16.10.1967

BÜHNEN FRISCH / NOELTEDas zweifache Leben

In Max Frischs neuem Drama, "Biografie", hat ein pfeiferauchender Intellektueller die Möglichkeit, sein Leben zu wiederholen. "Was die Wirklichkeit nicht gestattet", so erklärt eine Figur das Mirakel, "das gestattet das Theater: zu ändern, noch einmal anzufangen, zu probieren, eine andere Biografie zu probieren ..."
Die Uraufführung des neuen Stücks sollte am vorletzten Wochenende in Frischs Hausbühne, in Zürichs Schauspielhaus, sein. Der Premiere sah die literarische Welt mit Spannung entgegen, denn seit sechs Jahren, seit "Andorra", hatte Frisch nichts mehr für die Bühne getan.
Doch wenige Tage vor der Premiere gestattete auch die Wirklichkeit, "noch einmal anzufangen, zu probieren, eine andere Biografie zu probieren": Das Züricher Schauspielhaus entließ den "Biografie"-Regisseur Rudolf Noelte, 46, aus dem Vertrag und datierte die Aufführung mit einem anderen Regisseur auf einen "späteren Zeitpunkt".
"Dieser Konflikt wäre nie ausgebrochen", sagt der Schauspielhaus-Direktor Leopold Lindtberg, 65, "wenn der Regisseur nicht Textänderungen verlangt und zum Teil selber vorgenommen hätte, die für den Autor nicht mehr annehmbar waren."
Noelte, ein ebenso glänzender wie eigenwilliger Theatermann, kann den Vorwurf nicht verstehen. Sechsmal habe Frisch ihn zu Änderungen autorisiert.
Das letzte Mal, Ende September, überließ Frisch "dem Regisseur Rudolf Noelte alle Vollmachten über Textgestaltung und Inszenierung" und gelobte, "gegen das Arbeitsergebnis keinen Protest" zu erheben; Frisch selbst fühlte sich "außerstande, weitere Änderungen vorzunehmen.
In einer Programmheft-Notiz wollte Frisch die Noelte-"Abweichungen" vom "gedruckten Buch" sogar sanktionieren: "Zwei Leute, auch wenn sie dasselbe meinen, haben nicht immer genau denselben Gestus dafür, und der jetzt den Gestus auszuführen hat, ist der Regisseur. Ich verdanke unserer Zusammenarbeit auch vieles, was ins eigene Buch übernommen worden ist."
Frisch hatte sich den renommierten Regisseur eigens für die Züricher Uraufführung erbeten; das Recht der ersten Nacht besaß früher der Schauspielhaus-Direktor Kurt Hirschfeld -- der Frisch-Freund war vor drei "Jahren gestorben.
In der "Biografie" -Fassung vom Juli 1967 stieß Noelte indes auf Worte, die ihm nicht wiederholbar erschienen -schweizerische Wendungen wie: "Das ist es, was ich wußte im voraus.
Der Regisseur hatte für die Hauptrollen deutsche Schauspieler nach Zürich geladen -- Nadja Tiller, Romuald Pekny, Peter Frankenfeld -, und die sollten deutsch reden. Noelte wünschte den Satz so: "Das wußte ich im voraus. Frisch willfahrte.
Schwieriger als solcher Wort-Wechsel vollzog sich die Veränderung einer Szene. Der "Biografie"-Held, sein Name ist Kürmann, tritt darin der Kommunistischen Partei bei. Kürmann, Professor für Verhaltensforschung, wird wegen der KP-Mitgliedschaft von der Universität relegiert und empfindet dies als Unrecht.
Noelte entdeckte in diesem Vorgang Widersinn. Denn, so argumentiert er: Wenn Kürmann einer legalen KP beitritt, darf er nicht relegiert werden; schließt er sich einem illegalen Kommunisten-Bund an, wird er zu Recht entlassen.
