23.10.1967

HANDEL / GETRÄNKESchirm und Schaum

Juri Gagarin trank es im All, Millionen Sowjetbürger trinken es täglich, und jetzt sollen es auch Westdeutsche kosten dürfen: das russische Nationalgetränk Kwas.
Anfang nächsten Monats erwartet Egon Wüstenhöf er, 43, Chef der Brauerei Isenbeck AG im westfälischen Hamm, die erste Lieferung von zwölf Tonnen Kwas-Konzentrat auf dem Frachter "Hornbaltik". 500 000 Werbemark sind bereitgestellt, um das "ehrlich gesunde Getränk" (Wüstenhöfer) in der Bundesrepublik bekannt zu machen.
In Rußland spielt Kwas eine ähnliche Rolle wie im Westen Coca-Cola. Es wird im Sommer überall auf den Straßen verkauft, allerdings nicht in Flaschen, sondern in Bechern, die aus Tankwagen gefüllt werden. Der braune Saft ist ein kohlensäurehaltiges Gebräu aus Roggen, frei von Genußgiften wie Alkohol oder Koffein, mit leicht säuerlichem Geschmack. Kwas soll, wie Cola-Getränke, möglichst eiskalt getrunken werden.
Ein in Frankreich lebender russischer Emigrant hatte den westfälischen Brauer auf das Ostgetränk aufmerksam gemacht, das schon seit längerer Zeit von einer Straßburger Brauerei für den französischen Markt abgefüllt wird. Wüstenhöfer war sogleich interessiert, denn er ist ständig auf der Suche nach Publicity für Isenbeck.
Obwohl er die Brauerei nur zu den "großen Kleinen" rechnet, wirbt er bundesweit für sein Bier im Fernsehen, mit Farbanzeigen und dem Versand von Isenbeck-Pullis zu fünf Mark. Westdeutsche Politiker ließ er auf Isenbeck-Bierdeckeln karikieren, und demnächst werden Isenbeck-Krimis von 30 Sekunden Dauer "mit Schirm, Schaum und Melone" (Wüstenhöfer) in der Fernsehwerbung erscheinen.
Ohne sich erst lange mit Marktstudien aufzuhalten, schloß der Westfale mit den staatlichen Außenhändlern in Moskau ab. Leicht wird es sein russischer Neuling (Werbung: "Der Astronauten-Schluck") nicht haben. Zwar trinken die Westdeutschen jährlich fast 20 Millionen Hektoliter Limonaden und andere Erfrischungssäfte, aber der Markt ist von eingeführten Marken besetzt. Den Cola-Getränken, direkten Konkurrenten von Kwas, gehören rund 40 Prozent des Marktes, und für sie wird massiv geworben.
Außerdem ist der Herbst keine günstige Zeit für die Einführung einer neuen Limonade, und auch der Preis könnte den Absatz hemmen: Die Viertelliterflasche wird 60 oder 65 Pfennig kosten.
Wüstenhöfer setzt darauf, daß die Schiwago-Mode bei Bundesbürgern das Interesse für Russisches schlechthin geweckt habe. Überdies hofft er, die Vertriebsapparate des Spirituosen-Konzerns H. C. König in Steinhagen und von Martini für Kwas nutzbar machen zu können. Beide stellen Wodka her, und Wüstenhöfer propagiert in seiner Werbung einen Cocktail "Kwas Sputnik" aus zwei Dritteln Kwas, einem Drittel Wodka und einer Zitronenscheibe.
Selbst wenn der Sputnik fehlstartet, kann das Geschäft für Isenbeck noch gut ausgehen. Denn die Sowjets erklärten sich bereit, als erstes westdeutsches Faßbier Isenbeck-Pils zu importieren.
* Mit Sowjetbotschafter Zarapkin (M.) und Sowjet-Handelsrat Woltschkow auf dem Isenbeck-Stand der Kölner Ausstellung Anuga.

DER SPIEGEL 44/1967
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