02.12.1964

OST-BERLINPlatz dem Landvogt

Hermann Henselmann, Architekturprofessor in Ost-Berlin und Erbauer der Stalin-Allee, nahm sich ein Wort heraus. "Wenn du das baust, Walter", sagte er zu Ulbricht, "dann kannst du Albert Speer aus Spandau holen und den da dranschreiben lassen: Wir haben doch gesiegt."
Was Walter Ulbricht bauen wollte, war eine gigantische Polit-Festung mitten in Berlin, die alle Proportionen im Stadtkern gesprengt hätte - nach Ulbricht "ein architektonisches Ensemble, das seine monumentale Dominante in einem Hochhaus finden sollte, das der Größe und Bedeutung des Sieges des Sozialismus in Deutschland Ausdruck verleiht".
Henselmann hatte andere Vorstellungen von der städtebaulichen Neuordnung Ost-Berlins: "Die sozialistische Stadt kann ihren Ausdruck nicht in Monumentalbauten finden." Der Ost -Berliner Stadtarchitekt Hans Gericke spottete: "Es erscheint fragwürdig, ob sich Dominanten, in denen Büroräume übereinandergetürmt sind, vom Inhalt her mit symbolischer Aussagekraft im Forum der Nation placieren lassen."
Sets Anfang der fünfziger Jahre streiten Ost-Berliner Staatsarchitekten mit Walter Ulbricht um den Stil, in dem das zertrümmerte Herzstück der alten Reichshauptstadt zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz wiederaufgebaut werden soll.
Die Gestaltung des Berliner Zentrums, so meinte Ende Oktober auf der Plenartagung der Ost-Berliner Bauakademie der Akademiepräsident SED-Professor Gerhard Kosel, sei "die bedeutendste Aufgabe, vor die die Architekten in unserem Jahrhundert gestellt sind".
Bei der Bewältigung dieser Jahrhundert-Aufgabe müssen die Genossen Architekten, ausgerechnet im Anblick der faszinierenden städtebaulichen Silhouette West-Berlins, freilich mit Schwierigkeiten kämpfen, die ihre westlichen Berufskollegen nicht kennen: Die Ost-Berliner Bauplanung soll nach einem Kosel-Wort "den Feinden des Fortschritts ein Dorn im Auge sein".
Um sich dafür Anregungen zu holen, war schon im Frühjahr 1950 eine DDR Delegation in die Sowjet-Union gereist, um von dort eine Blaupause für den Aufbau des Berliner Stadtkerns herbeizuschaffen. Die Genossen vom Bau verbrachten sieben Wochen in Stalins Reich und formulierten nach ihrer Rückkehr "die sechzehn Grundsätze des Städtebaus".
Die City, so hieß es dort, dürfe "weder ein Handelszentrum mit einer Menge zusammengedrängter Warenhäuser, noch ein Vergnügungszentrum mit eleganten Restaurants, Varietés, noch ein Finanzzentrum mit Banken und Verwaltungszentren der Konzerne" werden, sondern müsse "das Ziel der politischen Demonstration und Aufmärsche" sein.
Daher: "Das Maß für das Zentrum ist nicht der in einem modernen Kraftwagen die Stadt durcheilende Reisende, sondern der politische Demonstrant und seine Marschgeschwindigkeit."
Den zentralen Platz für Massenkundgebungen in der Mitte Berlins gab es aber nicht. Den Lustgarten am Berliner Schloß hatte schon Hitler als zu klein für seine Mai-Kundgebungen empfunden, und der Platz der Republik, vor dem Reichstag liegt in West-Berlin.
So schuf Landvogt Ulbricht sich mit Gewalt Platz. Er ließ das zwar stark beschädigte, aber durchaus zum Wiederaufbau geeignete Berliner Schloß abreißen und die so gewonnene Fläche mit dem Lustgarten zu einem riesenhaften Demonstrationsforum für 275 000 politische Statisten verschmelzen, dem Marx-Engels-Platz.
Oberstes Gebot: "Die Komposition des zentralen Platzes und der auf ihn führenden Magistralen muß einen einwandfreien Ablauf der Stand- und Massendemonstrationen gewährleisten." Daher war es den Stadtplanern in der Automobil-Ära kategorisch untersagt, etwa "den Kraftwagenverkehr zum bestimmenden Faktor der Stadtplanung zu machen".
