehlert, 42. Er nahm an einem besonders umstrittenen Vorstoß teil, durch den Kroll nach dem Bau der Berliner Mauer der Deutschlandpolitik des Kreml eine neue Richtung geben wollte. In seinem demnächst erscheinenden Buch "Die Sowjetunion und wir. Sieben Jahre sowjetische Deutschland-Politik in Moskau erlebt" beschreibt Ehlert die kritischen Stunden:
Am 7. November 1961 fand im Kreml wie alljährlich der große Empfang
zum Jahrestag der Oktoberrevolution statt. Dr. Hans Kroll war wie alle Botschafter anwesend. Er war wiederholt von Bonn angewiesen worden, kein eingehendes Gespräch mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten zu suchen, um Chruschtschow nicht die Gelegenheit zu bieten, durch unbeherrschte Äußerungen die Berlin-Krise zu verschärfen. Den Sowjets sollte klar zu verstehen gegeben werden, daß sie in diesem Stadium der Berlin-Krise allein mit den Westmächten zu verhandeln hätten.
Aber Kroll fühlte sich angesichts solcher Direktiven unwohl. Im Gegensatz zu den meisten anderen Diplomaten in Moskau nahm er das sowjetische Ultimatum ernst und glaubte an den Abschluß eines separaten Friedensvertrages mit der Sowjetzone bis Ende 1961. Außerdem wußte er, daß ihm nur noch ein Jahr bis zur Pensionierung zur Verfügung stand und das Auswärtige Amt nicht gewillt sein würde, ihn über das Pensionierungsalter hinaus in Moskau zu belassen.
Der Botschafter stürzte sich in das, was ihm als das entscheidende Gefecht erschienen sein muß. Er ging auf Chruschtschow zu, unterhielt sich einige Zeit mit ihm und bat um eine offizielle Unterredung an einem der nächsten Tage. Die Tatsache, daß er in Kürze zur Berichterstattung nach Bonn fliegen sollte, lieferte den Anlaß. Außerdem muß er bei diesem Gespräch unter vier Augen Chruschtschow neue Pläne in Aussicht gestellt haben.
Chruschtschow war jedenfalls interessiert. Er hatte die Frist für die Regelung der Berliner Frage stets aufs neue vor sich hergeschoben, weil er auf keinen Fall eine militärische Auseinandersetzung wollte, sondern nur durch ständige Drohungen den Gegner einzuschüchtern wünschte. Auch er erhoffte sich darum wahrscheinlich von dem Gespräch mit Kroll neue Aufschlüsse, möglicherweise Anzeichen eines Nachgebens der deutschen Seite.
Zwei Tage später, am 9. November, wurde Kroll gebeten, sich um 11 Uhr im Kreml einzufinden. Ich begleitete ihn. Kroll war ziemlich nervös. Der Botschafter wußte, daß er eine ausdrückliche Weisung verletzt hatte, denn er hatte ausgerechnet in dem kritischsten Augenblick der Auseinandersetzung um Berlin das Gespräch mit Chruschtschow angesetzt.
Wahrscheinlich zweifelte Kroll auch, ob er Chruschtschow von seinem neuen Plan überzeugen könne. Während der zehn Minuten langen Fahrt im schwarzen Botschafter-Mercedes - wir fuhren durch die trüben, leicht verschneiten Straßen der Moskauer Innenstadt - wies Kroll mich wiederholt darauf hin, daß er sich auf ein sehr heftiges Gespräch gefaßt mache.
Wir bogen hinter dem Borowitzki -Tor des Kreml nach den Kathedralen links ab und blieben rechter Hand, etwa gegenüber dem neuen Tagungspalais, vor dem schlichten Eingang eines gelb getünchten Hauses stehen. Ein Offizier und ein Soldat der Spezialtruppe, die den Kreml bewacht, öffneten dem Botschafter den Schlag und grüßten militärisch-stramm. Dann stieg ich aus und wurde ebenfalls begrüßt. Wir traten in das Gebäude ein.
In diesen alten Kremlbauten sind die Korridore - wie auch die Räume - fast zwei Stockwerke hoch, außerordentlich schlicht, mit einfacher, matter Ölfarbe gestrichen, oben weiß, die Wände etwa in Mannshöhe mit einer wenig freundlichen, ockerbraunen Farbe, die sich in der Sowjet-Union überhaupt großer Beliebtheit zu erfreuen scheint.
Schlichte Kugellampen hängen hoch an
der Decke und verbreiten ein schummeriges Licht. Man fühlt sich an ein Gefängnis oder doch zumindest an die unfreundlichen, kahlen Kasernen erinnert, wie sie im 18. und noch im 19. Jahrhundert gebaut wurden.
