09.12.1964

SCHULEN / ABITUR

Die letzte Hürde

(siehe Titelbild *)

In der 1956er Sexta eines neusprachlichen Gymnasiums zu Oberhausen waren es 33, in der 1964er Oberprima ist es nur noch einer. 32 Sprößlinge reputierlicher Bürger der Ruhrstadt scheiterten in dieser Schule auf dem neunjährigen Weg zum Abitur.

Die meisten arbeiten längst hinter Ladentheken und Bürotischen. Eine Minderheit sitzt in niedrigeren Klassen der Lehranstalt nach und hofft, dereinst doch noch das Zeugnis der Reife zu erlangen. Drei der 33 haben die Schule gewechselt und lesen bis Ostern 1965 in anderen Gymnasien Goethes Faust, die Pflichtlektüre aller deutschen Primaner zu Kaiser Wilhelms, Adolf Hitlers und Heinrich Lübkes Zeiten.

Die Quote der Sexta des Jahres 1956 gleicht 1964 einer Lottozahl: 4 aus 33 oder 12,1 Prozent sind nach neun Oberschuljahren Abiturienten.

Oberhausen ist kein Einzelfall. Private Studien haben unlängst ergeben,

- daß in Nordrhein-Westfalen nur 14 Prozent aller Oberschulanfänger, in Bayern 15 Prozent das Abitur nach neun Schuljahren - also in direktem Gang - bestehen; das heißt,

- daß nur einer von sieben Sextanern es ohne Sitzenbleiben zum Abitur bringt. Und nur etwa ein Drittel der Oberschulanfänger schafft es überhaupt.

45 000 Oberprimaner rüsten sich gegenwärtig nach langjährigem Klassen-Kampf zur letzten Schulschlacht, dem Abitur. Sie wurden geboren zwischen Stalingrader Kapitulation und erstem Nürnberger Urteil. Sie haben gelitten unter Tacitus und Livius. Sie wurden gebildet für ein Berufsleben bis zum Jahre 2011 oder 2012.

Die 45 000 sind der Rest von 140 000, die vor knapp einem Jahrzehnt auf ihre Oberschultauglichkeit staatlich geprüft und mithin ausersehen waren, zur geistigen Elite der Nation aufzurücken. Ausgewählt wurden zu wenige und nicht immer die besten.

Kaum ein anderes Kulturland hat eine so passive Bilanz der höheren Bildung wie die Bundesrepublik. Nur jeder 15. junge Deutsche bringt es zur Hochschulreife - in Schweden, Norwegen, Griechenland und Frankreich sind es doppelt so viele.

Und in fünf Jahren schon wird der bundesdeutsche Westen vollends ein unterentwickeltes Land sein: Bis 1970 werden Schweden, Norwegen und Frankreich die Zahl ihrer hochschulreifen Bürger je Jahrgang verdoppelt haben. Sie rücken damit dem Bildungs-Stand der USA und der Sowjet-Union näher, wo jeder fünfte Bürger dir Hochschulreife erwirbt.

Schon verheißt der französische Soziologe Alfred Sauvy seinen Landsleuten, bald werde Frankreich dank der großen Zahl seiner gebildeten Bürger endgültig das "Zentrum Europas" werden. CDU-MdB Hans Dichgans: "Sind unsere Kinder dümmer als die kleinen Franzosen?"

Gefahr droht den kleinen Franzosen von der Themse, nicht vom Lande diesseits des Rheins. In Großbritannien wächst die Zahl der hochschulreifen Insulaner so schnell; daß die erweiterten alten und die acht neuen Universitäten schon wieder nicht ausreichen. Und der im vergangenen Jahr veröffentlichte vielbändige Robbins-Report löste eine nationale Suchaktion nach noch unentdeckten Begabungen aus.

Zwischen Rhein und Elbe aber mehren sich die Kassandra-Rufe. "Wenn die Bundesrepublik nicht gegenüber den Nachbarländern in bedenklicher Weise zurückbleiben will", so mahnte der Deutsche Wissenschaftsrat, dann müsse die Zahl der Abiturienten so bald wie möglich bedeutend erhöht werden. Andernfalls wäre, wie der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen feststellte, "unsere politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung bedroht".

Im Wirtschaftswunder-Land "erhält der größere Teil der Jugend", wie der Frankfurter Pädagoge Friedrich Edding signalisierte, "keine faire Chance, sich entsprechend seiner besonderen Begabung zu bilden".

Während in Großbritannien fast jeder Begabte unabhängig von seiner sozialen Herkunft entdeckt und gefördert wird,

- ist in der Bundesrepublik die Zahl der Schüler, die begabt genug für ein Hochschulstudium wären und trotzdem nur Volks- und Mittelschulen besuchen, höher als die Zahl der Abiturienten;

- könnte in der Bundesrepublik die Hälfte jener Gymnasiasten, die vor dem- Abitur ausscheiden, bei hinreichender Förderung durch Studienräte und Eltern hochschulreif entlassen werden.

"Unser Gymnasium", so stellte Edding fest, "versagt vor den Aufgaben unserer Zeit. Es schreckt ab, liest aus und stößt aus."

Abgeschreckt werden jene Eltern und Kinder auf den Dörfern und in Arbeitervierteln, denen gymnasiale Bildung fremd ist. Ausgelesen wird eine viel zu kleine Elite. Und ausgestoßen werden Jahr für Jahr doppelt soviel Schüler aus Sexten, Quarten, Tertien und Sekunden, wie Abiturienten aus den Oberprimen feierlich verabschiedet werden.

"Nicht auf das Bedürfnis des Lebens, sondern rein auf die Kenntnis, die Bildung des Gemüts und im Hintergrund auf die Wissenschaft sehen" - so umschrieb der Ahnherr des deutschen Gymnasiums, Wilhelm von Humboldt, vor eineinhalb Jahrhunderten das ideale Bildungsziel.

