WERBUNG / ANZEIGEN
Gestreiftes Auge
Von der Titelseite der Frauenzeitschrift "Constanze" zwinkerte das teuerste Mädchen, das es je in Deutschland gab. Die Blonde mit beweglichen Lidern und Lippen hatte 700 000 Mark gekostet.
Sie kam aus New York, ein Druck-Erzeugnis von Xograph. Das Unternehmen, im gemeinsamen Besitz der US-Illustrierten "Look" und des Photokonzerns Kodak, hat eine Art Weitmonopol für lebende Bilder. Dabei wird über gedruckte Photos mit feinem Streifenraster eine ebenfalls gerasterte, durchsichtige Kunststoff-Folie gezogen. Zwei Effekte sind möglich: Bei senkrechtem Raster wirken die Bilder plastisch ("3 D"), bei waagerechtem erscheinen sie je nach dem Blickwinkel des Betrachters in zwei verschiedenen Versionen ("Bi-View").
Das fertige Produkt in der von "Constanze" benutzten Größe kostete 46 Pfennig pro Stück. Es mußte auf jedes Heft einzeln aufgeklebt werden; Preis: acht Pfennig je Exemplar. Die erste 3 D-Anzeige der Welt, die 1964 in "Look" erschienen war, hatte insgesamt 800 000 Mark gekostet. Heute ist das Verfahren in Amerika besonders bei der Herstellung von Prospekten, Kalendern und Schallplatten-Hüllen verbreitet. --
"Constanzes" Titelmädchen, mit Schiff und Flugzeug aus New York herantransportiert, war Bi-View. Sie konnte strahlenden Auges lächeln oder mit gesenktem Blick und verschlossenen Lippen träumen. In Bi-View, und etwas rätselhaft, präsentierte sich auch der Bildtext: einmal "Versichert?", das andere Mal "Ja, natürlich ..."
Das Rätsel löste sich auf den nächsten Seiten. Der Plinker-Titel war eine Anzeige für die Versicherungsgesellschaft Deutscher Ring. Getrieben von dem Wunsch, das Verfahren den westdeutschen Anzeigenkunden wirksam vorzustellen, aber verschreckt durch die enormen Kosten, hatte der Constanze-Verlag nach einem potenten Partner gesucht. Der Deutsche Ring brauchte nicht einmal die Hälfte der Kosten zuzuschießen und bekam dafür außer dem Titelblatt noch drei Umschlagseiten für Werbetext und -bilder sowie ein seitenlanges redaktionelles Loblied auf Versicherungen.
Ring-Abteilungsleiter Hans-Hellmuth Wallier: "Zum vollen Preis würde ich so eine Anzeige nie machen. Die Kosten sind für eine Einzelfirma unsinnig."
Die "Constanze" hofft trotzdem auf weitere Aufträge für Bi-View oder 3 D. Denn außer in den USA, wo bereits zahlreiche Kograph-Anzeigen erscheinen und das Reisejournal "Venture" seit mehr als zwei Jahren dreidimensionale Titel druckt, hat in Italien das Frauenblatt "Grazia" schon drei, in Frankreich die gleichartige Zeitschrift "Eile" sogar vier Frontblätter mit Kograph-Folien beklebt. Drei von den "Elle"-Bildern bezahlte die Kosmetikfirma Orlane.
Der Constanze-Verlag offeriert jetzt die neuartige Werbung nach dem Modell Deutscher Ring zum Festpreis von 630 980 Mark. Selbst das kleinste Zauberbild im Format acht mal sechs Zentimeter, auf eine nur halbseitige Anzeige geklebt, ist nicht unter 200 000 Mark zu haben, kostet also zehnmal soviel wie eine entsprechende Normalanzeige. Der Eindruck der Flimmer-Bilder ist aber, wie "Look" ermittelte, nur doppelt so stark wie der von herkömmlichen.
Die Kosten werden in absehbarer Zeit kaum sinken. Zwar gibt es auch in Westdeutschland schon Firmen, die Folienbilder herstellen, aber keine kann so dünne, mithin für Zeitschriften so geeignete Bilder liefern wie Xograph.
Teuer ist in jedem Falle auch die Produktionstechnik. Die gedruckten Bilder und die Raster-Folie müssen mit äußerster Präzision aufeinandergeklebt werden, damit die gewünschten Effekte entstehen. Xograph rechnet mit bis zu 30 Prozent Ausschuß.
Auch das "Constanze"-Mädchen war den Amerikanern nicht voll gelungen. Auf zahlreichen Exemplaren blieb die strahlende Iris durch das geschlossene Augenlid sichtbar.
DER SPIEGEL 43/1967
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