09.10.1967

„JETZT ABER RUNTER MIT DEM POLACKEN“

Der zweite Akt, den der SPIEGEL leicht gekürzt abdruckt, zeigt den Premier-Minister Churchill beim Lever. „PM“, schreibt Autor Hochhuth vor, sitzt im Bett, „seine Ellenbogen auf zwei dicke Schwämme gestützt“ und „brennt die einzige Zigarre an, die im ganzen Stück geraucht wird“. Seine Gesprächspartner sind der Generalstabs-Chef Alan Brooke ("abgehacktes, fast unverständlich schnelles Sprechen"), der Generalzahlmeister des Schatzamtes Lord Cherwell ("Churchills Günstling") und die weibliche Ordonnanz Helen ("ein ernster, schöner Subalternoffizier, dreißig Jahre alt"). Der Dialog kreist um die Bombardierung „Gomorras“ (Hamburg) und um den polnischen General Sikorski -- Churchill und Cherwell beschließen in einem wortarmen Komplott seinen Tod.
PM: Wo bleiben die Photos von Gomorra, Leutnant! HELEN kommt wieder: Unterwegs, Sir. Ab. PM zu Brooke, der seinen Whisky trinkt: Ideen! Neulich meinten die Amerikaner, wir sollten in Italien die Monarchie abschaffen; als wäre nicht der kurze König da der geborene Stiefeiknecht für uns. -- Helen! Papierkorb.
Der brennt nämlich wieder einmal. Der Premierminister hat. wegen dieses gewohnten Feuerchens kaum die Stimme gehoben, er hat die halb gerauchte Zigarre in den falschen Behälter geworfen, denn neben dem Bett stehen -- fast in Höhe der Matratze -- Papierkorb und Aschenbecher, beide in Metallständern. Lord Cherwell reicht, auch schon automatisch, Helen, die herbeieilt, einen Siphon mit Mineralwasser, sie löscht, Churchill hat das Gespräch nicht unterbrochen.
Rom bombardieren, einen Tag vor und einen nach der Landung bei Salerno. Wenn wir den Pöbel von Trastevere gegen Mussolini aufputschen, werfen sie den Bullen, der ja nur noch ein Ochse ist, vom Balkon des Palazzo Venezia.
BROOKE: Wenn aber Hitler uns zuvorkommt und, selber Rom zur Offenen Stadt erklärt: dann hat er den moralischen Gewinn!
CHERWELL: Den moralischen gönne ich ihm, den hat er nötig.
© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1967.
PM: Rom! Wie Macaulay davon schwärmt, der glanzvolle literarische Spitzbube. Keine andere Einrichtung hat standgehalten, die unsere Blicke zurücklenkt in die Zeiten, da Opferrauch aufstieg vom Pantheon, da Giraffen und Tiger im flavischen Amphitheater vorgeführt wurden. Die stolzesten Königshäuser, die sind von gestern, mißt man sie am Papsttum ... Die Kirche -- wird noch dastehen in ungeschwächter Kraft, wenn einst ein Reisender aus Neuseeland, inmitten ungeheurer Einsamkeit, auf einem zerbrochenen Pfeiler der Themsebrücke Posten faßt, um die Ruinen von Sankt Paul zu zeichnen ... Was für ein Nekrolog --
Cherwell hat oft erlebt, wie der Premierminister dem Wort barock seines heißgehaßten Lieblingsautors erliegt. Churchills sehr zierliche weiße Hände haben, als würden sie Papierschlangen auswerfen, die vergoldeten Blechvokabeln dirigiert -- und allenfalls ein Witz, das weiß der Prof., kann jetzt den Premierminister aus der Literatur wieder zu den Geschäften zurückführen. So sagt der gefrorene Zyniker, spitz und rasch, da er es längst vorrätig hat --
CHERWELL: Also: da Macaulay versichert, daß Rom uns trotzdem überlebt, so sollten wir den Fritzen Zeit lassen, es zur Verteidigung einzurichten -- um damit ein rasantes Bombardement zu begründen!
PM: Dann sind die Horden Hitlers vor aller Welt derart verteufelt, daß selbst der Papst sie nicht mehr segnen kann -- wie er das wöchentlich in Massenaudienzen tut. Wir wollens aber nicht gerade dem Präsidenten so erklären: Helen ist in großer Eile eingetreten, kommt aber nicht zu Wort.
Helen! -- Was bringen Sie wieder! Er reicht ihr das Rom-Kabel. Hier -- der Außenminister möchte irgendeine Antwort erfinden -- und?
HELEN nimmt ihm das Kabel ab, zögert plötzlich, ihm das neue zu geben, das sie hereinbrachte, mit Überwindung: Sir -- dies jetzt! Sie tritt zurück. Der Premierminister hat erschrocken aufgeschaut, als er ihr das Kabel abnahm. Er liest. Seine Hand mit dem Telegramm fällt auf die Steppdecke. Cherwell nimmt das Kabel auf.
PM, während Cherwell liest, zu Brooke: Schlimmer als ein Desaster an der Front.
CHERWELL, indem er Brooke das Kabel hinüberreicht: Stalin hat die Beziehungen zu Polen abgebrochen!
PM: Wie habe ich Stalin angefleht, diesen Trumpf dem Hitler nicht zu gönnen!
CHERWELL -- das einzige Mal im Stück, da er tiefes Betroffensein zeigt. Er preßt sich die Worte ab: Jetzt aber "runter vom Schlitten mit dem Polacken.
PM röchelnd vor Wut: Sikorski... Sikorski -- Sik -- Da er noch vier Jahre später -- mit zweiundsiebzig -- Purzelbäume in Schwimmbecken schlägt, kann er jetzt trotz seiner zwei Zentner und elf Pfund mit einem Sprung aus den Federn sein. Er schreit den Leutnant an: Maiski -- los, los: holen Sie den her, sofort. Sawyers soll mein Bad einlassen -- los doch: was warten Sie! HELEN: Unmöglich, Sir. Sie können den russischen Botschafter jetzt nicht empfangen. Sie essen in achtzig Minuten beim König.
PM noch ebenso aufgebracht, dann ruhiger: Heute! -- Wieso, ja natürlich, Dienstag. Also telephonisch, verbinden Sie.
HELEN: Sofort. Ab. Stille. Ratlosigkeit.
