DER SPIEGEL



ES IST NICHT KLUG, DEN PAPST ZU DRÄNGEN

SPIEGEL-Gespräch mit Professor Dr. Franz Böckle (Universität Bonn) über Geburtenkontrolle

SPIEGEL: Dürfen Sie als Priester und als Professor für Moraltheologie "schwere Sünde" befürworten, dürfen Sie etwas bejahen, das "in gewisser Weise dem Mord analog" anzusehen ist?

BÖCKLE: Natürlich nicht.

SPIEGEL: Das tun Sie aber nach Ansicht Kardinal Alf redo Ottavianis** und anderer katholischer Bischöfe und Theologen. Es geht um die Empfängnisverhütung; Sie sind wie andere Moraltheologen der Meinung, daß den katholischen Eheleuten die Wahl der Mittel und Methoden, also auch der Anti-Baby-Pille, freistehen soll. Eine Kommission, die Papst Paul VI. berief, konnte sich darüber nicht einig werden. Aus dem Gutachten der Minderheit, zu der Ottaviani gehört, haben wir zitiert.

BÖCKLE: Für die Minderheit steht die aktive Antikonzeption in der Nähe des Abortus, der Abtreibung. Sicher ist, daß schon die Eizellen leben, also vor der Konzeption Leben vorhanden ist; aber eben kein individuiertes, menschliches Leben, das zu vernichten sicher Sünde ist. Hier liegt der Kern des Problems.

SPIEGEL: Ottaviani und die anderen konservativen Bischöfe und Theologen berufen sich auf die Lehre, die Papst Pius XI. im Jahre 1930 in der Enzyklika "Casti connubii" verkündete: "Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür des Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur; und die solches tun,

* Mit SPIEGEL-Redakteuren Werner Harenberg (l.) und Jörgen Pötschke.

** Ottaviani leitet im Vatikan die "Kongregation für die Glaubenslehre", das frühere "Heilige Offizium".

beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld."

BÖCKLE: Das ist in der Tat der meistzitierte Satz in der Auseinandersetzung.

SPIEGEL: Und Pius XII. hat diese Lehre seines Vorgängers mehrfach bekräftigt, in Ansprachen vor Hebammen, vor Genetikern, Hämatologen und kirchlichen Eherichtern. Katholischen Ehepaaren, die die Zahl ihrer Kinder begrenzen wollen, sind laut Plus XI. und Pius XII. nur die ständige und die zeitweilige Enthaltsamkeit erlaubt, also ·die sogenannte "Kalender-Ehe".

BÖCKLE: Das ist die etwas polemische Bezeichnung für die Methode, die empfängnisfreien Tage der Frau zu berechnen, den Geschlechtsverkehr auf diese Zeit zu beschränken und im übrigen enthaltsam zu leben. Ich meine, daß wir diese Beschränkung aufheben und daß die katholischen Ehepaare in der Wahl der Methoden frei sein sollten.

SPIEGEL: In der Kommission, die der Papst berufen hat, ist die Mehrheit Ihrer Ansicht. Würden Sie -- wie wir -- vermuten, daß der Papst eher der Ansicht zuneigt, die von Kardinal Ottaviani und der Minderheit verfochten wird?

BÖCKLE: Alles, was der Papst in den letzten Monaten in dieser Frage erklärt hat, deutet darauf hin.

SPIEGEL: Meinen Sie, daß die Mehrheit der katholischen Moraltheologen Ihrer Ansicht und damit wahrscheinlich anderer Ansicht ist als der Papst?

BÖCKLE: Soweit ich meine deutschsprachigen Kollegen kenne, denken wohl vier Fünftel im Prinzip so wie ich.

SPIEGEL: Und wie sind die Meinungen pro und contra Empfängnisverhütung unter den Priestern verteilt?

BÖCKLE: Es wäre zu kühn, darüber etwas aussagen zu wollen.