Das Gymnasium der Gegenwart sorgt weder für das Bedürfnis der Gesellschaft noch für die Bildung seiner Schüler hinreichend: Zum großen Teil offenbaren die Abiturienten auf den Universitäten "zu gering ausgebildete Fähigkeiten zum selbständigen Denken, geringe geistige Bildung trotz des vorhandenen Detailwissens" (Anglist Professor Wolfgang Clemen, München). Ein Drittel der Abiturienten verläßt die Hochschule ohne Examen.

Die deutsche höhere Schule versagt, obwohl - oder: weil - ihr Aufgaben übertragen wurden, die ihr Ahnherr Humboldt nicht zugedacht hatte: Die frühere Standes-Schule für Kinder der Oberschicht wurde zur Volks-Schule für die Kinder einer breiten Schicht, vom Kaufmannsgehilfen an aufwärts. Und während früher das Reifezeugnis allenfalls eine Bestätigung dafür war, daß sein Besitzer zu den gebildeten Ständen zählte, ist die Oberschule heute zur "primären, entscheidenden und nahezu einzigen sozialen Dirigierungsstelle für Rang, Stellung und Lebens-Chancen des einzelnen in unserer Gesellschaft" (Soziologe Professor Helmut Schelsky, Münster) geworden.

Ohne Abitur kann man wohl wie Kurt Schmücker Bundeswirtschaftsminister oder wie Richard Stücklen Bundespostminister, aber kaum Bundespostinspektor werden.

Ohne Abitur kann man wohl Student der Münchner Hochschule für Politische Wissenschaften* werden, ist aber dem Ex-Studienrat Franz-Josef Strauß auch dann auf kritische Fragen (zur SPIEGEL-Affäre) keine Antwort wert. Strauß im. Juni 1963 in Regensburg zu Polit-Studenten: "Sagen- Sie mal, haben Sie überhaupt das Abitur?" Und: "Ich will wissen, ob Sie das Abitur haben." Und: "Haben Sie das Abitur?"

Ohne Abitur kann man zwar wie Thomas Mann, dem nur die mittlere Reife testiert wurde, und Günter Graß

("Als der Geschichtslehrer von der Emser Depesche anfing, hatte ich die Nase voll") Autor werden, nur selten aber Lektor oder Chefsekretärin eines Verlages.

Gering geworden ist auch die Zahl der Unternehmer, die wie Max Grundig ohne höhere Schulbildung ihre Reiche bauten. Nichtabiturient Rudolf Münemann erwarb beim Umgang mit Wert-, Nichtabiturient Axel Springer beim Umgang mit Zeitungspapier Millionen. Zehnmarkscheine an bundesdeutschen Bankschaltern aber sortieren heutzutage Abiturienten,

Das Reifezeugnis ist zur Eintrittskarte für den Fahrstuhl des sozialen Aufstiegs, das Abitur zur "deutschen Zwangsvorstellung" ("Sonntagsblatt") geworden. "Durchfall bedeutet ein familiäres Unglück, vergleichbar mit einem unehelichen Kind" ("Industriekurier"). Der Schulpsychologe und Leiter einer Erziehungs-Beratungsstelle, Ludwig Eckstein, nach eigenem Urteil Inhaber einer "Reparaturwerkstätte der Pädagogik", nennt das Abitur "einen der wichtigsten Kristallisationskerne für Komplexe: Minderwertigkeits- und schale Überheblichkeitskomplexe, Prestige- und peinliche Diskriminierungsängste".

Unterschiedlich sind die Spuren des Schreckens: 'In Baden-Württemberg fallen viermal soviel Kandidaten durch die Reifeprüfung wie in Niedersachsen.

Unterschiedlich ist auch die Bereitschaft der Schulbehörden, den 19- bis 24jährigen Abiturienten die Prüfungsangst zu nehmen und den Abgang zu erleichtern:

- In einigen Ländern sind die einzelnen Prüfungen über mehrere Monate verteilt, in anderen wahrt man die Tradition der Prüfung ohne Pause.

- Zweisprachige Wörterbücher dürfen

nur in einigen Bundesländern - in Hessen erstmalig beim Abitur 1965

- zur schriftlichen Lateinprüfung mitgebracht werden.

- In Rheinland-Pfalz kann der Abiturient schon bei mindestens befriedigenden Leistungen von der mündlichen Prüfung befreit werden, in Schleswig-Holstein wird diese Gunst nur "als Auszeichnung" gewährt. Nicht nur von Land zu Land, sondern von Schule zu Schule aber variiert die Art, wie an der Abitur-Elle die Reife der Prüflinge gemessen wird.

Laut Kultusminister Paul Mikat von Nordrhein-Westfalen wäre das Abitur überflüssig, "wenn alle Lehrer ihren Beurteilungen annähernd gleiche Maßstäbe zugrunde legten, was aber ohne Vergleich nicht möglich ist. Diese Vergleichsmöglichkeit bietet die Reifeprüfung in besonderem und nicht ersetzbarem Maße".

Mikat selbst hat schon gescheiterten Abiturienten nachträglich die Hochschulreife attestiert, und gelegentlich wurden per Gerichtsbeschluß deutsche Oberschüler gegen den Willen ihrer Lehrerkollegien nachträglich an die Universitäten entlassen.

Um arge Fehlentscheidungen zu verhindern, muß in Baden-Württemberg jede Abitur-Arbeit vom "Fachlehrer einer fremden Schule, dem das Ergebnis der Erstkorrektur unbekannt Ist", ein zweites Mal beurteilt werden.

