16.12.1964

Die Ehrenwerte Gesellschaft

Macht, Mythos und Morde der Mafia*

Von Lewis, Norman

Im Tiefflug brauste ein amerikanisches Kampfflugzeug über das sizilianische Bergstädtchen Villalba. Der Pilot zog eine Schleife, kehrte zurück und warf - nahe der Kirche - ein Paket ab. Seitlich am Cockpit der Maschine war eine Flagge ausgespannt. Sie zeigte ein schwarzes L auf gelbem Grund.

Bürger von Villalba lasen das Päckchen auf und übergaben es dem ortsansässigen Carabiniere Angelo Riccioli - doch es war nicht für ihn bestimmt.

Am nächsten Tag kam das Flugzeug wieder. Abermals warf der Pilot ein Päckchen ab, diesmal nahe beim Haus des richtigen Empfängers. Einer der Bediensteten, Carmelo Bartolomeo, fand es und übergab es seinem Herrn - dem Mann, der als der angesehenste Bürger von Villalba und als der Mächtigste in ganz Sizilien galt: Calogero Vizzini, genannt Don Calò, Anführer der sizilianischen Mafia.

Der Bedienstete stand dabei, als Don Calò das Päckchen öffnete. Sein Inhalt: ein gelbes Seidentaschentuch mit einem aufgemalten schwarzen L. Es war das Auslösungssignal für eine der folgenreichsten Mafia-Aktionen dieses Jahrhunderts.

Man schrieb den 15. Juli 1943. Fünf Tage zuvor waren die Alliierten an der Südküste Siziliens gelandet. Die Truppen sammelten sich zum Vormarsch in den nördlichen Teil der Insel. Amerikanische Streitkräfte und ein geringfügiges Kontingent französischer Truppen einerseits sowie britische und kanadische Einheiten andererseits teilten sich in die militärische Aufgabe, die Insel zu besetzen.

Die britisch-kanadische Armee, die an der Ostküste Siziliens nordwärts bis nach Messina vorstoßen sollte, fand einen schwachen Gegner. Die Verteidiger des östlichen Teils der Insel waren mangelhaft gerüstet.

Viel Einfallsreichtum hatten die Italiener auf den Bau angemalter Holzgeschütze verwendet; sie sollten Feuerwerkskörper abschießen und so das gegnerische Feuer auf sich lenken - die Täuschung mißlang.

Etliche Schlüsselstellungen der Verteidiger waren mit russischen Beutegeschützen ausgerüstet - sie konnten nicht abgefeuert werden, weil niemand die Bedienungsanleitung übersetzen konnte.

Zudem hatten einige Batteriekommandeure keine Ahnung von einem bevorstehenden Angriff: Die Telephonkabel zum Hauptquartier waren noch nicht verlegt worden. Und teilweise hatten Infanteristen, die in die Schlacht marschierten, zwar größere Mengen Propaganda-Material bekommen, aber keinerlei Munition.

Dennoch: Trotz dieser Handikaps und trotz der Tatsache, daß sie an Mannschaftsstärke und Zahl der Geschütze im Verhältnis eins zu fünf unterlegen waren, schlugen die Italiener sich gegen die schlachterprobten Veteranen des Afrika-Feldzugs wacker. Der Vormarsch nach Messina kostete die britische und kanadische Armee fünf Wochen, etliche schwere Kämpfe und mehrere tausend Mann Verluste.

Den Amerikanern war die offenkundig schwierigere Aufgabe zugewiesen worden, das gebirgige Zentrum und den westlichen Teil der. Insel zu unterwerfen. Aber zur Überraschung der Strategen führten sie ihren Teil der Operation außerordentlich rasch aus.

