11.11.1964

RESPEKT VOR DEM, DER AUTOBAHNEN BAUT

Niemand hält soviel von Hans-Christoph Seebohm wie Hans-Christoph Seebohm. Er ist wohl der einzige Bundesminister, der sich schon zu Leb- und Amtszeiten öffentlich bestätigt, er habe sich ums Vaterland verdient gemacht.
Freilich wenn man Rekorde für Verdienste nimmt, dann ist der Bundesverkehrsminister unter den deutschen Politikern eine einmalige Erscheinung.
Seebohms Amtszeit währt bereits so lange wie die Weimarer Republik und länger als Hitlers "tausendjähriges Reich". Seit 15 Jahren verwaltet er das bundesrepublikanische Verkehrswesen zu Lande, zu Wasser und in der Luft.
Außer Erhard hat nur Seebohm, 61, das Kunststück geschafft, Konrad Adenauer von Anfang bis Ende zu dienen und ihn im Kabinett zu überleben. Doch im Unterschied zu Erhard fanden seine fachlichen Qualitäten erst spät Anerkennung und unternahm er vieles, was zu seinem Sturz hätte beitragen können.
Wegen "unglücklicher Äußerungen" des Verkehrsministers beschwerten sich bereits 1951 die Alliierten Hochkommissare bei Konrad Adenauer, und wegen ebensolcher, im Inhalt kaum veränderter Äußerungen nahm 1964 Präsident Johnson den Bundeskanzler Erhard ins Gebet. In den dazwischenliegenden 13 Jahren wurde der sudetendeutsche Seebohm alle paar Monate für "untragbar" erklärt: von den Gewerkschaften, von der SPD, von der FDP und von in- und ausländischen Zeitungen einschließlich der Londoner "Times". Doch das konnte einen Seebohm nicht erschüttern.
Aber nicht nur der Sprecher der Sudetendeutschen, der seit 1951 eine andere Außenpolitik als die der Bundesregierung betreibt, auch der Fachminister Seebohm eckte dauernd an. Er war erst für, dann gegen lange Lastwagen; er sprach sich erst gegen dreispurige Autobahnen aus, dann ließ er sie bauen; er spottete erst über Stahlstraßen bei Autobahnreparaturen, dann pries er sie als sein Verdienst; und er prellte mit unpopulären Plänen vor, die er später fallenlassen mußte. Seinen Rücktritt forderten wiederum die Gewerkschaften, die SPD, die FDP, Interessentenverbände des Verkehrsgewerbes und zahlreiche Zeitungen. Doch das konnte einen Seebohm nicht erschüttern.
Seebohm verließ 1960 gemeinsam mit seinem damaligen Ministerkollegen Hans-Joachim von Merkatz seine politische Nachkriegsheimat, die Deutsche Partei, und trat zur CDU über. Das Schicksal aller Überläufer, die sich Adenauer und ihrer Laufbahn zuliebe von den kleinen Koalitionspartnern der CDU getrennt und die CDU-Mitgliedschaft angenommen hatten, hätte ihn eigentlich warnen müssen. Die abtrünnigen FDP- und BHE-Minister verschwanden bald von der politischen Bühne. Der Abfall von ihren Parteien zahlte sich nicht aus. Doch einen Seebohm konnte nichts erschüttern.
Für einen wendigen Politiker, der immer auf der richtigen Seite zu liegen weiß, wäre die von Seebohm bewiesene Kunst im Überleben erstaunlich genug. Seebohm aber ist alles andere als ein geschickter Politiker. Er ist sich immer treu geblieben; er war immer der "deutsche Mensch", von dem er so gern redet. Er pfiff auf jeden Takt; er suchte die Fettnäpfchen geradezu, um 'reinzutreten; und er lag immer falsch; doch eben oben.
Am allerwenigsten wundert sich Hans -Christoph Seebohm über dieses Seebohm-Wunder. Er ist kein "faustischer
Mensch", wie er selber sagt, Ihn plagen keine Zweifel. Er ist so differenziert wie eine Diesellok.