Wie notwendig diese unfreiwillige Selbstkontrolle der studienrätlichen Zensoren ist, hat der Tübinger Oberstudiendirektor Robert Ulshöfer an einem kollegialen Test demonstriert. Er ließ einen "leichter zu beurteilenden" Abituraufsatz von 42 Oberstufen-Kollegen durchsehen. Ergebnis: einmal die 1, sechsmal die 2, zwölfmal die 3, siebenmal die 4, 14mal die 5, zweimal die 6. Ulshöfer: "Dieses Ergebnis gibt zu denken."

Im Deutschunterricht ist die Gefahr eines Fehlurteils der Preis für die schillernde Gedankenfreiheit des Oberprimaners von heute, der nicht mehr gezwungen ist, sich beim letzten Aufsatz in philologischen Expertisen zu üben.

Wenn auch noch immer große Worte von Dichtern, Denkern und Staatenlenkern gedeutet werden müssen, so hat der Prüfling doch die Wahl etwa zwischen Benn ("Dumm sein und Arbeit haben: Das ist das Glück") und Erhard ("Wir alle haben John F. Kennedy verloren"), Gide ("Ich glaube an den Wert der kleinen Zahl") und Goethe ("Man reist doch nicht, um anzukommen"). Nur selten noch sitzt der Faust wie einst den deutschen Abiturienten im Nacken.

Und wenn auch noch immer der Schülergeist danach eingestuft wird, wie gut er zu vergleichen vermag, so ist doch die Skala so breit geworden wie nie zuvor in der deutschen Gymnasialgeschichte: Verglichen wird Eichendorffs "Heidelberg" mit Hölderlins "Heidelberg", werden Hundevereine mit Motorroller-Klubs, wird der Job mit der Arbeit, "Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall" mit "Komm, Trost der Welt, du stille Nacht", der Frevel mit der Sünde, Rilkes "Panther" mit Weinhebers "Baum", die Spende mit dem Opfer, der unzerstörbare "Römische Brunnen" Meyers mit der "Fontäne" der Herta Grandt.

Man nimmt bei zeitnahen Themen in Kauf, "daß leeres Phrasenturn und pseudokulturelles Gewäsch von draußen in den Abituraufsatz" eindringen ("Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel"), um den Deutschunterricht aus der schulmeisterlichen Enge herauszuführen, in der er jahrzehntelang verblieben war. '

Wie in keinem anderen Hauptfach ist im Deutschunterricht der Studienrat zum Herrn über den Stoff geworden. Nur noch die Substanz der Literaturkenntnisse hat der Abiturient 1965 mit seinen Vorgängern gemeinsam: das Nibelungenlied (Friedrich der Große: "Meiner Ansicht nach sind solche Gedichte nicht einen Schuß Pulver wert") und Quarta-Lektüre wie das "Stuttgarter Hutzelmännlein", Götz von Berlichingen (Baden-Württemberg: Untersekunda, Rheinland-Pfalz: Obertertia) und Schillers Tell.

Der Gegenwart dürfen sich Deutschlands Deutschlehrer in hohem Maße widmen. Max Frisch und Günter Eich, Siegfried Lenz und Ilse Aichinger sind längst wie Thomas Mann und Hermann Hesse zu höheren Schul-Autoren aufgerückt.

Heinrich Böll steht im bayrischen Gymnasium mit fünf Werken ab Obertertia zur Wahl, in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen nur mit zwei Erzählungen in der Oberprima. Und Bert Brechts "Mutter Courage" soll in Nordrhein-Westfalen schon von Obersekundanern, in Baden-Württemberg erst von Primanern gelesen werden; in rheinland-pfälzischen Gymnasien hat hingegen nur Brechts "Guter Mann von Sezuan" Zutritt.

Wenn gelegentlich gegen das "literaturgeschichtliche Mammutpensum und die langatmigen Interpretationsübungen" protestiert wird - so von dem Bonner Pädagogen Professor Joachim Knoll -, dann ist stets der einzelne Studienrat, nicht das Fach schlechthin gemeint. Gering ist denn auch die Zahl der Begabten, die im Deutschunterricht unter den Ausreichend-Pegel sacken.

Auch das Fach Geschichte zählt zu den Disziplinen, in denen sich das deutsche Gymnasium reformierte. Keinem Oberschüler ergeht es noch wie einst dem Pädagogen Hermann Lietz, der über seine Schulzeit (Abitur 1888) schrieb: "In der Geschichte kamen wir bis zu den Freiheitskriegen, im Deutschen bis Goethe." Längst ist die Gegenwart einbezogen, sind Ebert und Hitler, Ossietzky. Ulbricht und Erhard - allesamt Nichtabiturienten - schulhistorische Figuren geworden*.

Über die Politiker und Karlspreisträger Churchill und Adenauer erfährt der Gymnasiast in Geschichte und Gegenwartskunde genug - über die Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger Heisenberg und Butenandt zuwenig.

Von zwei Aufgaben, die den Gymnasien laut Professor Holzapfel (Kultusministerium Düsseldorf) gestellt sind, erfüllen sie allenfalls die zweite:

- "Erstens müssen die Naturwissenschaften ein fester Bestandteil des Bildungsgutes in allen Typen der höheren Schule sein."

- "Zweitens muß es einen Typ der höheren Schule geben, in dem Mathematik und Naturwissenschaften den Bildungsschwerpunkt ausmachen."

Zwar kann sich der Oberschüler auf dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium entsprechend seiner Begabung bilden. An den alt- und neusprachlichen Gymnasien Nordrhein-Westfalens beispielsweise ist aber die Zahl der Stunden in Mathematik und Naturwissenschaften kaum größer als vor 70 Jahren und wesentlich niedriger als im Nachbarland Hessen, wo die Schüler der neusprachlichen Gymnasien 280 Stunden in Chemie (Nordrhein-Westfalen: 80) und 400 Stunden in Physik (Nordrhein-Westfalen: 320) unterrichtet werden.