Nach einer kurzen Zeit des Stillhaltens - als gelte es noch, auf den Marschbefehl zu warten - marschierte die Siebente US-Armee unter Führung des Generals George Patton zügig auf zwei Hauptstraßen nach Norden. Mit nur geringfügigen Verlusten und ohne nennenswerte Kämpfe erreichten die US-Truppen die Nordküste Siziliens. Der Feldzug dauerte ganze sieben Tage. General Patton später: "Es war der schnellste Blitzkrieg der Geschichte."

Schlüsselstellung im italienisch-deutschen Verteidigungssystem war das Gebiet des Monte Cammarata im Zentrum der Insel - in unmittelbarer Nähe der Bergstädte Villalba und Mussomeli.

Die Cammarata-Stellung war mit Sorgfalt ausgewählt worden. Die felsige Einöde mit zahlreichen versteckten Schluchten und Höhlen, die nur über Geheimpfade erreichbar waren, hatte schon seit der Römerzeit als Zufluchtsstätte bewaffneten Widerstands gedient; jahrzehntelang hatten sich beispielsweise aufständische Sklaven im Felsgeklüft der Cammarata-Berge halten können.

Eine gemischte Brigade motorisierter Artillerie mit etlichen Luftabwehr- und 8,8-Zentimeter - Panzerabwehrkanonen sowie eine deutsche Panzereinheit mit mehreren Tigerpanzern standen dort bereit, die amerikanischen Eindringlinge in Schach zu halten, die unausweichlich dieses Gebiet durchqueren mußten.

Befehlshaber der massiven Verteidigungsstellung war Oberst Salemi, ein erfahrener Soldat, dem unnachgiebige Pflichtauffassung bescheinigt wurde. Der Oberst klagte zwar über die mangelnde Unterstützung aus der Luft und war über den endgültigen Ausgang einer Schlacht pessimistisch. Aber er zweifelte nicht daran, daß es ihm möglich sei, den amerikanischen Vormarsch für eine wertvolle Zeitspanne von Tagen oder gar Wochen aufzuhalten.

In der Tat hätte die italienische Abfangstellung in den Bergen den US -Truppen schwer zu schaffen machen können. Aber die mysteriöse Botschaft, die per Flugzeug in Villalba angekommen war, bewirkte, daß in der Cammarata-Gegend nicht ein einziger Schuß fiel.

Rund 24 Stunden nachdem Mafia -Chef Don Calò das gelbseidene Taschentuch mit dem daraufgemalten L empfangen hatte, startete ein berittener Bote von Villalba in die Nachbarstadt Mussomeli. Er führte einen Brief mit sich, den er im Fall einer Gefangennahme verschlucken, sonst aber an Giuseppe Genco Russo aushändigen sollte. Russo galt damals in der Mafia -Hierarchie als zweitmächtigster Mann, nächst Don Cao.

Das Schreiben, das im Mafia-Jargon abgefaßt war, besagte, daß einer der Mafia-Führer, ein Mann namens Turi, am 20. Juli die motorisierte US-Division bis nach Cerda, acht Kilometer von der Nordküste entfernt, begleiten werde. Der Briefempfänger Genco Russo wurde ersucht, alles Erdenkliche für die Sicherheit und Bequemlichkeit der Amerikaner zu veranlassen. Don Calò selbst, so hieß es weiter, werde die Hauptstreitmacht der US-Armee nordwärts geleiten.

Tatsächlich jagte am 20. Juli, als die Vorhut der Siebenten US-Armee noch nahe der Südküste stand, ein amerikanischer Jeep in tollkühnem Alleingang landeinwärts, um aus Villalba den unentbehrlichen Don Calò heranzuschaffen. Der Jeep erwischte eine falsche Route und geriet ins Feuer einer italienischen Patrouille; einer der Wageninsassen wurde dabei getötet.

Noch am selben Tage wiederholten drei US-Panzer den Versuch - diesmal mit Erfolg. Einer von ihnen hatte die nun schon bekannte gelbe Flagge mit dem schwarzen L aufgepflanzt. Der amerikanische Offizier, der auf dem Hauptplatz von Villalba als erster aus dem Turm des Panzers kletterte, sprach unverfälschten sizilianischen Dialekt.

