20.11.1967

AUTOMOBILE VWPutten der Growl

Mit Wohlgefallen betrachten Heinrich Nordhoffs Statthalter in Amerika Ruhmestaten, die ein Blech-Greis vollbringt. Der elf Jahre alte Käfer ist unter amerikanischen Automobilisten von Maine bis Mexiko kaum minder bekannt als Frank Sinatra. Er gilt, wie seine Besitzer hervorheben, als "der schnellste VW der Welt".
Trotz schrottreifen Alters erweist sich der "Inch Pincher" genannte Wagen nun schon seit vier Jahren bei den ungewöhnlich populären amerikanischen Sprintrennen (Drag Races) als unschlagbarer David gegen Detroits Goliathe. Der Wolfsburger Winzling beschleunigt in 4,7 Sekunden von null auf 100 km/h, in 10,8 Sekunden erreicht er aus dem Stand 160 km/h -- selbst nagelneue Serien-Sportwagen von Porsche, BMW oder Daimler-Benz könnten da nicht mithalten. Seine Höchstgeschwindigkeit: fast 200 km/h.
Der Inch Pincher ist das bislang feurigste Produkt einer Prozedur, die das US-Schnellfahrer-Magazin "Rot Rod" ironisch mit "Putten der Growl in der Beetle" ("das Kraftgebrüll in den Käfer stopfen") verdeutschte. Techniker der Firma Empi (Engineered Motor Products, Inc.) in Riverside (Kalifornien), Amerikas führendem Unternehmen für VW-Sonderzubehör, hatten dem biederen Beetle durch eine Spezialbehandlung (Fachjargon: Frisur) zu derart eindrucksvollen Kraftakten verholfen.
Je mehr Volkswagen Heinrich Nordhoff auf den US-Markt pumpte (bisher rund 2,5 Millionen Stück), um so mehr entdeckte Amerika den VW als preisgünstiges Sportinstrument für Tourenwagen-Wettbewerbe und, nach einer eigens erlassenen Bauvorschrift (Formel V), für Einsitzer-Rennen.
Gleichzeitig wurde der VW immer beliebter für die Primitivform des Rennvergleichs, die Sprintrennen der sogenannten Dragsters. Dabei kommt es darauf an, über eine Viertelmeile (402 Meter) im Duell mit einem Konkurrenten die größtmögliche Beschleunigung zu erzielen.
Die meisten sportlichen VW-Fahrer Amerikas möchten vor allem im Verkehrsalltag überlegene Sprinter sein. Für sie halten Firmen wie Empi über 500 Zubehörartikel und Einbauteile bereit -- bis zum kompletten Spezialmotor für 1000 Mark, mit dem der VW-Fahrer seinen zahmen "Deutschlander" (so "Hot Rod") in einen heißen "VTO" (Volkswagen Touring Optimum) verwandeln kann.
Empi-Techniker machten sich 1963 daran, für den eigenen Gebrauch ihr Ideal einer VW-Frisur zu verwirklichen. Sie wählten dafür einen Veteranen aus, der 400 000 Kilometer als Vertreterwagen gedient hatte.
Ursprünglich sollte der Inch Pincher nur als Versuchsträger für die Erprobung von polierten Ansaugkanälen, Rennockenwellen und Spezialvergasern dienen. Doch die Firmen-Manager entschlossen sich, den Wagen gleichzeitig für Sprintrennen herzurichten. Unter Leitung des Spezialisten Dean Lowry wurde der Wagen ausgeschlachtet, Kotflügel und Hauben durch Teile aus Fiberglas ersetzt, so daß der VW über 70 Kilo Gewicht verlor. Als Antrieb wählte Lowry einen 42 PS starken Transporter-Motor von 1,5 Liter, den er auf zwei Liter vergrößerte und auf 160 PS Leistung steigerte.
"Zuerst haben sich alle über den Inch Pincher amüsiert -- was wollte ein VW auch schon gegen die Großen aus Detroit erreichen?", erinnerte sich Empi-Manager Hans Mueller an die ersten Pincher-Starts. Die Klasseneinteilung verlangte, daß der VW -- in der Dragster-Kategorie für modifizierte Originalmotoren -- gegen Riesenautos von Ford, General Motors und Chrysler mit Motoren von 4,4 bis sieben Liter Hubraum antreten mußte.
Amüsiert zeigten sich auch die VW-Manager über die Siegesserle des Wolfsburger Leichtgewichts gegen die Kolosse aus Detroit. Ein VW-Sprecher: "Günstig für den Namen VW -- der Inch Pincher hilft uns zu verkaufen."

DER SPIEGEL 48/1967
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