Seit die Kultusminister 1960 in Saarbrücken die Oberstufe der Gymnasien reformierten, gibt es in den meisten Primen deutscher Gymnasien keine einzige Pflichtstunde in Chemie und Biologie mehr. Vor "gefährlicher Halbbildung" warnte deshalb der Vorsitzende der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Professor Bopp, vor dem "Gegensatz zu anderen Ländern" der Deutsche Verband Technisch-wissenschaftlicher Vereine (Präsident: Bundesminister a.D. Siegfried Balke).

Und Professor Winnacker, Hoechst -Generaldirektor und Präsident des Chemiker-Verbandes, verwahrte sich dagegen, daß fortan "im entscheidenden Augenblick" - in den letzten beiden Schuljahren - viele Gymnasiasten an die Probleme des Atomzeitalters "gar nicht herangeführt werden und daß infolgedessen der Zustrom zu den naturwissenschaftlichen Fächern zweifellos zu gering wird".

Das Defizit ist ohnehin groß genug: Von je 100 000 Bürgern haben in der Sowjet-Union 67, in den USA 46, in der Bundesrepublik hingegen nur zehn naturwissenschaftliche Diplome.

Nur eines hat die überwiegende Mehrheit der künftigen deutschen Naturwissenschaftler zumindest den sowjetischen Chemikern und Ingenieuren voraus: Sie lernen Latein. Zwar können sie nicht mehr wie einst die preußischen Gymnasiasten in der Sprache Ciceros und Cäsars Reden halten und Aufsätze schreiben, auch wurde das Pensum vermindert. Geblieben aber ist die "Überbetonung der Fremdsprachen mit Dominanz des Lateinischen in fast allen Typen und Zweigen der höheren Schule" (Dozent Josef Hitpaß, Pädagogische Hochschule, Köln).

Wenn auch einst Theodor Fontanes Schulaufsätze schlecht zensiert wurden, Wernher von Braun wegen Versagens in Mathematik sitzenblieb und Heinrich Bölls Deutsch im Abitur mit "genügend" bewertet wurde - die falsche Auslese wird an den deutschen Gymnasien fast ausschließlich im Unterricht der Fremdsprachen betrieben. Und der Lateinunterricht ist die Klippe, an der die absolute Mehrheit der vorzeitigen Schulabgänger scheitert.

So alt wie das deutsche Gymnasium ist auch die Klage, daß dort gar zu sehr "die philologischen Künste geübt" werden, wie der Kieler Pädagoge Professor Fritz Blättner berichtet. Diese Klagen sind bis heute nicht verstummt. Im Gegenteil: Sie sind heftiger geworden denn je.

Vornehmlich wegen der "Vorherrschaft der Philologie" (Friedrich Nietzsche) behielten viele Prominente ihre Gymnasialzeit in schlechter Erinnerung, so

- der Kritiker Alfred Kerr: "Scheußlich";

- der Städtebauer Fritz Schumacher:

"Cicero habe ich gründlich gehaßt";

- der Psychiater Auguste Forel: "Das klassische Ideal des humanistischen Gymnasiums ist eine Strohpuppe, ein Götze";

- der Dichter Hermann Bahr ("Das Konzert"): "Die schlimmste Zeit meines Lebens";

- der Schriftsteller Börries von Münchhausen ("Alte Landsknechte im Himmel"): "Meiner Erinnerung nach bin ich immer letzter gewesen. Es kann allerdings sein, daß ich auch einmal vorletzter war";

- der Nobelpreisträger Carl Spitteler: "Ich habe bis zu meinem fünfzehnten Jahre die Schule verwünscht, nach meinem fünfzehnten Jahre die Schule verflucht";

- der Maler Max Slevogt: "Unfrohe Erinnerungen an diese Schulluft". Für Hegel noch war die römische und griechische Literatur "das geistige Bad, die profane Taufe ... welche der Seele den ersten und unverlierbaren Ton und Tinktur für Geschmack und Wissenschaft" gebe. Doch sein Zeitgenosse, der Pädagoge Karl Mager, monierte: "Die Unterrichtsbehörden scheinen dem lateinisch-griechischen Unterricht eine Art Zauber zuzuschreiben ... Eine Mühle soll Mehl geben, kein vernünftiger Mensch wird sich mit dem formalen Erfolg, daß das Rad gedreht wird, begnügen." -

Mehr als ein Jahrhundert später gibt es laut Oberstudiendirektor Gustav Würtenberg noch immer "keine bessere Hinführung zur Reife als einen von der Sexta bis zur Oberprima durchgeführten Lateinunterricht". Der Kölner Ordinarius Udo Undeutsch aber hält die Behauptung, "der Lateinunterricht sei aus Gründen der formalen Bildung unentbehrlich", für "widerlegt". Undeutsch: "Der Lateinunterricht dient dem Erwerb voR Lateinkenntnissen. Das ist seine Funktion."

Unterschiedlich verhalten sich auch die Kultusministerien. In Nordrhein-Westfalen wird kein einziger Abiturient aus den neunklassigen Gymnasien entlassen, der nicht mindestens fünf Jahre lang Latein gelernt hat. In Hessen hingegen können die Schüler sich auch für neusprachliche und mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasien mit Französisch statt Latein als zweiter Fremdsprache entscheiden, und mehr als die Hälfte votiert gegen Latein.

Doch auch in den modernen Fremdsprachen wird laut Professor Undeutsch mit veralteten Methoden unterrichtet: "Es kann jemand eine Fremdsprache fließend sprechen und trotzdem eine ,Fünf' in dieser Fremdsprache bekommen."