SPIEGEL: Über die Meinung unter dem Kirchenvolk haben wir eine Umfrage gemacht, wir dürfen Ihnen das Ergebnis zeigen (wird überreicht, siehe Graphik).

BÖCKLE (nach Lektüre): Ich habe keinen Grund, an diesen Zahlen zu zweifeln, zumal sie mit ähnlichen Ergebnissen in den USA übereinstimmen.

SPIEGEL: Nun behauptet die Minderheit, was sie heute verteidige, sei jahrhundertelang, eigentlich immer, Lehre der katholischen Kirche gewesen.

BÖCKLE: Das ist nur mit Einschränkung richtig. Bis 1827 war gar keine andere Argumentation möglich, denn 1827 erst ist die Eizelle entdeckt worden. Vorher wußte niemand Genaues über den Zeugungsvorgang. Vorher hat deshalb auch niemand zwischen abtreibenden und empfängnisverhütenden Mitteln streng unterscheiden können. Niemand wußte ganz sicher, was das eine und was das andere ist. Und nicht zuletzt aus diesem Grunde legte man den Akzent viel stärker auf den generellen Schutz des Lebens von Anfang an.

SPIEGEL: Wann das Leben nun eigentlich beginnt, ist auch heute noch umstritten.

BÖCKLE: Aber doch in ganz anderer Weise als früher. Denken Sie bitte daran, daß im 17. und 18. Jahrhundert sehr stark jene Theorie aufkam, wonach der Mann einem Sämann vergleichbar ist, der einen Samen in die Ackerfurche streut, der in die Frau hinein einen allerkleinsten Menschen hineinlegt.

SPIEGEL: Dann galt also jeder "Akt", jeder Coitus...

BÖCKLE: ... immer auch fundamentaliter als Zeugungsakt. Und die ersten Entscheidungen, die Rom damals zur Frage der Antikonzeption traf, standen eindeutig im Licht dieser Auffassung.

SPIEGEL: Dürfen wir einmal versuchen festzustellen, worüber sich die katholischen Bischöfe und Theologen noch einig sind und worüber nicht mehr. Ist eine Ehe, deren Partner keine Kinder wollen und deshalb keine Kinder haben, "im Grunde keine Ehe"? So ist es ja oft formuliert worden.

BÖCKLE: Ja, darüber sind sich alle katholischen Theologen einig.

SPIEGEL: Und andererseits auch darüber, daß die Eheleute die Zahl der Kinder nicht einfach dem Zufall überlassen, sondern daß sie sie regeln sollen?

BÖCKLE: Ja, das sind genau die beiden Grenzpunkte, über die wir uns einig sind. Ein weiterer Punkt der Übereinstimmung ist, daß die Verantwortung für die Zahl der Kinder Sache der Eltern ist.

SPIEGEL: Nehmen wir folgenden Fall: Ein Ehepaar, das dem Einkommen, dem Alter, der Gesundheit nach, kurzum in jeder Hinsicht ein durchschnittliches Ehepaar ist, kommt zu Ihnen und fragt Sie, wieviel Kinder es haben soll. Würden Sie da eine Zahl nennen?

BÖCKLE: Da würde ich ganz sicher keine Zahl nennen, sondern würde versuchen, die Meinung dieses Paares zu hören und mit ihm in einen Dialog einzutreten. Ich halte es für einen fundamentalen Fehler, wenn der Seelsorger oder der Beichtvater Rezepte verabreicht.

SPIEGEL: Würden Sie die Zahl der Kinder in einer Ehe oder, besser gefragt, die grundsätzliche Einstellung zum Kind für wichtiger halten als die Methoden, mit denen ein Ehepaar die Empfängnisverhütung praktiziert?

BÖCKLE: Sicher.

SPIEGEL: Ist es dann nicht aber merkwürdig, wenn einerseits die katholische Kirche und ihre Theologen verstummen, sobald konkret nach der Kinderzahl gefragt wird, andererseits aber über die Methoden der Empfängnisverhütung dickleibige Schriften mit sehr konkreten Angaben und Ratschlägen verfassen? Nur darum geht doch die ganze Diskussion.