BROOKE: Ich war zum Lunchen mit Sikorski: trotz Katyn will er seinen Frieden mit Stalin. Aber er mußte doch zunächst ...
PM, als wolle er Brooke umrennen ("Er hielt mir die Faust unter die Nase"): Mußte! -- Was mußte er! Hinter meinem Rücken im Weißen Haus dreimal, dreimal den Präsidenten überreden, der britischen Regierung zu verbieten, dem Kreml die Wiedergewinnung zaristisch-russischer Provinzen zu garantieren!
CHERWELL, da PM vor Erregung nicht weitersprechen kann: Solange dieser Pole da ist, Sir Alan, bat Großbritannien keine Garantie, daß nicht der Kreml aus dem Kriege aussteigt und sich erneut mit Hitler arrangiert. BROOKE ratlos: Warum gibt Roosevelt Sikorski nach?
PM ungeduldig, barsch: Weil Sikorski acht Millionen Polen in USA die Wahl vorschreibt, natürlich!
HELEN, wieder eingetreten: Der russische Botschafter ist unterwegs, Sir! PM: Hierher?
HELEN: Nein, außer Haus. Die Botschaft ruft uns an, wenn er zurück ist. BROOKE lacht verächtlich: Der Kreml als Protektor Polens? Soll Sikorski einen Hund an die Wurst binden, um die Wurst zu behalten?
PM -- zu Cherwell nur eine Handbewegung, als wolle er ausdrücken, manches ist besser gepfiffen als gesprochen -- und an diesen Soldaten ist ebenso jedes Wort verschwendet wie an den Soldaten Sikorski.
CHERWELL zu Brooke: Brooke -- Sikorski hat die Wurst nicht! Und bekäme seine Wurst nie retour ohne die Rote Armee. Er ist unanständig. Nicht einmal Königsberg -- will Sikorski dem Kreml zugestehen.
PM brüllt dazwischen: Leutnant. Murmelnd: Das wollen wir doch gleich mal festnageln -- auf ewig.
Jetzt zu Helen, die mit dem Block eingetreten ist, rasch: Ein Stichwort -- Kabel an Stalin: "Mir scheint, die Russen haben einen historisch wohlbegründeten Anspruch auf Königsberg. Die Regierung Seiner Majestät betrachtet diesen Krieg gegen die deutsche Aggression als einen dreißigjährigen von 1914 an und wird die Polen erinnern, daß diese Erde mit russischem Blut getränkt ist. Hier -gesperrt -- hatten die russischen Armeen im August 14 die Deutschen gezwungen, zwei Armeekorps vom Marsch auf Paris abzuziehen und haben damit den Sieg an der Marne ermöglicht, der dann durch die Katastrophe bei Tannenberg in keiner Weise zunichte gemacht wurde." Schluß. Danke.
CHERWELL sofort: Soll Stalin Ihnen das glauben, Winston?
PM leise: Erlauben Sie, Prof.: Sie wissen, daß ist ehrlich.
CHERWELL: Ich ja, aber Stalin? Wenn Sie festhalten an dem Mann, der dafür lebt, den Russen Königsberg, Wilna und Lemberg zu verweigern? Churchill hat das selber längst bedacht. Er schweigt furchterregend.
BROOKE fühlt, daß er stört, im Abgehen: Premierminister -- wir sehen uns im Kabinett. Er nickt auch Cherwell zu, der zum Gruß die Hand erhebt, die sein "Mundtuch" hält, mit dem er sich, es aus der Rocktasche ziehend, oft abtupft.
PM hat zwar freundlich genickt, als Brooke sich verabschiedete -- es aber keineswegs aufgenommen.
HELEN ist eingetreten: Sir -- Sawyers hat das Bad eingelassen.
PM: Wo bleibt der Anruf der Russen? HELEN: Der Botschafter ist nicht da -- PM im Begriff, ins Bett zu steigen: Bringen Sie endlich das Kreml-Kabel. HELEN nickt: Sir, das Bad ist eingelassen. Sie müssen jetzt wirklich aufstehen. Sie blickt auf die Uhr. --
PM, indem er wieder unter die Decke geht: Ich bin ja schon aufgestanden -- Helen wartet, zuckend vor Ungeduld. Prof. -- hat Eden Ihnen erzählt, wie er neulich den Polen einen Kreuzer schenken wollte? --
CHERWELL: Vermute: sie verlangten ein Schlachtschiff!
PM bedrohlich belustigt: Na -- Anthony teilt Sikorski mit, die Navy schenkt Polen ein gutes starkes Schiff. Ergebnis: Sikorski besteht darauf, den Kreuzer Lemberg zu nennen. Eden bittet: Exzellenz! -- In den Augen des Kreml ist Lemberg doch eine russische Stadt! -- nennen Sie doch bitte Ihren Kreuzer Warschau oder Polen oder Gdingen --
CHERWELL: Ergebnis?
PM: Sikorski besteht auf Lemberg -- So kamen die Polen um den letzten Kreuzer!
CHERWELL: Realpolitik nennt man das -- unter Kindern, Betrunkenen und Deutschen.
PM: Offenbar unter Polen auch. HELEN offiziell meldend: Group-Captain Clark.
PM nickt, Clark tritt ein, salutiert, wartet in der Tür. Wenigstens Sie bringen Erfreuliches! In Hamburg können jetzt die Deutschen sämtliche Erfrierungen von zwei russischen Wintern auftauen!
CLARK: Premierminister -- die Landung in Frankreich braucht nicht stattzufinden! Am ersten April vierundvierzig sind Sie Sieger über Deutschland ... durch die totale -- Verhamburgerung Berlins -- ha!
Er hat das in den britischen Sprachgebrauch eingegangene Wort "lübecken", das eine Antwort auf Hitlers "coventrieren" war, durch ein neues ersetzt.
PM glücklich und gläubig: Wenn euch das glückt, dann segnen einige ... Hunderttausend Frauen, Mütter und Bräute auf der Insel den Namen Harris. . . Sie bringen ja einen ganzen Koffer mit --
CHERWELL während Clark sein schwarzes, schlankes Dokumentenköfferchen auf dem Tisch öffnet und eine Handvoll großer Photos hervorholt: Group-Captain -- Sie wissen, ich bin als Erfinder des Flächenbombardements der starrköpfigste Anhänger Ihres Marschalls. Aber ich habe in Berlin studiert -- die Stadt steht zu aufgelockert. Dort werdet ihr einen Feuersturm sowenig herstellen können wie die Hunnen in London.