Vor 50 Jahren noch hätte Seebohm wahrscheinlich einen spitz gezwirbelten, wilhelminischen "Es ist erreicht" -Schnurrbart getragen. Heute runden Ihm Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit und der beschränkte Stolz auf das Erreichte das Gesicht zu glatter, plakativer Fülle, in der kein Platz ist für die Spuren intellektueller Anfechtungen und Auseinandersetzungen.
Dieses Gesicht sieht so unbeschrieben aus wie ein Blatt in einem jener Kinder -Malbücher, in denen man mit dem Bleistift quer über das Papier streichen muß, um die Schraffur herauszuholen. Bei Seebohm käme dabei das Bild des guten deutschen Bürgers zum Vorschein, den man eigentlich längst vergangen und nur noch in den Schriften von Literaten wie Heinrich Heine oder Kurt Tucholsky lebendig wähnte.
Nicht einer der charakteristischen Züge fehlt bei Hans-Christoph Seebohm: Er ist ohne Fingerspitzengefühl; er sucht die Schuld nie bei sich, sondern immer nur bei anderen; er glaubt sich stets gegen eine Welt voller Teufel (oder Tschechen) verteidigen zu müssen und ist deshalb aggressiv; er ist verwundert, wenn seine Umwelt die überhebliche Selbsteinschätzung seiner Persönlichkeit und alles Deutschen nicht teilt; und er reagiert stets emotional und völlig unlogisch.
Da er sein Inneres stets hemmungslos nach außen wendet, gibt es keine Geheimnisse um diesen Mann. Wenn er den Mund aufmacht, läuft er aus wie ein umgekipptes Faß Tinte. Sein vehementes, aber ungepflegtes Rednertalent ist ein Schrecken für alle, die ihm zuhören müssen. Man hat das Gefühl, daß er einatmet, wenn er zu reden beginnt, und ausatmet, wenn er seine Rede beendet hat. Meistens nach 100 Minuten. Kürzer redet er selten. Zum Denken braucht er erheblich weniger Zeit.
Als ihm beim Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Nürnberg nach dem Zwölf-Uhr-Läuten der Frauenkirche die Zuhörer trotz bewährter Heim-ins-Reich-Parolen wegzulaufen begannen, suchte er sie durch den Ruf zurückzuhalten: "Landsleute, das alte Reich hat uns vom Turm der Frauenkirche gegrüßt."
Ebenso unlogisch und sinnlos schoß ihm sein Kommentar zum Atomteststopp-Abkommen durch den Kopf und aus dem Mund: "Chruschtschow ist ein Schauspieler, dem man nicht über den Weg trauen darf. Das Moskauer Atomstopp-Abkommen bringt die Vertriebenen ihrer Heimat keinen Zentimeter näher."
Für Seebohm hat das alles seine eigene, hausgemachte Böhmerwald -Logik. Das Reich - welches er meint, wird nie ganz klar - ist für ihn eine mystische Gestalt, die weder an der Maas noch an der Memel, weder an der Etsch noch am Belt endet und die nur er abergläubisch im Kirchturmlauten spuken hört.
Von der Menschheit den Druck des Atomwettrüstens zu nehmen, ohne der Tschechoslowakei das Sudetenland abzufordern, deucht ihm wie Verrat. Die Sudetendeutschen sollten nach seiner Meinung nicht im deutschen Volk aufgehen, sondern müßten "an vorderster Front als Vorkämpfer für ein Abschütteln des Jochs des bolschewistischen Kolonialismus über Osteuropa" stehen.
Hans-Christoph Seebohm steht als offizieller Sprecher seiner Landsmannschaft in der vordersten Front der Sudetendeutschen, obwohl er - strenggenommen - nicht einmal einer der ihren ist. Er wurde vor 61 Jahren im oberschlesischen Emanuelssegen, Kreis Pleß, geboren und im Sudetenland nur "gezeugt", wie Adenauer zu spotten pflegte. Im Sudetenland verlebte Hans -Christoph dann seine frühe Kindheit und später die Kriegsjahre. Was ihn an die sudetendeutsche Heimat bindet ist offensichtlich mehr die Familientradition (der Großvater wanderte von Niedersachsen nach Böhmen aus) und der enteignete Familienbesitz.