Nach wenigen Schritten durch einen solchen Gang stiegen wir eine Treppe hinauf zum ersten Stock und folgten wieder einem endlosen Gang. Plötzlich öffnete der Offizier rechter Hand eine Tür, und wir traten ins Vorzimmer des sowjetischen Regierungschefs.
Ein Mann in Uniform, der offenbar die Rolle einer Ordonnanz spielte, begrüßte uns von ferne. Außerdem erwartete uns schon der Außenamts -Beamte Koptelzew, ein sympathischer junger Mann, der bei größeren Anlässen den Part eines - übrigens vorzüglichen - Dolmetschers übernahm.
Nur wenige Minuten vergingen, dann wurden wir in das Nebenzimmer geführt, das als Empfangs- und Konferenzraum Chruschtschows diente. Der etwa zehn bis zwölf Meter lange Saal ist ebenso karg geschmückt wie die übrigen Korridore und Räume, aber die größere Zahl der Fenster ließ ihn selbst an diesem trüben Wintermorgen heller erscheinen. Den einzigen Schmuck bilden Porträts von Lenin und Marx.
Von der rechten Seite her zieht sich entlang der Fensterfront ein langer, mit altmodischem grünem Tuch bezogener Konferenztisch, auf dem eine Reihe bierbechergroßer, mit säuberlich gespitzten Bleistiften prall gefüllter Kristallvasen, Gläser und einige Flaschen Mineralwasser und Limonade stehen. An beiden Seiten des Tisches reihen sich je etwa zehn bis zwölf Stühle.
Als wir den Raum betraten, blickte uns Chruschtschow schon entgegen. Ernst, aber höfliche Erwartung ausstrahlend, rollte er uns einige Schritte entgegen und gab dem Botschafter, dann mir eine riesige Arbeiterhand, in der man sich ganz verloren vorkam. Er war dunkel gekleidet, trug eine Silberkrawatte und sagte artig einige Belanglosigkeiten. Dann begab er sich an den grünen Tisch, wie stets mit dem Rücken zum Fenster.
Links von ihm setzte sich Iwan Iljitschow nieder, Leiter der Dritten Europäischen Abteilung des sowjetischen Außenministeriums. Der sowjetische Dolmetscher, Koptelzew, nahm Platz an einem großen, quer stehenden Schreibtisch, von dem aus er zwei Stunden lang über uns allen thronen sollte.
Und nun entwickelte sich ein merkwürdiges Gespräch, das ich wohl so bald nicht vergessen werde. Kroll dankte Chruschtschow für die Bereitschaft, ihn zu empfangen, betonte jedoch nachdrücklich, daß er keinen direkten Auftrag habe, Chruschtschow aufzusuchen. Ja, er könne nicht einmal die Auffassung der Bundesregierung zu den schwebenden Problemen darlegen; sie werde sich erst Ende November nach der Reise von Bundeskanzler Adenauer zu Präsident Kennedy herauskristallisieren.
Er habe dennoch, sagte Kroll weiter, um diese Unterredung nachgesucht, um dem sowjetischen Regierungschef seine "rein persönliche" Ansicht darzulegen. Kroll betonte dabei mehrfach, daß es sich wirklich um eine persönliche Ansicht handele, die er nicht einmal der Bundesregierung zur Kenntnis gebracht habe; er wisse auch nicht, ob die Bundesregierung sie billigen werde. Bevor er sie aber bei seinem Besuch in Bonn vortrage, wolle er die Auffassung Chruschtschows kennenlernen.
Kroll sprach ziemlich unsicher, mit schwerer Stimme; er schien manchmal nach Worten zu ringen. Obwohl es nicht das erstemal war, daß ich aus seinem Munde unorthodoxe Äußerungen vernahm, hatte ich doch den Eindruck, daß in seiner Seele auch jetzt noch, da jeder Rückzug unmöglich war, ein heftiger Kampf zwischen seiner Gehorsamspflicht als Beamter und seinem politischen Ehrgeiz tobte.
Chruschtschow und Iljitschow fixierten Kroll mit völlig unbewegten Gesichtern, auf denen jedoch ein leichter Anflug von Überraschung und einer gewissen Erwartung erkennbar war. Chruschtschow hatte die Augen sehr stark zusammengekniffen, die nun wie winzig kleine, eiskalte Löcher in der schweren Masse seines Gesichtes erschienen. Die Hände hielt er vor sich auf dem Tisch, die Unterarme parallel, die Fäuste leicht geballt.