Einwohner von Villalba, die die Begegnung zwischen diesem Offizier und Don Calò mit ansahen, erzählten später, daß der Amerikaner überrascht schien, als er den legendären Mafia-Chef leibhaftig vor sich sah. Wie üblich erschien Don Calò in Hemdsärmeln und mit Hosenträgern auf der Szene; ohne ein Zeichen von Gefühlsbewegung watschelte er auf die US-Soldaten zu, die nervös und aufgeregt im Schatten ihrer Panzer warteten.

Don Calò war damals sechsundsechzig, ein Mann von massiver Statur und trägem Gesichtsausdruck, aber mit flinken Eidechsenaugen. Seine schlampige Kleidung war typischer Mafia-Look. Mafia -Chefs legten Wert darauf, bis zum Extrem ihr Äußeres zu vernachlässigen.

Als Don Calò den Schatten der Geschützrohre erreicht hatte, zog er das gelbe Taschentuch hervor. Zusammen mit seinem Neffen Domiano Lumia, der kurz vor Ausbruch des Krieges aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, bestieg er einen der Panzer, dann fuhr der Konvoi mit dem Mafia-Boß davon. Augenzeugen berichteten, daß Don Calò während der Gegenüberstellung nicht ein einziges Wort gesprochen habe. Das entsprach seiner Maxime: Lieber handeln als reden.

Am nächsten Morgen, am 21. Juli, wurden in der Gebirgsstellung von Cammarata, in Sichtweite der Stadt Villalba, die Folgen seines Wirkens offenbar: Zwei Drittel der Leute des Obersten Salemi waren über Nacht desertiert. Später erzählten einige der Deserteure, daß Mafia-Agenten sie aufgesucht, sie von der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage überzeugt und mit Zivilkleidern versorgt hätten.

Am selben Tag noch überfielen Mafia -Leute den italienischen Kommandeur der Cammarata-Stellung, als er ahnungslos durch das nahegelegene Städtchen Mussomeli fuhr; er wurde im Rathaus eingesperrt. Um vier Uhr nachmittags überbrachte ein sizilianischer Agent aus Mussomeli den marokkanischen Truppen, die unter Führung des Generals Juin schon seit dem Morgengrauen in dem benachbarten Gebirgsdorf Riffi verharrten, ihren Marschbefehl. Die Marokkaner zogen nordwärts durch die Berge. Die Schlacht von Cammarata war vorbei, ohne daß eines der im Felsgeklüft postierten Geschütze gefeuert hatte.

Sechs Tage blieb der Mafia-Chef Don Calò seiner Hauptstadt Villalba fern. Sechs Tage lang marschierte die amerikanische Siebente Armee, geteilt in zwei Kolonnen, durch die Insel. Ein Teil der Truppen stieß entlang der Straße Agrigento - Palermo direkt nach Norden vor. Die Marschroute der zweiten Kolonne berührte - etwa 70 Kilometer weiter östlich - die Städte Gela, Piazza Armerina, Nicosia, Mistretta und Santo Stefano - alle berüchtigt als Befehlsnester der Mafia.

In Cerda, unweit der Nordküste der Insel, vereinigten sich beide Marschsäulen. Damit sah Don Calò, wie in dem Brief an Genco Russo bereits angekündigt, seine Aufgabe als erledigt an. In Cerda standen andere Mafia-Obere bereit, die weitere Verantwortung zu übernehmen.

In Wahrheit wies die Kommando -Kette des immer noch anerkannten Mafia-Chefs Don Calò gewisse schwache Glieder auf. Mussolinis Kraftakt gegen die "Ehrenwerte Gesellschaft", wie sie von ihren Mitgliedern genannt wurde, hatte die Mafia in der Tat geschwächt und ihre Struktur zerrüttet. Viele der besten Mafia-Köpfe waren eiligst zum Faschismus übergelaufen. Andere waren damals, 1943, noch in Haft.

