23.10.1967

NAHER / OSTEN SYRIENElite geschont

Drei syrische Sowjet-Tanks des Typs T-54 fuhren gegen den Feind. Doch als ihnen aus dem israelischen Grenz-Kibbuz Dan Abwehrfeuer entgegenprasselte, fuhren sie lieber zurück -- ohne einen Schuß abgegeben zu haben.
Zwei der Panzer fanden die Israelis wenige Tage später in der Nähe des Jordantals -- die syrische Besatzung hatte die Flucht zu Fuß fortgesetzt. Der dritte T-54 blieb verschwunden.
Mitglieder des israelischen Vereins für Naturverschönerung entdeckten ihn in der vorletzten Woche -- vier Monate nach dem Krieg. Der Panzer war auf der Flucht in ein Quelltal des Jordan gestürzt.
"Morgen werden wir in Tel Aviv sein", hatte Radio Damaskus vor dem Nahostkrieg täglich versprochen. Doch wie vor dem Grenz-Kibbuz Dan, versagten die Syrer an vielen Stellen, obschon sie
> von 500 Sowjet-Offizieren ausgebildet und mit modernstem Sowjet-Material ausgerüstet waren;
> auf vorteilhaften Höhenstellungen lagen und
> tagelang Zeit hatten, selbst anzugreifen, da sich die Israelis erst auf Ägypter und Jordanier stürzten.
Der eigentliche Grund für das Fiasko der Syrer wurde erst jetzt aus Dokumenten ersichtlich, die den Israelis in die Hände gefallen sind: Die Elitetruppen der Syrer hatten am Kampf nicht teilgenommen.
Ursprünglich waren die kriegseifrigen Syrer besorgt gewesen, zum Araber-Sieg über Israel zu spät zu kommen. Am 5. Juni um zwölf Uhr, wenige Stunden nach Kriegsbeginn, erklärte Außenminister Makhos seinen Mitarbeitern: "Wir sind nur wenige Stunden von unserem Sieg entfernt, wir müssen uns beeilen."
Dann folgte die Order: "Schicken Sie an alle diplomatischen Vertretungen in Damaskus ein Kommuniqué in dem es heißt, daß wir den Krieg gewollt und daß allein wir den Sieg errungen haben. Die Vereinigte Arabische Republik konnte nichts weiter tun, als uns zu folgen."
Doch die Syrer mußten zunächst syrische Feinde besiegen.
Die Obristen Selim Hatum und Badr Dschuma, die im vergangenen Jahr nach einem mißglückten Putsch zu den Jordaniern geflüchtet waren, hatten mit 17 Gefolgsleuten die Grenze bei el-Suweida überschritten -- angeblich, um bei der Verteidigung der syrischen Heimat zu helfen.
Syriens Premier Saijen, im Februar letzten Jahres durch den 15. syrischen Putsch seit 1946 an die Macht gekommen, fürchtete jedoch, Hatum und Dschuma wollten die Gelegenheit für einen neuen Putsch ausnutzen.
Deshalb versprach er, den Heimkehrern zu verzeihen, und lockte sie in die Hauptstadt. Dort wurden sie verhaftet, vor einem Militärgericht wegen Hochverrats angeklagt und wenige Tage später hingerichtet.
Andererseits ließ Staatspräsident Nureddin el-Atassi 600 Offiziere frei, die für frühere Putschversuche im Gefängnis büßten. Sie sollten "an der Verteidigung der Nation mitwirken". Schon wenig später freilich bekamen Präsident und Minister Angst vor den befreiten Militärs. Die Offiziere wurden nun vor die Wahl gestellt, zu emigrieren oder unter Hausarrest zu leben.
Im Verteidigungsministerium protestierte ein Oberstleutnant, der für die Rekrutierung von Freiwilligen zuständig war, gegen diese Entscheidung: Die Truppe benötige die Offiziere dringend an der Front. Der Oberstleutnant wurde erst erschossen, dann aus einem Fenster im vierten Stock gestürzt.
Die allgemeine Unsicherheit veranlaßte das syrische Kabinett zu einem folgenschweren Beschluß: Die .5. und die 70. Brigade, die Elite-Einheiten der Armee, erhielten Befehl, in ihren Kasernen in Homs und Damaskus zu bleiben.
Als die Israelis Ägypter wie Jordanier geschlagen hatten und sich nun gegen Syrien wandten, forderte der starke Mann der regierenden Baat-Partei, Salah Dschadid, den Verteidigungsminister Hafiz Assad in einer nächtlichen Sitzung auf, die Elite-Einheiten sofort an die Front zu schicken.
Assad weigerte sich. Bis vier Uhr morgens beschwor Dschadid den Minister, die Truppen kämpfen zu lassen, zuletzt warf er sogar einen Stuhl nach Assad. Doch die Elite-Brigaden blieben in den Städten. Die Israelis preschten vor.
Auch Salah Dschadid selbst machte sich um "den Sieg des Feindes verdient. Am Freitagmorgen, dem 9. Juni, gaben die Syrer im Armeekommuniqué 66 bekannt, daß die syrische Stadt Kuneitra, ein strategisch wichtiger Ort nur 60 Kilometer von Damaskus entfernt, gefallen sei. Als die syrischen Offiziere an der Front diese Meldung hörten, schien ihnen weiterer Widerstand sinnlos.
In Wahrheit fiel Kuneitra erst zehn Stunden nach der Veröffentlichung des Kommuniqués 66: Salah Dschadid hatte die Falschmeldung lanciert. Sie sollte den in New York tagenden Weltsicherheitsrat veranlassen, sofort die Einstellung des Feuers an der syrisch-israelischen Grenze zu befehlen.
Am Sonnabendmorgen um 3.30 Uhr. dem sechsten Tag des Krieges, rief Außenminister Makhos seine Mitarbeiter wieder zusammen: "Wir haben eine Runde verloren. Bereiten Sie ein Kommuniqué an unsere ausländischen Vertretungen vor, in dem es heißt, daß die Vereinigte Arabische Republik sich mit den Israelis schlagen wollte, wir aber nicht ausreichend gerüstet waren."
Und an die Wände des seit .Jahren nicht mehr benutzten Parlamentsgebäudes pinselten Anstreicher den Slogan: "Das Volk Syriens ist nicht weniger heldenhaft als das Volk Vietnams.

DER SPIEGEL 44/1967
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