09.10.1967

THEATER / HOCHHUTHRitt gegen Riesen

Die "Frevel der Mächtigen", so empfahl Friedrich Schiller, sollten vor den "schrecklichen Richterstuhl" der Schaubühne gezerrt werden -- "zum schauervollen Unterricht der Nachwelt".
Der einstige Bertelsmann-Lektor Rolf Hochhuth, 36, hat, wie kein zweiter dichtender Zeitgenosse, Schillers Rat befolgt. Im fünf Stunden langen Debüt-Drama "Der Stellvertreter" (1963) zieh er den Papst Plus XII. der Mitschuld am Leiden der Juden unter Hitler. Im gleich langen Zweitling "Soldaten" -- Uraufführung: Montag dieser Woche in der Berliner Freien Volksbühne in einer dreistündigen Kurzfassung (Regie: Hans Schweikart; Churchill: 0. E. Hasse) -- tritt Churchill mit dem Makel eines Städtetilgers und Mord-Komplicen auf.
Mit dem "Stellvertreter", der inzwischen in 17 Sprachen übersetzt und in 25 Ländern gespielt wurde, hatte Hochhuth eine vergessene Stück-Art belebt -- das auf Dokumente gegründete Historien-Drama. Der Anspruch geschichtlicher Authentizität verschaffte dem Papst-Pamphlet eine unerwartete Explosivkraft: Historiker und Kleriker setzten sich grimmig mit dem Theaterstück auseinander, und Hochhuth gewann den Ruf einer Nemesis von Gütersloh.
Sein zweites Werk von gleicher Art war schon Streit-Objekt, ehe es Bühnenreife hatte. Das National Theatre, Englands Haupt- und Staatsbühne, plante eine "Soldaten"-Aufführung noch vor der deutschen Premiere. Aber im April dieses Jahres wies der Aufsichtsrat der Bühne das Stück zurück -- Churchill werde darin "besudelt" und "grob verleumdet". In beiden Stücken macht Hochhuth Ausländer mitschuldig an Verbrechen, die von Deutschen begonnen wurden -- die Ermordung von Juden und die Bombardierung von Zivilisten. Der Grund dafür, daß er Hitler ausspart" ist ein dramaturgischer. Hochhuth: "Hitler ist kein Tragödien-Held, sondern ein Fall der Kriminal-Statistik oder der Kranken-Geschichte."
Denn Hochhuth glaubt, wie Schiller, nur an ein Theater, in dessen Zentrum ein großes Individuum steht, das frei zwischen Gut und Böse wählen kann. Tragik umwittert einen solchen "Dynamo der Geschichte", wenn er, wie Churchill, im Kampf gegen die "teutonische Bestie" zu unmenschlichen Mitteln greifen muß.
Mit dem "Soldaten"-Stück will Hochhuth "praktische Vernunft predigen". Ihn hatte die Einsicht überfallen, "daß in unseren zivilisierten Breiten jeden Tag die Rede von Waffen ist, die im Falle eines Krieges die vollkommene Ausschaltung des Roten Kreuzes" bedeuten -- und die "Einäscherung von Nichtkombattanten".
Hochhuths Sprachrohr im Stück ist der einstige RAF-Bomberpilot Peter Dorland, der über Dresden abstürzte, beim Leichentragen helfen mußte und angesichts des Grauens ein moralisches Damaskus erlebte. Als "exemplarischer Sünder der Epoche", der zudem todkrank ist, will er mit einem Jedermann-Spiel den Sinn der Bomber-Kameraden wandeln -- während einer Zentenar-Feier des Roten Kreuzes im Jahre 1964 in der Coventry-Ruine.
Dorland, dessen Namen Hochhuth vom mittelalterlichen Jedermann-Autor Dorland herleitet, will die Genfer Konvention um ein Gesetz erweitern, das die Bombardierung von Zivilisten genauso ächtet wie etwa das Erschießen von Gefangenen. Während eines Vorspiels, in dem ein deutscher Nato-Offizier, ein weiser Steinmetz, Dorlands Sohn, ein amerikanischer und ein russischer Kosmonaut mit "Klingelohren" (Gleichgewichtsstörungen) sowie der Luftmarschall Harns als Traumfigur umgehen, disputiert Dorland Moralia und leitet über zum Jedermann-Drama. Der Zuschauer hat es sich als Spiel im Spiel zu denken.