Zwar blieb Don Calò - der sogar für Mussolini zu schlau gewesen war - im Herzen Westsiziliens, dem angestammten Bollwerk der Großgrundbesitzer, nach wie vor der absolute Herrscher. Doch in der Küstenebene zwischen Cerda und Palermo hatten die dort ansässigen Mafia-Statthalter sich mittlerweile an Unabhängigkeit gewöhnt; sie mußten mit Diplomatie behandelt werden. Es war das erste Ziel, das Don Calò sich, nach der Invasion der Alliierten setzte, diese Schwäche in der Organisation zu

beseitigen.

Der Krieg in Westsizilien war zu Ende, als Calogero Vizzini nach Villalba heimkehrte. Sein ganzes Leben lang hatte er danach getrachtet, "Ansehen zu gewinnen", wie es im Mafia-Jargon heißt - jetzt war sein Ansehen groß wie nie zuvor.

Die Alliierten hatten ihm den Spitznamen "General Mafia" zugelegt. Ob er für die amerikanische Strategie in Westsizilien verantwortlich war oder nicht, seine Gefolgsleute sprachen ihm jedenfalls Anerkennung dafür aus. Und in der Tat wird niemand leugnen können, daß die Mafia überaus wirksam alle Hindernisse auf dem Pfad des amerikanischen Vormarsches beseitigt hatte, während im Osten Briten und Kanadier noch immer - und noch für weitere drei Wochen - um ihren Durchbruch zur Nordküste, nach Messina, kämpften.

Ohne Blutvergießen und rasch hatten die US-Truppen den westlichen Teil der Insel besetzt - zur Zufriedenheit aller, von einigen hartnäckigen älteren Achsen-Offizieren, wie etwa dem unglücklichen Oberst Salemi, abgesehen. Tatsächlich hatten sich die Sizilianer - Antifaschisten schon seit je - nun auch als anti-italienisch entpuppt.

Viele fühlten sich durch verwandtschaftliche Bindungen zu den Amerikanern hingezogen. In den Vereinigten Staaten lebten 1943 zwei Millionen Sizilianer oder Amerikaner sizilianischer Abkunft - in einem Wohlstand, der, verglichen mit dem Lebensstandard auf der Insel, nahezu unglaublich war. Viele Inselbewohner waren von den Geldsendungen abhängig, die ihnen Verwandte aus, den Vereinigten Staaten schickten. Zudem hatte der amerikanische Nachrichtendienst dafür gesorgt, daß rund 15 Prozent der Invasionsstreitmacht Soldaten sizilianischer Herkunft waren.

Der Haß gegen den Krieg war auf der Insel so heftig geworden, daß sizilianische Zivilisten kurz nach Beginn der Invasion italienische Militärlager überfielen und zerstörten, die unbewacht zurückblieben, als die Verteidiger zu den Brückenköpfen der Alliierten eilten. Für die Sizilianer hätte Widerstand gegen die Invasion nur eine schmerzliche Verzögerung der Besetzung bedeutet, die von allen sehnlich herbeigewünscht wurde.

Gelbe Flaggen und Taschentücher hatten den glücklichen Ausgang der Feindseligkeiten an der westsizilianischen Front signalisiert - diese Art Zeichen war indes kein Novum auf der Insel. Seidene Taschentücher auszutauschen war in der Mafia üblich - anstelle eines Losungswortes, wenn es galt, sich auszuweisen.

So hatte beispielsweise 1922 ein gewisser Lottò, ein nicht vollberechtigtes Mitglied der Mafia von Villalba, einen Mord so unerhört schlecht geplant und jeden Versuch, die Tat zu verschleiern, so arg vernachlässigt, daß seine Gefangennahme und Verurteilung unvermeidlich zu sein schienen. Diese Dreistigkeit verletzte die Mafia-Gesetze; sie schrieben vor, daß Ratschläge und Billigung von hoher Ebene einzuholen waren, bevor eine Liquidierung ausgeführt werden durfte.

