20.11.1967

MEDIZIN / SCHEINTOD Klingel im Sarg

Korporal Jacky Bayne, 22, fiel auf einem Patrouillengang. Am 16. Juli war der Spürhund des US-Soldaten im Dschungel Vietnams auf eine Mine getreten.
Ärzte im Lazarett begannen mit Wiederbelebungsversuchen. Doch Herzmassage und künstliche Beatmung blieben erfolglos. Nach 45 Minuten gaben die Ärzte auf. Puls und Atmung des Infanteristen kamen nicht wieder in Gang. Der Elektrokardiograph (der die Herzströme mißt) zeigte keinen Ausschlag.
Der tote Korporal kam in die Leichenhalle. Mit Sicherheit vergingen nochmals mehrere Stunden, bis ein Wärter erschien, der den Leichnam einbalsamieren sollte. Als er eine Arterie am Schenkel des Toten aufschnitt, um ein Konservierungsmittel einzuspritzen, spürte er schwache Pulsschläge -- Bayne war ins Leben zurückgekehrt.
Noch drei Wochen hindurch verharrte der Scheintote in tiefer Bewußtlosigkeit. Dann, nach mehreren Blutübertragungen, erlangte er das Bewußtsein zurück. Gegenwärtig behandeln ihn die Ärzte im Walter-Reed-Hospital zu Washington.
Das Schicksal des scheintoten Korporals Bayne beschwört eine uralte Schreckensvision: den Alptraum, lebendig begraben zu werden. Selbst die verfeinerten Hilfsmittel der modernen Medizin, wie sie im Fall Bayne angewandt wurden, können einen Irrtum bei der Feststellung des Todes offenbar nicht mit Sicherheit ausschließen.
Bei den überlieferten Schein-Todesfällen ließ sich häufig ärztliches Versagen feststellen -- so im Falle der New Yorker Krankenschwester Henrietta Landau, 71, die im vergangenen Jahr voreilig für tot erklärt und in ein Beerdigungsinstitut eingeliefert worden war. Aus England wurde 1964 der Fall eines John Higgins gemeldet, der zehnmal totgesagt worden war. Dreimal wachte Higgins -- der an einer schweren Kriegsverletzung leidet -- erst in der Leichenhalle wieder auf.
Die panische Furcht vor dem Scheintod hat die Menschen zu oftmals skurrilen Vorsichtsmaßnahmen getrieben. So hinterließ der königlich bayrische Appellationsrat Johann Baptist Schmidt 1871 seiner Heimatstadt Passau eine Stiftung, aus der den Totengräbern oder Leichenwärtern eine Prämie bezahlt werden soll, wenn sie einen Scheintoten vor dem Sarg retten. Die Stiftung besteht noch heute (derzeitige Prämienhöhe: 240 Mark).
Noch vor einem Jahrzehnt gab es in manchen deutschen Leichenhäusern sogenannte Scheintod-Klingeln. Den Toten wurde ein Klingelzug um die Hand gebunden, und bei der leisesten Bewegung des Leichnams ertönte ein Glöckchen. Erfinder aus Amerika und England ersannen " Sauerstoff-Gräber" -- mit einem Sauerstoff-Vorrat für 72 Stunden -- oder "Signal-Särge": Bei Bedienung eines Hebels im Sarginnern erscholl ein Alarmzeichen, oder eine Notfahne entfaltete sich über dem Grab.
Freilich, das Thema Scheintod trägt längst nicht mehr nur komisch-makabre Züge. Vielmehr wurde es durch die Fortschritte der modernen Medizin -- etwa in der Technik der Wiederbelebung durch Herzschrittmacher, Herzmassage und Beatmungsgeräte -- zum Streitobjekt der Gelehrten.
So äußerte beispielsweise der französische Biologe Jean Rostand die Meinung, man müsse einen Toten eher "als provisorisch unheilbaren Patienten" ansehen. Rostand erläuterte: "Ein Mensch, der 1966 als tot gilt, wird vielleicht unter gleichen Umständen im Jahre 2000 noch nicht für tot erklärt."
Jedenfalls scheint die klassische Grenzlinie zwischen Leben und Tod -- das Aussetzen der Atmung und des Herzschlags -- nicht mehr akzeptabel. So kamen im Frühjahr 1966 die Mitglieder der Französischen Medizinischen Akademie in Paris überein, ein neues Kriterium für den Tod in Betracht zu ziehen: das völlige Erlöschen der Gehirnfunktionen. Die Gehirnstromkurve, aufgezeichnet mit einem Enzephalographen, müsse für mindestens 48 Stunden eine "Null-Linie" zeigen, erst dann könne der Tod erklärt werden.
Normalerweise vermag das menschliche Gehirn eine Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr -- etwa bei Herzstillstand -- nicht länger als sechs Minuten ohne schwere Schädigung zu überstehen.
Um so verblüffter registrierten die Mediziner im Washingtoner Walter-Reed-Hospital, daß der Vietnam-Soldat Bayne nach dem Erwachen aus dem Scheintod nur geringe Bewußtseinstrübungen zeigte. Die Ärzte entdeckten an ihrem Patienten lediglich leichte Sprachstörungen. Bayne will in Kürze sein Universitätsstudium wiederaufnehmen.
Physisch indes hat der Ex-Korporal sein makabres Kriegsabenteuer nicht unbeschadet überstanden. Nach seiner Rückkehr ins Leben mußten die Ärzte dem Auferstandenen das zerfetzte rechte Bein amputieren.

DER SPIEGEL 48/1967
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