27.11.1967

Hans Mayer über Max Kommerell: „Briefe und Aufzeichnungen 1919-1944“DIE INNENWELT UND IHR PREIS

Professor Hans Mayer, 60, leitet das Institut für deutsche Literaturwissenschaft an der Technischen Hochschule Hannover. Er veröffentlichte in diesem Jahr den Essay-Band „Zur deutschen Literatur der Zeit“. Im übrigen gehe ich, da mir nach außen zu gehen verwehrt ist, nach innen. Max Kommerell 1944
Er wurde am 25. Februar 1902 in Münsingen auf der Schwäbischen Alb geboren und starb am 25. Juli 1944 als ordentlicher Professor der deutschen Philologie in Marburg. Max Kommerell ist also nur 42 Jahre alt geworden. Seltsam zu denken, daß er heute erst das Emeritierungsalter erreicht hätte. Dann hätte man im Februar die Würdigung zu seinem 65. Geburtstag lesen können. An Goethes Geburtstag wäre ihm möglicherweise jener Goethe-Preis der Stadt Frankfurt verliehen worden, womit zuerst Stefan George ausgezeichnet wurde: zu einer Zeit, da der junge Philologe Max Kommerell noch zum engen Kreis des Meisters gehörte und gemeinsam mit diesem, bleichen Eifers, nach dem Horte suchte.
Goethe-Preisträger Max Kommerell? Eine gerechte Würdigung, denn die Gedanken dieses Germanisten über den inneren Aufbau von Faust II und über Goethes große Gedichtkreise (Elegien und Divan) sind bis heute bedenkenswert geblieben.
Oder auch Max Kommerell als Träger jenes Hamburger Lessing-Preises, der zum erstenmal an Friedrich Gundolf gegeben wurde, mit welchem Kommerell das Schicksal teilen sollte, von George und den Seinen sich trennen zu müssen und dadurch in Bann zu geraten. Auch diese Auszeichnung im Namen Lessings wäre berechtigt gewesen, denn Kommerells 1940 erschienenes Buch über das bis heute unausschöpfbare Thema "Lessing und Aristoteles" darf mit Fug als wichtiger Beitrag zur modernen Lessing-Forschung und zur Theorie der Tragödie verstanden werden.
Dennoch will es nicht recht gelingen, sich Kommerell als geehrten Ordinarius des Jahres 1967 vorzustellen. Aus Anlaß eines Kafka-Jubiläums schrieb Joachim Kaiser, um Kafka heute als Friedenspreisträger in der Paulskirche zu imaginieren, was dem "Jahrgang" nach durchaus möglich sein könnte, bedürfte es der Visionskraft eines Kafka.
Uns fehlt der Schlüssel zu einem -- möglichen -- Max Kommerell des Jahres 1967: nicht etwa bloß, weil wir wissen, daß dieser Forscher schon lange tot ist, sondern weil Kommerell am Ende seines Lebens auch mit der geistigen Substanz vielleicht nicht am Ende, aber an einem Wendepunkt angelangt war. Die Substanz hatte sich verbraucht, und es ist nahezu unvorstellbar, wie beim Weiterleben eine Erneuerung hätte möglich sein können. Wer Kommerells Briefe und Aufzeichnungen liest, die Inge Jens als hervorragende Editorin jetzt vorlegt, vermag den Umkreis dieses Wirkens ziemlich genau zu überblicken. Kommerell war deutscher Philologe, und er hielt sich bis zum Schluß für einen eigenständigen Dichter. So fest war er vom eigenen poetischen Ingenium überzeugt, daß man heute, beim Lesen dieser Briefe und Dokumente, den Eindruck gewinnt, der eigentliche Grund seiner Trennung von George sei dadurch entstanden, daß der Lyriker George den jungen Lyriker Kommerell nicht gelten lassen wollte, obgleich der Meister des Kreises sonst, wie viele bitter-ironische Äußerungen von Hofmannsthal bis Kommerell belegen können, nicht eben kleinlich war, wenn es galt, epigonale Lyrismen einiger Günstlinge höchst herrscherlich zu Meisterwerken zu deklarieren.
Die poetischen Arbeiten dieses bedeutenden Philologen, Übersetzers und literarischen Vermittlers lassen sich ernsthaft mit seinen großen Deutungen und Interpretationen nicht vergleichen. Da Inge Jens als Herausgeberin auch diesmal ein editorisches Prinzip anwendet, das sich bereits vor Jahren bewährt hatte, als sie die Briefe Thomas Manns an Ernst Bertram (auch einer übrigens, auf den George rechnen durfte) publizierte: durch Abdruck von Gegendokumenten und parallelen Äußerungen der Beteiligten, also als eine Zwei- und Mehrstimmigkeit, vermag man Kommerell auch in den Reaktionen seiner Freunde und Widersacher zu finden.