Als Anmarschwege zum neuen Marx-Engels-Platz boten sich zwei Straßenzüge an: vom Westen her Berlins historische Prachtstraße Unter den Linden, vom Osten her der Straßenzug Frankfurter Allee, Karl-Marx-Allee, Alexanderplatz, Rathausstraße, der die Demonstranten aus den Proletariervierteln des Bezirks Friedrichshain heranführt. Die Stadtplaner beschlossen, mit dem Wiederaufbau an den Endpunkten dieser beiden Magistralen zu beginnen.
So entstand am Westende der Straße Unter den Linden, nahe dem Brandenburger Tor, der Zuckerbäckerkomplex der Sowjetischen Botschaft, und im östlichen Teil der alten Frankfurter Allee (zwischen Frankfurter Tor und Strausberger Platz) der architektonische Alptraum der Stalin-Allee, jene Straßenschlucht östlicher Machart mit Stuck und Säulen, überbreiten Bürgersteigen und zu schmalen Fahrbahnen, die als Triumph sozialistischer Baukunst gefeiert wurde.
Der SED-Professor Edmund Collein machte sich inzwischen daran, für den Rand des Marx-Engels-Platzes nach Ulbrichts Direktiven ein riesenhaftes Gebäude im gleichen Stil mit einem hundert Meter hohen Bürohochhaus und vorgelagerter Marmortribüne zu entwerfen.
Aber während der Professor Collein noch an seinem Gipsentwurf herummodellierte und den Standort der Roten Zwingburg auf dem Stadtplan mal hierhin, mal dorthin verschob, kam aus Moskau neue Weisung. 1955 wetterte auf der Allunions-Konferenz der Bauschaffenden Nikita Chruschtschow gegen "die falsche Vorliebe für die äußere, paradehafte Gestaltung" und die "fatale Tendenz der Pseudoerhabenheit" im Bauwesen.
Professor Colleins Entwurf für die Politfestung verschwand vom Zeichentisch, und Collein bezichtigte sich, "im Hinblick auf die Ausarbeitung theoretisch-prinzipieller Grundlagen ... des Städtebaus ernste Schwächen" gezeigt zu haben. Diplom-Ingenieur Gerhard Kosel, damals Staatssekretär des Bauministeriums, wurde angewiesen, "den Rückstand in der Planung des Zentrums von Berlin aufzuholen".
Inzwischen hat sich jener Rückstand als durchaus segensreich erwiesen. Denn mit Stalin war auch Ulbrichts Vorliebe für die Plüscharchitektur ins Grab gesunken.
Überdies entschloß sich die Partei, von der am Berliner Schloß praktizierten Ulbrichtschen Abriß-Ideologie zu lassen und den Ostteil der Straße Unter den Linden so wiederaufzubauen wie er vor dem Kriege war. Sogar die Standbilder Scharnhorsts, Blüchers, Yorcks und Gneisenaus, die 1950 demontiert wurden, stehen seit 1962 wieder neben der wiederaufgebauten Staatsoper.
Als die Filmgesellschaft Defa kürzlich historische Szenen für einen Karl -Liebknecht-Film, die Unter den Linden spielen, abdrehte, brauchte sie nur Schutzleute in Pickelhauben, Damen in langen Kleidern, Uralt-Autos und Pferdegespanne auf der Straße agieren zu lassen. Die architektonische Kulisse war historisch korrekt.
Fast alle Bauten im Ostteil der Straße - Staatsbibliothek, Altes Palais Kaiser Wilhelms I., Humboldt -Universität, Staatsoper, Hedwigs-Kathedrale, Neue Wache, Zeughaus und Prinzessinnen-Palais -, die zum Teil völlig zerstört waren, sind getreu rekonstruiert worden. Die letzte Ruine in diesem Gebiet, die Alte königliche Bibliothek, soll bis Anfang 1967 wiederaufgebaut sein. Die großen Baulücken im Westteil der Linden zum Brandenburger Tor hin werden derweil durch Neubauten mit modernen Fassaden international üblichen Stils geschlossen.
Während also die Linden, die von Westen kommende Paradestraße zum Marx-Engels-Platz, von stalinistischen Bausünden frei ist (abgesehen von der Sowjetbotschaft), bleibt der Ostteil der anderen, von Osten kommenden Zubringerstraße einstweilen als riesiges Denkmal Ulbrichtscher Geschmacksverirrung stehen, wenn auch Stalins Statue dort längst demontiert und die Straße von Stalin-Allee in Karl-Marx-Allee umbenannt worden ist.
Immerhin wurden im zweiten Bauabschnitt dieser Magistrale seit 1959 zwischen Strausberger und Alexanderplatz helle, glatte Wohnblocks aus Fertigteilen hochgezogen, wie sie auch im Westen zu sehen sind.