Eifernd verteidigen die deutschen Philologen und ihre Gefolgsleute unter den Eltern das Sprachen-Pensum und die gymnasialen Lehrmethoden gegen die Kritik der Zeitgenossen. Als jüngst die Ministerpräsidenten den Griechisch-Unterricht von sechs auf fünf Jahre verkürzten, sah der Elternbeirat des Regino-Gymnasiums Prüm "in einer eigens dazu einberufenen Sitzung" das Humboldtsche Leitbild mitsamt Gymnasium "auf das schwerste gefährdet... Jetzt geht es um nichts weniger als um den Bestand der höheren Schule, wie sie unseren Vorstellungen entspricht".

Den meisten Eltern aber Ist das Humboldtsche Schul-Ideal zumindest gleichgültig. Sie würden ihre Kinder auch auf das Gymnasium schicken, wenn Portugiesisch statt Latein, bayrischer Dialekt statt Deutsch, doppelte Buchführung statt Mathematik gelehrt würden. Der Stoff ist für sie nichts, das Reifezeugnis als Berechtigungsschein alles. Für den Erfolg bundesdeutscher Gymnasiasten opfern viele Eltern neun, zehn oder elf Jahre lang freie Abendstunden, Pillen und Moneten. Etwa die Hälfte der Väter und Mütter arbeitet mit an den Hausaufgaben von Tacitus bis zur Parabel, ein Viertel versorgt die Filii und Filiae mit Schlaf- und Wachmitteln, und etwa jeder zweite Gymnasiast bedient sich mindestens zeitweise der bezahlten Nachhilfe eines älteren Mitschülers oder eines pensionierten, oft auch eines noch tätigen Studienrats des eigenen Gymnasiums. Ziffer 139 der Ausführungsbestiminungen zur bayrischen Schulordnung: "Lehrer, die einem Schüler der 9. oder der 8. Klasse ihrer Schule .. Privatunterricht erteilt haben, dürfen zur (Reife-)Prüfung nicht herangezogen werden."

Eigens für die ins Schulleben einbezogenen Eltern erfand Präsidenten-Gattin Brigitte Gerstenmaier, Mutter zweier Oberschüler und einer Studentin, einen neuen deutschen Gruß: "Guten Tag, wie geht es Ihnen? Gut - oder haben Sie auch einen Sohn auf der Oberschule?"

Nicht wenige Eltern geben allerdings, wie der oberbayrische Studienrat und Diplom-Psychologe Robert Burger feststellte, "das Erziehungsgeschäft gegen gute Bezahlung" an Internate ab. Zu diesen Eltern gehören auch die Gerstenmaiers. Ein Sohn kehrte aus der exklusiven südwürttembergischen Urspring-Schule an ein Godesberger Gymnasium zurück, der andere besucht die ebenfalls Prominenten-Sprößlingen vorbehaltene Schloßschule Salem.

Gegen den Volks-Sturm auf die höheren Schulen reagieren viele Philologen nebst ihren Verbündeten mit Abwehr in Wort und Tat.

Über die Forderung nach mehr Abiturienten

- schrieb der Remscheider Schulmann

Werner Heldmann in der "Höheren Schule": "Wo steht geschrieben, daß das geistige Potential eines Volkes in der Zahl der Abiturienten beschlossen liegt?":

- spottete in der "Frankfurter Allgemeinen" der Oberstudienrat Heinrich Hahne: "Man sollte Gast-Abiturienten importieren aus Ländern, die gemäß den Statistiken einem Übersoll an Reifeprüflingen genügen";

- schrieb Landesschulrat Ernst Matthewes aus Hamburg, dem einzigen Stadtstaat mit niedriger Abiturienten-Quote (siehe Graphik): "Eine Erhöhung der Abiturientenzahl bedeutet zwangsläufig, daß die Gymnasien ihre Anforderungen senken. Anders läßt sich die Zahl der Abiturienten, nicht vermehren." Wie in Worten gegen mehr Abiturienten, so setzen sich in der Praxis viele Studienräte und Kultusbeamte schon gegen mehr Sextaner mit verschärfter Auslese zur Wehr.

Der Frankfurter Pädagoge Professor Erich Hylla argwöhnte, daß "mindestens einige höhere Schulen" ihre Auslese weniger der Begabung der Bewerber als vielmehr "den ihnen für ihre Aufnahmeklassen erwünscht scheinenden Schülerzahlen" anpassen.

Ähnliche Vorwürfe erhoben

- das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung: "Die

fast gleichbleibende Schülerzahl bei einer rückläufigen Entwicklung der gleichaltrigen Bevölkerung läßt vermuten, daß Frequenzüberlegungen die Aufnahmefähigkeit der höheren Schulen beeinflussen". Und: "Wer zu einem geburtenschwachen Jahrgang zählt, hätte somit größere Chancen, eine höhere Schule zu durchlaufen, als ein Angehöriger eines geburtenstarken Jahrgangs";

- der Hamburger Archäologe Ulf Jantzen: "25 Schüler in Unterprima zum Beispiel - damit kann man kein Abitur machen. 'Ein Drittel muß raus!' Mit einem leichten Drükken auf alle Zensuren, die zwischen

zwei Noten stehen, kann man viel erreichen."

Schon der heutige Andrang löst Abwehr-Reaktionen auf den Gymnasien aus. Dabei sind breite Schichten am gymnasialen Hürden-Lauf kaum beteiligt: die Kinder von Bewohnern stadtferner Dörfer, von Arbeitern und von schlichten Katholiken.

Zahlreiche Dorf-Familien verzichten darauf, ihre Kinder auf Oberschulen zu schicken, weil sie stundenlang per Bahn oder Bus unterwegs sein oder in teuren Internaten untergebracht werden müßten. Deshalb beispielsweise ist in den zwölf bayrischen Landkreisen ohne Gymnasium (Aichach, Bogen, Kötzting, Vilsbiburg. Wegscheid, Oberviechtach, Parsberg, Vohenstrauß, Waldmünchen, Stadtsteinach, Karlstadt, Marktheidenfeld) die Zahl der Zehnjährigen, die Mittel- oder Oberschulen besuchen, so groß wie in anderen Kreisen die Zahl der Studenten.