Dennoch: Einen "Ehrenwerten" seinem Schicksal zu überlasten hätte der Autorität und dem Prestige, der Mafia geschadet und zudem Don Calò selbst einen beträchtlichen "Verlust an Ansehen" eingetragen. Deshalb ließ er Lottò für geisteskrank erklären und ihn in Barcellona in eine Nervenklinik für Kriminelle einliefern, die von der Mafia kontrolliert wurde.

Bald nach der Ankunft starb Lottò offiziell. In einem besonders präparierten und mit Luftlöchern versehenen Sarg wurde der "Leichnam" zum "Begräbnis" geschafft. Sodann erhielt Lottò gefälschte Ausweispapiere und wurde in die Vereinigten Staaten geschmuggelt. In New York nahmen ihn Freunde in Empfang, die rechtzeitig verständigt worden waren. Auch das Erkennungszeichen war vereinbart: ein gelbes Seidentaschentuch, das Don Calò dem Auswanderer mitgegeben hatte, in diesem Fall mit einem aufgemalten C.

Das große schwarze L auf den Flaggen, die während der schicksalsschweren Julitage 1943 über Villalba wehten, stand für Luciano. Lucky Luciano, bürgerlich Salvatore Luciana, geboren in Lercara Friddi, einer Stadt nahe der Hauptstraße zwischen Villalba und Palermo, war offenbar zum Chef der Mafia in den Vereinigten Staaten avanciert, und zweifellos hatte er ständigen Kontakt mit seinem sizilianischen Partner.

Luciano, der wegen Nötigung und Kuppelei in 62 Fällen verurteilt worden war, saß 1943 eine 30- bis 50jährige Gefängnisstrafe ab. Auf Betreiben der amerikanischen Marine war er kurz zuvor vom Staatsgefängnis in Dannemara, das wegen seiner Sicherheitseinrichtungen bei den Kriminellen unter dem Namen "Sibirien" bekannt war, in das Great-Meadow-Gefängnis nahe der Ostküste verlegt worden. Er war dort besser zu erreichen für die zahlreichen Marineoffiziere, die ihn in unauffälliger Kleidung aufsuchten und mit ihm verhandelten.

Im Februar 1943 - fünf Monate vor der Invasion Siziliens - legte Luckys Anwalt George Wolf Berufung gegen die Höhe der verhängten Strafe ein. Er wies darauf hin, daß sein Mandant "der Nation Dienste geleistet" habe. Im Jahre 1945 wurde Luciano daraufhin vor einen Begnadigungsausschuß zitiert.

Allerdings zeigten sich die Offiziere der amerikanischen Marine-Abwehr recht pikiert, als sie zu seinen Gunsten als Zeugen aussagen sollten. Was immer Luciano für seine Mitarbeit versprochen worden war - er selbst behauptete: ihn freizulassen -, die Marinebehörden sträubten sich, in das Verfahren hineingezogen zu werden.

Daß Luciano schließlich dennoch auf freien Fuß gesetzt und nach Italien abgeschoben wurde, ist auf das private Einschreiten des Fregattenkapitäns Haffenden zurückzuführen, eines Marineoffiziers, der bei den Verhandlungen um Luciano eine bedeutende Rolle gespielt hat. Haffenden schrieb mehrere vertrauliche Briefe an die Mitglieder des Begnadigungsausschusses.

Einige Hintergründe des Geschehens schilderte später der inzwischen verstorbene US-Senator Estes Kefauver, von 1950 bis 1951 Vorsitzender im Senats-Untersuchungsausschuß für Verbrechen, in seinem Buch "Crime in America".

"Während des Zweiten Weltkrieges", so schrieb Kefauver, "gab es viel Hokuspokus über angeblich wertvolle Dienste, die der damalige Sträfling Luciano den Militärbehörden im Zusammenhang mit Plänen für die Invasion seines Heimatlandes Sizilien geleistet haben sollte. Wir nahmen uns der Sache an und stießen auf mehrere einander widersprechende Darstellungen.