BÖCKLE: Es geht in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Methoden der Empfängnisverhütung, das ist richtig. Aber dahinter steht doch die Kernfrage: Ist jede aktive Verhinderung der Konzeption, der Befruchtung, der Vereinigung der beiden Keimzellen, den Menschen verboten oder nicht?

SPIEGEL: Die Minderheit sagt, jedes aktive Eingreifen sei verboten, nur die Enthaltsamkeit sei "natürlich" und deshalb erlaubt.

BÖCKLE: Das halte ich einfach nicht für tragbar, weil dahinter meiner Überzeugung nach ein falscher Naturbegriff besteht. Das ist etwa so, als wenn man -- wie das in der "Kölnischen Zeitung" noch im letzten Jahrhundert geschehen ist -- gegen die Gasbeleuchtung im Namen der Schöpfungsordnung Gottes protestiert: Wenn Gott gewollt hätte, daß es in Köln nachts hell sei, dann hätte Gott eben andere Lichter gesetzt in der Nacht, aber es sei Frevel, wenn der Mensch Gaslichter aufstelle.

SPIEGEL: Die Parallele zur Empfängnisverhütung ...

BÖCKLE: ... liegt darin, daß auch hier gemeint wird: Was mir die Natur selber vormacht, ist besser als das, was ich in gleicher Absicht, aber jetzt in besserer Form machen kann. Und wer wie die Minderheit jeden aktiven Eingriff für verboten hält, für den kann es nach meiner Logik auch kein Liebäugeln mit der Pille geben. Zu glauben, es handele sich dabei nicht um einen aktiven Eingriff, das würde ich einfach und schlicht für grotesk halten.

SPIEGEL: Ist nicht auch die "Kalender-Ehe" ein "aktives Eingreifen"?

BÖCKLE: Sicher. Auch wer die empfängnisfreien Tage der Frau berechnet, tut ja etwas.

SPIEGEL: Wo würden Sie die Grenze zwischen erlaubtem und unerlaubtem Eingreifen ziehen?

BÖCKLE: Ich würde die Grenze dort ziehen -- um es auf eine kurze Formel zu bringen -, wo die Empfängnisverhütung aufhört und die Abtreibung, also die Vernichtung neuen Lebens, beginnt.

SPIEGEL: Die Grenze ist wohl nicht immer leicht zu ziehen. Dürfen wir das am Beispiel von Pillen, die es schon gibt oder bald geben wird, besprechen?

BÖCKLE: Natürlich, nur erlauben Sie mir bitte eine Bemerkung. In der öffentlichen Diskussion dieses Themas ist der Eindruck entstanden, es gehe nur um die Pille. Das halte ich für völlig verkehrt und für überaus bedenklich. Es ist keinesfalls so, daß die Pille etwa die katholische Lösung ist oder sein wird. Sie ist, theologisch gesehen, nicht besser und nicht schlechter als andere Methoden und Mittel, etwa die Benutzung von Kondomen oder Pessaren.

SPIEGEL: Gegen die ovulationshemmende Pille hätten Sie also, wenn wir Sie recht verstanden haben, keine Bedenken?

BÖCKLE: Nein. Nur gegen die Pille mit Depotwirkung, weil bei ihr der abortive Effekt größer ist.

SPIEGEL: Und die sogenannte "Pille für den nächsten Morgen"?

BÖCKLE: Das ist eine Pille, die die Nidation, also die Einnistung des befruchteten Eis in der Gebärmutter, verhindern soll. Diese Pille muß ich nach der Einsicht, die mir heute möglich ist, auf die Seite der Abortiva, also der abtreibenden Mittel, stellen und deshalb für unerlaubt halten. Und das ist ebenso eindeutig bei der "Jeden-Monat-einmal-Pille".