Und für die Einstellung vieler Arbeiter zum Gymnasium dürfte das gelten, was der Tübinger Soziologe Professor Ralf Dahrendorf über ihr Verhältnis zur Universität sagte: "Universitäten (haben) für viele Arbeiter etwa den sozialen Realitätsgehalt, den Klöster für Protestanten haben: Es gibt sie, man kennt einige Namen, man weiß, daß auch dort Menschen leben, man hat vielleicht sogar einmal ein Kloster besichtigt, aber eine Verbindung zum eigenen Leben, die das Motiv wecken könnte, selbst an jener anderen Welt teilzunehmen, fehlt."

An deutschen Gymnasien ist denn auch die Zahl der Arbeiterkinder relativ geringer als die der Arbeiterstudenten an den konservativen englischen Universitäten Oxford und Cambridge. Und je näher eine deutsche Gymnasialklasse dem Abitur rückt, um so spärlicher noch werden die proletarischen

Prozente. So ging in West-Berlin der Anteil der Arbeiterkinder vom siebten bis zum dreizehnten Schuljahr von 11,7 auf 4,2 Prozent zurück.

Schwach vertreten sind an deutschen Gymnasien auch die Katholiken gegenüber den Protestanten. Sogar "in einem so katholisch geprägten Bundesland wie Bayern", übertrieb das Massenblatt "Mann in der Zeit', "gehen weniger als die Hälfte aller Reifezeugnisse an Katholiken".

Würden diese Reserven erschlossen und überdies mehr Gymnasiasten zum Abitur durchgeschleust, so könnten nach Ansicht des Kölner Dozenten Hitpaß 20 Prozent aller jungen Bundesdeutschen die Hochschulreife erhalten.

Dem etwaigen Zustrom von katholischen, proletarischen und ländlichen Kindern aus fremdsprachlosem Milieu sehen allerdings nicht wenige Gymnasiallehrer mit Sorge entgegen.

Eine studienrätliche Aversion ist zu spüren, wenn etwa in Philologenversammlungen der Behauptung applaudiert wird, es gebe in der Bundesrepublik keine Begabten-Reserve. Des Beifalls sicher sind vor allem der Nürnberger Soziologe Karl Valentin Müller und der Münchner Psychologe Albert Huth.

Vor Niedersachsens Philologen spottete Müller: Es gebe "das Sozialmärchen von den unheimlich großen, ungehobenen Begabungsschätzen, die in den Tiefen des Volkes, in Schichten, die wirtschaftlich schlecht weggekommen sind, verborgen liegen und die nun gewissermaßen des Sozialprinzen harren, der mit der Wünschelrute irgendeiner raffinierten Schulreform und Begabtenförderung sie ans Licht zieht". Müllers Motto: "Jedem das Seine, nicht jedem das Gleiche."

Der Münchner Huth errechnete 1957 sogar, daß die Zahl derer, die damals das Abitur bestanden, und die Zahl derer, die kraft Begabung- das Abitur bestehen könnten, identisch seien: fünf Prozent.

Zur Gegenpartei zählt vor allem der Würzburger Psychologe Professor Wilhelm Arnold, der mit Hilfe eines Pariser

Elektronengehirns,

100 deutscher Psychologen und etlicher "Testbatterien" unter 5108 Schulkindern 5 026 272 Daten sammelte und auswertete.

Arnolds wichtigstes Ergebnis: An den deutschen Volksschulen ständen 3,5 Prozent der Schüler - mithin unter den Schulentlassenen jährlich 15 900 "weit über dem Durchschnitt" und seien mit Sicherheit so begabt, daß sie ein Gymnasium erfolgreich hätten besuchen können. Weitere 10,9 Prozent (49 600 je Jahrgang) stufte Arnold als "über Durchschnitt" begabt ein. Sie hätten mithin an Oberschulen zumindest gute Aussichten gehabt.

Im professoralen "Streit um Begabung und soziale Lage" (Arnold) hat der Würzburger Gelehrte zahlreiche Mitstreiter. So wies der Frankfurter Edding nach, daß nicht nur in der gesamten Bundesrepublik die Arbeiterkinder, sondern in etlichen Bundesländern auch andere Schüler benachteiligt werden.

Beispiele: Je Jahrgang

- legen in West-Berlin doppelt soviel Jugendliche das Abitur ab wie an der Saar,

- besuchen in Schleswig-Holstein dreimal soviel Sechzehnjährige Ober- und Mittelschulen wie an der Saar und doppelt soviel wie in Bayern, > weist Baden-Württemberg die höchste Zahl der Quartaner auf, während es in der Zahl der Abiturienten unter dem Bundesdurchschnitt liegt, > ist die Zahl der Mädchen in den Oberprimen in West-Berlin und Bremen doppelt so hoch wie in den letzten Oberschulklassen Bayerns und des' Saarlandes.

Bei Einsätzen an der Schulfront stießen die nach Begabten-Reserven ausspähenden Gelehrten gelegentlich auf offenen Widerstand der Studienräte - so der Kölner Hitpaß, nachdem sein Kollege Undeutsch auf einem wissenschaftlichen Kongreß die Zahl der Sitzenbleiber von Oberhausener Gymnasien genannt hatte. Die Direktofen verweigerten fortan die Auskunft, und Hitpaß heuerte zwei Gymnasiasten je Klasse als V-Leute an.

Erst im November dieses Jahres bestätigte ein Kultusminister, der Bayer Ludwig Huber, die bis dahin umstrittenen Zahlen Arnolds und seiner Mitstreiter. Zu dieser Zeit allerdings hatte der Würzburger Forscher Arnold schon ein größeres Reservoir bildungsfähiger Arbeiterkinder entdeckt: An gewerblichen Berufsschulen sind 6,5, an kaufmännischen Berufsschulen sogar 15 Prozent der Ex-Volksschüler so begabt, daß sie auf dem zweiten Bildungsweg bis zur Hochschulreife gelangen könnten.