CLARK scharf, weil Cherwell -- zu Recht -- sich als Erfinder des Flächenbombardements bezeichnet und -- nicht zu Recht -- die Fähigkeiten des Bomberkommandos mit denen des Feindes vergleicht: Dieser Vergleich kränkt uns, ha -- Lord Cherwell! bitte gehorsamst, Premierminister: sprechen Sie mit den Amerikanern, die weigern sich noch immer, Wohnviertel abzuräumen. Das sei -- ha: uneffektiv. PM, der mit einem altmodischen Stereoskop -- wie Harns es in seinen Memoiren schreibt -- zwei oder drei Photos studiert hat, knurrt, ohne Clark zugehört zu haben: Erstaunlich ... Prof.: ich schicke Stalin ein Stereoskop mit, gibt ja viel mehr her. Die Stadtteile gleichen einander wie die Skelette von Onkel und Tante. Clark -- bevor Marschall Harns die Berlin-Offensive startet, müßt ihr schnellstens dem Gangster die Raketen demolieren. -- Was -- was haben Sie denn da?
Er weist auf das Köfferchen.
CLARK: Verzeihung! Keine Photos -- Schmetterlinge.
Und während Cherwell die Gomorra-Photos betrachtet, hat Churchill seine Neugier dem Edelholzkästchen zugewendet, das Clark ihm hinhält: ein mit weißem Samt ausgeschlagener, sargschwarz lackierter Falter-Sarkophag mit Glasdeckel, etwa von der Größe eines viktorianischen Besteckkastens. Churchill hat sich niemals der Mühe unterzogen, wegen eines Besuchers den Rösselsprüngen seiner Gedanken Einhalt zu gebieten und einem Mitmenschen auch nur zuzuhören; übereinstimmend berichten alle, die über ihn schrieben, von seinem absoluten Desinteresse an Menschen, die er nicht in das Spiel seiner Ideen und Pläne hineinorganisieren konnte: Der ihn am intimsten kannte, sein Leibarzt, bezeugt das ungekränkt so oft wie sein Stabschef: "Der Krieg hat ihn immer fasziniert: er kennt die überraschendsten Details in den Schlachten ..., aber er hat sich noch keinen Augenblick dafür interessiert, was in der Seele des Soldaten vorgeht, er hat niemals auch nur versucht, seine Ängste zu teilen. Wenn ein Soldat seine Pflicht nicht tut, muß er nach der Meinung des PM erschossen werden. So einfach ist das ... Was der Mensch tut, nicht was er ist, zählt bei ihm ..."
Die prachtvollen Schmetterlingsleichen wurden -- zur Erinnerung an die Dienstzeit des Sammlers -- artig in Formation auf gespießt.
CLARK fast zärtlich, den Faltersarg in der Hand: Beim Juwelier abgeholt. In der Mitte -- die schweren Viermot-Lancaster, ha. Drumrum Begleitjäger -- Südengland hat Nachtfalter von subtropischem Reiz.
PM ängstlich: Clark -- Sie steigen doch nicht auf Bäume, das verbiete ich: um Falter zu fangen?
CLARK: Ha -- nein beruhigen Sie sich, Premierminister, nicht auf Bäume: Schmetterlinge kommen meist am Boden um -- wie die Piloten -- Was sollen wir sonst tun nachts -- Ernst: wir wollen, eh wir schlafen können, die Maschinen zählen ... die nicht mehr wiederkehren.
PM: Was für Farben, ich habe im ganzen Krieg bisher ein Bild malen dürfen! Prof., gucken Sie sich diese Blau-Skala an -- Helen! Die ist nicht da.
CHERWELL, das Stereoskop mit einem offenbar eindrucksvollen Diapositiv vor Augen, es kaum absetzend, murmelnd, ohne Sarkasmus: Schön, ja schön. Group-Captain, wenn erst einmal auch ... hier so etwas farbig zu sehen ist, Winston, Gomorra ist entschieden ein Erfolg. Ein Sieg! PM mit den Schmetterlingen: Müßt ihr nachlegen in Hamburg -?
CLARK: Heute abend, mit dreihundertfünfzig Bombern.
PM: Gomorra wird uns wieder den Bischof von Chichester -- und die Vera Brittain .und die Quäker Catchpool auf den Hals hetzen ... und Herrn Stafford Cripps, nicht zu vergessen. Halten uns für Mordbrenner, nur weil sie keine Phantasie haben sich die Landung in Frankreich ... sich den Strand da als Hackbrett vorzustellen!
CLARK: Warum sperren Sie die Schurken nicht ein, Sir --
PM böse den Kopf schüttelnd: Intellektuelle verhaften? Bin doch kein Deutscher.
CLARK: Sir -- darf ich warnen vor diesen Defätisten. Wir haben im Bomberkommando Vorträge halten lassen, um die Piloten zu beruhigen. Cripps sprach zu dem Thema: Gott ist mein Co-Pilot -- Resultat: totale moralische Verwirrung. Zunahme der Feiglinge.
PM ärgerlich: Ja -- wenn Harns den Staffond einlädt, der hat ja viel zuviel Verstand, um für irgend etwas in dieser Welt noch brauchbar zu sein. Er hat geklingelt. Helen ist erschienen. Leutnant -- merken Sie vor: den Bischof von Chichester irgendwann nach Chequers. Er berührt Helens blaue Marine Jacke, zeigt auf die Schmetterlinge: Vergleichen Sie die blauen Flügel -- mit diesem stumpfen Stoff: ein Unterschied wie zwischen dem Himmel und einem blaugeschlagenen Auge. HELEN: Phantastisch -- ja. Wie fangen Sie die denn, Herr Clark?
CLARK: Ganz simpel: ein Tuch am Waldrand spannen, anstrahlen mit einer Azetylenlampe -- dann lesen wir sie einfach ab wie Blätter.
HELEN: Aber dann leben die noch?
CLARK: Ganz simpel -- den großen drücke ich den Thorax ein. Helen sieht ihn fragend an. Die Brust -- ganz schmerzlos, nur tödlich, ha! Die kleinen stecke ich in eine Zyankaliflasche, wupp -- tot sind die Biester. Blausäuredampf.
