20.11.1967

Hans Bender über Renate Rasp: „Ein ungeratener Sohn“KUNO WIRD KUPIERT

Hans Bender, 48, schrieb Lyrik, Romane ("Eine Sache wie die Liebe") und Erzählungen ("Wölfe und Tauben"). Er ist Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“ und lebt in Köln. -- Renate Rasp, 32, lebt in München.
Sie drucken uns nicht, sie schreiben uns an die Wand, die Frauen, sagte Günter Graß bei der diesjährigen Tagung der "Gruppe 47" nach den Lesungen von Barbara Frischmuth, Helga Novak und Renate Rasp. Alle drei hatten mit bösen und brillant geschriebenen Texten Eindruck gemacht. Renate Rasp, so wurde gewünscht, sollte ihre sechs Gedichte ein zweites Mal lesen; die Zuhörer, die Männer vor allem, wollten sich versichern, ob sie richtig gehört hatten, was diese Autorin eben so kühl und bestimmt gelesen und anscheinend sogar bekannt hatte:
"Vielleicht, / es wäre denkbar, / braucht es kein lebendiges Fleisch, / einer aus Plastik, / ein Puppenmann, mit dunkler Perücke, / schmal oder breit, / oder ganz anders, / mit dickem Mund, / aufgeweicht, / rot / geschwollen vor Lust.
Sicher wäre der Romanerstling von Renate Rasp, der gerade erschienen war, weniger beachtet worden, wäre nicht dieser Auftritt in der "Pulvermühle" dazugekommen.
Im März dieses Jahres debütierte die Autorin mit einem Prosastück in der Anthologie "Wochenende" (SPIEGEL 25/1967). Eine Anthologie von Dieter Wellershoff, der das Thema gestellt und wie ein Klassenlehrer die Ergebnisse überwacht hatte; Wellershoff, der seinen Autoren die Sicht vorschreibt: "Der sinnlich konkrete Erfahrungsausschnitt" das gegenwärtige alltägliche Leben in seinem begrenzten Bereich". Wellershoff, der Programmatiker und Editor des Neuen Realismus -- des "Kölner Realismus", wie seine Abwerter sagen.
Die Umgebung, in der Renate Rasps ungeratener Sohn existiert, ist gewiß eine neu-realistische. Eine Welt der Alpenveilchen, Lesemappen, Prospekte, Brieffreundschaften, Nähkästchen, Lockenwickler, der Frostsalbe, der gestopften Trainingsanzüge und der orthopädischen Sandalen. Die Küche durchschwelt Geruch von Sauerbraten, Zwiebeln, Abwasch und Müll. Die Eisschranktür
quietscht. Der Bohner seufzt übers Linoleum.
"Die abwaschbare Perlondecke wurde durch ein rosafarbenes Damasttuch ersetzt, zur Schonung darüber eine große Serviette gebreitet, so daß von dem eingewebten Blumenmuster nur die Flecken sichtbar waren. Sie vergaß nicht, vier Bastuntersätze aufzulegen, für die Schüsseln, damit die Tischplatte keinen Fleck bekam."
So steht Detail neben Detail. Die "geringsten Veränderungen", die "wechselnden Eindrücke" wie es nebenbei heißt, sollen erfaßt werden. Das sind fast wörtliche Programmpunkte des Neuen Realismus. Aber auch wer sie nicht kennt, kann erkennen, wie talentiert sie hier umgesetzt sind; wie "realitätsnah" Renate Rasp beobachtet und beschreibt.
Der Roman hat eine Fabel. Kuno soll nach dem Willen des Stiefvaters Felix nicht zu einem brauchbaren Mann, sondern zu einem Baum erzogen werden; richtiger zu einem Baumstumpf, ohne Zweige, ohne Blätter. Vom siebzehnten Jahr an hat er Pflanzenfett zu essen, Wasser zu trinken, in Unmengen; er hat gymnastische Übungen zu treiben, er hat zu schweigen, zu dulden, Eindrücke von sich fernzuhalten; und er hat Korrekturen über sich ergehen zu lassen, und das Baumideal wird fast erreicht.
Am Tag der Pflanzung wird Kuno mit einem freudigen "Gott sei Dank" der Frau Mama in einen Kupferkessel gesetzt. Die spätere Verpflanzung in den Garten will nicht mehr glücken. Die Eltern verlieren ihr Interesse. Fünfzigjährig" fett, taten- und gedankenlos, lethargisch sitzt Kuno zuletzt im Ohrenbackenstuhl: Opfer der Erziehung und Anpassung, Opfer aber auch der eigenen Schwäche und Selbstverleugnung.
Nein, da bleibt keine Reminiszenz an die Verwandlung der Daphne zu einem Lorbeerbaum! Kunos Verwandlung ist eine Okulation, nicht zur Veredlung, sondern zur Verstümmelung.