"Der Rechtsanwalt Móses Polakoff, der Luciano vor Gericht vertreten hatte, erklärte vor dem Untersuchungsausschuß, die Marine-Abwehr habe sich damals um Lucianos Hilfe bemüht er selbst habe dabei vermittelt. Etwa 15 bis 20 Besuche seien arrangiert worden, in deren Verlauf Luciano gewisse Informationen preisgegeben habe.

"Demgegenüber behauptete ein Zeuge namens George White vom US-Bundesamt für Rauschgift, der Rauschgiftschmuggler August Del Grazio habe ihn seinerzeit im Auftrage Lucianos und seiner Hintermänner aufgesucht. Del Grazio habe ihm bedeutet, daß Luciano eines der führenden Mitglieder der Mafia sei und über viele wichtige Verbindungen zur italienischen Unterwelt verfüge; er werde seine Kontakte nutzen und amerikanische Agenten einschleusen können."

Was im Gefolge solcher Geheimverhandlungen damals geschehen sein mag, darüber kursierten später viele zweifelhafte Mutmaßungen, einige davon reichlich unwahrscheinlich. So war beispielsweise berichtet worden, daß Luciano 1943 insgeheim aus dem Gefängnis entlassen worden sei, um die Invasionsstreitmacht zu begleiten; daß er als freier Mann in Gela an der Südküste Siziliens gesehen worden sei, wo die Siebente Armee anfangs ihr Hauptquartier errichtet hatte; und schließlich sogar, daß er mit in jenem Panzer gesessen habe, der Don Calò am 20. Juli in Villalba abholte. Es fehlt indes jeder Beweis für eine solche Zusammenkunft zwischen Don Calò und Luciano. Sie trafen sich allem Anschein nach erst 1946 in Palermo, wo sie benachbarte Hotelzimmer bewohnten: während der Gründung der sizilianischen Separatisten-Partei.

Am 28. Juli 1943, einen Tag nach Don Calòs Rückkehr in seine Hauptstadt, hatten die Amerikaner dort in der Carabinieri-Kaserne eine kleine Feier arrangiert: Der zuständige amerikanische Besatzungsoffizier ernannte Don Calò zum Bürgermeister von Villalba - und zum Ehren-Obersten der US-Armee.

Ein Bild, das nach einer Photographie gezeichnet wurde, vermittelt noch den Geist dieses historischen Augenblicks. Man hatte Don Calò dazu bewegen können, sich für den feierlichen Anlaß einen unordentlichen Rock überzuziehen. Das Bild zeigt, wie er dem US-Offizier beim Verlesen des Ernennungsdekrets zuhört. Aber er scheint die Festrede nur mit halber Aufmerksamkeit zu verfolgen. Mit einem Auge schielt er zur Seite, als ob sich hinter seinem Rücken etwas zutrage. Tatsächlich hatte sich an jenem Morgen auf dem Platz vor der Kaserne eine jubelnde Menge versammelt, und Don Calò schien etwas verwirrt, als er sie rufen hörte: "Lang lebe die Armee der Alliierten!" Und: "Lang lebe die Mafia!"

Am Abend gab der neue Bürgermeister eine Party für die alliierten Offiziere - er nannte sie "die Schafe" - und für einige seiner auserwählten Freunde: Mitglieder der Mafia von Villalba und Mafia-Persönlichkeiten aus den umliegenden Bezirken. Einige trugen noch kurzgeschorenes Haar, und ihre Gesichter zeigten noch die Blässe aus den Gefängnissen Mussolinis.