Seinen Mangel an sudetendeutscher Echtheit gleicht Seebohm durch Radikalität aus, freilich nur durch antikommunistische. Man würde ihm unrecht tun, wenn man ihn nicht für einen rechten Demokraten halten wollte. Er weiß auch mit der Demokratie fertig zu werden, insbesondere mit den demokratischen "Relikten aus der Besatzungszeit" wie dem Rundfunk, der nicht auf gesetzlicher Grundlage beruhe und erst einmal in deutsche Hände genommen werden müsse.
Auch sonst weiß er von seinen Freiheiten Gebrauch zu machen. Er tritt aus Vereinen aus, die ihn zu kritisieren wagen, zum Beispiel aus dem Automobilclub von Deutschland. Er bestellt aus denselben Gründen Zeitungen ab, wie im Falle von "Christ und Welt" (inzwischen mag er wohl wieder auf das Blatt abonniert sein); und er weigert sich, Männern die Hand zu geben, die an ihm herummeckern", wie dem Verkehrsdirektor von Pirmasens oder dem niedersächsischen Wirtschaftsminister
Graaff, der die Braunschweiger Industrie- und Handelskammer, deren Präsident Seebohm war, der finanziellen Unregelmäßigkeit verdächtigte.
Seebohm denkt stets an "unsere junge Demokratie". Einem Braunschweiger Polizeimeister, der den Dienststander an Seebohms Wagen nicht grüßte, befahl er, dem Polizeipräsidenten "gefälligst" Meldung zu machen, und belehrte ihn: "Die Achtung vor den Bundessymbolen muß in das Bewußtsein unserer jüngen Demokratie getragen werden."
Wie tief die Achtung vor den Bundessymbolen in das Bewußtsein des Hans -Christoph Seebohm gedrungen ist, läßt sich dabei nur mit Mühe ausmachen. Dagegen steht fest, wie er es mit den voraufgegangenen Symbolen hält. "Wir neigen uns in Ehrfurcht vor jedem Symbol unseres Volkes, ich sage ausdrücklich vor jedem, unter dem deutsche Menschen ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben", sagte er 1951 auf dem Kasseler Parteitag der Deutschen Partei.
Als sich die Alliierten Hochkommissare bei Adenauer beschwerten, revozierte er jedoch: Ans Hakenkreuz habe er dabei nicht gedacht, das sei ja nur ein Parteisymbol.
Selbst zu solchen lauwarmen Rückziehern findet sich Seebohm heute nicht mehr bereit, wie hartnäckiges Beharren auf seinen Nürnberger Äußerungen über die Gültigkeit des Münchner Abkommens beweist. Schließlich haben wir
ja heute eine "junge Demokratie" und keine Besatzungszeit mehr.
Daß Seebohm bisher das Schicksal der geschaßten Oberländer oder Krüger erspart blieb, verdankt er allerdings weniger der Duldsamkeit der Jungen Demokratie" als der Tatsache, daß ihm keine braune Vergangenheit nachgewiesen werden kann.
Zwar sind die böhmischen Britannia -Kohlenwerke AG, zu deren Großaktionären die Familie Seebohm neben jüdischen Teilhabern gehörte und deren letzter Aufsichtsratsvorsitzender Hans -Christoph Seebohm war, nach dem Anschluß des Sudetenlandes "arisiert" worden. Aber dafür waren die Nazis verantwortlich und nicht die Seebohms. In diesem Punkt versteht der Bundesverkehrsminister keinen Spaß. Auch der NSDAP gehörte Seebohm nicht an. Mit dem Widerstand hatte er freilich noch weniger zu tun. Er war in jener Zeit ein braver Bürger, der sich um seine berufliche Karriere und um die Mehrung seines Besitzes kümmerte. Der Nationalsozialismus war ebensowenig seine Heimat wie vorher die "junge Demokratie" Weimars. Das Bürgertum der Seebohms war wilhelminisch.