Lange umstritten blieb indes, nach welchem Konzept der Marx-Engels -Platz bebaut werden sollte. Zu einem Architekten-Wettbewerb, den das SED Politbüro 1959 veranstaltete, reichten sowohl SED-Architekt Gerhard Kosel als auch Professor Henselmann Entwürfe außer Konkurrenz ein.
Kosel konzipierte wieder am Rand des Platzes den seinerzeit von Ulbricht favorisierten Monumentalkasten mit 28 Stockwerken. Henselmann dagegen entwarf statt eines Bürohochhauses einen 300 Meter hohen Fernsehturm mit drehbarem Café in der Turmspitze und eine futuristische Kongreßhalle.
Den Café-Turm nannte er "Marx -Engels-Denkmal", weil in den Ausschreibungsbedingungen ein solches Monument gefordert worden war. Henselmann: "Das Denkmal drückt baukünstlerisch das aus, was das alte Arbeiterlied meint: 'Brüder zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor'." Die Jury prämiierte aber als besten einen Entwurf mit Bürowolkenkratzer. Henselmann wurde verrissen: "Der Versuch, mit Hilfe eines technischen Bauwerks (Fernsehturm) dem gesellschaftlich-politisch-kulturellen Mittelpunkt der Hauptstadt Kraft und Größe zu verleihen, kann nicht überzeugen."
Als aber kurz vor den Feiern zum 15. Gründungstag der DDR die SED das endgültige Modell für den Aufbau der Berliner City präsentierte, war doch wieder ein Fernsehturm dabei: 360 Meter hoch (60 Meter höher als der Pariser Eiffelturm), mit einem Restaurant in 206 Meter Höhe, dem eine Kongreßhalle mit Räumlichkeiten für Volkskammer und Ministerrat vorgelagert werden soll. Die Bauten fügen sich in die Konzeption des Platzes ein, die Kongreßhalle erreicht nur die halbe Höhe des danebenstehenden Berliner Doms, der vor Jahren noch abgerissen werden sollte, heute aber als erhaltenswertes Bauwerk gilt.
Von Ulbrichts altem Herzenswunsch, der "monumentalen Hochhäuserdominante", die dem Sieg des Sozialismus Ausdruck verleihen soll, ist nichts übriggeblieben.
Im neuen Entwurf haben - zwischen Marx-Engels- und Alexanderplatz sowie Unter den Linden - auf einmal auch Warenhäuser, Restaurants und Vergnügungszentren Platz, die vor ein paar Jahren noch aus der City verbannt sein sollten. Und auch der Kraftwagenverkehr ist nun zum Faktor der Planung gemacht worden.
Aber während in West-Berlin ein neuer City-Komplex nach dem anderen emporwächst, bleibt ungewiß, wann Ost-Berlins Städtebaukonzept verwirklicht sein wird - falls es dabei bleibt. Mit ersten Abräumungsarbeiten auf dem Gelände für den Fernsehturm soll erst Mitte 1965 begonnen werden.
Einziger Neubau am Rande des Marx-Engels-Platzes ist einstweilen Ulbrichts Staatsratsgebäude, mit vorgeblendetem Portal des alten Berliner Schlosses - neben dem alten Marstall, der gerade rekonstruiert wird. Die Nachbarschaft des Marstalls und Ulbrichts Bart verhalfen dem Staatsratsgebäude schon zu einem Spitznamen: "Zickenstall".
Kundgebung auf dem Marx-Engels-Platz: "Der Marschtritt des Demonstranten...
... ist das Maß für die Planung": Ost-Berliner Stadtzentrum (Modell)*
Ost-Berliner Karl-Marx-Allee*: "Den Feinden des Fortschritts...
Ost-Berliner Staatsratsgebäude
... ein Dorn im Auge"
Bauherr Ulbricht*
Als Dominante ein Zickenstall
Erbauer Henselmann
Als Denkmal ein Café-Turm
* 1: Präsidium des Ministerrats der Volkskammer mit Kongreßhalle; 2: Tribüne mit Marx-Engels-Platz; 3: Rotes Rathaus; 4: Fernsehturm; 5: Ministerien; 6: Hotel mit Gaststätten; 7: Warenhaus; 8: Bürobauten; 9: "Haus des Lehrers"; 10: Karl-Marx-Allee.
* Früher Stalin-Allee.
* Am 2. Januar 1952 bei der Eröffnung des "Nationalen Aufbauprogramms Berlin".

DER SPIEGEL 49/1964
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