Aus den Berufsschülern, die Arnold testete, werden allerdings kaum noch Akademiker werden. Der zweite Bildungsweg über Abendgymnasien und Kollegs ist so strapaziös, daß ihn alljährlich nur einige hundert Bundesbürger bewältigen; in West-Berlin waren es 1963 nur 163.

Um so entschiedener fordert vor allem der Kölner Psychologe Undeutsch, daß wenigstens allen begabten Zehnjährigen der Weg in das Gymnasium geöffnet und das institutionelle Hindernis, die Aufnahmeprüfung, in allen Bundesländern abgeschafft wird. Sie wurde 1964 in Hamburg von 23, in Niedersachsen und im Saarland von je elf; in Bayern von acht Prozent der Bewerber nicht bestanden. Gesamtzahl der Gescheiterten in diesen vier Ländern: 4839.

Von nicht wenigen Studienräten wird dieses Kinder-Examen (Kieler Eltern-Slogan laut Landtags-Vizepräsident Schwinkowski: "Pädagogischer Kindermord") hoch geschätzt. So bejaht der Godesberger Philologen-Funktionär Dederich es "uneingeschränkt", weil es bei Erfolg des Kandidaten "eine Bewährung bis in die Jahre der Pubertät garantiert".

Hingegen Undeutsch: "Die Korrelation zwischen den Ergebnissen der Aufnahmeprüfung und dem Schulerfolg ist nach meinen Untersuchungen gleich Null". Und: "Hätte man die Schüler . . . der Größe nach antreten lassen und nach dem Längenwachstum ausgelesen, dann hätte man bessere Anhaltspunkte für den Schulerfolg gehabt."

Bei der Nachprüfung der Sexta-Prüfurigen entdeckten Mitarbeiter der beiden Kölner Psychologen Undeutsch und Hitpaß in Nordrhein-Westfalen:

Das Examen war in elf westdeutschen Städten so unterschiedlich schwer, daß eine Test-Gruppe die Aufgaben der Schule in Kempen -Krefeld ausnahmslos bewältigte, an den Gladbecker Anforderungen hingegen bis auf eine Minderheit (22 Prozent) scheiterte;

- Jungen bestanden die Prüfung, "deren Intelligenzgrad ... nahe der Schwachsinnsgrenze lag" (Hitpaß). Aber auch in Nordrhein-Westfalen wird "das Übel keinesfalls verringert" (Undeutsch-Mitarbeiterin Rita Ohlsson): Kultusminister Mikat verlegte das Examen lediglich von der Oberan die Grundschule.

Der Abbau der Prüfungs-Hürde kann nach Ansicht progressiver Pädagogen nur ein erster Schritt sein. Notwendig seien ferner

- eine systematische Werbung vor allem unter den Arbeiter-Eltern begabter Kinder, um diese für den Besuch der Gymnasien zu gewinnen,

- eine zweijährige Förderstufe, die von allen Kindern gemeinsam im fünften und sechsten Schuljahr besucht wird,

- die Reform des - dann nur noch

siebenklassigen - Gymnasiums, um es aus einer "Schule von Philologen für Philologen" (Undeutsch) zu einer Schule zu machen, in der alle Begabungen gleichermaßen gefördert werden, etwa durch neue Schultypen ohne zweite Fremdsprache (siehe SPIEGEL-Interview Seite 89). Die Chancen sind gering, in Bayern am geringsten.

Prominentester Elternberater ist im weiß-blauen Freistaat eben jener 72 Jahre alte Huth, nach dessen Meinung 95 Prozent der Deutschen untauglich für höhere Bildungswege sind. Huths Werbung ist denn auch Abwehr. In einem in 13. Auflage erschienenen Handbuch "Aufnahmeprüfungen mit Probeunterricht" mahnt der Münchner Professor alle "Eltern und Erzieher", sie sollten "ihre Kinder gar nicht in eine Situation bringen, in der sie versagen könnten", und erinnert an seine Fünf-Prozent-Klausel. Wer den Anforderungen des Gymnasiums "nicht gewachsen ist, der gehört eben nicht hinein. Mit Fleiß allein ist es da nicht getan".

Einen anderen Ton als der Abwehr-Chef Huth schlägt Berlins Schulsenator Carl-Heinz Evers, 42, in einem ebenfalls für Eltern Zehnjähriger bestimmten Text an: Die Väter und Mütter sollten "einen möglichst langen Schulbesuch für ihr Kind anstreben" und Vertrauen haben, "daß ihr Kind auch eine Schullaufbahn meistern wird, die abweicht von der, die Sie selbst einmal gegangen sind".

Nach der Losung "Förderung statt Auslese" (Evers) wird in West-Berlin mit neuen Methoden gehandelt. An einigen Oberschulen erteilen die Studienräte neben gemeinsamem Kern- zusätzlichen Kursunterricht. Je nach Leistung wird der Schüler den Kursen A, B oder C zugeteilt. Bleibt ein Pennäler zurück, so wechselt er in einen niederen Kurs um. Steigen seine Leistungen, so rückt er in den anspruchsvolleren Kurs auf.

Bewährt haben sich auch Versuche mit sogenannten Sprachlabors, in denen Lehrer und Schüler mit Tonbandgeräten, Mikrophonen und Kopfhörern arbeiten: Schwierigkeiten, die Schüler mit minderer Sprachbegabung haben, bleiben ihren Kameraden verborgen.

Zusätzlichen Förderunterricht erhalten Jungen und Mädchen, die "keine Startvorgaben durch das häusliche Milieu in Wortschatz und Denkkategorien haben" (Evers).

