16.10.1967

Ein halbes Jahrhundert nach Bronsteins Geburtstags-Putsch

Die Sowjet-Union 1967: Suche nach einer besseren Welt

Ein deutscher Rittmeister ließ an der Schweizer Grenze russische Emigranten antreten. Auf dem Bahnsteig von Gottmadingen wurde abgezählt. Es waren 32 Mann.

Sie fuhren -- im April 1917 -- in einem Sonderzug quer durch Deutschland nach Saßnitz, dann über Schweden und Finnland nach Petrograd. Dort sollten sie die Regierung stürzen, mit der Deutschland im Krieg stand.

Die Reichsregierung hoffte, die deutsche Ostfront zu entlasten -- mit Hilfe einer kleinen radikalen Gruppe, die sich von der russische Sozialdemokratischen Partei abgesplittert hatte. Die Sektierer, die sich zu Unrecht "Mehrheitler" (russisch: Bolschewiki) nannten, traten für sofortigen Friedensschluß Rußlands mit Deutschland ein. Deshalb durften sie per Bahn durchs Reich reisen. Deshalb hatte das Berliner Auswärtige Amt den Sektenchef, den ehemaligen Rechtsanwalt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, mit Millionen Goldmark ausgestattet.

Mit diesem Geld konnte Lenin zu Hause eine so erfolgreiche Propaganda betreiben, daß er nach einem halben Jahr in der Hauptstadt Petrograd einen großen Teil der Arbeiterschaft und der Garnison hinter sich gebracht hatte.

Der Zar war bereits gestürzt, der sozialdemokratische Rechtsanwalt Kerenski, der dasselbe Gymnasium wie Lenin besucht hatte, stand an der Spitze der neuen Regierung. Zu Lenin stieß der Journalist Leo Bronstein, der sich Trotzki nannte. Er organisierte nun den Sturz Kerenskis. Den Tag des Aufstands legte Trotzki fest: Der Sieg sollte an seinem Geburtstag sein.

Am Abend des 25. Oktober besetzten Massen demonstrierender Arbeiter und meuternder Soldaten den Regierungssitz, das ehemalige Winterpalais. Es gab wenig Widerstand bei den Verteidigern, einem Frauen-Bataillon und Offiziersschülern. Die Minister wurden verhaftet, Kerenski konnte flüchten.

Der Putsch sollte die in derselben Nacht tagenden Delegierten des Allrussischen Rätekongresses einschüchtern, in dem Lenins Anhänger noch in der Minderheit waren. Bauerndelegierte und Sozialdemokraten, die auf dem Kongreß die Mehrheit hatten, verließen den Saal. Jetzt waren Lenins Anhänger in der Mehrheit -- Lenin und Trotzki hatten termingerecht gesiegt.

Das war die "Große Sozialistische Oktoberrevolution". Sie gilt in den kommunistischen Staaten -- das heißt heute: bei einem Drittel der Menschheit -- als Geburt einer neuen, besseren Welt und eines neuen, besseren Menschen. Die bürgerliche Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts erschauderte vor der Ausgeburt des Bösen, deutsche Urängste vor dem Steppensturm aus Asien lebten auf.

Aber diese "Große Sozialistische Oktoberrevolution" war weder eine Revolution -- vielmehr ein Staatsstreich -, noch fand sie im Oktober statt: Da die Russen den Gregorianischen Kalender erst später einführten, feiern sie Oktoberrevolution -- in diesem Jahr zum 50. Mal -- am 7. November.

Vor allem aber: Lenin versprach seinen Anhängern zwar eine sozialistische Gesellschaftsordnung -- "Alle Macht den Räten (Sowjets)", "Den Boden dem, der ihn bearbeitet" und "Selbstbestimmung allen Nationalitäten".

Aber Lenin wußte, daß er diese sozialistischen Träume in dem unterentwickelten Rußland nicht verwirklichen konnte: Fast 80 Prozent der Bevölkerung waren -- meist analphabetische -- Bauern

In Wahrheit wollte Lenin zunächst die vom Zaren begonnene Industrialisierung Rußlands fortsetzen -- nur rascher, ohne Rücksicht auf die Interessen einer Grundbesitzerkaste und unabhängig von dem beherrschenden Einfluß ausländischen Kapitals.

Statt der von Marx empfohlenen Produktion durch Arbeitergenossenschaften nahm sich Lenin den Staatskapitalismus der deutschen Kriegswirtschaft zum Muster und nannte -- in seiner Schrift "Staat und Revolution" -- als Vorbild für den idealen sozialistischen Betrieb die Deutsche Reichspost.

Statt der Herrschaft proletarischer Räte errichtete Lenin die Diktatur seiner kleinen Intellektuellen-Partei. Nach dem Putsch von Petrograd erhielt die Bolschewiken-Partei bei den Wahlen für eine Nationalversammlung keine Mehrheit. Lenin ließ die Volksvertretung durch Soldaten auseinandertreiben.

Statt die Weltrevolution zu vollziehen, schloß Lenin den versprochenen Waffenstillstand mit Kaiser Wilhelms Deutschem Reich -- obschon sein eigenes Zentral-Komitee protestierte, daß dieser Waffenstillstand die Weltrevolution bremse. Als Deutschlands Arbeiter im November 1918 rote Räte bildeten und die Revolution ausriefen, lieferte Lenin ihnen -- entgegen deutschen Greuelmeldungen -- keinen einzigen Agitator, kein Maschinengewehr, kein Flugblatt.

