09.10.1967

STÄDTEBAU / INDIENTraum der Welt

Die Straßen, könnte der Betrachter meinen, münden in Marskanäle. Oder es ließe sich an einen Mondkrater denken, bepflastert mit bizarren Kuben, Kuppeln und Terrassen -- wohnliche Metropole auf dem Erdtrabanten.
Doch was wie ein Utopia auf einem fernen Stern anmutet, ist irdisch und beinahe Wirklichkeit: Es ist das Modell einer Stadt für 50 000 Einwohner, die in 15 Jahren fertig gebaut sein soll. Geschätzte Baukosten: drei Milliarden Mark. Geplanter Ort der Ansiedlung: Indiens Südostküste, 100 Kilometer südlich von Madras.
Eine indische Joga-Sekte gab Anstoß und Grundidee zu dem Projekt. Französische Architekten lieferten den Entwurf. Zustimmende Beschlüsse der Unesco und der indischen Regierung lassen erwarten, daß die seltsame Sternen-Stadt -- Projektname: Auroville -- tatsächlich gebaut werden wird. Frankreichs "L'Express" schwärmte schon: "Ein Ort, von dem die Welt träumen wird."
Vom Grundriß bis zum letzten Dachziegel durfte das Auroville-Planungsteam, angeführt von dem Pariser Städtebauer Roger Anger, 43, die 50 000-Seelen-Stadt komplett am Reißbrett ersinnen -- ein Vorzug, der bislang nur wenigen Koryphäen des Faches vergönnt war.
Der Entwurf, den Anger und seine Mitarbeiter nach zweijähriger Denk- und Bastelarbeit präsentierten, soll gleichermaßen in die Zukunft und ins Transzendente weisen. Auroville ist geplant
> als ein perfekt gegliedertes, perfekt funktionierendes Stadtgebilde, mit künstlichem Klima, ohne Abgase und Autoverkehr, und zugleich
> als ein überkonfessionelles Meditationszentrum, symbolische Stätte des Weltfriedens mit dem (im Gründungsmanifest) erklärten Ziel, "die Einigung der Menschheit" zu bereiten.
Die Idee zu dem weltverbrüdernden Unternehmen stammt von der Französin Mira Alfassa, 84, jahrzehntelang Begleiterin und Lieblings-Schülerin des indischen Denkers und Begründers einer Joga-Sekte Sri Aurobindo. Seit nunmehr 40 Jahren steht Mira Alfassa ("Die Mutter") jener Sekte vor, deren Anhänger sich in einem "Ashram", einem "Ort der Weisheit und Askese", sammeln. Als eine Art Ashram für die ganze Welt soll nun Auroville unweit des derzeitigen Sekten-Standorts entstehen.
Gläubige Selbstversenkung war denn auch Leitmotiv für das Konzept der französischen Stadtplaner. Im Zentrum des magisch-sternförmigen Baumusters erhebt sich ein gigantischer Kegelstumpf -- das Große Heiligtum, "Tempel der Wahrheit" genannt. Gleichwohl soll der Ort des Weltfriedens, wie Anger erklärte, "kein umhegter Klosterbezirk, kein Refugium für Weitmüde" werden, sondern ein "wirtschaftlich lebensfähiges Gemeinwesen".
Zementfabriken und Glashütten sollen im Industriebezirk von Auroville entstehen, der sich nach Norden hin, durch Parks und Seen abgegrenzt, an das Versenkungs-Zentrum anschließt. Wie Tortenstücke sind auch die übrigen Stadt-Segmente um das Heiligtum gruppiert -- jedes, so Anger, "einer der vier wesentlichen Betätigungen des Menschen zugeordnet: dem Arbeiten und Erholen, dem Wohnen und der Begegnung mit der Welt".
Im Wohnviertel sollen sich -- entlang mosaikgepflasterten Straßen oder inmitten skulpturengeschmückter Parks -- Apartmenthäuser und Bungalows für Ashram-Willige erheben, nicht streng geometrisch, sondern locker, wie zufällig geordnet. Dem antiken Ideal von reinem Geist in gesunden Körpern folgend, sollen im Kultur-Segment Akademien und Institute mit Golfplätzen und Aschenbahnen, Reit- und Segelflugschulen durchmischt werden. Schon in acht oder zwölf Jahren, rechnen die Stadtplaner, könnte sich Indien um die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Auroville bewerben.
Freilich, ob Auroville, wie seine Begründer träumen, wirklich zu einer Art geistigem Mittelpunkt oder auch nur zu einem funktionierenden Gemeinwesen heranreift, erscheint zweifelhaft. Zwei kühne Versuche, Retortenstädte als Monumente der Zukunft in die Einöde zu pflanzen, sind in den letzten Jahrzehnten unternommen worden -- beide müssen als gescheitert gelten.
Weder Oscar Niemeyers Urwaldgründung Brasilia noch die von Le Corbusier im indischen Pandschab, 240 Kilometer nördlich von Neu-Delhi errichtete Provinzhauptstadt Chandigarh erfüllten die Hoffnungen ihrer Erbauer: Die Mammut-Siedlungen aus Stahl und Beton begannen zu veröden, noch ehe sie ganz fertig wurden -- verfallende Denkmäler der Fehlplanung.
Das Mißverhältnis zwischen futuristischer Planung und den tatsächlichen Bedürfnissen der zu erwartenden Bewohner, das in Brasilia Wellblechhütten über die Straßenfluchten wuchern ließ, droht der Stern-Stadt am Golf von Bengalen eher noch krasser: Aurovilles Architekten gingen noch zukunftsbesessener, noch Technik-gläubiger zu Werke als ihre Vorgänger.
In dem Land, dessen Bauern noch wie vor Jahrtausenden mit dem hölzernen Hakenpflug ackern, möchten die Auroville-Planer ihre Stadt mit einer Klimaanlage ausrüsten: Kilometerhohe Metallnetze sollen die Feuchte der sommerlichen Monsunwinde abfangen und kondensieren -- eine Art überdimensionaler Regenschirm für die Bewohner Aurovilles.
Und während in Indiens Millionenstädten noch die Herden heiliger Kühe auf den Straßen lagern, für Rikscha- und Fahrradlenker hinderlich, sollen die Weltbürger von Auroville zwangsweise die Technik-Segnungen von übermorgen genießen:
Kein Ford oder VW soll durch die Friedens-Stadt kurven dürfen -- nur Schwebebahnen und elektrische Minicars. Und auch wer barfüßig zum Tempel der Wahrheit strebt, wird Technik des 21. Jahrhunderts unter sich verspüren. Architekt Angers Planung für Ashram-Utopia: rollende Gehsteige von Stadtteil zu Stadtteil.

DER SPIEGEL 42/1967
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