25.12.1967

VERBRECHEN / BANKRAUBEin und alles

In der Volksschule war Gisela Werler, älteste von drei Bauschlossertöchtern aus einem tristen Kleine-Leute-Viertel in Hamburg-Altona, unauffälliger Durchschnitt. Nur rechnen konnte sie etwas fixer als die anderen.
Mit 14 kam Gisela als Aushilfe in einen Blumenladen. Dann verkaufte sie Kuchen, Milch, war Packerin in einem Tapetengeschäft, schließlich Kassiererin in einem Supermarkt. Arbeitgeber preisen "Pünktlichkeit" und "Hilfsbereitschaft" als ihre Tugenden.
Gisela -- schwarzhaarig, ansehnlich, ihren Eltern "ein und alles" -- fürchtete sich vor frühem Altern; sie wollte nicht "grau und häßlich" werden. Mit Männern hatte sie außer oberflächlicher Tändelei nichts im Sinn -- bis der sechs Jahre ältere Hermann Wittorff, Taxiunternehmer und Familienvater mit Eigenheim, kam. Aber da war Gisela schon 30.
Drei Jahre mit Hermann machten das Mädchen aus der Mietskaserne zu einer "erstaunlichen Frau" ("Die Welt"), die propere Dunkle von der Supermarkt-Kasse zur "Chefin der gefährlichsten Bankräuberbande der Nachkriegszeit" ("Hamburger Abendblatt"):
Nach 19 Banküberfällen, an denen sie teils planend im Hintergrund, teils mit Perücke und Pistole, mit Maske und in Männerkleidung aktiv am Kassentresen ("Los! Packen Sie das Geld ein") teilgenommen hatte, wurde Gisela vorletztes Wochenende im holsteinischen Bad Segeberg festgenommen; mit ihr Wittorff, der heim gemeinsamen Rückzug aus der Segeberger Kreissparkasse vier Angestellte mit einer Maschinenpistole niedergeschossen hatte.
Zwei Gelegenheitskomplizen, die Hamburger Taxifahrer Hugo Warncke, 40, und Gerd Jordan, 46, holte die Polizei wenig später aus ihren Wohnungen. Das Arsenal der Gang war Giselas Wohnzimmerschrank mit Masken, Autonummernschildern zum Auswechseln, Pistolen, Munition, Totschlägern und Springmessern.
Bankraub ist Mode geworden in der Bundesrepublik seit Anfang der 60er Jahre -- 53 Überfälle auf Geldinstitute wurden 1962 verübt, 389 im Jahre 1966. Polizisten wie der Hamburger Polizeimeister Hugo Alffcke und Offiziere wie der Bundeswehrleutnant Hans-Alfred Moneck aus Rheine kassierten mit der Pistole in deutschen Banken und Sparkassen; Unternehmer wie der Baumaschinenhändler Hans Rapsch aus dem bayrischen Unterneukirchen, aber auch biedere Bauern wie der Landwirt Godber Petersen aus dem schleswig-holsteinischen Kreis Südtondern langten über Kassentresen.
Doch nie zuvor waren Bankräuber in der Bundesrepublik so erfolgreich wie Gisela Werlers Gang, die insgesamt rund 400 000 Mark Beute machte (Mutter Margaretha Werler: "Mit der Gisela sind wir fertig, uns so an der Nase herumzuführen. Wir haben alle nichts Anständiges anzuziehen, und für das Essen reicht es auch kaum. Und sie raubt sich das viele Geld zusammen."). Und nie zuvor war eine Frau in der Bundesrepublik Haupt einer solchen Gang.
Die Schwarzhaarige aus Altona -- die von der Polizei über zwei Jahre lang gesuchte "Banklady" -- paßt in kein Kriminellen-Klischee, ihre kriminelle Energie zu keiner Kriminologen-Lehre.
Die Kriminalität der Frau, stellte der Jurist und Soziologe Wolf Middendorff ("Soziologie des Verbrechens") fest, sei "so geringfügig, daß man die Gesamtkriminalität beider Geschlechter als fast identisch mit der Kriminalität des Mannes ansehen kann". Wohl begehen Frauen über 40 Prozent aller Diebstähle in Kaufhäusern und Selbstbedienungsläden.
Wohl kuppeln Frauen genauso häufig wie Männer und ist Kindestötung ein typisches Frauen-Delikt (über 90 Prozent aller Fälle).
Wohl werden etwa 50 Prozent aller Giftmorde von Frauen begangen -- sie wählen statt Messer, Pistole oder Totschläger Gift, weil "den Frauen", wie es der Münchner Psychiater Professor Max Mikorey sieht, "das versteckte Handeln liegt.
Doch von den insgesamt 680 407 im "Jahre 1966 in der Bundesrepublik erwischten erwachsenen Straftätern war nicht einmal jeder achte eine Frau.
"Als Ausdruck des weiblichen Wesens" analysierte Middendorff "die immer und überall zahlenmäßig festgestellte geringere Straffälligkeit der Frau".
Der Italiener Lombroso, Begründer der Kriminalbiologie, befand schon vor über 100 Jahren, Kriminalitätsersatz für die Frau sei die Prostitution. Denn die Frau, so erläutert der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer heute diese kriminologische Binsenwahrheit, habe "im Gegensatz zu Männern die Möglichkeit ... Bereicherungs- und Eigentumsdelikte durch die verschiedensten Formen der Prostitution ... zu umgehen".
"Von Männern für Männer gemacht", urteilt der Mainzer Kriminologie-Professor Armand Mergen über das Strafgesetzbuch und interpretiert so die bescheidene Rolle des weiblichen Geschlechts in den Täter-Statistiken -- die Kriminalität der Frau verstecke sich "hinter dem breiteren Rücken des Mannes".
So gibt es denn die hehlenden und begünstigenden Gangsterbräute, die verwöhnten Räuberliebchen, die ihre Partner wohl anstiften, aber die Arbeit am Tatort ihnen allein überlassen. Mit Billigung ihrer Bräute und Frauen raubten beispielsweise der Brennholzhändler Heinz Arlt, der Rechtsschutzvertreter Manfred Laahs und der Schweißer Gerhard Westerholt 1965 und 1966 bei Geldinstituten im Westfälischen und Niedersächsischen insgesamt 130 000 Mark zusammen. Teilweise hatten die Frauen für die Männer die günstigen Gelegenheiten ausgekundschaftet, häufig hatten sie sich bis in unmittelbare Nähe der Tatorte mitnehmen lassen.
Daß Frauen nach Männerart selbst einbrechen gehen, mit Pistolen kassieren und gar -- wie Gisela Werler -- einer Männer-Gang vorstehen, ist dagegen ein Phänomen -- allenfalls erklärbar durch eine bedingungslose "Bindung zum Partner", die Frauen, laut Professor Dr. Hilde Kaufmann Direktorin des kriminologischen Seminars der Universität Kiel, oft zu Verbrecherinnen werden läßt.
"Nicht aus Geldgier, sondern aus Liebe" -- und zwar zu Familienvater Hermann Wittorff -, so erläuterte denn auch Gisela Werler schon bei ihren ersten Vernehmungen, habe sie Banken geplündert.

DER SPIEGEL 53/1967
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