SPIEGEL: Ist nun die Grenze zur Abtreibung hin das einzige Kriterium für die Wahl der Methoden?

BÖCKLE: Nein. Hinzu kommt, daß die Methode dem umfassenden Sinn der Begegnung entsprechen muß, die hier vor sich geht, also der geschlechtlichen Liebesbeziehung. Und da wäre die Rücksichtnahme aufeinander wesentlich, damit nicht gerade in diesem Punkt ein Partner dem anderen etwas aufzwingt oder aufdrängt, von dem er spürt, daß der andere dann nicht jenes Glück empfindet, das nun einmal zu dieser Begegnung gehört.

SPIEGEL: Ist das noch ein Thema für Theologen?

BÖCKLE: Ja. Da würde ich also nicht sagen: Hände weg vom Ehebett. So simpel sind die Dinge nicht. Keine christliche Ethik kann sagen: Herr Y., Sie haben in Ihrer Ehe kein Kondom zu benutzen, oder Frau Z., Sie hauen die Pille zu benutzen. Aber wenn Sie mich fragen, ob es da überhaupt irgendwelche ethischen Gesichtspunkte gibt, dann muß ich sagen: Auch die Wahl der Mittel muß von der rücksichtsvollen Liebe zueinander regiert werden. Wir Theologen können allerdings nur sozusagen das allgemeine Prinzip geben, wonach dann der einzelne Laie in seinem Gewissen die Frage selbst beantworten muß.

SPIEGEL: Halten die Moraltheologen sich so zurück, wenn sie sich doch -- zum Beispiel -- über den Coitus interruptus ausführlich und detailliert äußern?

BÖCKLE: Das ist eine äußerst delikate Frage, und zwar weil ich -- wie meine katholischen Kollegen -- wirklich auf das Zeugnis allerbester Freunde aus dem Laienstand angewiesen bin. Danach kann es beim Coitus interruptus unwahrscheinlich viele Modi geben. Wenn man aber annehmen muß, daß es die Methode ist, die menschlich am unbefriedigendsten ist, dann wird hier das sittliche Prinzip der rücksichtsvollen Liebe, auf das ich hingewiesen habe, am schärfsten bedacht werden müssen.

SPIEGEL: Von den konservativen katholischen Moraltheologen wird häufig vorgebracht, die Freigabe der Pille und anderer Mittel und Methoden würde verderbliche Folgen für das Liebes- und Eheleben haben.

BÖCKLE: Über die Folgen, wie sie sich aus der Sicht des Mediziners ergeben, kann ich natürlich nichts sagen. Auf dem Gebiet der Sittlichkeit aber bin ich eigentlich eher optimistisch. Ich meine, daß wir mit der Öffnung, die wir jetzt anstreben, eine höhere Stufe des Ethos erreichen können. Wir kommen von einer Grenzlösung zwischen erlaubten und unerlaubten Methoden zu einem höheren Prinzip, das natürlich höhere Anforderungen an den einzelnen stellt.

SPIEGEL: Nicht mehr die Kirche für alle katholischen Ehepaare, sondern jedes Ehepaar selbst muß entscheiden. Das geschieht in der Praxis schon immer, aber nun soll das von der Kirche bejaht werden.

BÖCKLE: Ja, das halte ich für positiv. Aber natürlich ist auch, wie stets, mit dem menschlichen Unvermögen zu rechnen, und man wird fragen dürfen, ob die Menschen diese Öffnung auch sittlich tatsächlich zu bewältigen vermögen.

SPIEGEL: Gibt es Zeichen dafür, daß sie es vielleicht nicht können?

BÖCKLE: Ich weiß nicht, ob ich da zu sehr ins Detail gehe, aber ich könnte mir denken, daß jetzt ein Mann anfängt, so ungefähr alle Methoden durchzuspielen -- denn es ist ja erlaubt, während er vorher einer gewissen Drucksituation ausgesetzt war. SPIEGEL: Was wäre daran negativ?

