02.12.1964

KARATEKünste mit Kanten

Unter Führung des schwäbischen Volksschullehrers Albrecht Pflüger, 23, haben sich über 700 Bundesbürger zwischen 14 und 70 Jahren entschlossen, die laut Pflüger "wissenschaftlich durchdachteste Schlagtechnik" zu erlernen. Es ist die sportliche Form der asiatischen Selbstverteidigungstechnik Karate, die
- im Ernstfall angewendet - für den Angreifer fatale Folgen haben kann: schwerste Verletzungen bis zu Genickbruch und tödlicher Atemlähmung.
"Karate ist absolut defensiv", erläuterte Pflüger, Präsident des "Deutschen Karate-Bundes", und wies auch auf den harmlosen Charakter sportlich entschärfter Karate-Selbstverteidigung hin: "Verletzungen im Karate sind seltener als in den meisten anderen Sportarten."
Der Leonberger Jungpädagoge stapelte tief. 136 Selbstverteidigungskünstler aus den USA, Korea, Japan, Mexiko, Italien und Deutschland versammelten sich vor kurzem in Garmisch-Partenkirchen, um bei der ersten deutschen Karate - Meisterschaft Handkantenschläge, Fausthiebe und Fußtritte zu demonstrieren. Resultat: 25 Verletzte.
Doch weiß Pflüger zu erklären, warum die deutsche Karate-Premiere so schlimm verlief: Es habe sich um eine von Amerikanern und einem örtlichen Verein aufgezogene "wilde Prügelei" gehandelt, mit der die offizielle, von der Karate-Zentrale in Tokio anerkannte bundesdeutsche Karate-Vereinigung nichts zu tun hatte. Ein vom Präsidenten Pflüger an den Schauplatz des Frevels entsandter Beobachter meldete: "Man drosch einfach drauflos, wie und wohin es nur ging."
Karate ("Leere Hand") ist in Japan ähnlich populär wie die aus Hebel- und Würgegriffen bestehende Selbstverteidigungskunst Jiu-Jitsu oder der aus Jiu -Jitsu entwickelte und 1964 zur olympischen Disziplin erhobene Kampfsport Judo.
Japanische Karate-Lehrer ersannen ein System, nach dem ihre Schüler eine oder mehrere der 26 empfindlichsten Körperpartien eines potentiellen Angreifers am rationellsten bearbeiten konnten. Karate-Novizen erlernen etwa die Fähigkeit, jemandem durch blitzschnelle Stöße mit gestreckter Hand die Augen einzudrücken und mit Handkantenschlägen oder Fußtritten Knochen zu zerschmettern oder Nieren zu lädieren. Japans Karate-Schlagrepertoire, basierend auf "Geri" (Tritt) und "Tsuki" (Schlag), umfaßt viele hundert Variationen. Japans Karate-Könner werden wie andere Waffenträger polizeilich registriert.
Nach dem Krieg etablierten sich in den USA kommerzielle Karate-Studios. Sie erlebten in den letzten Jahren einen regelrechten Boom, seit Karate 1961 zu Hollywoods Modesport aufstieg. Prominentester Handkantenschläger: Sänger Elvis Presley ("Love Me Tender").
Zehntausende von Amerikanern bemühten sich, nach japanischem Vorbild möglichst hochkarätig zu werden: Sie hämmerten Hand- und Fußkanten über längere Perioden täglich mindestens dreihundertmal gegen harte Flächen, um dadurch an ihren Händen und Füßen hiebverstärkende Hornhaut-Schwarten zu züchten. Alle Schüler mußten jedoch geloben, die erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse "nur im äußersten Notfall" anzuwenden.
Auch deutsche Selbstverteidigungs-Institute haben seit längerem für Karate-Freunde "Dojo" genannte, spezielle Trainingszirkel eingerichtet. Gegen ein Mindesthonorar von 15 Mark monatlich können die Karate-Schüler auf gepolsterte Schlagbretter einschlagen.