PM macht ein Gesicht, als könne er sich auch Freizeitbeschäftigungen vorstellen, für die man weder Zyankali noch Blausäure, noch Stecknadeln benötigt. Befangen, abgeschreckt sagt höflich --
HELEN: -- daß die zarten Flügel so erhalten bleiben! Sie reicht den Kasten zurück, er tut ihn in den Koffer.
PM schon gelangweilt, unvermittelt scharf: Leutnant -- schlagen Sie ein -- wie ein Wohnblockknacker, da drau-
* Prüfstand für V-2-Raketen.
ßen, wenn nicht endlich der russische Botschafter -- Schaffen Sie den "ran, ganz gleich, woher ...
HELEN: Ich reklamiere, Sir -- bitte: stehen Sie auf.
PM trotzig wie ein Kind: Nein. Dann, weil Helen nicht geht: Nein! -- Was noch?
HELEN zögernd: Sir -- Lord Moran läßt sagen, sein Bulletin über Ihre völlige Genesung -- konnte nicht ... das Gerücht zum Schweigen bringen, Sie ... seien noch sehr krank. Ob nicht -- PM gereizt, überdrüssig: Tun Sie sich ja nicht mit diesem verdammten alten Mann zusammen! Also los -- Notiz an die Presse ... Mürrisch: "Man trägt mir heute morgen ... unter anderem auch wieder die Nachricht zu, ich sei gestern abend gestorben. Diese Behauptung ist -- weit übertrieben." Genügt!
CHERWELL: Keineswegs -- das dementiert nicht, daß Sie überhaupt krank sind. Winston, nehmen Sie das nicht zu leicht -- Ihre zweite Lungenentzündung hat tief beunruhigt, Sie sollten --
PM müde, ernst: Was soll ich noch alles!
HELEN: Premierminister -- wenn Sie der Amerikanerin, die Sie neulich hinausgeworfen haben, für New York Times doch mit einem Satz antworteten?
PM: Diese unverschämte Person -- hat mich als alten Mann bezeichnet. HELEN: -- ja, der sich seine Jugend erhalten hat! Sie wollte das Rezept wissen -- da würde die Krankheit gar nicht erwähnt.
CHERWELL kühl kalkulierend: Finde sehr nützlich, da zu antworten. PM: Meinetwegen -- das Rezept. Erstens: niemals Sport treiben. Zweitens: nicht rauchen, während man schläft. Drittens: Whisky mäßig, aber stündlich. Viertens:
HELEN, die mitgeschrieben hat: Danke, Sir -- lieber kein viertes: wegen -- der Frauenverbände drüben. PM während Helen abgeht -- er redet Clark deshalb militärisch an, weil er dessen Namen schon wieder vergessen hat: Group-Captain -- Lord Cherwell kann Ihnen berichten, wie Hitlers General von Thoma uns zum abortus praecox der Raketen drängte. CLARK: Haben wir den Boche-General gekauft?
CHERWELL: Nein -- auch dieser Deutsche ist unbezahlbar.
PM: Zu demütigend: da füttern wir zehntausend Spione, und dann klagt uns ein Deutscher im Generalscamp die sensationellste Nachricht ins Abhörgerät.
HELEN ist rasch eingetreten, ein Blatt übergebend: Sir -- die Erklärung Rußlands zum Abbruch der Beziehungen zu Polen!
PM nimmt es ihr weg, tut es verärgert fort, spuckt seine Wut aus, indem er brüllt: Das Kabel will ich endlich -- HELEN bestimmt: In drei Minuten, Sir.
Cherwell hat Clark am Arm gefaßt und in den Vordergrund gezogen, PM vertieft sich sofort in das Blatt, von dem er sagte, es interessiere ihn nicht. Clark hat eine Zigarette entzündet, sagt mit ehrerbietig leiser Stimme zu Cherwell --
CLARK: Ob uns der deutsche General nicht täuscht?
CHERWELL bestimmt, böse: Nein, nein -- von Thoma klagte ergreifend: Wo bleiben denn nur des Führers Raketen? Ich habe sie doch schon fliegen sehen!
CLARK aufgeschreckt: Fliegen -- tatsächlich? Fliegen! Also doch. Er pfeift hochachtungsvoll durch die Zähne.
CHERWELL nickend, Fingerspitzen in den Westentäschchen, wippt auf den Fußspitzen: Ich bestritt, wie Sie wissen, daß die Dinger überhaupt so bald fliegen könnten.
Helen sucht pantomimisch Cherwell um Hilfe wegen der Uhrzeit anzugehen. Auch Cherwell, lächelnd, blickt auf seine Uhr, dann aufs Bett, achselzuckend. Das Gespräch ist nicht aufgehalten worden --
CLARK zuschnappend: Die räumen wir ab, aber mit einem Hieb, sonst wird"s zu teuer.
CHERWELL: Ist jeden Preis wert.
CLARK: Peenemünde ist das entfernteste Ziel -- wir haben unterwegs sämtliche Nachtjäger Hitlers vom Zuidersee bis Berlin...
CHERWELL: Behandelt die Neutralität ä La Hitler: fliegt über Schweden. CLARK: Mal sehen --
PM, ohne von der Lektüre auf zublicken, dazwischenrufend: Und die Staudämme -- wann!
CLARK: Beim nächsten Vollmond, Premierminister.
PM überdrüssig, bringt gemächlich seine furchtbarste Drohung vor, deren praktische Erfüllung Cherwell und Eisenhower später mühsam hintertreiben werden: Jede Rakete, die trotzdem in London einschlägt, wird den Berlinern mit Gelbgas honoriert. Leben Sie wohl, Group-Captain -- wenn Harris, Sonntag abend, wieder gesund ist, soll er kommen, mit Frau, es gibt Kiebitzeier -- Sie haben mir Hoffnung gemacht, Gomorra -- wenn das Modell ist für Berlin ... Deutet aufs Telephon. Helen, meine Frau.
CLARK -- mit trotziger Sicherheit: Jawohl, Sir, garantiere: am ersten April -- sind Sie Sieger. Sie können Marschall Stalin sagen, unsre Bomber sind die zweite Front! Er grüßt und geht -- um mit Harns das gräßlichste Pilotenmassaker des Krieges vorzubereiten, die später als zu kostspielig abgebrochene Schlacht um Berlin.