BÖCKLE: Daran könnte negativ sein, daß sich die Frau psychologisch gesehen wie ein Spielzeug vorkäme. Das ist gar nicht moralisierend gedacht, ich moralisiere nie. Ich möchte ganz schlicht sagen oder -- besser -- fragen, ob hier nicht etwas geschieht, was dem Sinn der Ehe widerspricht.

SPIEGEL: Aber was ist dagegen zu sagen, daß ein Ehepaar alle Methoden "durchprobiert", um dann bei denen zu bleiben, die ihm gefallen?

BÖCKLE: Ich weiß nicht recht, ob Sie jetzt aus didaktischen Gründen fragen oder ob Sie mich wirklich nicht verstehen.

SPIEGEL: Wir müssen gestehen: eigentlich letzteres.

BÖCKLE: Ich habe gegen das Durchexerzieren nicht das geringste. Wenn ein Ehepaar sich sagt, wir suchen jetzt nach der uns entsprechenden Methode, die unser geschlechtliches Leben in der Ehe zu einem höchsten, schönsten Gemeinschaftsleben führen soll, dann ist das vollkommen in Ordnung. Was ich für gefährlich halte, ist eine einseitige Manipulation eines Partners gegen das Verständnis des anderen. Mir hat die Frau eines Akademikers, eine gebildete Frau, erklärt: Und wenn der Papst selbst erklärt, das darfst du, so würde ich es doch nicht für recht ansehen. Und nach immerhin zehnjähriger Erfahrung in der Eheberatung würde ich mir doch erlauben zu behaupten, daß ein Prozentsatz von zehn bis 15 hier schwerste Hemmungen hat.

SPIEGEL: Meinen Sie, daß es wirklich eine große Zahl von katholischen Eheleuten gibt, die noch auf eine Entscheidung des Papstes warten?

BÖCKLE: Viel mehr, als man glaubt, davon bin ich überzeugt.

SPIEGEL: Es hat vor einigen Jahren einige Veröffentlichungen gegeben, in denen kirchentreue Katholiken ihre Not -- sexuelle Schwierigkeiten, hohe Kinderzahlen -- schilderten, in die sie durch das kirchliche Verbot der Empfängnisverhütung geraten sind. Aber ist diese Zahl nicht erheblich zusammengeschrumpft?

BÖCKLE: Sicher. Aber gerade bei diesem Problem gibt es das, was der Mainzer Bischof Volk kürzlich in einem Fernseh-Interview formuliert hat: Nicht die Bischöfe drängen auf Entscheidungen, sondern sie werden von unten gedrängt.

SPIEGEL: Das bislang eindrucksvollste Beispiel hat der Welt-Laien-Kongreß gegeben, der in Rom stattfand und der den zögernden Papst um eine baldige positive Entscheidung gebeten hat. Die Meinungen unter katholischen Theologen sind geteilt, ob der Kongreß das überhaupt durfte. Was ist Ihre Ansicht?

BÖCKLE: Daß er das durfte, ist für mich selbstverständlich. Ich frage mich nur, ob es klug ist, den Papst zu einer Entscheidung zu drängen.

SPIEGEL: Warum?

BÖCKLE: Je mehr man drängt, um so größer ist die Gefahr, daß die Entscheidung in einem Stadium kommt, in der sie von der höchsten Autorität noch gar nicht gegeben werden kann. Denn man darf ja sogar einen Papst nicht in seinem Gewissen überfordern.

SPIEGEL: Sie befürchten, daß der Papst, wenn er jetzt entscheidet, sich im Sinne von Kardinal Ottaviani äußert und das Verbot der aktiven Empfängnisverhütung wiederholt. "Und obwohl anscheinend die in den letzten Jahren vorgetragenen Argumente den Papst bislang nicht beeindruckt haben, hoffen und setzen Sie auf eine Änderung seiner Meinung?