Karate-Training für den Hausgebrauch offeriert die Firma Horn-Verlag in Düsseldorf. Für 9,80 Mark macht deren "Super-Karate"-Lehrbuch "aus Ihnen einen neuen Mann".
Pflügers Amateurbund verdammt die Aktivität der Karate-Geschäftsleute als "geschmacklose Sensationsmache und Appell an die niedrigsten Instinkte". In einem Pflüger-Dojo kann ein Karate-Freund jedenfalls ungleich preiswerter "die Gliedmaßen des Körpers zu natürlichen Abwehrwaffen" ausbilden lassen: "Man braucht nur einen Karateanzug für etwa 23,50 Mark - die Stunden kosten nichts."
Eines freilich haben die kommerziellen Karate-Lehrstätten und die Amateurvereine gemeinsam: Sie lehren einen auf zweierlei Weise dubiosen Sport.
Die Karate-Sportler werden einerseits darauf trainiert, im Notfall einem Angreifer mit leeren Händen fachmännisch à la James Bond schwere Verletzungen beizubringen. Im sportlich gemilderten Karate-Wettkampf jedoch werden ihnen völlig andere Aufgaben gestellt. Sie sollen zwar ihren Gegner bedrohen. Aber sie dürfen nur Scheinangriffe ausführen: Zentimeter bevor die Handkante an der gegnerischen Halsschlagader landet, muß der Angreifer seinen Hieb abbremsen. Der Angegriffene wiederum soll versuchen, sich der Gefahr durch eine blitzschnelle Ausweichbewegung zu entziehen.
"Ein Treffer", so erläuterte Pflüger die schwierige Rollenverteilung, "führt im wirklichen Karate-Kampf zur Disqualifikation dessen, der getroffen hat."
Noch fragwürdiger mutet andererseits an, daß sich hinter den vergleichsweise harmlosen Vorführungen Fähigkeiten verbergen, die sich im Notfall - und was immer der Karate-Athlet für den Notfall hält - lebensgefährlich auswirken können.
Der amerikanische Ringkampf- und Judo-Trainer Roy Moore befand: "Karate ist überhaupt kein Sport, sondern eine schmutzige Methode, Leute umzubringen oder zu verstümmeln."
Wie kräftig Karate-Sportler mit ihren verknorpelten Handkanten zuschlagen können, zeigte sich bei dem Karate -Festival in Garmisch-Partenkirchen: Einzelne Teilnehmer türmten bis zu zehn Dachziegel auf und zerdepperten sie mit der Hand.
Deutsche Judo-Kämpfer betrachten derartige Künste mit der gleichen Geringschätzung wie die Kampfdemonstrationen der Karate-Sportler: "Das ist Schmierentheater", sagte Max Depke. Präsident des Deutschen Judo-Bundes. Und: "Man muß sich nur einmal die Hände eines langjährig trainierten japanischen Karate-Mannes ansehen - wo andere Finger haben, da haben die einfach nur Knubbel."
Karate-Präses Pflüger ist sich klar, daß sein Sport in Deutschland niemals die Popularität des weniger anrüchigen Judos (30 000 Aktive) erreichen wird, "weil wir ganz bewußt die geistige Seite unseres Sports hochhalten".
Noch aus einem anderen Grund dürfen die Karate-Amateure nicht auf raschen Popularitätszuwachs rechnen:
Der Karate-Bund kann weder deutsche Meisterschaften noch überhaupt einen öffentlichen Wettkampf abhalten. Denn: Unter den rund 700 Karate-Männern in Pflügers Amateur-Dojos ist nur ein Mitglied, Jürgen Seydel aus Bad Homburg, Inhaber eines Schwarzen Gürtels und damit nach den Vorschriften des japanischen Karate-Dachverbands kampfberechtigt.
Karate-Präses Pflüger (r.) beim Training: Wer trifft, wird disqualifiziert

DER SPIEGEL 49/1964
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