CHERWELL: Ein bißchen übergeschnappt, der Gute. Peinlich, wie er sich aufspielt -- ("seine" Bomber). PM gelassen: Nun ja -- je höher der Affe steigt, je mehr sieht man vom Hintern, aber er ist ja fleißig -- ja, Clemmie ... Er hat von Helen den Hörer übernommen, Cherwell von der Steppdecke das Blatt -- Ja, Clemmie ... ja, katastrophal, Stalin hat Schluß gemacht mit den Polen, endgültig. -- Wegen Sonntag abend, ich fürchte, ich habe vorschnell -- Brooke und Prof. und Harns Kiebitzeier versprochen -- hast du? Nun, wenn du nicht genug hast. -- Wenn das nicht alarmiert: der Kreml pfeift beide Botschafter zurück, ja -- aus Washington auch! Was! Aber ich bin ja schon aufgestanden! Wie? -- Aber nun sag doch. bitte -- wer! Nein, nein. Wie konnte das -- ausgerechnet -- der Hund! Ich bring ihn um -- er soll -- er: nein. Er soll mir nichts erklären. Ein schöner Idiot. Er schmeißt den Hörer hin, ohne ihn aufzulegen, das tut Cherwell, erschrocken. PMs Gesicht ist verzerrt -- gut, daß die Wut sich in Tränen auflöst: Prof. -- der schwarze Schwan -- das Muttertier -- zerrissen, ein aufgepaßt -- den Schwan -- der Hund! CHERWELL: Der Fuchs?
PM: Ach -- der Fuchs, der Fuchs -- der Gärtner! Was kann der Fuchs dazu, daß er Fleisch frißt? Das arme Tier -- diese Welt: kein Mensch, der sie kennt, würde sie je freiwillig betreten.
CHERWELL: Ich sagte vor einem Jahr --
PM: Den will ich nie mehr sehen -- den Idioten.
CHERWELL: -- ich sagte ihm, ohne Betonfundament ist der Zaun durchlässig für jedes Raubwild.
PM: Endlich -- Sergeant, ja: wann bringen Sie mal was Gutes!
Helen tritt ein, hinter ihr ein stark hinkender Bote, Passchendale-Veteran mit Walroß-Schnauzbart, der um so exakter salutiert, je schwerer ihm das wird. Am Rock Medaillen. Die schwarzrote Dokumentenmappe am linken Handgelenk ist angekettet. Helen entnimmt den Schlüssel einem Schlüsselbund an langer Kette, der am Bettpfosten hängt und öffnet die Mappe. Sie legt das dechiffrierte Kabel auf die Bettdecke, Cherwell erhält eine Kopie. Churchill reagiert nur automatisch auf den Gruß des Boten, indem er auf die Zigarrenkiste weist, ebenso automatisch murmelt und auf die Antwort des Boten, von der er kein Wort hört, nickt, denn er liest bereits gierig. BOTE, respekt-voll zu Cherwell sich verneigend, Cherwell hebt die Hand: Guten Morgen -- Sir! Der Bote zögert. ein Ritus, bevor er sich eine Zigarre nimmt. Danke, Premierminister -- nun, was man liest, war doch Hamburg, was Gutes, Sir: ein Hieb.
PM nickt ihm zu, sieht ihn gar nicht, hört ihn nicht, sagt, aus der Lektüre heraus, während der Bote sich schweigend zurückzieht: Helen -- Sawyers! Ich will aufstehen, er soll das Bad einlassen -- am liebsten bliebe ich heute überhaupt im Bett. Ein Tag dies -- das arme Tier. Er hat die Brille nur in der Hand. Prof. -- bitte, wollen Sie jetzt mit Maiski sprechen. Ohne Übergang in schroffster Ärgerlichkeit, da Helen gehen will: Leutnant, wo bleibt der Anruf des Russen!
HELEN sehr bestimmt: Sir -- der Botschafter ist nicht zu Hause. Sawyers hat das Bad
PM, da Helen gehen will, freundlich: Halt -- nehmen Sie Ihren Block. Gehen Sie, wenn ich aufgestanden bin, dem Prof. die Kabel, die der Kreml seit Auffindung der Leichen in Katyn geschickt hat.
CHERWELL: Dazu alle Kopien von Stalins Telegrammen an den Präsidenten, bitte, Leutnant.
PM, während Helen Cherwell zunickt: Kann man denn darauf überhaupt antworten!
CHERWELL: Sie müssen!
PM hat sich im Bett sehr hoch gesetzt, das Gesicht wirkt fettlos, straff -- alles Muskel, Härte, der ganze unprivate überpersönliche Zug des Herrschers tritt hervor, der des Mannes, der anno 1911 sein Lebensgesetz in den Worten aufzufinden wagte: So sollst du wissen heute, daß der Herr, dein Gott, gehet vor dir her, ein verzehrend Feuer. Er wird sie vertilgen und wird sie unterwerfen vor dir her, und wirst sie vertreiben und umbringen bald, wie dir der Herr geredet hat ...
PM: Fast so schlimm wie der Ton -- ist die Tatsache, daß Stalin recht hat! CHERWELL nickt. Pause: Winston. Sie machen sich etwas vor -- wenn Sie die Wutausbrüche Stalins auf das Ausbleiben: A 1: der Geleitzüge, A 2: der Invasion -- beschränken. Diese Sätze hier sind Forderungen Stalins, die Sie erfüllen können: "In einer Zeit, da die Völker der Sowjetunion... alle ihre Kräfte für die Vernichtung des gemeinsamen Feindes einsetzen, führt die Regierung des Herrn Sikorski zum Nutzen der Tyrannei Hitlers einen verräterischen Schlag gegen die Sowjetunion ... Fällt schwer, anzunehmen, daß die britische Regierung über die geplante Untersuchungskomödie von Katyn nicht unterrichtet war ... wäre es entsprechend dem Geist unseres Vertrages nur natürlich, einen Verbündeten daran zu hindern, einem anderen Verbündeten einen derartigen Schlag zu versetzen ..." Und hier spricht er aus, Winston -- nicht zum erstenmal: daß Großbritannien, die UdSSR und die USA Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammensetzung der gegenwärtigen polnischen Regierung ergreifen sollen." PM tonlos: Maßnahmen.