Obwohl er gerade 15 Jahre alt war, als das Wilhelminische Reich zusammenbrach, trägt Seebohm
bis heute das Bewußtsein eines wilhelminischen Besitzbürgers zur Schau, dem der Anblick von Sozialisten und Gewerkschaftlern Übelkeit verursacht.
Die wilhelminischen Allüren sicherten Hans-Christoph Seebohm in der Bundesrepublik Narrenfreiheit. In Strauß schienen Gewalten aus jüngerer Vergangenheit bedrohliche Gestalt anzunehmen; in Seebohm ließ sich dagegen schwerlich etwas anderes sehen als eine Karikatur aus dem alten "Simplicissimus".
Ganz ernst nahmen und nehmen ihn wohl nur unsere östlichen Nachbarn, die seinen Rücktritt fordern, obwohl Seebohm ihnen als Beweisstück für den Revanchismus in der Bundesrepublik teuer sein muß. So ernst, daß er ihn am liebsten los sein würde, nimmt ihn auch Erhard, aber was oder wen nimmt der Kanzler nicht ernst.
Erhards Vorgänger hingegen fürchtete sich bestimmt nicht vor Seebohm. Konrad Adenauer nahm seinen Verkehrsminister nie ernst, aber was oder wen nahm Adenauer schon ernst.
Adenauer, der immer bereit war, auf Wünsche der westlichen Alliierten einzugehen, wenn er um den guten Ruf der Bundesrepublik fürchtete, schien auch nie von dem Gefühl gepeinigt, daß es die Alliierten besonders eilig hätten, Seebohm in den "Lokus" befördern zu helfen, den der Sudeten-Kämpfer anderen nicht unterstellen will. Seebohm über den Herausgeber der "Sudetendeutschen Aktion", Rudolf Hilf: "Scheiße, das ist alles Scheiße. Wenn jemand Scheiße in den Hosen hat und Scheiße auf die Erde fällt, so soll man ihm keinen Lokus unterstellen."
Auch die Alliierten betrachteten Hans-Christoph Seebohm wohl immer als ein halb kurioses, halb grauses Exemplar des "deutschen Menschen", bei dem sie nie wußten, ob sie lachen oder sich fürchten sollten. Doch mit seiner olympisch lächelnden Einschätzung seines Verkehrsministers bescherte Adenauer der Republik den Hans-Christoph Seebohm als eine Institution
und hinterließ ihn als ein Erbe, das Erhard nur mühselig loswerden wird.
Freilich, 1949 hatte auch Adenauer keine Wahl. Er brauchte die Deutsche Partei für seine Koalition und mußte das Koppelgeschäft des DP-Vorsitzenden Hellwege annehmen. Hellwege wollte nicht ohne seinen Freund Seebohm in Adenauers Kabinett eintreten.
Damals begann der Ärger des Bonner Kanzlers mit dem Sonntagsredner Seebohm; damals begann das Spiel, das bis heute fortgesetzt wird. Der Kanzler ist entrüstet, er prüft die Seebohm-Rede, er bestellt Seebohm zu sich; Seebohm kommt, Seebohm widerruft oder widerruft auch nicht, er erklärt oder erklärt auch nicht, was er gemeint hat; der Kanzler ist nicht befriedigt, er ermahnt Seebohm zur Zurückhaltung oder zum Schweigen und entläßt ihn - aber nur aus dem Saal, nicht aus dem Kabinett.
Seebohm hat die Ermahnungen stets schnell vergessen. Zur Wiedergutmachung an den Opfern des Nationalsozialismus und zum Vertrag mit Israel, dem Gesetzeswerk der ersten Legislaturperiode, an dem Adenauer wirklich lag, erklärte Seebohm 1953: "Solange aber deutschen Menschen ihr Recht nicht wird, haben wir kein Interesse daran, es in dieser Weise an anderen zu erfüllen."
Adenauers Geduld schien fast gerissen. Er sagte: "Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, daß dieser Herr wieder Minister im Bundeskabinett wird."
