16.10.1967

GEHEIMDIENSTE / SAVAKSpur in den 4. Stock

Sie demonstrierten für Persiens Kaiser und droschen auf seiten der Polizisten, als sich am 2. Juni beim Schah-Besuch in Berlin Resa-Pahlewi-Gegner und Polizisten prügelten. Dutzende dieser bestellten Jubelperser waren weder vor dem 2. Juni in Berlin gesehen worden, noch sah man sie dort danach.
Wiederholt klagten in Westdeutschland studierende Perser in den vergangenen Jahren darüber, daß Briefe, die sie innerhalb der Bundesrepublik verschickt hatten, verlorengegangen oder unterwegs geöffnet worden waren.
Als Sekretär der linksorientierten Iranischen National-Front Versucht der im hessischen Neu-Isenburg lebende persische Soziologiestudent Hassan Massali, 32, seit Jahren, unter Bundesdeutschen und Landsleuten "die Wahrheit über den Schah und unser Regime zu verbreiten". 1964 kassierte Persiens Botschaft den Paß des unbequemen Landsmannes. Eine sogenannte ausländerpolizeiliche Aufenthaltserlaubnis bewahrte Massali bislang davor, in seine Heimat zurückkehren zu müssen.
Das Aufgebot der organisierten Jubelperser, die offensichtlich kontrollierte Perser-Post, der Entzug des Massali-Passes -- die Spuren führen In das Haus 180 der Bonner Straße zu Köln.
In dem siebenstöckigen Apartmenthaus mit Namen wie "Dadsetan", "Foroutan", "Maskooki" auf dem Klingelbrett residiert das deutsche Hauptquartier des persischen Saseman Amniat va Etelaot Keschwar (Organisation für Sicherheit und Informationen des Landes) -- kurz: Savak.
Savak ist einer von mindestens vier Geheimdiensten antikommunistischer Staaten, die in der Bundesrepublik Landsleute auf Regimetreue kontrollieren und notfalls unter Druck auf den rechten Weg bringen sollen. Neben Savak sind das:
> Die südkoreanische Central Intelligence Agency (CIA). Ihr gelang es diesen Sommer, 17 Landsleute, die im Verdacht kommunistischer Umtriebe standen, aus der Bundesrepublik nach Korea auszufliegen (SPIEGEL 36/1967).
> Der griechische Kentriki Ypiressia Pliroforion (KYP). KYP-Leute photographierten in Westdeutschland griechische Teilnehmer von Demonstrationen gegen das Militärregime des Obersten Papadopoulos. Sie ließen oppositionellen Studenten den Monatswechsel sperren und die Pässe von Linksintellektuellen wie dem in München lebenden Dolmetscher Georg Jannidis annullieren.
> Der spanische Servicio de Información. Dieser Dienst betreibt in der Bundesrepublik vor allem Kommunistenjagd unter Gastarbeitern. Während CIA, KYP und der spanische Servicio de Información in der Bundesrepublik gewöhnlich nur durch V-Männer oder Beobachter bei ihren diplomatischen Missionen vertreten sind und Profis nur zu gezielten Ak-
* Schah Resa Pahlewi und Schahbanu Farah am 3. Juni 1957 auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel.
tionen ins Land schicken wie die CIA im Juni zur Entführung der 17 Südkoreaner -, unterhält Savak als einzige dieser Organisationen einen beinahe schon öffentlichen Bürobetrieb. Der Telephonanschluß der Kölner Zentrale -- 38 76 53 -- ist zwar nicht im Amtlichen Fernsprechbuch verzeichnet, aber doch den meisten der rund 5000 in Westdeutschland lebenden Perser geläufig.
Schah Resa Pahlewi ließ den Geheimdienst Savak aufbauen, nachdem sein General Amir Teymour Bakhtiar, heute 53, im Jahre 1953 in der persischen Armee eine kommunistische Widerstandsgruppe aufgedeckt hatte. Erster Savak-Chef wurde eben jener Bakhtiar, ein auf der französischen Militärakademie St. Cyr ausgebildeter Schah-Getreuer, der vor 14 Jahren den persischen Regierungschef Mossadegh stürzen half und dem Schah damals die Vollzugsmeldung ins römische Exil telegraphierte.
Zunächst -- so der General heute -- diente die Organisation, etwa wie der deutsche Verfassungsschutz, "nur der Abwehr von Spionage und subversiven Elementen im Lande". Informationen aus dem Ausland ließ sich die Savak damals von Kollegen anderer Nationalität besorgen, denn "selbstverständlich arbeitete sie mit Geheimorganisationen der uns befreundeten Nationen zusammen" -- darunter die amerikanische CIA, das französische Deuxième Bureau und der deutsche Bundesnachrichtendienst General Gehlens.