CHERWELL wirft das Kabel weg. Zwei lange Schritte. Dann Fingerspitzen in den Westentäschchen" auf den Zehen wippend, sagt er -- die Augen geschlossen -- als sichere er sich vor" einem physikalischen Versuch mit einer Formel ab: Ein Patriot, der sein Vaterland verloren hat -- muß sterben. PM, das Gesicht zerrissen, sieht fragend auf.
Oh, ich zitierte nur: Bonaparte. Tagebuch. Winston, haben Sie vor Stalin schriftlich festgehalten, daß Sikorski der Pole ist, den wir nicht entbehren können?
PM kurz: Ja zehnmal, in jedem Brief.
CHERWELL -- als spreche er nun von etwas Erfreulichem: Übrigens, machen wir doch ... dem Botschafter Stalins zum Abschied eine Freude. Laden Sie Maiski, bevor der Kreml ihn zurückpfeift, zu einem Besuch in Gibraltar ein --
PM erstaunt: Maiski fliegt doch ohnehin über Gib.
CHERWELL: Gewiß -- Sie aber müssen ihm den Termin bestimmen.
PM angstvoll: Prof.: schärfen Sie Menzies ein, wie ein Bluter, wie unsre letzte Goldreserve, ist Maiski zu bewachen.
CHERWELL: Speziell seine Maschine. PM fällt ihm ins Wort: Unsre besten Bullen -- ihm mitgeben, nach Gib!
CHERWELL: Das sowieso ... da doch am gleichen Tag, wegen Sizilien, Sikorski seine Inspektion des Nahen Ostens -- in Gib beendet haben muß. Und der will auch betreut sein.
PM aufgebracht: Was? Am gleichen Tag -- seid ihr verrückt! Keinesfalls dürfen die zwei in Gib zusammentreffen!
CHERWELL geduldig: Das tun sie doch nicht -- wir führen sie.,. sachte aneinander vorbei, wie zwei Eimer im Brunnen. Denn da die Polen als Gäste des Gouverneurs im Palast wohnen, muß leider der Russe, der ja vor Tag eintrifft, nach seinem Frühstück weiterfliegen, ehe die Polen aufgestanden sind.
PM guckt Cherwell nur einmal kurz an, um in der Folge ebenso strikt an ihm vorbeizusehen wie Cherwell an ihm: sie sprechen jetzt eilig und leise, als gälte es, an einer schlafenden Bestie vorbeizugelangen. Beide sind derartig aufgewühlt, daß sie sich bemühen, jeden Ton aus ihrer Stimme zurückzunehmen, um nicht dem anderen das Schauspiel ihrer Anteilnahme zuzumuten. Was beide sonst nie tun -- hier müssen sie es: Handbewegungen zu Hilfe nehmen, um das Gesicht zu tarnen.
Dennoch ist leider unvermeidbar, daß wenigstens einige Stunden Maiskis Maschine neben der des Polen parkt. PM fast soufflierend: Warum?
CHERWELL überhört das scheinbar: Wäre freilich nicht auszudenken, wenn die Russen sich an dem Flugzeug des anderen zu schaffen machten. Oder die Polen an dem des Russen!
PM: Aha. Oder Deutsche! Warum kommen Sie nicht auf Deutsche? Hat schon einmal nicht wahr, ein Canaris-Saboteur in Gib uns Zucker ins Benzin geworfen. Daß Deutsche sich an dem Flugzeug vergreifen --
CHERWELL: Eben, das -- müssen sogar Zeitungsleser befürchten, wenn sie lesen, daß Maiski den Felsen besucht hat --
PM nickt, wehrt ab, überdrüssig, angeekelt: Natürlich -- dann werden Deutsche dort eine Schweinerei versuchen.
CHERWELL nickt -- und führt die Überlegung fest, knapp und eilig zu Ende: Wenn dagegen den Polen etwas zustieße, so würde alle Welt -- Gott behüte: automatisch die russische Begleitung Maiskis verdächtigen.
PM hart: Keinesfalls -- keinesfalls darf Sikorskis Flugzeug wieder so wie im Winter --
CHERWELL abwehrend, beschwichtigend: Oh -- Montreal? Ausgeschlossen, das war ja Sabotage, nach Meinung Roosevelts. Nein. Diesmal ... kann nichts schiefgehen, denn C setzt bewährte Herren des Geheimdienstes Middle East zu Sikorski ins Flugzeug. PM: Ins Flugzeug?
CHERWELL: Ja. Pause. Da die ohnehin nach London müssen, können sie die Polen am zuverlässigsten betreuen, wenn sie ab Kairo mit denen fliegen. PM, bemüht, nichts mehr zu hören: Ah -- so, ja. Daß nicht wieder ein Pole uns eine rauchende Zündschnur vorhält, die er überm Atlantik in seiner Matratze gefunden haben will.
CHERWELL: Ach, dieser Oberst! Da hatte Sikorski einen Narren in seiner Suite. Der ist inzwischen totgefahren worden, in Edinburgh. Unverschämt, die Polen -- Sikorskis Leute reden ihm offen zu: wie de Gaulle nur mit Franzosen, so solle er nur noch mit Polen starten, nicht mit Briten.
PM: Briten? -- Ich denke, ihr gebt ihm einen Tschechen als Pilot?
CHERWELL: Gewiß -- und gerade deshalb würde unvermeidbar geredet, wenn was passierte ... da doch weltbekannt ist, wie heftig die Benesch-Tschechen die Sikorski-Polen hassen. PM ruhiger: Natürlich.
CHERWELL sieht auf die Uhr, nur ein Reflex seiner Nervosität: Es darf schon deshalb nichts passieren, diesmal, weil beispielsweise in Gibraltar ... Bergungsarbeiten im Wasser -- jetzt undurchführbar sind. PM sieht auf, ohne Verständnis. Cherwell erläutert: Weil wir leider unsre ganze Taucherequipe aus Gib abkommandieren mußten zur Vorbereitung von Sizilien. Pause, milde: Winston -- jetzt sollten Sie aufstehen.
PM im Bett zurück gesunken, regungslos -- dann, sich hochsetzend, zwingt er sich zum Sprechen, als ertrage er die Stille nicht: Smuts -- es gibt keinen weiseren Mann, warf mir neulich vor, ich ließe es daran fehlen, zu handeln wie Gandhi, aus Religiosität.
CHERWELL eifersüchtig, daß PM neben ihm noch einen Mann hat, auf den er hört: Das war nicht weise von dem weisen Smuts -- wenn einer schon ausspricht, daß er Gewissen in die Diplomatie bringt: kaschiert er nur, daß er Diplomatie in sein Gewissen brachte -- Heuchelei!