Als Jedermann-Spiel ist es jedoch nicht mehr auszumachen, denn beim Schreiben verlor Hochhuth den Jedermann Dorland aus dem Auge, und Churchill, "der Mann, der mit der Stirn den Erdball bewegt", drängte sich vor. Schließlich sickerte in das als reines Luftkriegs-Drama geplante Stück noch das sinistre Attentats-Komplott gegen den polnischen General Sikorski ein.
So entstand eine Art Charakter-Tragödie um einen bulligen, bissigen Kriegspremier Churchill, in hoher Rede und freien Rhythmen, mit geflügelten Worten und sinnreichen Maximen ("Ehe ist Liebe ohne Sehnsucht"), mit sentimentalen, kolportagehaften und funkelnd gescheiten Passagen -- Theater auf halbem Wege zwischen Schillers Weimar und dem Radebeul Karl Mays.
Im ersten Teil des Dreiakters dampft der Premier im Jahre 1943 auf der "Duke of York" gen Schottland. Auf tritt der weibliche Leutnant Helen, Churchills Ordonnanz, und flirtet mit einem Hauptmann der polnischen Untergrundarmee. Resultat: Der Hauptmann bekommt Helens Kabinenschlüssel.
Nach diesem Beispiel britisch-polnischer Kriegskameradschaft erscheinen Churchill (Regieanweisung: "marineblau gekleidet"), sein Berater Lord Cherwell ("Cicero-Kopf von böser männlicher Schönheit") und der Generalstabschef Alan Brooke (läßt "ständig seine Zunge eidechsenhaft um die Lippen spielen") auf dem Achterdeck.
Churchillfordert, nach 137 Hamburg-Angriffen, die endgültige Einäscherung der Stadt -- "Diesmal die Sterbesakramente, endlich!" -- und düpiert sodann den mitreisenden General Sikorski ("von malerischer Ritterlichkeit"): Um Stalin nicht stärker zu verärgern, schlägt er die Forderungen des Polen -- Untersuchung der Gräber von Katyn, Sicherung der polnischen Ostgrenzen -- entschieden ab (Siehe Hochhuth-Aufsatz Seite 164).
"Bett und Schlachtfeld", schreibt Hochhuth, sind "die zwei wesentlichen Aktionszentren vitaler Entladung": Der zweite Akt zeigt den Premier bei Staatsgeschäften im Bett (Siehe Auszug Seite 177). Er begutachtet Luftbilder vom Hamburg-Bombardement und läßt sich vom mephistophelischen Cherwell einflüstern, den Störenfried Sikorski durch ein Attentat zum Schweigen zu bringen.
Der dritte Akt schließlich spielt im Premier-Park von Chequers und führt Churchilis Antagonisten, den Bischof Bell von Chichester, heran. Der Bischof, ein Gegner des Flächenbombardements:
"Scheuen Sie nicht Taten, die man als Mord bezeichnet, wenn Hitler sie tut?" Churchill: "Zwei Kriege haben mich gelehrt: Wer siegen will, der sei so böse wie der, den er vernichten muß."
Die Nachricht von Sikorskis Absturz bei Gibraltar, zwischen
Seeschlacht-Depeschen, Disputen über den deutschen Widerstand und Bismarcks Ostpolitik vernommen, bewirkt wenig Überraschung -- außer beim polnischen Hauptmann. Er gibt dem Leutnant Helen den Zimmerschlüssel zurück, beantwortet Churchills Kondolenz mit einer versteckten Anschuldigung und "stürzt weg".
Das Nachspiel zum Spiel im Spiel birgt Resignation: Die Rot-Kreuz-Versammlung hat es abgelehnt, ein Luftkriegsgesetz zu debattieren. Dorlands dramatischer Einsatz war umsonst.
Hochhuth hatte Bomben-Schrecknisse nicht aus nächster Nähe erleben müssen: Im hessischen Eschwege, Hochhuths Heimatort, fielen wenig Bomben. Als 12jähriger Pimpf hielt er einmal Wache am Sarg von Schulkameraden, die als Flakhelfer in Kassel umgekommen waren.
Seine blonde Eschweger Mitschülerin Marianne hat Hochhuth vor zehn Jahren geheiratet; ihre Ansicht zur gesetzlichen Begrenzung des Bombenkrieges ist in die "Soldaten" eingegangen -- in den Worten Helens: "Schränkt man den Krieg und seine Opfer ein ... so macht man ihn ja erst gesetzlich, erlaubt ihn erst."
Die meisten Worte der historischen Figuren -- Churchill, Cherwell, Brooke, Bell -- sind Hochhuthsche Erfindungen, selbst so markante Merksätze wie: "Geschichte ist das, was uns mißglückt." Hochhuth: "Churchill könnte das gesagt haben."