Man hat einen Band mit den Texten Kommerells vor sich, worin drei Dokumente von hohem Rang zu finden sind, die schon für sich allein diese Publikation rechtfertigen könnten. Drei bedeutende Texte, aber nur einer von ihnen stammt von Kommerell selbst. Es ist eine Niederschrift vom 3. Oktober 1930 mit dem Titel "Ein Wendepunkt in meinen freundschaftlichen Beziehungen". Die private Aufzeichnung über Ursache und Ablauf seiner Trennung von George. Die Absage aus geistiger Notwendigkeit, aus dem -- berechtigten -- Bedürfnis nach Selbsterhaltung. Gipfelnd freilich in dem Satz: "Wurde doch in dieser Zeit mein Vertrauen in meine dichterische Kraft mein fast einziger Besitz."
Das andere große Dokument aber dieses Buches bestreitet eben die äußere Legitimität dieses inneren Tatbestandes, Am 19. Oktober 1940 schreibt Rudolf Alexander Schröder einen langen Brief an Kommerell über dessen Roman "Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern". Dem Buch hatte sein Verfasser folgenden Untertitel gegeben: "Eine Erzählung von gestern". Schröder geht hart ins Gericht mit diesem Versuch, mitten im Krieg eine Literatur gleichsam außerhalb der Zeit und gegen sie schreiben zu wollen.
Hofmannsthals Freund Schröder (Kommerell hatte seine Frankfurter Antrittsvorlesung am 1. November 1930 über Hugo von Hofmannsthal gehalten) meint zum Lampenschirmroman: "Ihr Buch kommt mir allen Ernstes als ein Versuch vor, die Schule zu schwänzen." Und er faßt zusammen, was gegen Kommerells nun nicht allein mehr dichterische Aktivität im Jahre 1940 gesagt werden mußte: "Denn es hat noch niemand, auch der verschmitzteste Träumer nicht, sich frei-träumen dürfen, wie man sich frei-schwimmt."
Man kann es nicht besser sagen. Das dritte Dokument von Rang in diesem Band ist ein Brief Heinrich Zimmers an Kommerell vom Februar 1934, worin der große Indologe, der Schwiegersohn Hofmannsthals, ausführlich begründet, warum man einen Nachwort-Entwurf Kommerells zu einer Neuausgabe von Hofmannsthals Gedichten nicht publizieren möchte. Zimmer ist verdrossen darüber, daß Kommerell von der Figur des Claudio in "Der Tor und der Tod" auf den Menschen Hofmannsthal zu schließen sucht, und bemerkt gegen diese individualpsychologische Interpretation sehr hämisch: "Den Schöpfer im Geschöpf zu sehen auf diese Weise, ist ein religionsgeschichtlicher Rückfall über die Jahrtausende."
Als Kommerell diesen Ablehnungsbrief erhielt, antwortete er noch unbefangen und in dankbarer Würdigung dieser freundschaftlichen Kritik. Sieben Jahre später ist seine Replik an Schröder nur noch kalt und unbereit. Mittlerweile war es sehr einsam um ihn geworden. Er spürte, daß die Beziehung zum literarischen Schaffen seiner Zeitgenossen verlorengegangen war oder vielleicht niemals bestanden hatte. Was immer man gegen George oder Hofmannsthal vorbringen mag: Sie verzehrten sich in der Auseinandersetzung über Wert und Unwert im zeitgenössischen Schaffen. Kommerell aber schreibt im Herbst 1940 an den klassischen Philologen Karl Reinhardt:
"Sie haben ein Organ für die Gegenwart, vermögen das, was sich in unserer Zeit hervorwagt, abschließend zu würdigen. Ich kann es nicht, und es fällt mir selber auf, daß ich nie wie Große oder Kleinere, Hofmannsthal, Winkler oder wer es sei, etwas über einen Jetzigen zu sagen auch nur versucht war. Es ist dies weder kritisch noch produktiv -- dieses Organ für die Gegenwart; es ist etwas für sich, man kann es sich nicht geben."
Das konnte nicht gut ausgehen. Es mußte mit einer Verkümmerung enden. Kommerell machte sich nichts vor und war auch nicht bereit, wie wenige seiner Zeitgenossen damals in Deutschland, die geistige Auseinandersetzung im Gegenwärtigen dadurch zu umgehen, daß man sich auf die vergangenen Jahrtausende berief.