Außerdem war Seebohm in diesen ersten vier Jahren alles andere als ein erfolgreicher Verkehrsminister. Er begünstigte den Lastwagenverkehr auf Kosten der Bundesbahn, die immer tiefer ins Defizit dampfte, und er wandte sich gegen den Bundestag, der die Länge der Lastzüge, lange bevor Seebohm sich dazu durchrang, von 20 auf 15 Meter reduzieren wollte. In jener Zeit war der Bundestag noch nicht von Interessengruppen beherrscht, die einige Jahre später, als sich die Fronten verkehrt hatten, Seebohm das Leben schwermachten.
Aber weder des Kanzlers Gewissensqualen noch des Ministers fachliche Fehlleistungen verhinderten Seebohms Rückkehr in das zweite Kabinett, obwohl Adenauer auf ihn hätte verzichten können. Doch die Bonner Politik war schon in ihren Anfängen vom Proporzdenken zersetzt.
Die DP sollte wieder in die Koalition, um die Mehrheit möglichst breit zu machen. Ein Minister, der gleichzeitig Repräsentant des an Ministerkandidaten nicht so reich gesegneten Niedersachsen und einer großen Vertriebenengruppe war, obendrein auch noch ein Protestant (bei der damaligen Protestanten-Knappheit im Kabinett besonders wichtig), konnte nahezu automatisch mit seiner Wiederernennung rechnen.
In der Zucht des Kabinetts glaubte Adenauer das Enfant terrible Seebohm außerdem besser kontrollieren zu können als im Fraktionsvorsitz der DP, den Seebohm sonst übernommen hätte. Er nahm Seebohm vor der Wiederernennung ein Schweigegelöbnis ab, das diesen wenigstens für einige Monate am Sonntagsreden hinderte. Völlig wirkungslos war es auch später nicht. In der zweiten Legislaturperiode gab es
mit Seebohm relativ wenig politischen Ärger.
Aber nach den Wahlen von 1957, damals aus ähnlichen Gründen im Amt verblieben wie 1953, feierte Seebohm sein Comeback als Sonntagsredner. Er schien alles zerschlagen zu wollen, was er in den Jahren zuvor an politischem Porzellan hatte ganz lassen müssen. Zur Abwechslung nahm er sich auch mal der Südtiroler an. Beim hessischen Landestreffen der Egerländer in Frankfurt 1960 sagte Seebohm: "Wir sind keine Italiener und kennen daher auch den Begriff Irredenta nicht, unter der das Südtiroler Volk zu leiden hat."
Es folgte die übliche Bonner Posse. Der italienische Botschafter Quaroni beschwerte sich, der Kanzler prüfte, der Kanzler rügte; die deutsch-italienischen Beziehungen gerieten in eine Krise. Und Seebohm blieb.
Adenauer sah nicht ein, daß es ein Fehler gewesen war, im Herbst 1959 gegen die Wahl des Ministers zum Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft keine Einwendungen zu erheben War der Minister schon vorher im mehr repräsentativen Amt - des Präsidenten der Landsmannschaft in Konflikt mit der Politik der Bundesregierung geraten, so mußte er als berufener Sprecher - eine Institution, die es nur bei den Sudetendeutschen gibt - noch häufiger im Gegensatz zur offiziellen Politik stehen.
Seebohm scherte sich um diese Konfliktmöglichkeit, die den damaligen Außenminister von Brentano so beunruhigte, daß er bei Adenauer vorsprach, überhaupt nicht. Die Hausmacht der Sudetendeutschen Landsmannschaft konnte seine Stellung im Kabinett nur stärken. Und umgekehrt versprach sich die Landsmannschaft von Seebohm größeren Einfluß auf die Regierungspolitik.
Die Serie der von ihm in der dritten Legislaturperiode hervorgerufenen Ärgernisse krönte Seebohm 1961 auf dem Kölner Pfingsttreffen der Landsmannschaft mit den Forderung nach einer Volksabstimmung über das zukünftige Schicksal des Sudetenlandes, an der die jetzt dort wohnenden Tschechen und Slowaken nicht teilnehmen dürften.