Erst kurz vor seinem Tod (1924) fand Lenin zu den eigentlichen Idealen zurück. Von einem Schlaganfall gelähmt, diktierte er mit Handzeichen seiner Frau: Es wäre besser gewesen, die Betriebe an Arbeitergenossenschaften statt an Staatsbürokraten zu geben, der Parteiapparat tauge nichts, eine "Kulturrevolution" sei notwendig, der Generalsekretär der Partei vereinige zuviel Macht in seinen Händen.

Der Generalsekretär hieß Stalin. Er unterschlug Lenins Testament -- und verwirklichte das Programm Lenins aus den Tagen des Oktober-Staatsstreichs von 1917.

Stalin steigerte die Parteiherrschaft zu einem allmächtigen totalitären Regime. Er rottete die Revolutionäre aus und ließ fast die Hälfte des Offizierkorps erschießen. Er zwang die Bauern in Kolchosen und Millionen in die sibirischen Arbeitslager; er unterwarf die nichtrussischen Minderheiten: Der Staatskapitalismus nach dem Muster der Reichspost pervertierte zur Staatssklaverei.

Doch Stalins Gewaltherrschaft erfüllte einen ökonomischen Zweck: Rußland wurde innerhalb von zwölf Jahren ein mächtiger Industriestaat, der im Waffengang mit Hitler-Deutschland nicht unterlag. Deutsche Truppen marschierten zwar bis vor die Tore von Moskau und Leningrad -- aber Panzer, Raketengeschütze und Maschinenpistolen russischer Produktion warfen sie zurück.

Diese Leistung, der "Große Vaterländische Krieg", entflammte einen Sowjet-Patriotismus, der fortan die Gewaltherrscher mit den Beherrschten verband. Statt der "Internationale" singen die Russen seither "Ruhm sei Dir, Vaterland" als Staatshymne; den Oktober-Revolutionär Trotzki hatte schon 1940 im mexikanischen -Exil der Eispickel eines GPU-Agenten getötet.

Als Rotarmisten ihre Fahne auf der Ruine des deutschen Reichstags in Berlin setzten, war Rußland zur Weltmacht geworden -- zur zweiten nach den USA.

Die Lehren von Karl Marx waren nicht befolgt worden. Rätedemokratie und

Arbeiterherrschaft nicht erreicht, der Kommunismus war Utopie geblieben. Aber eine selbstbewußte, ideologisch gedrillte Industrienation hatte sich formiert. Das Analphabetentum und das Massenelend der Zarenzeit waren beseitigt. Millionen von Universitäts-Absolventen bildeten eine neue staatstragende Elite.

Ein von Unwissenheit befreites und zur Disziplin erzogenes Volk trat an, das Schicksal der Welt mitzubestimmen.

Nach Stalins Tod begannen seine Erben, die politische Diktatur zu mildern. Sie stoppten die Willkürherrschaft der Geheimpolizei und räumten den Bürgern -- ähnlich dem aufgeklärten Absolutismus des 18. Jahrhunderts -- gewisse, bis dahin unbekannte Rechte ein -- doch keineswegs heilten sie damit ihre verratene Revolution: Rußland begann, sich in eine Gesellschaft von Konsumenten zu verwandeln, die für ihre Arbeit auch angemessenen Lohn, eine menschenwürdige Wohnung und etwas Freizeit erwarten dürfen. Die Macht blieb in den Händen der Partei, und innerhalb der Partei herrscht das Zentralkomitee. Oppositionelle Literaten, aufsässige Studenten, religiöse Sekten und streikende Arbeiter werden noch mit Gewalt verfolgt.

Aber den ersten um den Erdball kreisenden Satelliten hatten Russen gebaut, die ersten Menschen im Weltall waren Russen. 1970 will der Atomgigant Sowjet-Union mehr Interkontinentalraketen besitzen als der Atomgegner USA.

Diese Leistungen überzeugen 235 Millionen Sowjet-Bürger von der Kraft ihrer Ideologie und der Überlegenheit ihrer Gesellschaftsordnung.

Hat sich Lenins ideologische Verwässerung für Rußland ausgezahlt? Sind die Erfolge die gewaltigen Opfer wert? Hat die Sowjet-Union an ihrem 50. Geburtstag nicht lediglich erreicht, was der Kapitalismus den Menschen mit weniger Gewalt und weniger Mißbrauch längst garantiert?

Am 50jährigen Jubeltag der roten Großmacht sieht sich die westliche Welt dem stolzen Selbstverständnis einer Sowjet-Nation konfrontiert, die ihre Leistungen bejubelt und ihre Einmaligkeit preist. Aber ihre Werke sind -außer an Glanzstücken -- schwer überprüfbar.

Amerikas bedeutendste Zeitung, die "New York Times", unternahm diese Prüfung. Seit zwei Jahren arbeitet ein redaktioneller Sonderstab an der bislang umfassendsten publizistischen Bilanz der Sowjet-Union. Wochenlang bereisten zwölf spezialisierte "Times"-Journalisten das Vaterland des Kommunismus, sprachen mit seinen Bürgern, besichtigten seine Errungenschaften.

Noch niemals hatte die Sowjet-Union ein solches Unternehmen auf ihrem Boden gestattet. Die Ergebnisse druckt der SPIEGEL in dieser und den folgenden Nummern auszugsweise ab.


DER SPIEGEL 43/1967
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