Als Ernesto Grassi 1940 zusammen mit Walter F. Otto und Karl Reinhardt ein Jahrbuch herausgab mit dem anspruchsvollen Titel "Geistige Überlieferung", antwortete der oft sehr witzige Kommerell höchst schnöde, als er an Hans-Georg Gadamer schrieb: "Es macht ein wenig den Eindruck von Leuten, die nicht viel Geld haben und sich vorzüglich anziehen; ich würde statt seinem Titel den Titel "Gemalter Marmor" vorziehen, weil er zutreffender wäre." Noch böser klingt dieser Brief aus, wenn vom Jahrbuch gesagt wird, 1940, es sei "politisch gut angelegt und wird den Beteiligten nützlich sein".
Briefe und Aufzeichnungen Max Kommerells zwischen 1919 und 1944. Ohne Musil und Broch, Benn und Brecht, Proust und Thomas Mann, Eliot und Joyce, ohne die Expressionisten und die modernen Amerikaner. Und ohne Hinweis auf jene, die 1933 verjagt wurden.
Daß Kommerell nobel war, steht außer Frage. Aber sein Marburger Freund und Kollege, der Romanist Werner Krauss, saß damals zuerst in der Hinrichtungszelle, dann -- begnadigt -- im Zuchthaus. Nichts davon in Kommerells Briefen. Vielleicht aus Vorsicht? Er selbst war gegen Ende seines Lebens nahezu an allem irre geworden. Im Juli 1943 steht in einem Brief an Gadamer der Satz: "Ich bin nicht mehr viel." Er bezog sich nicht bloß auf körperliches Leiden. Der Briefschreiber war klug genug, die geistige Isolation als schlimme Frustration zu empfinden.
Einen Leser des "Doktor Faustus" von Thomas Mann gemahnen Kommerells Briefe aus der Kriegszeit unwillkürlich in Stil und Haltung an den Doktor Serenus Zeitbiom, der nobler Humanist geblieben ist und mitten in Hitlers Deutschland versucht, die Geschichte des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, eines "entarteten Künstlers", zu schreiben.
Kommerell wurde am 27. Juli 1944 in Marburg begraben. Rudolf Bultmann hielt ihm die Totenrede. Genau eine Woche vorher war jener Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berlin ermordet worden, der vierzehn Jahre vorher, im Herbst 1930, um Kommerells Freundschaft geworben hatte. Kommerells Absage an George hatte auch hier die Trennung bedeutet. Stauffenberg war dem Meister und dem Kreis treu geblieben, zur Aktion übergegangen und dabei ums Leben gekommen. Kommerell aber hatte sich schließlich von allem getrennt: zuerst vom Zeitgenössischen, schließlich sogar, aus Überdruß am damals modischen Getue, von Hölderlin. So verbrauchte er die geistige Substanz zusammen mit der physischen Kraft.
Er hat in seiner Zeit einen geistigen Antipoden besessen. Ob er es selbst wußte, wird sich nicht belegen lassen. Der andere jedoch hat sich ausgekannt: Walter Benjamin. Schon über Kommerells erste große Abhandlung zur deutschen Literaturgeschichte, nämlich über das Buch "Der Dichter, als Führer in der deutschen Klassik", das noch in der Reihe des George-Kreises erscheinen durfte, schrieb Benjamin 1930 eine kritische Ablehnung mit der Überschrift "Wider ein Meisterwerk".
Benjamins Habilitationsversuch in Frankfurt scheiterte; Kommerell wurde von jenem Germanisten in Frankfurt habilitiert, der Benjamin zurückwies. Benjamins Weg führte zu Brecht und Karl Kraus, zu Proust und zum historischen Materialismus. Der Philosoph Walter Benjamin meditierte über die neue Rolle der Kunst im Zeitalter der universellen Reproduktion. Auf der Flucht setzte er selbst seinem Leben ein Ende. Aber der Emigrant Benjamin bedeutete die große Alternative zu jenem Kommerell, der nicht mogeln wollte durch Flucht in säkulare Überlieferungen, aber gleichzeitig den Rückzug aus der Zeit angetreten hatte.
Vielleicht gibt es einmal in unseren Tagen einen Plutarch, der parallele Lebensgeschichten synoptisch darstellt: Benn und Brecht, Stefan George und Karl Kraus, Alfred Döblin und Thomas Mann, wohl auch Walter Benjamin und Max Kommerell. Dem Rang nach waren diese beiden einander gleich. Was sie voneinander trennte -- das ist ein Thema auch der zeitgenössischen deutschen Kulturgeschichte geblieben.
Von Hans Mayer

DER SPIEGEL 49/1967
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