PM: Heuchelei ist -- immerhin ein Zugeständnis an die Tugend.
CHERWELL gereizt: Wollen Sie jedem achtzehnjährigen Engländer befehlen zu schießen, aber selber mit reinen Händen --
PM: -- und doch, Prof.: in diesen Tagen denke ich oft an den Herrn. Warum hat der kollaboriert vor seiner Hinrichtung?
CHERWELL: Weil er auch nur ein Mensch war, natürlich.
PM: Nein -- weil er voraussah, daß nicht die Feinde seiner Botschaft, sondern ihre Verkünder und Apostel am gräßlichsten unter den Menschen wüten würden, Puritaner, Kreuzzügler, Idealisten, Inquisitoren und -- Staatsmänner.
CHERWELL ruhig: Hm -- warum auch -- hätte dem erspart werden sollen, was keinem erspart bleibt, der Lehren und Taten stiftet: damit auch Totschläger zu dingen, automatisch. Die meisten der, weil alles seinen Preis hat, den dann das Menschenpack zum Gott ernennt -- auch deshalb.
PM, indem er sich losreißt: Sie meinen es mit mir zu gut, Prof.: der ließ die ganze Herde im Stich, um dem einen verlorenen Schaf nachzulaufen.
CHERWELL: Mit welcher Berechtigung? Übrigens haben auch Sie das getan -- zu lange schon.
PM wieder Herr seiner Wege -- wenn er jetzt auch nur das Bett verläßt, zur Wand hin, wo er die Tür zum Bad öffnet, die bisher geschlossen blieb. Sagt im Abgehen: Warten Sie, bitte, bis ich mit Maiski spreche.
CHERWELL allein, die Tür zum Bad bleibt angelehnt, der Prof. macht einige Schritte, blickt auf die Schnappdeckel-Uhr, ißt Pillen, öffnet dann die andere Tür: Leutnant! Er spricht in den Nebenraum: Haben Sie den Ordner mit der Korrespondenz --
HELEN tritt ein, das starke Dossier unterm Arm, sagt lebhaft: Danke, Mylord -- daß Sie ihn aus dem Bett gebracht haben!
CHERWELL: Haben Sie im Palast um Aufschub gebeten?
HELEN leiser, mit Blick zur Badezimmertür: Nein, Sir -- noch Zeit, wir haben ihm ja nicht gesagt, daß ihn der König erst um zwei erwartet. Ohne Übergang, während Cherwell wieder die Uhr zieht und Zustimmung murmelt: Ich habe schon geblättert, um in den Briefen anzustreichen, was Polen betrifft: ganz unmöglich -- es geht ja nur um Polen, nahezu ab April. CHERWELL: Eben, eben -- und um die Invasion. Nun ziehen wir einige Sätze heraus, damit PM vor seiner Antwort nicht diesen ganzen Schlamassel wieder lesen muß -- Helen hat sich gesetzt, schreibt ab, was er zeigt -- blättern. Wieder schreiben. Dann diktiert er in zögernd-hüstelndem Establishment-Stil: Stalin am 25. April: "Ich war gezwungen, die öffentliche Meinung der Sowjetunion zu berücksichtigen, die durch die Undankbarkeit und den Verrat der polnischen Regierung zutiefst empört ist" -- Pause, blättern: Dann am 4. Mai: daß es keinen Grund zu der Annahme gibt, Sikorski könnte in den Beziehungen zur Sowjetunion Loyalität bewahren -... schließt nicht aus, Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammensetzung der gegenwärtigen polnischen Regierung zur Festigung der Einheitsfront der Verbündeten gegen Hitler zu ergreifen." Das Telephon klingelt: Ist das der russische Botschafter -- endlich!
CHERWELL winkt Helen, weiterzuschreiben, zeigt ihr, wo. Er nimmt ab: Ja! Cherwell hier, Guten Tag, Exzellenz. Moment. Cherwell, den Hörer an langer Schnur in der Hand, an der Tür zum Bad, die nicht ganz geschlossen ist: Maiski -- soll er später anrufen?
PM, während Cherwell schnell das Zimmer quert, brüllt wie ein tonnenschwerer Brecher, der sich auf den Strand wirft: Komme.
CHERWELL wieder in den Hörer -während Helen die Flucht ergreift (denn sie weiß, daß der Hausherr nicht davor zurückschreckt, selbst an den sittsamen Schweizer Dienstmädchen, ihnen freundlich guten Morgen sagend, gänzlich unbekleidet vorüberzuschreiten): Gleich. -- Oh -- hm, ja, hrn. Nun, wir sind kummervoll, Exzellenz, daß Ihr Meister und Marschall Sie abberuft -- und gleich noch Litwinow aus Washington! ... hm, ja. PM selbst --
PM ist nackt und naß wie Neptun und so sturmschnell auch, wie der über die Wellen fährt, seinem Bade entstiegen. Das weite schwarze Frottiertuch darf seine meergotthafte Nacktheit zwar drapieren -- nicht aber verbürgerlichen zu jenem kleinkarierten Anekdoten -- Naturalismus, der momentan die obligaten Churchill-Denkmäler mit Fliege und bronzenen Ersatzzigarren selbst in solchen Weltgegenden errichtet, wo in Wintermonaten der Figur Eiszapfen an der Nase hängen ...