Für den Fachminister Seebohm schloß die dritte Legislaturperiode hingegen mit einem Positivsaldo. Zwar war er im Streit um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn und um das Punktsystem bei Verkehrssünden unterlegen, dafür konnte er aber seinen ersten Vierjahresplan für den Straßenbau durchbringen.
Mit der Vollendung neuer Autobahnkilometer wuchs Seebohms Renommee. Hierzulande wird auf jeden mit Respekt geschaut, der dem Volk Autobahnen baut. Und Seebohm genoß die Schau: Wo und wann immer einige Kilometer Autobahn einzuweihen waren, erschien er mit der Schere. Selbst seinen Urlaub opferte der tüchtige Minister für die "Bereisung" des bundesdeutschen Straßennetzes, dessen Engpässe, Frostaufbrüche und Schlaglöcher er besser kennt als jeder Straßenbauinspektor.
Trotz aller politischen Scherben erschien Seebohm nach den Wahlen von 1961 sogar als der Idealkandidat für das Verkehrsministerium: Er war inzwischen in der CDU, er war immer noch Niedersachse und Sudetendeutscher in einer Person, Protestant und nun obendrein von allen Parteien anerkannter Fachmann. Außerdem fanden sich kaum Mitbewerber, die Seebohm seinen Erbhof streitig zu machen suchten. So überlebte er ungeschoren alle Krisen der Adenauer-Endzeit und fühlt sich heute stark genug, Erhard die Stirn zu bieten, zumal seine Wiederwahl als Sprecher der Sudetendeutschen auf der Bundesversammlung der Landsmannschaft Ende November als gesichert gilt.
Inzwischen sind Seebohms Mißtöne Herztöne eines neuen deutschen Nationalismus, die bei Herbert Wehner kaum leiser klingen als bei Franz-Josef Strauß. Seebohm braucht heute dem Bundestag nicht mehr wie 1958 das "schwere und bittere Versäumnis" vorzuwerfen, er habe sich nicht einmütig zum Heimat - und Selbstbestimmungsrecht bekannt. Der Bundestag hat es inzwischen einmütig getan. Wer heute noch glaubt, man könne der Sache der Deutschen und der vertriebenen Deutschen anders besser dienen als Hans-Christoph Seebohm und Franz-Josef Strauß, muß sich von Strauß verdächtigen lassen, er leiste "der diffamierenden Propaganda des Auslandes (also nicht nur des östlichen) gegen ein Mitglied der deutschen Bundesregierung Vorschube.
Der Typ eines Hans-Christoph Seebohm, eines Mannes, der seine Zeit überlebt zu haben schien, kommt wieder in Mode wie Großmutters knöchellanger Rock. Nicht einmal das gut ausgepolsterte nationale Mieder wird heute dezenter geschnürt als damals. Seebohms politische Erfahrungen und Einsichten klettern in der Bundesrepublik dauernd im Kurs, zugenommen haben sie nicht. FDP-Ehrenpräsidentin Marie -Elisabeth Lüders über den im Amt ergrauten Deutschen: "Herr Seebohm hat einen großen Mund. Es ist aber nichts drin."
Redner Seebohm, Zuhörer: Wider eine Welt voller Teufel und Tschechen
Seebohm in der Adenauer-Regierung 1949
Seit Gründung der Republik ...
Seebohm in der Erhard-Regierung 1963
... in allen Kabinetten
Autobahn Hamburg-Hannover
Autobahn Köln-Aachen
Stadtautobahn Berlin
Albaufstieg bei Göppingen
Rheinbrücke bei Köln
Stadtautobahn München
Inntal-Autobahn
"Berliner Brücke" bei Wolfsburg
Scherenschneider Seebohm: Scherereien
Pardon
"Wahrscheinlich Minister Seebohm auf dem Wege zu einer Autobahn-Einweihung"
Luft-Reisender Seebohm
"Wir neigen uns in Ehrfurcht ...
Signal-Geber Seebohm
... vor jedem Symbol"
Autobahn-Planer Seebohm
Wer den Stander nicht grüßt ...
U-Bahn-Fahrer Seebohm
... muß Meldung machen
Von Dieter Schröder

DER SPIEGEL 46/1964
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