09.10.1967

Rudolf Augstein über Rolf Hochhuths „Soldaten“

Daß 56 000 Briten und mehr als 40 000 Amerikaner in Bombenflugzeugen über Deutschland gefallen sind; daß die Tochter des britischen Generalstabschefs Sir Alan Brooke derweil als Frau eines deutschen Generalstablers in Berlin lebte; daß Winston Churchill anderthalb Zeilen über das zerbombte Dresden, daß er den Namen Sikorski in der sonst nur unwesentlich gekürzten einbändigen Ausgabe seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs weggelassen habe -- diese und ähnliche Tatsachen erfahre ich aus der Lektüre von Hochhuths "Soldaten"*.
Moralisch erfahre ich nichts Neues aus diesem hochmoralischen Stück. Daß man Frauen und Kinder, daß man "Zivilisten" keinesfalls totbomben dürfe, wie Hochhuth anklagend postuliert: ist das wohl überzeugend?
Nehmen wir einmal an, der britische Bombenkrieg gegen "deutsche Arbeiterwohnviertel" -- im Ernst: ein paar Angestellte und Mittelständler zählten auch zu den Opfern -- hätte bewirken können, daß der Krieg 300 Tage früher zu Ende gegangen wäre: wieviel Frauen und Kinder in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, wieviel männliche "Zivilisten" und Soldaten wären wohl gerettet worden?
Hätte Churchill aus Bosheit bomben lassen -- wie es gegen Schluß des Krieges ein Weilchen ausgesehen hat -, so hätte sich vielleicht ein Dramenstoff ergeben können, sehr vielleicht, christlicher Staatsmann als verrohtes Untier etc.
Aber Hochhuth hatte den unglücklichen Einfall, Churchill gleich mit zwei Verbrechen zu belasten:
> mit dem Bombenkrieg gegen deutsche Zivilisten (geschätzte Verluste: 450 000)
> und mit der etwas unfeinen Ermordung des polnischen Ministerpräsidenten Sikorski, seines Verbündeten.
Da Sikorski 1943 mit dem Flugzeug tödlich verunglückte, da seine angebliche Ermordung im Zentrum zweier Akte schmort, konnte Hochhuth nicht die, irgendwo verbrecherische, Zerbombung Dresdens zum Vorwurf nehmen, sondern nur das Unternehmen Gomorra, die Zerstörung halb Hamburgs im Jahre 1943. Zu diesem Zeitpunkt glaubt auch der Churchill des Hochhuth-Stückes noch nicht, "daß die Verbrennung der Wohnzentren militärisch effektlos ist". Die Effektlosigkeit erkannten die führenden Männer von Churchills Luftwaffe, immer laut Hochhuth, erst im Sommer 1944. Ein bloßer Irrtum also, ein vielleicht folgenschwerer Irrtum meinetwegen, ein Irrtum der Fachleute, denen Churchill vertraut hat -- mir scheint, Hochhuth
* Rolf Hochhuth: "Soldaten". Rowohlt verlag, Reinbek; 192 Seiten; 9,80 Mark.
hat sich von seinem Gegenstand in die Irre führen lassen.
Wie soll Hochhuths Dr. Beil, der humane Bischof von Chichester, gegen Churchill anargumentieren, wenn die Sinnlosigkeit der Angriffe noch gar nicht erwiesen war? Hilflos beschwört er den Premier im letzten Satz seines Auftritts: "Machen Sie Halt vor dem Vermächtnis der Nightingale."
So wundert man sich denn auch nicht, bei Hochhuth zu hören, Bischof Bell habe als einziges Resultat seiner Interventionen verbuchen können, daß der Einsatzbefehl für Weihnachten 1943 storniert wurde:" So wahr ich Brite bin: Heiligabend bomben Sie nicht!"
Wer kein Gewehr trägt und auch keines herstellt, den darf man auch im Krieg laut Bischof Bell nicht töten. Aber den Arbeiter und die Arbeiterinnen in der Rüstung? Bell: "Ich fürchte ja -- die darf man töten."
Man kann die Verwendung der Atombombe für schlechthin unmoralisch halten (anders als Hochhuths "Stellvertreter" Plus XII.); man kann auch den Krieg der USA gegen das Volk von Vietnam für unmoralisch halten. Aber nach Hochhuths chevaleresker Definition "Soldat ist, wer Soldaten bekämpft" wäre der Krieg in Vietnam vorn Berufsethos des Soldaten her kaum zu beanstanden. Die Amerikaner bomben "Panzer, Brücken, Industrien, Staudämme", nicht aber "Wehrlose".