Über die Landreformpläne Resa Pahlewis entzweiten sich General und Kaiser schließlich. Bakhtiar, der einer Großgrundbesitzerfamilie entstammt und mittlerweile selbst enteignet wurde, ging 1962 ins europäische Exil -- je nach Jahreszeit wohnt er in einer Villa am Genfer See oder in einer Terrassenwohnung mit Blick aufs Meer in der Prominenten-"Promenade des Anglais" zu Nizza.
Erst unter seinem Nachfolger General Pakravan -- so behauptet jedenfalls der Emigrant -- begannen Savak-Beamte selbst ins Ausland auszuschwärmen.
Zum Aufbau einer deutschen Savak-Zentrale schickte Pakravan den ehemaligen Bakhtiar-Sekretär General Hassan Alavi Kia, 57, nach Köln, der dort offiziell als Gesandter an der Iranischen Botschaft firmierte. Sein Hauptquartier schlug Alavi Kia im vierten Stock der Bonner Straße 180 auf -- in dem Büro des persischen Diplomaten Oberst Akbar Dadsetan, 46. Aber er belegte nicht nur das Büro, sondern auch den Büroinhaber mit Beschlag: Dadsetan, bis dahin stellvertretender Militärattaché an der Botschaft, wurde zweiter Savak-Mann in Deutschland. Das Messingschild an der Tür seines Büros weist den gelernten Panzersoldaten seither als Luftwaffenattaché aus.
Insgesamt zählt die festbezahlte Savak-Crew in Deutschland heute rund 30 Mann. Einige sind als Militärs getarnt -- so der Major Ataolah Foroutan, 34, der in der Bonner Straße 180 als "Finanzoffizier" den deutschen Savak-Etat (Bakhtiar: "Ungefähr vier bis fünf Millionen Dollar im Jahr") verwaltet. Andere üben laut Bakhtiar "ihre Tätigkeit als Kaufleute getarnt aus": "In München gibt es einen pensionierten Oberst. Er ist im Teppichhandel tätig."
Und von einer reinen Spionageabwehrorganisation im Inland wandelte sich die Savak unter General Pakravan und seinem Nachfolger General Nassiri (seit 1965) mehr und mehr zu einer politischen Polizei und Schah-Propagandatruppe im Ausland.
Zu ihren Aufgaben gehören:
> Die Kontrolle -- so Bakhtiar -- "von persischen Studenten in West- oder Ostdeutschland, die unter dem Einfluß der kommunistischen Propaganda stehen. Denn, wenn diese Leute zurück in den Iran gehen, will man sie kennen". Daß dieser Einfluß ausgeübt wird, steht außer Zweifel: In Leipzig hat die verbotene persische KP (Tudeh-Partei) ein Hauptquartier sowie einen leistungsstarken Sender.
> "Propaganda für den Schah" (Bakhtiar) sowohl unter linken wie auch rechten Schah-Gegnern. Die rechten Gegner sind insbesondere die in Deutschland studierenden oder als Akademiker lebenden Söhne vom Schah enteigneter Feudalherren.
> Die Beschattung von persischen Beamten und Kaufleuten auf Geschäftsreisen in Mittel-Europa. Die Savak soll so verhindern, daß die beamteten Geschäftsreisenden in die eigene Tasche wirtschaften und Kaufleute Kontakt mit Schah-Oppositionellen im Exil aufnehmen.
Nicht immer verliefen die Unternehmungen der deutschen Savak-Zentrale -- nach Meinung von Experten die größte außerhalb Persiens -- glückhaft:
Zwei V-Männer, die der Kölner Bürochef Alavi Kia mit dem Auftrag nach Leipzig in Marsch gesetzt hatte, das Tudeh-Hauptquartier zu unterwandern, wurden bereits nach wenigen Tagen gefaßt.
Und weil Schah und Schahbanu bei ihrer Deutschland-Reise trotz Jubelperser-Aufgebot Demonstranten und "Mörder"-Transparente nicht erspart blieben, mußte schließlich Deutschland-Chef Hassan Alavi Kia gehen. Er wurde Anfang August nach Teheran zurückberufen. Offensichtlich hatte er die Sympathien der Deutschen für den Herrscher aus dem Morgenland über- und die Aktivität der Schah-Gegner in Westdeutschland unterschätzt.
Ex-Savak-Chef Bakhtiar über das Mißgeschick seines früheren Sekretärs: "Er hat genug Geld zur Verfügung gehabt, um solche Dinge zu verhindern.
Ein neuer Mann kam bislang nicht nach Köln. Der Posten des Deutschland-Chefs wird gegenwärtig von Oberst Dadsetan, Alavi Kias Stellvertreter, verwaltet.

DER SPIEGEL 43/1967
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