Auch keine Szene auf der Bühne hat je in Wirklichkeit so stattgefunden. Hochhuth hält nichts vom "Schielen nach photographischer Treue; das Theater sollte nicht versuchen, was Film und TV viel besser können"; er folgt lieber einem Satz von Thomas Mann: "Phantasie haben heißt nicht, sich etwas ausdenken; es heißt, sich aus den Dingen etwas machen."
Zur Schiff-Szene etwa inspirierte ihn eine Reise nach Amerika, die er mit seinem Verleger Ledig-Rowohlt auf dem Luxusdampfer "France" im Jahre 1964 machte. Das Vorbild zur Park-Szenerie bietet sich ihm, wenn er aus dem Kuchenfenster seiner Basler Mietshauswohnung blickt. Nur Churchills Hang, vom Bett her zu regieren, ist durch Brooke belegt.
Für den geschichtlichen Hintergrund hatte der Amateurhistoriker Hochhuth vielfältige Studien getrieben, Piloten interviewt und Lesefrüchte gesammelt -- das Schicksal des armen Sikor-
* O. E. Hasse als Churchill, Dieter Borsche als Sikorski vor dem BUhneneingang der Berliner Freien Volksbühne.
ski ist ihm dagegen auf geheimnisvolle Weise zugetragen worden.
Hochhuth: "Ich habe von Sikorski nichts gewußt bis zu einer bestimmten, sehr zufälligen Begegnung. Dieser Mann wäre mir als Zeuge absolut unverläßlich, wenn ich ihn nicht durch einen Sack voll Indizien hätte ernst nehmen müssen."
Hochhuth bat seinen Freund, den britischen Historiker David Irving ("Der Untergang Dresdens"), den gewiesenen Spuren nachzugehen. Irving stieß auf eine "Verschwörung des Schweigens" und kam zu Ergebnissen, die eine Komplott-These stützen. Die Informationen des großen Unbekannten jedoch, sagt Hochhuth, "sind deponiert und werden in 50 Jahren von mehreren wissenschaftlichen Instituten veröffentlicht werden."
Hochhuth: "Ich weiß, daß Sikorski von Whitehall ermordet werden mußte; in 50 Jahren wird man nicht mehr daran zweifeln."
Bis dahin wird der Polen-Tod im Stück als Hintertreppen-Einlage wirken -- aber Hochhuth würde die "Soldaten", schriebe er sie noch einmal, sowieso ganz anders fassen: Das "Polen-Problem" stünde mehr in der Mitte, denn es ist "zeitloser".
Der Dramatiker verkehrt, seit er 1963 nach Basel überwechselte, gern beim Philosophen Jaspers, und auch beim Basler Literatur-Professor Muschg fand er freundliche Aufnahme. Hochhuth besuchte das Oberseminar des Gelehrten und disputierte mit ihm, vier Tage vor dessen Tod, die Darstellung des Todes auf der Bühne.
Hochhuth, inzwischen Vater der Söhne Fritz, 2, und Martin, 6, findet sein Basler Leben sonst "ungeheuer langweilig": Vormittags schreibt er, nachmittags fährt er auf seinem Rad, das er für 100 Mark einem Theologiestudenten abgehandelt hat, zur Bibliothek. Radfahren, sagt Hochhuth, "wäscht die Stirn".
Am "Stellvertreter" will er weniger als eine Million Mark verdient haben. An der Buch-Ausgabe des Erstlings (225 000 Gesamtauflage, Preis: 8,80 Mark) war er mit fünf Prozent beteiligt; vom "Soldaten"-Buch (Erstauflage: 50 000, Preis: 9,80 Mark) fallen 7,5 Prozent für ihn ab.
Vom Plan eines "Stellvertreter"-Films hat Hochhuth nichts mehr vernommen, seit der französische Produzent Georges de Beauregard ("Die Nonne") die Rechte für 300 000 Mark erworben und sie Anatole Litvak weiterverkauft hatte. Die Filmbranche kolportiert das Gerücht, der italienische Film-Cäsar Ponti habe schließlich dem Papst die Rechte vermacht, um kirchliche Verfolgung wegen seiner Zweitehe mit der Loren zu bremsen.
Wenn Hochhuth freundlich, schmal und nervös auf dem Rad dahineilt, erweckt er nicht den Eindruck eines Mannes, der Bilder stürmt und die Welt bewegt. Eher gemahnt er an einen Don Quichotte, der gegen Windmühlenflügel galoppiert und sich plötzlich veritablen Riesen gegenübersieht.

DER SPIEGEL 42/1967
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