Ähnliche Methoden wie das ABC-System in West-Berlin (dem neben Bremen einzigen Land mit sechsjähriger Grundschule) wurden in anderen, ebenfalls von der SPD beherrschten Ländern erfolgreich erprobt. Vor allem in Hessen und Niedersachsen bewährte sich die Förderstufe - niedersächsischer Terminus: "Differenzierter Mittelbau" -, die nach der vierjährigen Grundschule von Volks-, Mittel- und Oberschülern gemeinsam besucht werden. So haben sich laut Oberstudiendirektor Tauscher, dem Leiter einer Schule mit Förderstufe im hessischen Kirchhain, Kinder, vor allem aber auch Eltern, die der höheren Schule ganz fern standen, umgestellt" und für das Gymnasium entschieden.

In Niedersachsen wird von Ostern 1965 an in allen Volksschulen eine "Förderstufe", in allen Mittelschulen und Gymnasien eine ebenfalls zweijährige "Eingangsstufe" eingerichtet. Zwar verzichteten damit die Kulturpolitiker des Welfen-Landes auf den gemeinsamen Unterricht für alle Schüler in einer Förderstufe, doch gibt es künftig immerhin in allen niedersächsischen Volksschulen Kern- und Kursunterricht. Begabte Volksschüler können nach zwei Jahren Förderstufe ohne Prüfung in das Gymnasium überwechseln.

In Hessen wollen die SPD-Schulpolitiker weiter gehen als ihre Fachkollegen und Parteifreunde in Niedersachsen: Die gemeinsame Förderstufe für alle zehn- bis zwölfjährigen Kinder soll weiter ausgebaut werden.

In den CDU-regierten Ländern haben diese neuen Schulformen kaum eine Chance. Bayerns Kultusminister Ludwig Huber, 35 ("Neue Deutsche Schule": "So jung und schon reaktionär") hat sie für den weißblauen Freistaat bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt abgelehnt. Und Oberschulrat Hachgenei, Kultusministerium Rheinland-Pfalz: "Förderstufen sind Bremsstufen." Aber diese wie viele andere der "erregendsten pädagogischen und schulpolitischen Impulse dieses Jahrhunderts" übertragen sich, wie Niedersachsens Ministerialdirigent Rönnebeck bedauert, kaum auf die deutschen Gymnasien. Sogar bescheidene Reformen an den höheren Schulen stießen auf den Widerstand der Traditionalisten.

Als in diesem Jahr die Kultusminister entschieden, mit einer Fünf in Deutsch könne man unter Umständen doch das Abitur bestehen, meldeten sich wochenlang die philologischen Kritiker zu Wort. Dabei hatten die Minister eine nur achtjährige Tradition beendet und die bis 1956 gültige Regelung wieder eingeführt. Und auch die praktischen Folgen sind gering. In Schleswig-Holstein werden der Reform von 2500 Kandidaten allenfalls "sechs bis zehn ... das Reifezeugnis ein Jahr früher verdanken" (Professor Aßmann, Kultusministerium).

Und als der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Meyers beiläufig zu sagen wagte, das Abitur könne wohl abgeschafft werden, meldeten sich Hunderte von Studienräten in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen zu Wort. Dabei hatte Meyers nur ausgesprochen, was auch erfahrene Schulmänner bejahen. Berlins Fach-Senator Evers: "Ich halte die Reifeprüfung für entbehrlich."

Meyers selbst wurde im Landtag von der SPD zur Rede gestellt, ob er "diese schwerwiegende Äußerung nach fachlicher Konsultation mit dem Herrn Kultusminister getan" habe und ob er etwa gar Schritte zur Abschaffung des Abiturs einleiten wolle. Die Meyers-Antworten auf die beiden Fragen waren kurz: "Nein. Nein." Das Abitur bleibt.

* Eine Oberprima der Hamburger Walddörferschule.

* Die Münchner Hochschule für Politische Wissenschaften nimmt auch Volks- und Mittelschüler auf, die aber Im Gegensatz zu Abiturienten nur sechs (nicht acht) Semester studieren dürfen und kein Diplom erhalten.

* Erhard besuchte in Fürth die Realschule, die er mit der mittleren Reife verließ. Nach kaufmännischer Lehre und Kriegsdienst wurde er ohne Abitur zum Studium an der damaligen Handelshochschule Nürnberg zugelassen.

* Fritz Blättner: "Das Gymnasium. Aufgaben der höheren Schule In Geschichte und Gegenwart." Quelle & Meyer, Heidelberg; 464 Seiten; 29 Mark.

Prominente Deutsche ohne Abitur Thomas Mann, von Ossietzky, Hitler, Münemann, Erhard: Die Elite der Nation ... Deutsches Reifezeugnis 1964

... wird im Gymnasium ...

... falsch ausgesiebt: Prominente Deutsche ohne Abitur Grundig, Schmücker, Springer, Stücklen, Graß

"Du siehst es doch, mit all dem unnötigen Firlefanz wird der Bengel niemals sein Abitur machen wollen"

Simplicissimus

"Du siehst es doch, mit all dem unnötigen Firlefanz wird der Bengel am Ende noch sein Abitur machen wollen"

Deutsche Oberschule 1912: Sind 95 Prozent aller Deutschen ...

... untauglich fürs Abitur?: Deutsche Oberschule 1964 Cäsar

Cicero

Schiller

Goethe

Böll

Schul-Autoren für Gymnasiasten

Hutzelmännlein in der Quarta

Brigitte Gerstenmaier, Sohn Und abends Tacitus

Schul-Kritiker Nietzsche, Undeutsch, Edding, Slevogt: Nach der "schlimmsten Zeit" ...

... in den Fahrstuhl noch oben: Kultus-Chefs Evers, Mikat

Ruhr-Nachrichten

Franz Meyers, das neue Idol der Schuljugend


DER SPIEGEL 50/1964
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