PM -- am Hörer, er brummt sich, notgedrungen zuhörend, in den Dialog hinein -- nimmt aber wie üblich alsbald seinem Partner die Mühe ab, eigene Ansichten äußern zu müssen: Exzellenz -- ja! -- Sie -- wie: nein, nein! Wie flehentlich hatte ich
Ihren Chef gebeten, mir Zeit zu lassen, den Polen Vernunft beizubringen. Kann Hitler fast trösten über die Verbrennung Hamburgs -- Sie kriegen die Photos; wenn Ihnen Marschall Stalin noch erlaubt, Photos von mir anzunehmen -- sehr schade, mein lieber Maiski, Ihre Abberufung. Auch sie ein Triumph für Hitler: -- nein, nein: ich schmeichle Ihnen nicht, lieber Freund. Kommen Sie zu mir, wenn Sie das noch dürfen ... Ein Lachen sehr verschiedener Tonlagen: obwohl wir die Landung in Frankreich wieder verschieben mußten. Pause, zuhörend, heftig, dann: Nein! Stalin zeigt unsern Film "Sieg in der Wüste" in ganz Rußland: persönlich aber hat er vergessen -- immerhin haben wir den Hunnen in Afrika ein zweites Stalingrad bereitet! Cherwell geht zunächst -- sein eigener Schrittzähler -- diszipliniert auf und ab, dann winkt ihm PM, den Kopfhörer zu nehmen. Mehrfach notiert er etwas auf einen Zettel, den er PM hinhält. der das dankbar ihm zunickend oder auch unwirsch den Kopf schüttelnd ab liest. Die Bomber sind ja die zweite Front! Er liest von Cherwells Zettel: Dies alles in einer Woche, Krupp haben wir achthundert Tonnen verpaßt. Duisburg vierzehnhundertfünfzig Tonnen -- Stettin siebenhundertachtzig, Rostock einhundertsiebzehn ... wie! Bitte -- bei allem Respekt, muß ich zurückweisen: wenn wir sechzig Bomber einbüßen -- verlieren wir fast fünfhundert Mann unsrer Elitetruppe, nicht selten in einer Nacht. Er hört zu. Er liest wieder ab: -- Nein! -- Nein, notieren Sie: wir schicken vierhundertfünfunddreißig Flugzeuge via Gibraltar -- ja, werden erst dort montiert. Zu Cherwell: Schicken die Amerikaner keine Flugzeuge? In den Apparat, nachdem Cherwell schnell hinausgegangen ist: -- Bekomme die Zahlen ... ich sprach da eben von Gibraltar. Ich lasse Mac-Farlane, den Gouverneur, anweisen, Ihnen einen königlichen Bahnhof zu bereiten. Verzeihung, einen roten Teppich -- einen roten, ja doch! Lachen: Sie kriegen meine besten Piloten -- wie? Fliegen nur mit Russen? Gut, natürlich. Ich wollt ja nur ein wenig für Sie sorgen. Wie? -- Ja,. Sie sind so stolz wie de Gaulle, der tut"s auch nie unter einem französischen Piloten. Wenn Sie auch nur frühstücken in Gib, versäumen Sie nicht, die neue Felsengalerie anzusehen mit acht Schnellfeuergeschützen -- soll Mason Ihnen zeigen. Hält die Muschel zu -- hastig zu Cherwell, der eingetreten ist und ihm einen Zettel hinhält: Sikorski in Gib -- wann? Wieder ins Telephon, während Cherwell schreibt: Oh, nur die Zahlen -- die Amerikaner liefern via Mittelmeer und Rotes Meer die gleiche Anzahl Flugzeuge, die der nun abgesagte Nordmeer-Konvoi gebracht hätte. Pause. Zufrieden seid ihr niemals, wie die Polen. Jetzt hört er zu,
* Bei einer Vorführung geheimer Flugabwehrwaffen.
auch Cherwell wieder, mit dem Kopfhörer. Exzellenz! Hundertfünfzigtausend Polen kämpfen an unsrer Seite, und schlagen sich phantastisch ... Ich bin trotzdem nicht der Agent Sikorskis, wie Marschall Stalin zu glauben vorgibt. Ich habe Katyn nicht ausgegraben! Rußland und Polen -- ein Größenverhältnis wie zwischen dem Hund und seinen Flöhen: laßt sie doch leben, diese Nachbarn! Ich muß abbrechen, ich esse beim König -- Ganz beiläufig: Halt, eh ich"s vergesse, Maiski, leider muß ich den Termin in Gib vorschreiben. Weil doch das Unternehmen Husky Anfang Juli beginnt. Da wird das Mittelmeer ein kochendes Wasser. Sie dürfen doch nicht in die größte Landeoperation der Weltgeschichte hineingeraten! Hinterher übernimmt mein Sicherheitsdienst nämlich keine Garantie mehr, obwohl ich Ihnen -- Sie liegen mir doch am Herzen! -- die besten Bullen mitgebe. Leben Sie wohl. Er legt auf, sieht Cherwell an, nickt. Dann: Im Bad da -- dachte ich: am neunten beginnt im Mittelmeer die riskanteste Landeoperation. Wird sie verraten, säuft die ab. -- Zornig, heftig, schlagschnell mit solcher Wut und laut, daß offensichtlich diese seelische Eruption wesentlich tiefer sitzende Ursachen hat als nur jene, die er jetzt in Worte faßt: Und da fällt C. nichts Besseres ein, als ausgerechnet in diesen Tagen unsre besten Bullen In diesem Operationsgebiet als ... als Begleiter Sikorskis -- dort abzuziehen!
CHERWELL beruhigt ihn sofort, ohne die Stimme zu heben: Aber die sollen Sikorski am vierten doch nur -- heim ... geleiten. Die sind am fünften wieder, wo wir sie brauchen zur Geheimhaltung von Husky. Um anzudeuten, das sei ja nun erledigt: Maiski ist doch wohl mit dem üblichen Zeremoniell eines Botschafters in Gib zu empfangen?
PM brummig: Nein, zeremonieller, er ist der russische, immerhin.
CHERWELL: Und Sikorski? Empfang mit allen Ehren eines Staatsoberhauptes?
PM erregt, schlagartig aufs höchste beunruhigt: Wie kommen Sie denn darauf! Ist doch kein Staatsbesuch! Seid ihr von Sinnen? Ist eine -- eine Station der Inspektionsreise eines -- eines Generals!
CHERWELL: Die letzte immerhin ?
PM noch heftiger: Aber was hätte das damit zu tun, Prof.! Eine ganz gewöhnliche Zwischenlandung in Gib, zur Überholung des Flugzeugs -- wie kamen Sie darauf, um Gottes willen!
Cherwell im Abgehen, will die Türklinke fassen, faßt ins Leere, faßt wieder ins Leere und sagt nichts und sieht PM an und weg. Der drängt: Wie kamen Sie darauf, Prof.!
CHERWELL eisig belustigt, seine Tarnfarbe für Herzlichkeit, die er genierlich fände: Diesmal -- ich dachte nur, Verzeihung, völlig lächerlich, natürlich ... Ich hatte nur gedacht -- oder vielmehr gefühlt, ohne zu denken: diesmal ... Vorhang

DER SPIEGEL 42/1967
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