Don Calò stellte sie den Offizieren als Opfer des Faschismus vor, und seine enthusiastischen Empfehlungen verleiteten die Alliierten dazu, großzügig Waffenscheine auszuteilen - "zum Schutze gegen die Möglichkeiten eines faschistischen Coups". Auf diese Weise gelangte Don Calò wieder zu einer bewaffneten Leibwache, die Mussolini ihm 1924 weggenommen hatte. Erstes Opfer dieser Wiederbelebung der Demokratie: Pietro Purpi, derselbe Carabinieri-Offizier, der im Auftrag der Amerikaner die Waffenscheine unterzeichnet hatte.

Don Calòs nächster Schachzug war wichtiger - in der Tat so bedeutsam, daß sich Sizilien von seiner weitreichenden Wirkung bis heute nicht erholt hat.

Er stellte eine Liste geeigneter Kandidaten für die Bürgermeisterämter in ganz Westsizilien auf; sie wurde angenommen. Don Calò hatte betont, daß viele der Kandidaten mehrere Jahre in Haft verbracht hatten, als "Partisanen der Demokratie" - so Don Calò.

Niemand hatte offenbar Zeit, seine Behauptung zu überprüfen, daß seine Bürgermeisteranwärter wegen ihrer politischen Ideale inhaftiert worden seien - und nicht wegen Verbrechen, vom bewaffneten Zugüberfall bis zum mehrfachen Mord.

Innerhalb von Tagen hatte die Hälfte der sizilianischen Städte Bürgermeister, die Mitglieder der Mafia oder ihr zumindest eng verbunden waren. Einige waren obendrein Banditen. Besonders folgenreich war beispielsweise die Ernennung eines Mannes namens Serafino Di Peri zum Bürgermeister von Bolognetta, einer Ortschaft in der Nähe von Palermo. Di Peris erste Aktion als Gemeindevorstand: Gründung einer Bande, bestehend aus 109 Desperados, die während der folgenden fünf Jahre die Vororte von Palermo terrorisierte.

Zum erstenmal herrschte - infolge der völligen Fehleinschätzung der Lage durch die Militärbehörden - die Mafia direkt, und nicht wie, zuvor auf indirekte Weise durch Druck auf korrupte Beamte. Innerhalb von Tagen vermochte Don Calò fast alle Einfluß -Positionen zurückzugewinnen, die der "Ehrenwerten Gesellschaft" in den zwanzig Jahren des Faschismus verlorengegangen waren. Es gab keine ordnungsgemäß konstituierte Regierung - die Mafia-Führer waren jetzt die absoluten Herrscher auf Sizilien.

Eine fast archaisch anmutende Zeremonie beendete diesen Zeitabschnitt der Machtrestauration. Eine vorsichtige Anregung, die den Alliierten unterderhand zugetragen wurde, setzte das Zeremoniell in Gang: Die Amerikaner schenkten der Stadtgemeinde von Villalba zwei Lkw und einen Traktor, die sie in einem italienischen Depot erbeutet hatten. Die Lastwagen wurden sogleich auf dem Schwarzen Markt eingesetzt, der Traktor als Schrott verkauft.

Das Beispiel wirkte: Alsbald strömten aus ganz Sizilien Geschenke bei Don Calò zusammen - eine Lawine aus Mehl, Käse, Pasta und gestohlener Militärausrüstung. Unter den Augen der alliierten Militärbehörde lebte ein alter sizilianischer Brauch wieder auf, der nahezu ein Jahrtausend zurückreicht, bis in die Zeit Rogers des Normannen: Don Calò war - zum zweitenmal in seinem Leben - Feudalherrscher geworden, und die Geschenke waren der Tribut seiner Vasallen, die ihn als ihren Lehnsherrn anerkannten.

Nicht alle, die herbeikamen, um Don Calò die Hand zu drücken oder ihm Ehrerbietung zu erweisen, waren Kriecher. Viele empfanden Scheu, aber zugleich bewunderten sie aufrichtig das Oberhaupt der Mafia. Selbst jene, die er bei Gelegenheit betrogen hatte, vermochten ihm ihre widerwillige Hochachtung nicht zu versagen.