Kroll redete weiter. Er beteuerte, daß er sich bewußt sei, durch seinen Schritt ein großes Risiko zu laufen; aber er werde sich für seinen Plan in Bonn einsetzen, falls Chruschtschow ihn billige. Dann entwickelte er in fünf Punkten seinen Plan, der Stunden später in etwas verzerrter Gestalt die Welt überraschen sollte. Kroll schlug vor:
- Die Sowjet-Union und die drei Westmächte schließen ein Abkommen über Westberlin ab, das den weiteren Zugang zur Stadt sicherstellt.
- Die Sowjet-Union und die DDR handeln untereinander einen Vertrag aus, In dem sich die DDR verpflichtet, das Abkommen zwischen der Sowjet-Union und den Westmächten einzuhalten.
- Die DDR trifft mit dem Berliner
Senat oder der Bundesregierung, etwa nach dem Muster des Interzonenabkommens, Abmachungen über technische Fragen des Verkehrs zwischen Westberlin und der westlichen Außenwelt.
- Die Sowjet-Union und die drei Westmächte verpflichten sich, sofort nach Abschluß des Berliner Abkommens Verhandlungen über den Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland und über die Abrüstung einzuleiten. Eine Kommission zum Studium der anstehenden Fragen soll gebildet werden, die beide deutsche Staaten auffordern könnte, Unterkommissionen zu bilden; diese Unterkommissionen sollen prüfen, ob die Beziehungen zwischen beiden Staaten verbessert werden können. Freilich schränkte Kroll gleich ein: Die Unterkommissionen sollten sich zwar nicht auf wirtschaftliche Fragen beschränken, sie sollten aber vorwiegend Fragen unpolitischen Charakters behandeln.
- Alle Partner verpflichten sich, jegliche Verschärfung der Situation und jegliche feindselige Propaganda zu unterbinden, um ein günstiges Klima für Verhandlungen zu schaffen.
Kroll erläuterte seinen Plan. Er warnte davor, einen separaten Friedensvertrag mit der DDR allein abzuschließen, erklärte sich aber bereit hinzunehmen, daß die Sowjet-Union mit den beiden deutschen Staaten zugleich identische, aber separate Friedensverträge abschließt - er nahm also die Festigung der deutschen Spaltung hin. Kein Wunder, daß Chruschtschow ihm daraufhin bescheinigte, er müsse Krolls "Willen und Klugheit hervorheben". Aber Chruschtschow selber ließ sich auf keinerlei Konzession ein.
Immer wieder plädierte er dafür, daß die Bundesrepublik endlich die DDR anerkenne und mit Ulbricht "normale" wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen aufnehme.
Auf eine Zwischenfrage von Kroll bestätigte Chruschtschow ausdrücklich, daß die Mauer in Berlin auf sowjetische Veranlassung gebaut wurde. Er wolle sagte Chruschtschow wörtlich, sich in dieser -Angelegenheit nicht hinter dem Rücken von Towarischtsch Ulbricht verstecken; Towarischtsch Ulbrichts Rücken sei dazu nicht breit genug.
Als Chruschtschow etwas träumend meinte, die beiden Blöcke sollten schon jetzt einige Schritte zurück unternehmen, um eine Entspannungsatmosphäre zu schaffen, hakte der Botschafter ein. Kroll forderte Chruschtschow auf, er möge doch die Mauer in Berlin entfernen.
Chruschtschow schien überrumpelt zu sein. Er hielt inne, blickte ungewiß auf Kroll und auf mich, dann redete er eine Minute lang langsam und zögernd. Zunächst gestand er, daß ihm die Mauer an sich nicht gefalle: "Sie ist sehr schlecht, ich gebe es zu." Auch schien er zögernd bereit einzuräumen, daß ein Niederreißen der Mauer die Atmosphäre bessern könne.
Einige Augenblicke später hatte er aber einen Ausweg gefunden: Er müsse die Frage zunächst mit Towarischtsch Ulbricht erörtern. Schon nach diesem Satz hatte sich Chruschtschow ganz gefangen. Nein, schloß er, jetzt wieder sehr energisch: Die Mauer könne erst beseitigt werden, nachdem die Bundesrepublik ihre Beziehungen zur DDR normalisiert habe. Inzwischen würde die Mauer sogar "noch wachsen".
Immer wieder kam Chruschtschow auf den "mangelnden Realismus" der Westmächte und der Bundesrepublik zu sprechen, die nicht die geschichtlichen Tatsachen akzeptieren wollten.