BÖCKLE: Nicht einmal unbedingt. Es könnte ja sein, daß jetzt tatsächlich ein Stadium entsteht, in dem die Frage überhaupt nicht entschieden wird, sondern in dem sie der Entscheidung der einzelnen nach ihrem Gewissen freigestellt wird. SPIEGEL: Geht das?

BÖCKLE: Das haben wir in der Kirchengeschichte bei solchen Fragen schon viele Male erlebt: daß es zwei gegensätzliche Meinungen in der Kirche gab und daß weder die eine noch die andere verketzert werden durfte. Dann war es immer so, daß jeder Katholik sich an die eine wie an die andere halten durfte.

SPIEGEL: Die Minderheit meint, daß der Papst sich nicht zu der modernen Auffassung bekennen und das Verbot aufheben darf.

BÖCKLE: Daß nur die Wahrheit frei macht, wird von jedem Priester gesagt. Aber man sollte Ernst damit machen, gerade in diesem Punkt, und sich zu einem echten Verständnis der Wahrheit durchringen und auch die Entwicklungsfähigkeit der Wahrheit bekennen.

SPIEGEL: Schließt das die Möglichkeit des Eingeständnisses eines Irrtums ein?

BÖCKLE: Wir haben nicht jene ewige Wahrheit, wie wir das oft vielleicht zu früh ausgegeben haben, sondern wir sind immer auf dem Wege, die Wahrheit besser, umfassender und eindringlicher zu sehen. Und es kann eine spätere Formulierung die frühere wirklich direkt aufheben, ja sogar in ihr Gegenteil verkehren.

SPIEGEL: Strittig wie alle diese Fragen ist wohl auch, wie sich die Eheleute verhalten sollen, solange der Papst seine mehrfach angekündigte Entscheidung noch nicht gefällt hat. Nach Ihrer Meinung dürfen sie sich schon jetzt anders entscheiden, als es Plus XI. und Plus XII. vorgeschrieben haben.

BÖCKLE: Wenn ein Katholik zu der persönlichen Überzeugung kommt, daß eine bestimmte Methode den Prinzipien einer gegenseitigen liebenden Hingabe nicht widerspricht, dann muß er nach dieser seiner persönlichen Überzeugung handeln.

SPIEGEL: Papst Paul VI. hat sich aber anders geäußert: Solange er nicht entschieden habe, müsse das, was seine Vorgänger gesagt haben, "getreu und hochherzig" beachtet werden.

BÖCKLE: Er hat aber ein Sätzchen beigefügt, das immer unterschlagen wird: "Ergänzt durch die weisen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils".

SPIEGEL: Nun hat doch aber das Konzil über die Empfängnisverhütung nichts ausgesagt.

BÖCKLE: Auch dadurch, daß es nichts sagte, hat es doch etwas ausgesagt! Es hat sich geweigert, bestimmte Methoden weiterhin zu verbieten. Wenn wir also die bisherige Lehre, ergänzt durch die Aussagen des Konzils, betrachten, dann ergibt sich eine deutliche Sicht des Nicht-voll-geklärt-Seins dieser Frage. Und in einem solchen Zustand muß eben der einzelne hingeführt werden zu einem Entscheid nach seinem Gewissen.

SPIEGEL: Wenn aber die Katholiken heute schon frei entscheiden dürfen, warum ist dann überhaupt noch eine Entscheidung des Papstes notwendig?

BÖCKLE: Als Schlußpunkt unter die Auseinandersetzung, der dann denkbar ist, wenn sich der neue Standpunkt überall durchgesetzt hat, wenn ihn also fast alle Bischöfe und Theologen teilen. Dann kann und soll die Entscheidung des Papstes gewissermaßen die Bestätigung dafür sein, daß die Kirche sich einig ist. Mehr nicht. Und deshalb sollte niemand etwas anderes erhoffen oder befürchten.

SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


DER SPIEGEL 49/1967
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