Ob nun die "Biografie" in der Bundesrepublik spiele, wo die KP verboten ist, oder in der Schweiz, wo es eine KP-ähnliche "Partei der Arbeit" gibt -- in beiden Fällen sei Kürmanns Los, sagt Noelte, "nicht plausibel". Frisch: "Die "Biografie' spielt in der Schweiz, wenn auch die Schweiz keineswegs das Thema ist."
Ähnlich mißdeutig dünkt den Regisseur eine Figur, die Frisch "Registrator" nennt und der die überirdische Gabe eignet, Kürmanns Biographie revidieren zu können. Noelte fragt: "Wer ist das?"
In den "Anmerkungen" zur Juli-Fassung hatte Frisch den Registrator als das "Gedächtnis von Kürmann", als "Instanz des Theaters" vorgestellt. Die Trickfigur ermöglicht ein psychotheatralisches Experiment: "Es wird gespielt, wie es gewesen ist, und wie es anders hätte sein können."
Denn anders als in seinen früheren, politisch engagierten Stücken holt Frisch in der "Biografie" Grübel-Themen aus seinen Romanen an die Rampe -- Spannungen zwischen Mann und Weib, Sorgen um die Identität und um die Zufälligkeit des Erdenwallens.
Auf einer laboratoriumskühlen Bühne spult Kürmann, vom Registrator dirigiert, sein Leben vor und zurück. Mit einer Kreuzweg-Szene hebt das Stück an: Nach einer Party bei Kurmann bleibt eine Dame sitzen -- Fräulein Dr. Stein, 29, Adorno-Schülerin.
In Kürmanns erstem Leben wurde das Fräulein seine Frau -- in der revidierten Biographie will er sie nicht mehr haben. Aber trotz ungünstigem Verhalten -- Kürmann heuchelt homosexuelle Neigungen -- bleibt die Adorno-Elevin wieder über Nacht.
Um seiner Biographie zu entfliehen, erbittet Kürmann darauf eine neue Zukunft: Er tritt der KP bei und erlegt seine Frau mit Pistolen-Schüssen. Als die Zuchthaus-Kulisse herabschwebt, will er auch diese Aussicht nicht.
Schließlich kommt er dahin, wo nichts mehr zu variieren ist: Der Tod tritt ihn an -- wie den Helden aus dem Frisch-Roman "Homo Faber" -- mit einem häßlichen Magenkrebs.
In der Neufassung für Noelte fügte Frisch ein paar klärende Sätze über den Registrator ein; die KP-Episode modifizierte er durch Striche.
Noelte, dem es "nicht um die politische Einstellung von Max Frisch geht", sondern "nur um Spielbares, Wahres und Logisches innerhalb eines Bühnenstücks", war damit nicht zufrieden. Weil Frisch nicht weiter ändern wollte, legte Noelte, vom Autor wieder autorisiert, selbst Hand an; doch ehe er seine Version vorlegen konnte, zog Lindtberg die Aufführung zurück. Am letzten Donnerstag ließ der Schauspielhaus-Herr mitteilen, er werde die "Biografie" selbst inszenieren.
Statt zur Premiere wird es vermutlich zuerst zum Prozeß kommen. Die Züricher, die geschätzte 250 000 Mark aufs "Biografie"-Spiel setzten, führen urheberrechtliche Fragen ins Feld; der Regisseur fühlt sich geschädigt und verleumdet. Noelte: "Schriftstellern und Verlagen, die im Regisseur -- entsprechend der Reichsgerichtsentscheidung von 1923 -- ihren "Gehilfen' sehen, wird empfohlen, künftig besser selbst bedrucktes Papier in lebendiges Theater umzusetzen."
In den "Anmerkungen" zur Letztfassung empfiehlt Frisch, die "Biografie" wie ein "Schachspiel" zu verstehen -- es sei, als "wenn wir die entscheidenden Züge einer verlorenen Partie rekonstruieren, neugierig, ob und wo und wie die Partie wohl anders zu führen gewesen wäre".

DER SPIEGEL 43/1967
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BÜHNEN FRISCH / NOELTE:
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