Er mochte nicht einmal hinnehmen daß die Verkehrsverbindungen zwischen
Westberlin und dem Westen in einem Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetzone geregelt würden. Das war folgerichtig, da die Sowjet-Union eine Zugehörigkeit Westberlins zur Bundesrepublik seit spätestens 1958 geleugnet hat. Chruschtschow wiederholte diese These auch jetzt nachdrücklich.
Aber nun gab Kroll wieder ein Stückchen seiner Position auf: Es sei wohl in der Tat zweckmäßiger, wenn Westberlin die Frage der Zugangswege unmittelbar mit der DDR aushandele. Als Begründung dafür gab er zwar an, daß die Bundesrepublik nicht mit der DDR unmittelbar verhandeln wolle, aber es mußte Kroll klar sein, daß die von ihm akzeptierte Lösung die endgültige Spaltung in drei deutsche Staaten sanktionierte.
Ein gespenstisches Gespräch! Nikita Chruschtschow stand an der Schwelle einer diplomatischen Niederlage: Das ganze Jahr 1961 hindurch hatten er, seine Minister und die sowjetischen Propagandisten gedroht, die Sowjet-Union werde "jedenfalls bis Ende 1961" ihr Berlin-Ultimatum wahrmachen und einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abschließen.
Chruschtschow blieben knappe sechs Wochen, seine Drohung zu verwirklichen. Nur so ist es meines Erachtens zu erklären, daß er die äußerst vagen Vorschläge Krolls begierig aufgriff und sie als konstruktiven Beitrag bezeichnete, obwohl der deutsche, Botschafter stets betonte, daß er diesen Plan seiner Regierung noch nicht unterbreitet habe und überhaupt Zweifel hege, ob die Bundesregierung mit dem Plan konform gehen könne.
Chruschtschow sparte nicht (wie auch schon bei früheren Gelegenheiten) mit einem Lob für Kroll: Der Botschafter sollte Kanzler der Bundesrepublik sein, dann würde manches einfacher werden. Das war überhaupt eine Methode, die sich bei Kroll mehrfach bewährt hatte.
Zwar wehrte Kroll solche Belobigungen von höchster sowjetischer Seite stets bescheiden ab - es sei nicht sein Ehrgeiz, Bundeskanzler zu werden -, aber es war sichtbar, daß ihn solche Beifallsäußerungen mit tiefster Befriedigung erfüllten.
Das Gespräch ging zur Neige. Chruschtschow begrüßte noch einmal Krolls Entschluß zur eigenen Initiative. Er bat Kroll, bei seinem anstehenden Besuch in Bonn Konrad Adenauer seine besten Wünsche, aber zugleich auch den Rat zu übermitteln, der Kanzler solle "eine kalte Dusche nehmen".
Es war viertel vor ein Uhr, als wir den Kreml verließen. Der Botschafter war sichtlich verwirrt. Einerseits konnte er als Erfolg buchen, daß ihn Chruschtschow angehört hatte, andererseits mußte er jetzt den nicht nur nicht autorisierten, sondern ausdrücklich unerwünschten Schritt Bonn gegenüber begründen. Schon bei seinem Abschied von Chruschtschow hatte er gebeten, im offiziellen Kommuniqué nicht zu erwähnen, daß die Unterredung auf seine Veranlassung stattgefunden habe.
Chruschtschow und Iljitschow willigten ein. Als "Prawda" und "Iswestija" am nächsten Tag eine Meldung über die Unterredung brachten, wurde verschwiegen, wer das Gespräch veranlaßt hatte.
Bonn mußte dennoch unterrichtet werden, denn die Presse hatte bereits von dem Gespräch erfahren und wartete auf Informationen. Man darf nicht vergessen: Die Welt stand damals wieder einmal auf einem Höhepunkt der Berlin-Krise, jeder nahm an, Chruschtschow habe Kroll in diesem Gespräch Entscheidungen höchster Tragweite angedeutet.
Ich sollte ein Protokoll über das Gespräch aufsetzen. Aber als ich meine Arbeit abgeschlossen hatte, erfuhr ich, daß der Botschafter schon ein Telegramm nach Bonn geschickt hatte, das kein Wort vom Kroll-Plan, sondern die Version enthielt, das Gespräch sei von Chruschtschow gewünscht worden, um den Botschafter vor seiner Bonn-Reise über die Einstellung der sowjetischen Regierung zu informieren.
Da kam die sogenannte Kroll-Affäre ins Rollen. Ich war damals Vertreter des abwesenden Pressereferenten der Botschaft, und mir wurden daher alle für den Botschafter bestimmten Presse - und Agenturmeldungen vorgelegt, die ich nach ihrer Bedeutung und Vorlagewürdigkeit sortierte.