Moralisches Versagen einer weithin sichtbaren, für bedeutend gehaltenen Figur ist auch das Thema des zweiten Hochhuth-Spektakels. Im Fall Churchill wird es nicht so sehr am Bombenkrieg gegen Frauen und Kinder wie an der Ermordung Sikorskis exemplifiziert.
Man darf neugierig sein, wie es den Regisseuren gelingt, den ganz untheatralischen Widerstand zu überspielen, der sich im Zuschauer regen könnte, weil Hochhuth nicht den Anschein eines Beweises bringt. Daß Sikorski auf mysteriöse, jedem Verdacht offene Art zu Tode kam, wird kaum jemand bestreiten. Aber was hat Churchill damit zu tun, unterstellt sogar, er wäre im Endeffekt ein Nutznießer dieses Todes gewesen?
Daß Staatsmänner, auch britische, gelegentlich Mord in Auftrag gegeben haben, 8011 schon vorgekommen sein. Auch ist Hintertreppe keine Erfindung der Hintertreppen-Kolporteure. Dennoch, Hochhuth mutet uns recht viel zu. Wir wissen von de Gaulle, wie Churchill mit unbequemen, aber letztlich einflußlosen Kontrahenten umging: theatralisch, generös, genießerisch, auch brutal.
Sich vorzustellen, daß er einen dieser Unbequemen -- und mehr als reichlich unbequem kann ein einflußloser Mann ja nicht sein -- absichtlich im Flugzeug hätte absaufen lassen, ist ein wenig beleidigend, nicht unbedingt für die Familie Churchill, wohl aber für unser historisches Verständnis.
Daß Churchill moralisch imstande gewesen wäre, in anderen Zeiten und unter anderen Umständen einen Widersacher auch umbringen zu lassen, ist vorstellbar. Welcher Staatsmann wäre, unabhängig von Zeit und Ort, gegen solch eine Versuchung gefeit?
Aber wenn ich dem Nachfolger Disraelis, Gladstones, Salisburys und des Lloyd George eine solch altmodische Schurkerei ans Totenhemd klebe, dann, bitte, brauche ich den kleinsten Beweis.
Bei Hochhuth diktiert Churchill höchstselbst dem russischen Botschafter Maiski den Termin eines Besuches in Gibraltar, damit nicht die Briten, sondern die Sowjets verdächtig werden, wenn Sikorski zum gleichen Zeitpunkt über Gibraltar abstürzt. Das heißt zu viel von uns verlangen. So mordet man nicht einmal in Diktaturen.
Daß Hochhuth keine Beweise vorlegt, ist nicht einmal das Schlimmste, sondern, daß er fälschlich insinuiert. Da wird dem zweiten Akt im Fettdruck der Satz aus Churchilis Büchern vorangestellt, den Churchill über Lord Balfour schrieb, einen der Väter des Staates Israel: "So loyal er gegenüber Kollegen war, schreckte er doch nie davor zurück, sie ein für allemal, wenn die öffentliche Not es verlangte, zu beseitigen."
Weiß Hochhuth nicht, wie das gemeint ist? Glaubt er, Lord Balfour habe seine unbequemen Kollegen physisch umbringen lassen?
Wenn Gladstone gesagt hat, ein britischer Premierminister müsse ein guter Metzger sein, hat er dann gemeint, solch ein Premier müsse seine Minister schlachten wie Haarmann seine Hannoveraner?
Mit viel Emphase weist uns Hochhuth in seiner Regie eine Stelle bei Sefton Delmer nach, der zufolge die britische Geheimorganisation SOE verantwortlich gewesen sei "für die Organisation von Widerstands- und Sabotageakten, Ermordungen und ähnliche Unternehmungen". Nun, mag sein, mag nicht sein. So what?
Churchill, der Nichtsoldat, handelt in Hochhuths "Soldaten" als Verbrecher, teils aus Staatsraison, teils aus, nun ja, aus Kriegslust? Das wird nicht klar. Der Reiter-General Sikorski stirbt als Soldat, und Churchill sagt über ihn: "Soldaten müssen sterben, aber durch ihren Tod stärken sie das Volk, das sie geboren hat."
Rolf Hochhuth, der sich mit der Person des Kriegspremiers Winston Churchill in staunenswertem, ja in Bewunderung heischendem Fleiß vertraut gemacht hat, ist, was die Moral anlangt, einer Irrlichterei erlegen: Er hat sich zu viel entrüstet, und er hat zuwenig nachgedacht. Ob er Churchill nebst Hofstaat auf die Bühnen bringen, ob er Geschichte lebendig machen konnte, wird die -- hoffentlich häufige -- Aufführung seines Stückes lehren.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 42/1967
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