Kuno wird kupiert, mit Scheren, Zangen, Mullbinden. Schon zu Anfang hat er statt Hände Greifzangen. Prothesen wenden ihm vorgelegt, künstlich vollkommene Hände, behaarte, männliche, noble, feste und zarte Hände, an deren Finger sogar Ringe gesteckt sind. Prothesen, auf rosafarbenem Papier, in seidenen Manschetten dargeboten vom Vertreter, der seine Ware so wortreich anzupreisen versteht.
Kuno werden die Augen zugeklebt, mit Leukoplast; Kuno werden die Ohren verstopft, mit Wachs aus den Kerzenstummeln "vom vorigen Weihnachten". Grelle Effekte sind beabsichtigt. Alle Deformationen moderner Plastiken und Bilder werden evoziert. Die Grausamkeit wird mit der Sentimentalität, die Abstrusität mit der Normalität vermischt.
Kuno muß die Metamorphose vollziehen -- so ist es als Tendenz erkennbar -, die Weit, die so grausam, so selbstverständlich, so gutmeinend, so idealistisch mit ihm verfährt, zu durchschauen. Er, der Ich-Erzähler und Ich-Beobachter, ist das einzig sensible und reflektierende Geschöpf einer Welt, die "das Beste" will und das Schlechteste anrichtet. Eine Welt, die zusammenhält wie ein Wolfsrudel.
Der ängstliche Blick Kunos durchdringt die Oberfläche, das Gerede, das Getue. Er sieht die falschen Haare, die flachen Hinterköpfe, die Fettwülste, die schlaffen Muskeln, den Bauch "wie eine aufgepustete Schweinsblase". Er sieht der Paarung zu. Er hört das Gekreisch, den Zungenschlag, die dummen, optimistischen Sentenzen, mit denen seine Erziehung und sein Leben gespickt sind: "Der Mensch ist frei geschaffen!", "Alles für die Gesundheit". Er ist ebenso empfindlich für Gerüche: Kleinbürgermief mit "scharfer Frische".
Das Porträt der Mutter, die (nur) mittut, ist böser gezeichnet als das des Stiefvaters:
"Bei großer Hitze pflegte sie die Kittelschürze oder eines der drei Hauskleider abzustreifen, zog den plissierten Volant, der ihren Unterrock säumte, weit über die Schenkel hinauf, rollte ihre Strümpfe zu kleinen braunen Würsten um die Waden und lag wie eine Flunder mit hellem Bauch und angestrengtem Atem in den roten und gelben Streifen eines Liegestuhls."
Jugend und Alter, Generationsfeindschaft, Haß der Jugend, die im realistischen Gedicht und in der neurealistischen Prosa schon zum modischen Klischee geworden sind, stellen auch hier die Fronten; doch Kuno bezieht sich selber mit ein in· eine Welt, die Ekel verursacht. Er begegnet ihr mit hängenden Armen, mit Demut, mit Gleichgültigkeit.
Die Bilder dieses Buches haben keine Ränder, die Vorgänge keinen Einsatz oder Schluß. Bilder und Vorgänge werden. hervorgeholt und wieder fallengelassen. Auch die Metamorphose selber wird nicht so streng durchgeführt, wie die Nacherzählung sie wiedergibt. Die Parabel soll so unausgeführt und durchlöchert bleiben, damit sie über die erste und letzte Seite des Buches hinausgreift; damit sie ergänzt werde vom Leser. Der Stil redet stakkatohaft, damit auch er sich einhämmere.
Die Gattungsbezeichnung "Roman" stimmt nicht. Das Buch hätte "Satire" genannt werden müssen. Eine Satire, die das Lachen verbietet. Ihre Realität ist als gegenwärtige Realität erkennbar. Auf den 184 Seiten werden Verhaltensweisen unserer Gesellschaft angeleuchtet, kurz . und scharf. Das Terzett Kuno-Stiefvater-Mutter und die wenigen Nebenfiguren begehen Taten, die wir kennen; sie tönen Sätze, die uns vertraut klingen. Blitzlicht-Photographien werden vorgehalten, die keiner der Dargestellten ins Album wird kleben wollen.
Es sieht tatsächlich so aus, als stieße das Buch -- so rasch bekannt der Name seiner Autorin schon ist, so ausführlich es rezensiert wird -- auf Widerwillen. Es hat keine Chance für die Bestseller-Liste. Bis zur Stunde sind nicht mehr als tausend Stück verkauft, sagt eine Auskunft des Verlags.
Von Hans Bender

DER SPIEGEL 48/1967
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