Als ich am frühen Morgen des 10. November 1961 die eingelaufenen Meldungen prüfte, konnte ich mein Erstaunen kaum verhehlen. In längeren, sich von Stunde zu Stunde ergänzenden Meldungen erstand vor mir eine Geschichte, die eindeutig auf das Gespräch Kroll-Chruschtschow zurückzuführen war - freilich mit einem entscheidenden Unterschied: Krolls Fünf-Punkte -Plan wurde In leichter Veränderung als Chruschtschow-Plan ausgegeben. Was die Agenturen meldeten, deutete auf einen grundlegenden Wechsel der sowjetischen Außenpolitik hin.
Ich heftete eiligst alle Unterlagen zusammen und stürzte zum Botschafter. Da mit dem sowjetischen Gesprächspartner strengstes Stillschweigen über die Krollschen Vorschläge vereinbart worden war, mußte es sich um eine bewußte Indiskretion handeln. Immerhin lief ich Gefahr, vom Botschafter für die Indiskretion verantwortlich gemacht zu werden.
Ich beobachtete Kroll daher genau, während er die Pressenotizen las. Nach wenigen Minuten hatte er die Meldungen überflogen. Zu meinem Erstaunen sah ich ihn sich nun feierlich erheben. "Es ist doch eindeutig auf Ihr Gespräch zurückzuführen", sagte ich. Kroll nickte und erläuterte mir, daß es sich sicher um eine lancierte Indiskretion des Kremls handele, der seinen, Krolls, Vorschlag für so wichtig erachtet habe. Dennoch war er sichtlich besorgt. Er hatte mit dieser Entwicklung nicht gerechnet; die Affäre mußte ihn in eine schwierige Situation bringen: In seinem Telegramm an Bonn vom Vortage stand nichts vom Kroll-Plan. Zudem wußte im Grunde der Botschafter nicht, was die Sowjets mit der lancierten Indiskretion bezweckten.
Kurze Zeit danach erfuhr ich in Moskau weitere Einzelheiten. Schon am Vortag waren mehrere Journalisten durch geheimnisvolle Telephonanrufe von dem Kroll-Plan informiert worden. Keiner wußte zwar genau, wer ursprünglich angerufen hatte, aber die Mutmaßungen richteten sich allgemein auf eine kommunistische italienische Quelle' die schon mehrfach interessante Informationen aus dem Kreml ins Spiel gebracht hatte. Andere bezichtigten die Russen unmittelbar, wiederum andere den Botschafter Kroll selbst.
Die ganze Welt war alarmiert. Doch Kroll leugnete jede Beteiligung an diesen Vorschlägen. In Bonn erklärte Bundespressechef von Eckardt am 10. November: "Ich darf noch einmal wiederholen, daß Gedankengänge oder Vorschläge in der Art, wie sie veröffentlicht wurden, von keiner Seite (weder von Premier Chruschtschow noch von Botschafter Kroll) gemacht wurden."
Im Gespräch mit den Botschaftern der Westmächte in Moskau bestritt Kroll jede vorherige Kenntnis des geheimnisvollen, vermeintlich sowjetischen Planes und verriet nicht, daß er selbst dessen geistiger Urheber war. Wie schon in seiner Berichterstattung an Bonn behauptete er im Gegenteil, das Thema sei bei seinem Gespräch mit Chruschtschow nicht aufgekommen.
Erst amerikanische Pressemeldungen aus Washington brachten die Wahrheit ans Licht. Hans Kroll wurde sofort zur Berichterstattung nach Bonn beordert. In Amerika aber entstand der Verdacht, Bonn führe hinter dem Rücken der Alliierten Geheimverhandlungen mit der Sowjet-Union.
Bundeskanzler Adenauer, kurz vor der Abreise nach Washington stehend, rief seinen Moskauer Botschafter zur Ordnung. Kroll fuhr schwer angeschlagen nach Moskau zurück - der legendäre Kroll-Plan war zu den Akten gelegt.
Unterhändler Kroll, Chruschtschow, Mikojan: "Sie sollten Kanzler werden"
Ehlert
Kreml-Eingang am Borowitzki-Tor: "Toworischtsch Ulbrichts Rücken ist nicht breit genug"
Abreisender Kroll*: "Adenauer soll eine kalte Dusche nehmen"
* Bei seinem Abschied von Moskau auf dem Flughafen Wnukowo im Frühjahr 1962.
Von Nikolaus Ehlert

DER SPIEGEL 45/1964
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