Don Calò hatte die natürliche Gabe, über Menschen zu herrschen; er nutzte ihre Leidenschaften ebenso wie ihre Furcht. Seine überragende Würde, die Kraft seiner sparsamen, aber gewichtigen Rede und die majestätische Entschiedenheit seiner Meinungen kamen dem menschlichen Bedürfnis, geführt zu

werden, sehr entgegen. Sogar Intellektuelle gestanden ein, daß sie für diese seltsame Anziehungskraft empfänglich waren, die Don Calò - gleich vielen anderen Mafia-Chefs - zu eigen war.

Der Bürgermeister von Villalba hätte vermutlich über die kindische Ansicht derer, die ihn für einen Verbrecher hielten, nur den Kopf geschüttelt. Er sah sich als das Haupt einer selbstgeschaffenen Aristokratie, der die Herrschaft gleichsam nach göttlichem Recht zugefallen war. Er glaubte an sich, wie es nur ein Mafioso konnte. Und mit dem gleichmütigen und unerschütterlichen Glauben eines religiösen Fanatikers zwang er auch seine Mitmenschen, an ihn zu glauben.

Don Calò glaubte zu wissen, daß er allein Sizilien so regieren könne, wie es für Sizilien gut war. Wenn jemand gewagt hätte, dieser Anmaßung zu opponieren - er hätte nur an den totalen Ruin erinnert, der zurückblieb, als 20 Jahre hindurch nicht die Mafia, sondern der Faschismus geherrscht hatte.

Verbrecher waren die Mafiosi alter Schule nur vor dem abstrakten staatlichen Gesetz - und, eher verworren und undeutlich, auch in den Augen jener Bauern, die sie ausbeuteten. Für alle anderen waren sie "Männer des Ansehens" mit redlichen, wenn auch geheimnisvollen Zielen.

Eine der seltsamen Facetten in Don Calòs erstaunlicher Persönlichkeit beleuchtet ein Gespräch, das ein Reporter 15 Jahre später - nach dem Tod Don Calòs - mit dessen Fahrer führte. "Hat Don Calò Sie gut bezahlt?" "Ich habe nie eine Lira von ihm bekommen."

"Sie meinen, er zahlte keinen Lohn - wovon haben Sie denn gelebt?"

"Ich nehme an, Sie werden es Betrug nennen. Ich sagte ihm, wir würden neue Reifen für das Auto brauchen, oder auch Öl oder Benzin. Einmal habe ich sogar gesagt, wir brauchten einen neuen Motor. Das Geld habe ich dann für mich behalten. Er hat nie etwas dazu gesagt."

"Hat er denn nicht bemerkt, was vorging?"

"Natürlich hat er es gemerkt. Ihm entging nichts. Don Calò wußte von allem, was passierte. Aber er wollte es so. Er gab mir keinen Lohn, also betrog ich ihn. Und er tat so, als merkte er es nicht. So wollte er es haben."

IM NÄCHSTEN HEFT:

Don Calòs erster Überfall - Räuberhauptmann Varsanola entwickelt eine Bandentaktik - Gestohlene Pferde für die Armee - Don Calò spendet für den Marsch auf Rom

Einmarsch amerikanischer Truppen in Palermo (1943): Agenten der Mafia bahnten den Weg

Sizilien-Herrscher Don Calò Vizzini

Der Chef der Mafia ...

Sizilien-Eroberer Patton

... wurde Ehren-Oberst der US-Armee

Mafia-Führer Russo (links, stehend): Für befreite Verbrecher ...

... Waffenscheine von den Alliierten: Sizilianer, US-Soldat (1943)

Amerikanischer Mafia-Chef Luciano: Im Gefängnis Dienste für die Invasion

Mafia-Stützpunkt Villalba: "Es lebe die Mafia - es lebe die US-Armee!"

* Siehe Titelbild.


DER SPIEGEL 51/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 51/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Ehrenwerte Gesellschaft